Zurück zur Vernunft – Was die Hugo Awards mit den US-Präsidentschaftswahlen gemeinsam haben

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ESSAY

Zurück zur Vernunft – Was die Hugo Awards mit den US-Präsidentschaftswahlen gemeinsam haben


Zwei Ereignisse fielen am 12. August aufeinander: die Verleihung der Hugo Awards und der tödliche Anschlag auf eine Demonstration in Charlottesville, USA. Beides spielte sich in einem politischen Klima ab, in dem sich immer mehr Stimmen gegen eine neue Rechtslastigkeit erheben. Jakob Schmidt beleuchtet die Zusammenhänge.

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In den USA toben bekanntlich nicht erst seit gestern die „Culture Wars“ – nein, die haben leider nichts mit Iain M. Banks‘ SF-Romanen um die „Kultur“ zu tun. Der Begriff steht vielmehr für den Kampf zwischen sogenannten traditionellen und liberalen Werten. Ich kann allerdings nicht umhin, es polemischer und parteiischer auszudrücken: Dieser Tage sind die Culture Wars vor allem der Kampf zwischen jenen, die daran festhalten, dass weiße, heterosexuelle Männer der Maßstab aller Dinge sein und von diesem Maß abweichende Menschen keinesfalls gesellschaftliche Relevanz erlangen sollen … tja, der Kampf also zwischen solchen Vorkämpfern einer rassistischen und sexistischen Norm, deren radikaler Teil inzwischen auch als „Alt Right“ (Alternative Rechte) bezeichnet wird, und denjenigen, die anerkennen, dass all die von jener Norm abweichenden Menschen eigentlich noch nie Minderheiten oder Spezialfälle waren und dass ihre gesellschaftliche Repräsentation und ihr Mitspracherecht der Normalzustand sein sollten. Dieser Normalzustand ist zwar bei weitem noch nicht erreicht, aber zumindest in greifbare Nähe gerückt. Und das genügt, um insbesondere den Vertretern der Alt Right den Schaum vors Maul treten zu lassen.

Da der derzeitige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika sein Amt unter anderem als Vorkämpfer der Alt Right erlangt hat, können wir die Gefechte der Culture Wars derzeit fast täglich in den Nachrichten mitverfolgen. Der Großteil der kleinen und großen Ausfälle Donald Trumps lässt sich in diesen Zusammenhang einordnen. Besonders anschaulich war jüngst Trumps standhafte Weigerung, den Anschlag auf eine antirassistische Demonstration am 12. August in Charlottesville, bei dem eine Demonstrantin getötet und zahlreiche verletzt wurden, als den rechtsradikalen Terrorakt zu bezeichnen, um den es sich offensichtlich handelte. Diese Weigerung hat einige Wellen geschlagen und auch dazu geführt, dass zahlreiche Wirtschaftsleute sich aus Trumps Beratergremien zurückgezogen haben, weil sie nicht mehr mit dessen rassistischen Positionen in Verbindung gebracht werden wollen. Dass auch die Eliten nicht oder nicht mehr bei Trumps Politik mitspielen, ist nichts Neues – und es ist ein bisschen paradox, dass ausgerechnet das einem dieser Tage ein kleines bisschen Mut machen kann.

Gedämpfte Freude

Auch aus der SF-Community gab es natürlich Reaktionen auf dieses Ereignis, die mir persönlich mehr bedeuten als Rücktritte von Politikberatern. Die Autorin N. K. Jemisin, die am 12. August 2017 zum zweiten Mal in Folge den Hugo Award in der Kategorie „Bester Roman“ gewann, twitterte am selben Tag, dass es ihr angesichts der Ereignisse um Charlottesville leider schwerfiele, sich über den Preis zu freuen. Um die Bedrücktheit zu vertreiben, forderte sie unter dem Hashtag #AntiFascistSFF dazu auf, antifaschistische, antirassistische, Mut machende Zitate aus SF und Fantasy zu posten. Die Flut von Zitaten, die man unter dem Hashtag lesen kann, stammt nicht nur von üblichen Verdächtigen wie z. B. Ursula K. Le Guin, die man für ihre streitbaren politischen Haltungen kennt, sondern auch von Autoren wie Isaac Asimov und J. R. R. Tolkien. Jemisin selbst wird auch einige Male zitiert, und ziemlich häufig kann man Terry Pratchett entdecken. (Einmal mehr ist mir bei der Lektüre bewusst geworden, dass ich Pratchett, den Humanisten, eigentlich noch mehr schätze als Pratchett, den Humoristen – wobei die beiden ohnehin untrennbar miteinander verbunden sind.) 

