Was Fantasy für uns bedeutet – Ergebnisse einer Studie

© Ashreila / pixabay

ESSAY

Was Fantasy für uns bedeutet – Ergebnisse des World Hobbit Projects


Fantasy – ein Genre in der Literatur, das oft nicht ernst genommen wird, dem Eskapismus vorgeworfen wird genauso wie die Verklärung der Realität. Aber ist das tatsächlich so, oder verstecken sich die Fantasy-Kritiker nur vor einer einer unbequemen Wahrheit?

 

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„Denn die Fantasy ist selbstverständlich wahr“, schreibt Ursula Le Guin (Quelle: www.allies.org ): „Sie entspricht nicht den Fakten, aber sie ist wahr.“ Fantasy, so Le Guin, vermittelt uns Freude und Wohlbefinden, aber sie befördere auch „das Verständnis der eigenen Welt und der Menschen um einen herum.“ In der Fantasy spiegle sich die tieferliegende Wahrheit, deswegen sei sie sogar gefährlich – gefährlich für all diejenigen, die den Status Quo erhalten wollten.

Aber was sagt die Fantasy über die Welt aus? Sind wir in der Lage ihre Wahrheit zu erkennen? Oder nutzen wir sie doch nur für unser Wohlbefinden oder gar als Flucht? Was suchen wir in der Fantasy und was finden wir in ihr? Diese Fragen beschäftigen seit einiger Zeit auch die wissenschaftliche Forschung an Universitäten. So waren Forscher der Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universitäten Hamburg (Uwe Hasebrink und Lars Schmeink), Klagenfurt (Brigitte Hipfl und Jasmin Kulterer) und Salzburg (Ingrid Paus-Hasebrink und Sascha Trültzsch-Wijnen) am World Hobbit Project beteiligt, einer weltweiten Studie zur Rezeption der Hobbit-Filmtrilogie von Peter Jackson, zu der nun erstmalig Ergebnisse vorgestellt wurden. 

In der Studie haben Forscher weltweit zum Release des dritten Teils des Hobbit in 46 Ländern und in 35 Sprachen Zuschauer online zu ihrer Meinung befragt. In dem Fragebogen ging es darum, wie man den Film bewertet und was man daran (nicht) mochte, wie stark man sich als Fan engagiert, wie und wo man die Filme gesehen hat oder was für eine Bedeutung sie für einen haben. Insgesamt 29 Fragen waren zu beantworten, davon elf ohne feste Antwortvorgaben, bei denen die Befragten also in ihren eigenen Worten Stellung nehmen sollten. Bis Juni 2015 sind mehr als 36.000  Fragebögen eingegangen, die die Forscher seither auswerten. 4861 dieser Fragebögen sind auf Deutsch und bilden nun die Grundlage für die Arbeit des deutsch-österreichischen Teams. Ende letzten Jahres erschienen erste Beiträge zum Thema in der wissenschaftlichen Zeitschrift Participations. Hier sind einige der spannenden Ergebnisse.

Basis der Daten

Grundsätzlich sollte man zu den erhobenen Daten wissen, das diese nicht repräsentativ für die Allgemeinheit der Bevölkerung in Deutschland und Österreich sind; die Befragten wurden vor allem mit Hilfe von Online-Foren und Social Media sowie an Universitäten rekrutiert; entsprechend sind 45% der Befragten zwischen 16-25 Jahren alt und 48% geben an, Schüler bzw. Studierende zu sein. Jüngere und formal höher Gebildete sind also überrepräsentiert, relevant sind die Aussagen bei einer Gesamtmenge von fast 5.000 deutschsprachigen Antworten aber schon.

 

  • Die Spannbreite der Befragten ist trotz der Dominanz der Altersgruppe 16-25 Jahre recht groß: Antworten stammen von Befragten zwischen 6 und 76 Jahren.
  • Zu den Befragten lässt sich feststellen, dass diese zu gleichen Teilen männlich (50%) wie weiblich sind (50%).
  • Von den deutschsprachigen Antworten stammen 69% aus Deutschland, 15 % aus Österreich, 15% aus der Schweiz. Der Rest lebt überall auf der Welt verteilt, mit Antworten u.a. aus Afghanistan, Kamerun oder Neuseeland.

