Der kleine Weltuntergangsführer, Teil 3: Notfallschutz gegen Vampirangriffe

© Ines Benecke

VAMPIRWOCHE

Der kleine Weltuntergangsführer, Teil 3: Notfallschutz gegen Vampirangriffe


Wer glaubt, dass sie nur in Transsilvanien existieren, der irrt. Sie sind überall, die Halsbeißer, Blutsauger, mit ihren dunklen Umhängen, kreidebleich und mit spitzen Zähnen. Naja, oder so ähnlich. Jedenfalls kann es gar nicht schaden, sich die folgenden Tipps zum Schutz vor Vampirangriffen von Dr. Mark Benecke zu Herzen zu nehmen. Er muss es schließlich wissen, der Vorsitzende der Transylvanian Society of Dracula.

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Die Redaktion fragt an, wie man sich gegen Vampire schützen kann. Helfen Knoblauch und Pfählen? Oder ist Vorbeugung der bessere, weil gewaltfreiere Schutz gegen nachtkrabbelnde Mahre?

Um es richtig zu machen, müssen wir zunächst einmal ermitteln, ob es sich um vampirische oder vampyrische AngreiferInnen handelt. Denn die einen stammen aus Folklore und Film, die anderen sind in menschlichen Leibern weltweit — auch außerhalb des Kinos — anzutreffen.

Zum Glück hat meine Frau eine große Umfrage zu den Vampyren mit Ypsilon veröffentlicht. Diese sogenannten Real-Life-Vampyre (Vampyre, die echt leben — ein schöner Dreh!) zeigen sich dabei als harmlos. Weder möchten sie Menschen überfallen noch sind sie überhaupt sonderlich antriebsstark.

Ihren Blutdurst stillen sie nur an freiwilligen PartnerInnen, sogenannten DonorInnen, die aber vorher ärztliche Bluttests vorlegen müssen. Verletzungen gibt es dabei nicht, denn das bevorzugte Werkzeug der neuen Vampyre ist eine sauber gesetzte Hohlnadel. Narbenfreiheit und Frieden allerorten und, ja, weltweit. Zwei weitere Studien, die der Atlanta Vampyre Alliance und von D J Williams, sauber gemacht und kein Eso-Klimbim, zeigen, dass in so ziemlich allen Ländern RealliferInnen herumvampyrisieren.

Fragt sich also, was an den übernatürlichen Gestalten dran ist, von denen Film und Flüsterhauch künden. Da bekanntlich in vielen märchenhaften Geschichten ein wahrer Kern steckt, wenden wir uns einer tatsächlichen Vampir-Enterdigung zu, die im Jahr 2009 in Craiova, Rumänien stattfand. Die Asche seines sechs Wochen nach der Beerdigung herausgeschnittenen Herzens wurde angeblich in Wasser — ich tippe eher auf den Haare aufrichtenden Țuică-Schnaps — gerührt und von seiner Ehefrau (oder Witwe?), Enkelin und dem Schwager getrunken. Der Grund: Vampire, hier wesentlich genauer gesagt strigoi von lateinisch striga (Hexe), handeln nicht aus Hass, sondern aus Liebe. Nimmt die durch den geisterhaften Blutentzug geschwächte Familie wie hier den Sitz derselben, also der Liebe, also das Herz, wieder zu sich, so ist alles wieder an Ort und Stelle: Herz bei Herz, Liebe bei Liebe, Mann, Frau und Familie vereint. Und wirklich, nach dem Genuss der Herz-Asche fühlten sich alle Beteiligten wieder erstarkt und voller Leben. Passt also.

Doch wie verhält sich die Sache, wenn es vor dem Tode Streit gab und der untote Hexer darum mit schlechter Laune ins Grab fuhr? Diese Denkmöglichkeit wird vor Ort meist grundsätzlich verneint. Sei es aus Furcht vor dem bösen Blick, der nur durch die aus jeder Dönerbude bekannten blau-schwarz-weißen Glasaugen abgewehrt werden kann, sei es, weil die Vorstellung eines Toten, der postmortal Unrecht regeln will, eh aus dem angloamerikanischen Raum stammt. Da dort aber sogar Werwölfe und Vampire miteinander vermixt werden (Underworld!), bleiben wir lieber im dies betreffs ordentlicheren Zentral- und Südosteuropa.

Die schönen, aktuellen und dennoch raren Bücher Vampirleichen: Vampirprozesse in Preußen (Steiner, 1959) und Der Vampirglaube in Südosteuropa (Kreuter, 2001) berichten, dass auch in den angeblich so vernünftigen, preußischen Regionen regelmäßig Köpfungen verstorbener Verwandter vorkamen; teils wurden sie knapp verhindert. Auf Befragen geben die beteiligten AusgräberInnen bis heute (also, wenn man sie, wie Peter Mario Kreuter oder die preußischen Gerichte einfach mal selbst fragt), die Antwort, dass es ja erstens schließlich keine anderen Schutzvorrichtungen gäbe und das Ganze zweitens seelisch fürchterlich und alles andere als ein Zuckerschlecken war. 

Gehen wir davon aus, dass die bisherigen AusgräberInnen wussten, was sie taten — und das müssen wir als strenge ExperimentatorInnen bis zum Beweis des Gegenteiles —, dann lautet die Antwort auf die Frage, wie gegen Vampire vorzugehen sei:

  1. Zu Lebzeiten der potentiell nachzehrenden Nachbarn ein schützendes Glas-Auge aufhängen.
  2. Nach deren Tod das Herz veraschen, in Schnaps rühren und nach dem Tod des Verstorbenen die geschwächten, aber noch lebenden Personen — am besten an einer Straßenkreuzung (christliches Symbol des Kreuzes) — diesen Energydrink trinken lassen.
  3. Tapfer sein, wenn die Staatsgewalt grummelt. Bisher wurden weder in Preußen noch in Rumänien hohe Strafen gegen VampirjägerInnen verhängt. Entweder ging es auf Bewährung oder mit recht kurzen Gefängnisaufenthalten einher, unter anderem, da Tatwiederholung so bald nicht wahrscheinlich schien.
  4. Real-Life-Vampyre anhand ihres Ankh-Anhängers, -Tattoos oder -T-Shirts erkennen, knuddeln und Gott einen guten Mann sein lassen.

 

Mit diesen pragmatischen und versöhnlichen Worten wünsche ich Euch und Ihnen einen schönen Sommer. Weitere Informationen zum Thema im Herbst beim Vampyrkongress in Köln

 

Sehr herzlich —

Mark Benecke

Kriminalbiologe

Vorsitzender der Transylvanian Society of Dracula

 

 

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