Frank Weinreich: Phantastische Vorläufer: das Märchen

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ESSAY

Phantastische Vorläufer: das Märchen


Mythen, Sagen und Märchen sind Genres der Phantastik, die es seit Jahrhunderten oder gar seit Jahrtausenden gibt und die damit viel älter sind als die Vertreter der modernen Phantastik, deren Anfänge im Neunzehnten Jahrhundert liegen. Ohne ihre drei Vorgänger sind die heutige Science Fiction, die Fantasy und der Horror jedoch undenkbar, denn ein Großteil ihrer Motive, ihrer Symbolik und ihrer Begrifflichkeit entstammt deren Erzählschatz, und auch typische Plots werden den Klassikern immer wieder entlehnt. Mythen, Sagen und Märchen werden in unzähligen Gestalten aufgenommen und damit im Prinzip beständig weitergetragen. Dabei haben alle drei von Anfang an mit ihren phantastischen Mitteln und Themen vor allem die Realität gespiegelt, um den Menschen die Welt zu erklären, sie moralisch zu belehren, ihnen Mut zu machen, Identität zu stiften, sie zu warnen oder zu erziehen. Diese kleine Serie auf Tor-Online stellt die Vorläufer der modernen Phantastik vor – in diesem Fall das Märchen.

Der Mythos und die Sage sind Vorläufer der modernen phantastischen Literatur, besonders der Fantasy. Beiden gemeinsam ist, dass ihnen ursprünglich typischerweise ein wahrer Kern innewohnte, auch wenn der in der Regel stark verfremdet und phantastisch überhöht wurde. Die derart gegebene Verbindung mit dem realen Leben führte zu größerer Akzeptanz und einem gewissen Ausmaß an Glauben an die Geschichten, die Sage und Mythos erzählten. An einen wahren Kern glaubt beim Märchen kein Mensch, auch wenn das – immerhin äußerst vielgestaltig daherkommende – Märchen in seinen sagenhafteren Versionen inhaltlich der Sage nahestehen kann. Doch wahr, oder besser ernstgemeint, ist beim Märchen allenfalls die moralische Botschaft. Und selbst die unterliegt dem Wandel politischer, religiöser und gesellschaftlicher Überzeugungen und ist also allenfalls eine fließende Wahrheit.

Der Begriff Märchen ist eine Verkleinerungsform des Wortes „mär“, was so viel wie „Nachricht“, „Bericht“ oder „Botschaft“ heißt und also eigentlich einen wahren Sachverhalt meint. Aber schon die Verkleinerung, der Diminutiv, zeigt, „dass solche Geschichten in einem bestimmten Sinn ‚unwahrscheinlich’ sind oder wirken“ wie der Germanist Heinz Rölleke über die Märchen der Gebrüder Grimm sagt. Das verhält sich ähnlich wie beim „Stündchen“. Das bezeichnet zwar genaugenommen auch einen Zeitraum von 60 Minuten, aber im übertragenen Sinn ist es die ungefähre Angabe eines angenehmen Zeitvertreibs. Genauso bezieht sich auch das Märchen auf eine nicht ganz ernstzunehmende „Mär“, eine nicht ganz ernstzunehmende Nachricht. Deshalb definiert das Grimmsche Wörterbuch denn auch „mär in der bedeutung [...], als im gegensatz zur wahren geschichte stehend: mährchen [sind Geschichten], welche allen völkern in ihrer kindheit die wahre geschichte ersetzen und sie zu kriegerischen thaten begeistern“ (Band 12, Spalte 1618). Wobei wir uns heute von Märchen glücklicherweise nicht mehr zu Kampfhandlungen inspirieren lassen.

Mythen, Sagen, aber auch Fantasy und Science Fiction sind natürlich ebenso unwahr; unwahr zumindest heutzutage vor dem Hintergrund unserer mehr als dreihundert Jahre währenden wissenschaftlichen Erkenntnisweise. Trotzdem lässt sich das Kriterium „offensichtliche Unwahrheit“ zur Beschreibung des Märchens verwenden, denn anders als im Falle von Sage und Mythos herrschte zwischen Erzählern und Publikum schon immer und im Vorhinein die Übereinkunft, dass das Märchen nicht wahr sein sollte, sondern der Unterhaltung und/oder der Darstellung einer Lehre oder Moral dient. Diese Lehre wird mit dem Mittel der krassen, inhaltlich unwahren Behauptung aufgestellt, um durch die Übertreibung dann umso intensiver auf die zugrundeliegende Überzeugung zu verweisen.

Dass ein Wolf nicht sprechen kann, er keine Häubchen trägt und sich auch nicht als Großmutter ausgeben wird und dass man ihm auch nicht, wie in einem anderen Märchen erzählt, den Bauch aufschneiden kann, um lebende Geißlein dort herauszuholen, ist derart und zu allen Zeiten offensichtlich, dass es keiner Erklärung bedarf. Aber es gibt auch in Anbetracht weniger naiver Märchen keine Männchen, die sich selbst in zwei Stücke reißen, und dass der Teufel eine Großmutter hätte, ist auch nicht Glaubensinhalt irgendeiner Religion. Selbst der Vogel Phönix aus dem gleichnamigen Kunstmärchen von Hans-Christian Andersen ist kein Wesen, von dem Publikum oder Erzähler annehmen, dass es existiert, sondern dient dem Publikum eindeutig als Sinnbild für die Poesie und letztlich die Schönheit an sich. Mythen und Sagen aber behaupten, die Wahrheit zu berichten. Und Fantasy und Science Fiction beanspruchen eine werkimmanente Wahrheit. Sie sagen zwar nicht, dass sie von wahren Begebenheiten erzählen, aber ihre Geschichten behaupten als Geschichte so passiert zu sein, während im Falle des Märchens nur augenzwinkernd vom Wolf und rein metaphorisch vom Phönix erzählt wird. Übrigens glaube ich persönlich auch nicht, dass die Kinder, denen Märchen erzählt werden, sehr lange an den Wahrheitsgehalt der Geschichten glauben. Mein Sohn pflegte mich schon als Vierjähriger als Lügenbaron zu bezeichnen, wenn ich ihm ernsthaft mit Märchen kommen wollte.