 

 

Bewertung der Filme

Die erste Frage des Online-Survey, die wohl auch viele Fans interessiert, ist natürlich die nach der Gesamtbewertung der Filme. Man kann hier feststellen, dass sie insgesamt positiv bewertet wurden. In konkreten Zahlen bedeutet das:

 

  • „sehr gut“ (44%)
  • „gut“ (34%)
  • „mittelmäßig“ (17%)
  • „schlecht“ (4%)
  • „sehr schlecht“ (1%)

Die Filme sind beliebt, werden vom Publikum mehrheitlich mit „gut bis sehr gut“ bewertet. Diese Beobachtung relativiert sich jedoch, wenn man sie der Bewertung von Peter Jacksons Herr der Ringe-Trilogie gegenüber stellt, die einer überwältigenden Mehrheit von 99% der Befragten bekannt ist und die wie folgt bewertet wurde:

 

  • „sehr gut“ (80%)
  • „gut“ (16%)
  • „mittelmäßig“ (3%)
  • „schlecht“ (0%)
  • „sehr schlecht“ (0%)
  • „nicht gesehen“ (1%)

Im Vergleich der positiven Zustimmung der beiden Filme steht der Hobbit mit 78% dem Herrn der Ringe mit 96% (Bewertung „gut“ oder „sehr gut“) gegenüber schlechter da. Weiterhin fällt auf, dass 77% der Befragten die Filme als „Fantasy-Welt“ identifizieren und viele die Frage danach, wieso dies so sei, mit einem Rückbezug auf Tolkien als „Ur-Vater“ oder als Maßstab für Fantasy begründen. Mittelerde ist, für diese Befragten, die ultimative Fantasy-Welt, Der Herr der Ringe der zentrale und das Genre definierende Roman. Und in der gleichen Argumentationslogik steht Jacksons Herr der Ringe im Zentrum der filmischen Aufbereitung des Genres – der Fantasy-Film muss sich an Jacksons Herr der Ringe messen lassen. Und diesem Vergleich halten die Hobbit-Filme eben nicht voll und ganz stand. 

Kinderfilm oder nicht

Der Vergleich zwischen Hobbit und Herr der Ringe spielt auch bei einer anderen Fragestellung zur Rezeption der Filme eine Rolle – nämlich der Frage, ob der Hobbit überhaupt noch, wie Tolkiens Original, als „Kindergeschichte“ angesehen wird und wie dies begründet ist. Der erste Teil der Frage ist leicht und recht eindeutig zu beantworten, empfinden doch nur 3% der Befragten den Film als „Kindergeschichte“, während 73% diese Antwort kategorisch ablehnen, wie man  in Participations: „How Bilbo Lost His Innocence“ nachlesen kann.

Die genaue Begründung, warum dies so ist, variiert, doch ein wichtiger Trend lässt sich aufzeigen: die häufigste Begründung ist die Gewaltdarstellung in den Filmen, manchmal in Form von Krieg, Schlachten oder Action allgemein, die Darstellung der Orks, die brutalen Kampfszenen und das viele Blut (wie auch explizit die rollenden Köpfe). Die grafische und explizite Darstellung dieser Gewalt werde einem Kinderfilm nicht gerecht, egal ob die Vorlage nun als Kindergeschichte gedacht sei oder nicht, so die Argumentation.

Darüber hinaus aber gibt es noch eine zweite Gruppe von Befragten, die eine Kategorisierung als Kinderfilm deshalb ablehnen, weil die Hobbit-Filme zu komplex seien, zu erwachsene und schwierige Themen ansprächen und zu viel Hintergrundwissen über den Herrn der Ringe voraussetzten. Gerade die Wahrnehmung der ersten Trilogie als Standard für Fantasy-Filme spielt hierbei eine relevante Rolle, da die Komplexität des Stoffes als ein wesentlicher Bestandteil von Fantasy gewertet wird. Der Hobbit ist also, weil er ein Fantasy-Film mit komplexer Handlung ist, der im selben Filmuniversum spielt wie der Herr der Ringe, eben kein Film für Kinder – in dieser Wahrnehmung der Befragten richtet sich die Fantasy explizit an Erwachsene.   

