Happy Birthday, Harry Potter!

ESSAY

Happy Birthday, Harry Potter!


Seit nunmehr zwanzig Jahren begegnet er uns immer wieder, ob im Buch oder Kino, in Computerspielen oder auf Kostümpartys: Harry Potter ist der berühmteste Zauberlehrling unserer Zeit. Und heute feiert er einen ganz besonderen Tag.

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Unglaublich, oder? Zwanzig Jahre ist es nun her, dass der erste Harry-Potter-Roman Harry Potter und der Stein der Weisen das Licht der Buchseiten erblickte. (Harry feiert also heute seinen einunddreißigsten Geburtstag und plant vielleicht gerade mit Ginny den Jahresurlaub auf den Kanaren.)

Und es waren insgesamt gar nicht so übermäßig viele Buchseiten, auf denen die ersten englischen Leser die Geschichte des magiebegabten Waisenknaben, der im Ligusterweg unter der Treppe wohnt, nachverfolgen konnten, denn die Erstauflage im damals noch recht kleinen Verlag Bloomsbury betrug sage und schreibe 500 Exemplare. Eine Kleinstauflage, vergleichbar mit den Auflagen, die auch kleinere und mittlere deutsche Verlage heute drucken, wenn sie sich noch nicht ganz sicher sind, ob der Roman eine nennenswerte Leserschaft finden wird oder nicht.

Vor der Kleinstauflage hatte Autorin Joanne K. Rowling schon einen ziemlichen Weg mit ihrem Herzensprojekt zurückgelegt. Zwölf Verlage lehnten Harry Potter ab, bevor Bloomsbury – nachdem sie es zunächst auch abgelehnt hatten – doch noch zugriff und der Autorin eine Erfolgsstory wie aus dem Bilderbuch ermöglichte, die jedem Autor, der mit Ablehnungen kämpft, und jedem Kleinverlag, der ums Überleben ringt, das Pipi in die Augen treibt.

Bekannt wurde Harry Potter gewissermaßen über Nacht, als drei Tage nach der Veröffentlichung der amerikanische Verlag Scholastic 100.000 $ für die amerikanischen Recht am Erstlingswerk ausgab – dass für eine unbekannte Autorin eine derartige Summe geboten wurde, erregte Aufmerksamkeit, das wiederum brachte Leser, und im selben Jahr noch meldeten Verlage auf der ganzen Welt ihr Interesse an der von vornherein auf sieben Bände ausgelegten Reihe an. In Deutschland war es der Carlsen Verlag, der im Herbst 1997 die Lizenz erwarb und die deutsche Ausgabe 1998 veröffentlichte. 

Trailer: Harry Potter und der Stein der Weisen

Von da an konnte es rundgehen. Joanne K. Rowling, die ihren Namen (Joanne Rowling) auf den tatsächliche und das erfundene Vornamenskürzel J. K. reduzieren musste, weil Bloomsbury davon ausging, dass Jungs keinen Roman aus der Feder einer Frau lesen würden (… bei so was fehlen mir immer die Worte ...), schrieb im Jahresabstand Band 2 und 3, und bei Band 4 war der Hype endgültig entfacht. Der Feuerkelch fing Feuer und ging mit der Rekordauflage von 1 Million Exemplaren in England (und 3,8 Millionen in den USA) an den Start. Ab da kam niemand mehr um Harry Potter herum, und was als Kinderbuchreihe begonnen hatte, entwickelte sich zum multimedialen Massenphänomen, über Länder- und Altersgrenzen hinaus.

Ich muss gestehen, auch ich war erst beim vierten Band an Bord. Bei Band 1 war ich mit meinen 16 Jahren natürlich viel zu alt für ein Buch über einen elfjährigen Zauberlehrling und musste stattdessen ganz dringend die Drachenlanze‑Reihe und Anne Rice lesen.

