Grundkurs Nerd Lektion 7: Hosentaschenhelden und die Faszination Actionfigur

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KOLUMNE

Grundkurs Nerd - Lektion 7: Hosentaschenhelden und die Faszination Actionfigur


Willkommen im "Grundkurs Nerd"! Hier lernt ihr, wie ihr zu einem waschechten Nerd werdet. Heutiges Übungsobjekt: Actionfiguren.

Actionfigur: aus dem US-Amerikanischen und den 1960ern stammendes Konzept einer „Puppe für Jungs“, die in Optik und Ausstattung meist an bekannte und verkaufsträchtige Markenlizenzen und/oder Persönlichkeiten des Genres gekoppelt wird. Actionfiguren gelten als Spielzeug, aber auch als beliebte Sammlerobjekte und sind nicht selten in verschiedenen Ausführungen erhältlich.

Die Ausgangslage

Die Barbie-Puppe galt als Lizenz zum Gelddrucken. Seit 1959 eroberte sie die Mädchenherzen und Mädchenzimmer, noch dazu in immer mehr Ländern. Einziges Problem: Sie ließ sich kaum an Jungs verkaufen. Ein rosa Kleidchen und ein Kamm galten eben als eher ungeeignete Accessoires für heldenhafte Abenteuer.

Also hatte Donald Levine eine Idee. Der damalige Leiter der Entwicklungsabteilung beim amerikanischen Spielzeugfabrikanten Hasbro sah sehnsüchtig auf die Absatzzahlen, die die Konkurrenz mit Barbie einfuhr, und er erfand zusammen mit einem Designer aus Manhattan kurzerhand die Barbie für Jungs: den mutigen und kühnen Soldaten G.I. Joe. In Produktion und Aufmachung ähnelte Joe der langhaarigen Mädchenfreundin von Mattel, aufgrund seiner Charakterisierung als Soldat brachte er aber natürlich ein gänzlich anderes, deutlich jungsaffineres Spielpotenzial mit sich.

Der Rest, so könnte man sagen, ist Geschichte … wäre da nicht noch ein weiterer Visionär zu erwähnen. Er heißt George Lucas, und treue Leser dieser Kolumne kennen ihn bereits aus Lektion 2. Lucas, kreativer Vater der Star-Wars-Kinosaga, sicherte sich nämlich schon früh die Spielzeugrechte an seiner Schöpfung und brachte alsbald auch Actionfiguren zu Luke Skywalker, Prinzessin Leia und all den anderen auf den Markt. Doch Lucas’ Puppen hatten – auch aus Kostengründen – ein kleineres Format als die bis dato üblichen. Da Star Wars aber ein immenser Erfolg war, auch im Kinderzimmer, etablierte sich diese kleinere Version schnell als Branchenstandard. Er gilt bis heute.

Der Nerd-Faktor

Sammeln ist cool, zumindest für Nerds. Ob man sich nun für Autogramme von TV-Stars der 1960er Jahre, für ausrangierte Einkaufszettel aus dem Hausmüll von Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling oder für dreifach mundgeblasene EUROPA-Märchenhörspiele mit Hans Paetsch begeistert – die Obsession ist überall gleich. Nerds können stunden-, ach, wochenlang vor ihren Regalen stehen und sich über deren Befüllung freuen. Nerds kennen die Produktionsgeschichten, Auflagenstärken, Schwarzmarktpreise und Herstellungsmakel so ziemlich jedes ihrer Besitztümer und sie hegen und pflegen diese sorgfältiger als so mancher Pastor sein Tabernakel. Nerds lieben ihr Nerdtum – und dessen Devotionalien.

Actionfiguren sind da nur ein Aspekt von vielen, aber ein ziemlich prominenter. Normalsterbliche dürfte es komisch vorkommen, dass sich erwachsene Menschen mit Puppen umgeben. Aber Normalsterbliche wissen auch nicht, warum man ein mit mehreren Covern erscheinendes Buch mehrfach kaufen muss, von daher zählt ihre Meinung eigentlich nicht weiter. Sagen Sie einem Normalo doch mal, dass Ihre „kleinen Captain-Kirk-Püppchen“ auf gar keinen Fall aus der Verpackung geholt werden dürfen. Der hält Sie doch für bekloppter als Kirk weiland den guten alten Khan …

 

Der Selbstversuch

Mit Puppen haben Sie seit dem Kindergarten nicht mehr gespielt, und überhaupt finden Sie es albern, sich den Hosentaschen-Mr-Data oder den Mini-Freddy-Krueger in gleich mehrfacher Ausführung zuzulegen, nur weil es Versionen mit verschiedenem Zusatzmaterial im Handel gibt?

Versuchen Sie’s doch einfach mal. Lassen Sie Ihr inneres Kind wieder von der Leine. Gestehen Sie sich ein, dass es die Arbeit merklich angenehmer gestaltet, wenn ihnen vom Schreibtisch eine handtellergroße Wonder Woman entgegenlächelt oder eine kleine Armee von Sturmtrupplern in der Betriebsteeküche auf ihren mitgebrachten Jogurt aufpasst. Nerdsein heißt, sich den Spaß des Hobbys in den Alltag hinüberzuretten. Sich zu gestatten, im Normalen das Besondere zu feiern.

Wenn Sie erst einmal erkannt haben, wie viel Action so eine Figur Ihrem Leben verleiht … dann: Herzlichen Glückwunsch, Sie sind ein Nerd!


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Superhelden im Kino, Zauberlehrlinge und Vampire in der Bestsellerliste – die Nischenthemen von früher sind heute fest im Mainstream angekommen. Geeks, Nerds und Überfans regieren vielleicht nicht die Welt, wohl aber die Popkultur. Grund genug, sich diese Spezies mal genauer anzuschauen. Wie wird man eigentlich ein Nerd?

Kolumnist Christian Humberg setzt sich für FISCHER Tor das lustige Akademikerhütchen auf und verwandelt das Internet in seine ganz persönliche Volkshochschule. Auf zum Grundkurs Nerd!

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