Traurige Hündchen

Das Interessante an diesem Tweet sind aber gar nicht unbedingt die eingegangenen Zitate, sondern dass in diesem Jahr die Verleihung der Hugo Awards ein Grund zur Freude für Jemisin war – und wahrscheinlich nicht nur, weil sie zu den GewinnerInnen zählt. Denn wer die Hugo Awards in den letzten Jahren verfolgt hat, weiß, dass vor allem 2014 und 2015 in dieser Beziehung keine besonders erquicklichen Jahre für die englischsprachige SF-Community waren. Denn auch dort tobten die Culture Wars: Unter den Kampagnennamen „Sad Puppies“ und „Rabid Puppies“ hatten sich mehr oder weniger offen rechtsradikale SF-Fans zusammengefunden, um die Hugos „zurückzuerobern“ – denn ihrer Wahrnehmung nach war der Preis von politisch korrekten Gutmenschen gekapert worden, und in der Folge gewännen nun immer öfter nicht-männliche, nicht-weiße Personen oder Bücher und Geschichten über nicht-männliche, nicht-weiße oder gar nicht-heterosexuelle Protagonisten den begehrten SF-Preis. Das könne wohl kaum mit rechten Dingen zugehen, und lesen wolle so was ja wohl ohnehin keiner! Die Puppies-Kampagnen versuchten dabei in der Regel, sich unpolitisch zu geben und behaupteten, nur für eine Normalisierung einzutreten – wobei sie allerdings nur einen rassistischen und sexistischen Normalzustand im Sinn gehabt haben können. Dem Versuch, sich selbst als unpolitisch darzustellen, entspringt auch der Kampagnenname Sad Puppies („traurige Hündchen“), der zum Ausdruck bringen soll, dass die Urheber der Kampagne einfach nur ganz schrecklich traurig sind, dass die Art von SF, die sie lieben, ins Hintertreffen geraten sei. Die Rabid Puppies („tollwütige Hündchen“) fungierten dann als Ergänzung, der die offen radikale und kämpferische rechte Klientel mit abholte.

Kurz: Die Kampagnen der Puppies folgten der von der US-amerikanischen Alt Right entwickelten Methode, die Selbstviktimisierung mit aggressiver Rhetorik und rechtsradikale Ideologie mit der Behauptung verbindet, eigentlich unpolitisch zu sein und einfach für die schweigende Mehrheit zu sprechen. Und damit haben sie die US-amerikanische SF-Community eine ganze Weile beschäftigt und auch politisch gelähmt. Die Puppies-Kampagnen waren 2015 außerordentlich erfolgreich darin, ihre Wunschkandidaten in die Hugo-Nominierung zu drücken, indem sie zum „Slate-Voting“ aufriefen: Auf den Websites der Sad Puppies und Rabid Puppies wurden praktisch identische Listen mit Werken veröffentlicht, und die Unterstützer der Kampagne waren dazu aufgerufen, exakt diese Werke in dieser Reihenfolge zu nominieren. So konnten die Puppies eine Lücke im Abstimmungssystem nutzen, durch die solche organisierten Massenstimmenabgaben bevorzugt wurden. Eine Weile lang sah es so aus, als wären die Hugo Awards am Ende. Damit hätten die Puppies ihr erklärtes Ziel erreicht gehabt.

Die Rettung der Hugos

Es kam glücklicherweise anders. 2016 wandte man bei den Hugo Awards ein neues Abstimmungssystem an – eine Art Nachrückersystem, das die Auswirkungen des Slate-Voting minimierte. Seither  sind die Puppies-Kandidaten in einem deutlich geringeren Maße bei den Hugo-Nominierungslisten vertreten. Noch wichtiger aber ist, dass die fruchtlosen Debatten zu dem Thema sich weitgehend beruhigt haben. Die Hugo Awards sehen nun aus, wie man es erwarteten sollte: Die Nominierungen sind eine bunte Mischung verschiedenster Werke aus dem SF- und Fantasy-Bereich, und dass mit N. K. Jemisin eine afroamerikanische Autorin zwei Jahre hintereinander die Auszeichnung für den besten Roman nach Hause trägt, sorgt gar nicht mehr für große Aufmerksamkeit, weil sich einfach ein Großteil der Community darüber einig ist, dass es sich bei „The Obelisk Gate“ und „The Stone Sky“ um herausragende und außergewöhnliche Romane handelt. Nebenbei bemerkt ist es wohl das, was die Puppies auch schon bei den Auszeichnungen für die Autorin Ann Leckie besonders erboste – dass Frauen, Nicht-Weiße, Nicht-Heterosexuelle und andere „Randgruppen“ (man kann in diesem Zusammenhang gar nicht genug Anführungszeichen um dieses Wort schreiben) inzwischen ganz selbstverständlich als AutorInnen und ProtagonistInnen auftreten, ohne dass die entsprechenden Werke als Bücher zu Spezialthemen wahrgenommen werden. Ann Leckies „Die Maschinen“ („Ancillary Justice“) ist eben nicht in erster Linie feministische SF, sondern ein ganz klassischer Space-Opera-Rachethriller erster Güte, in dessen Sternenreich-Setting die Regeln der Zweigeschlechtlichkeit zufällig keine Gültigkeit haben. 

Zurück zur Vernunft

So ist bei den Hugo Awards eine vielstimmige Normalität zurückgekehrt, für die es sich einzutreten lohnt. Und zu dieser Normalität gehört auch ein starkes, neu erwachtes Interesse an Stimmen und Perspektiven, die bis vor einigen Jahren in der SF deutlich unterrepräsentiert waren. Das spürt man nicht nur bei den Hugo Awards, sondern bis hinein in unsere kleine SF-Buchhandlung in Berlin, wo neuerdings nicht nur N. K. Jemisin, sondern beispielsweise auch Octavia Butler und Nnedi Okorafor mit schöner Regelmäßigkeit über den Ladentresen gehen.

Zumindest im Kleinen, bei den Hugo Awards, ist mein Wunsch nach einer Einkehr von Vernunft und Aufgeschlossenheit also in Erfüllung gegangen. Und so müssen AutorInnen wie Jemisin sich jetzt nicht mehr mit Gefechten um die Hugos herumschlagen und können sich stattdessen zum politischen Tagesgeschehen äußern, und sei es nur mit einem Mut machenden Tweet in schlechten Zeiten. Ihre Stimmen werden dringend gebraucht.

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