Trailer: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes (Teil 2)

Auch phänomenale Ausmaße nahm die Geheimhaltungsstrategie der Verlage an. Buchhandlungen und andere Verkaufsstellen bekamen die Paletten mit den Potterbüchern zwar vorab geliefert, mussten jedoch einen Vertrag unterschreiben, nach dem horrende Strafen fällig waren, wenn die Bücher vor Mitternacht über die Ladentheke gingen. (Ähnliche Sicherheitsvorkehrungen gab es zuletzt auch bei George R. R. Martins fünftem Band von Song of Ice and Fire, A Dance with Dragons. Ausgerechnet das deutsche Amazon hatte offenbar einen übermotivierten Mitarbeiter, der 180 Exemplare ganze zwei Wochen zu früh versandte und dessen Kopf Martin auf einem Pfahl forderte). Genau diese Mitternachtspolitik brachte es aber mit sich, dass auch die kleinste Buchhandlung Potter-Nächte veranstaltete, zunächst „nur“ für die deutsche Version, nachher, als das Publikum älter und im Englischen geübter wurde, auch für die englischen Bücher. Dabei waren der Phantasie keine Grenzen gesetzt, Buchhändler geisterten als Hexen und Zauberer durch ihre heiligen Hallen, Greifvogelzüchter ließen Eulen von Hand zu Hand gehen, Magier führten Tricks vor und Besucher erfreuten sich an Rätselstationen oder Potter-Getränken wie Kürbissaft.

Abzusehen war dieser Erfolg nicht, denn die Geschichte um Harry Potter ist zwar nach wie vor sehr lesenswert, macht Spaß und ruft, dadurch, dass die Bücher und Filme uns bereits so lange begleiten, dieses bestimmte „Harry Potter-Gefühl“ hervor (Hogwarts bei Nieselregen, Süßigkeiten in Hogsmeade, alte Folianten, Hagrids müffelnder Mantel und Snapes stechender Blick …), aber eigentlich waren Internatsgeschichten nichts Neues und auch die Struktur, der Harry Potter als klassische Heldenreise und Coming-of-Age-Story folgt, nichts völlig Revolutionäres. Ich kann mir vorstellen, dass so mancher Lektor der zwölf Verlage, die den Roman ablehnten, im Nachhinein „Hätte-hätte-Fahrradkette“-Gedanken nachgehangen hat, aber letztlich ist das Harry Potter-Phänomen aus dem Bauch heraus entstanden, mit Können, Glück, dem Gemeinschaftsgefühl der Leser und einer neuen Unerschrockenheit im Umgang mit der Phantastik. Um die Jahrtausendwende, als Harry Potter richtig Fahrt aufnahm, kam Der Herr der Ringe in die Kinos und wurde, anders als Fantasyfilme davor, mit Oscar-Nominierungen und guten Kritiken bedacht. Star Wars, mit der Special Edition 1997 neubelebt und mit den Prequels fortgeführt, brachte Erwachsene dazu, sich zu dem zu bekennen, was sie als Kinder liebten. Vielleicht verdankt Harry Potter seinen Erfolg auch einer Zeit, in der Erwachsene ihr eigenes Kindsein wieder anerkannten und zusammen mit ihren Familien bereit waren, in eine neue Welt einzutauchen.

Eine Welt, die heute zwanzig Jahre besteht! Hebt also euer Butterbier auf den Tag, an dem ein elfjähriger Junge mit schwarzem Wuschelhaar, einer gezackten Narbe auf der Stirn, grünen Augen, einer mit Klebeband reparierten Brille und zu großen Klamotten eine Glasscheibe verschwinden ließ, um die Geburtstagsparty seines Cousins zu ruinieren. Auf dich, Harry, auf viele weitere Jahre!

Trailer: Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Eure Meinung!

Erzählt uns, was euch an Harry Potter besonders begeistert habt, welches eure Lieblingsfiguren, -szenen oder -companion ist! Wir freuen uns.

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