Bedeutung der Fantasy

Mit der Ansicht, die Fantasy sei für ein erwachsenes Publikum gedacht und vermittle komplexe Geschichten. geht auch die Fragestellung einher, ob die Fantasy in der Lage ist, aktuelle Themen aufzugreifen und somit, wie Le Guin es sagt, ein Spiegel der Welt zu sein. Freude, Flucht, Spiegel der Welt – was für eine Bedeutung und Funktion hat die Fantasy für die Befragten?

Eine Fragestellung der Forschung hierzu war es, die Bezüge zwischen den Hobbit-Filmen und dem Alltag der Befragten zu beleuchten. Als Ergebnis, wie in Participations: „Linking Fantasy to Everyday Life“ dargestellt lassen sich hierbei vor allem vier verschiedene Arten der Bezugnahme auf den Alltag beobachten, in dem die Hobbit-Filme genutzt werden als

 

  • Material zur Orientierung im Alltag,
  • Flucht aus einem als langweilig oder zu anstrengend empfundenen Alltag,
  • Stoff für persönliche Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse mit Freunden, mit der Familie oder mit dem Partner bzw. der Partnerin,
  • Vorlage zur para-sozialen Interaktion, zum Miterleben und Nachfühlen der Erlebnisse und Gefühle der Protagonisten des Films.

Gerade die Frage nach der Orientierungsfunktion der Filme (bzw. der Fantasy insgesamt) ist von großem Interesse, da hiermit Bezüge zur Welt allgemein und eben auch zu bestimmten Themen (etwa in der Politik oder Gesellschaft) offengelegt werden. So haben Zuschauer in der Befragung Bezüge zur Flüchtlingsthematik hergestellt – was bemerkenswert ist, da im Erhebungszeitraum von Ende 2014 bis Mai 2015 diese Thematik noch nicht so im Zentrum der Aufmerksamkeit stand wie ab August 2015. Doch auch andere Themen erscheinen dem Publikum in den Hobbit-Filmen angesprochen, wie in Participations: „Greed, War, Hope, Love, and Friendship“ nachzulesen ist:

 

  • Der Hobbit wird als eine Anleitung oder gar als eine Mahnung gesehen für den Umgang mit Menschen in Not, etwa mit den Flüchtlingen aus Syrien.
  • Insbesondere in der Goldgier Thorins (aber auch anderer Charaktere) sehen Befragte eine Kritik an einer Gesellschaft, die auf Kommerzialität und Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, die Profit und Gier über Menschlichkeit und Solidarität für Notleidende stellt.
  • Der Hobbit bietet aber auch Orientierung bezogen auf Wertvorstellungen wie Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, Freundschaft und Loyalität. 
  • Und schließlich verweist der Hobbit in der Figur von Bilbo auf die Kraft des Einzelnen sich einzubringen und so auch als „kleiner Mann“ etwas im Weltgeschehen zu verändern.  

Die dargelegten Aspekte stellen nur Ausschnitte der umfassenden Ergebnisse des World Hobbit Project dar, verweisen aber deutlich auf das Potential der Fantasy und die Entwicklung des Genres. Fantasy ist, und das belegen die Ergebnisse, zu einem wichtigen Genre in der kulturellen Auseinandersetzung mit unserer Lebenswelt geworden, das sich aus jeglicher Nische (u.a. „nur für Kinder“ oder „Weltflucht“) befreit hat und von einer wachsenden Zahl von Menschen auf der Welt wahrgenommen wird. Fantasy ist wahr, in dem Sinne, als das sie uns kreativ und begeisternd aufzuzeigen vermag, wie unsere Welt funktioniert.

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