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Doch abseits des recht klaren Charakteristikums, dass das erwachsene Publikum der Märchen gar nicht erst annimmt, dass sie wahr sein sollen, wird es schwierig, des Märchens definitorisch habhaft zu werden. Neben der offensichtlichen Unwahrheit weisen Märchen jedoch eine große Heterogenität auf und haben mancherlei Berührungspunkte mit anderen Erzählformen, die zudem mal zu den Märchen gerechnet, mal von ihnen aber auch unterschieden werden.

Schon die Herkunft ist uneinheitlich, denn es gibt Märchen, die, wie Sage und Mythos, der mündlichen Erzähltradition entstammen, die Volks- und Kindermärchen beispielsweise. Kunstmärchen hingegen entstammen der Feder einer bestimmten Autorin, eines Autors. Aber auch diese Begrifflichkeit ist nicht trennscharf, denn erstens hat Kunstmärchen nichts mit Kunst im Sinne von künstlerischer Qualität zu tun, sondern weist auf den artifiziellen Charakter der bewussten Erfindung hin, und zweitens sind viele Kunstmärchen dem Volksmärchen entlehnt und können auch ausdrücklich als Kindermärchen verfasst worden sein.

Es lassen sich allenfalls einige typische Merkmale festhalten, die helfen, das Erzählphänomen Märchen etwas besser festzuhalten.

 

  • Erstens ist dies die erwähnte offensichtliche Unwahrheit, die von Erzählenden wie Publikum vorausgesetzt wird.

  •  Typischerweise sind Märchen zweitens kulturübergreifend wirksam. Zwar erzählte man Achtzehnhundertundsoundso im Badischen nicht unbedingt Geschichten über einen Jungen namens Ali Baba und die vierzig Räuber. Und Wölfe nebst Mädchen mit roten Kappen gehörten sicherlich auch nicht zum Inventar der Erzähler in den Oasen Arabiens. Aber man verstand überall, was da erzählt wurde, während Sagen und Mythen meist einen klaren kulturellen und regionalen Bezug aufweisen.

  • Drittens treten Märchen fast ausschließlich in kurzer Prosaform auf, während andere phantastische Literatur immer schon meist deutlich länger war, beginnend bei den 12.000 Hexametern der Odyssee oder den sogar 16.000 der Ilias.

  • Viertens werden sehr oft die Themen Gut und Böse behandelt und treten dabei ganz trennscharf auf: die böse Schwiegermutter, die gute Stieftochter usw. Das gleiche wird zwar oft von moderner Fantasy behauptet, aber das ist Unsinn. Im Mythos hingegen herrscht wegen seiner welterklärenden vorwissenschaftlichen Funktion, Fakten zu beschreiben, Neutralität, während die Sage oftmals eine Vielzahl von Grautönen und Schattierungen bietet.

Schließlich weisen Märchen oftmals eine Moral auf. Gerade weil sie gerne Gut und Böse als schwarz und weiß behandeln, stoßen viele Märchen das Publikum geradezu mit der Nase darauf, was passiert, wenn man böse ist: Man wird erschossen, ertränkt, verbrannt oder wenigstens der Lächerlichkeit preisgegeben. Die armen Opfer hingegen (über-)leben glücklich und zufrieden und noch heute, so sie nicht gestorben sind. Diesen Gleichnischarakter teilt das Märchen mit Fabel und Schwank, die meist von ebenfalls holzschnittartiger Moralaussage sind. Auch Fabel und Schwank sind ganz offensichtlich nicht wahr, was das Gleichnishafte noch stärker betont.

Märchen sind demnach zwar eindeutig in ihrer Aussage, sie müssen aber nicht notwendigerweise platt sein. Die Romantik beispielsweise nahm oftmals Märchenstoffe auf und überführte sie in Kunstmärchen, die eine bestimmte, oft ziemlich anspruchsvolle Moral veranschaulichen sollten (wie man Herder, Goethe, E.T.A. Hoffmann und anderen nachlesen kann). Diese Form des Märchens hat trotz märchentypischer Bilder und Personen nichts mehr mit Naivität oder der Derbheit eines Schwanks zu tun. Diese Geschichten versuchten vielmehr, komplexe Ideen und Ansichten mit den Stilmitteln des Märchens anschaulicher zu machen. Die märchentypisch prägnante Kürze, die Allegorien und ihre bildhafte Metaphernsprache waren ein gutes dichterisches Mittel, auch komplexere Ideen zu vermitteln.

Die Romantik als Geburtsstunde des Kunstmärchens markiert überhaupt den Übergang zu einer ganzen Reihe von neuen phantastischen Erzählformen, und hier schließt sich der Kreis von den Vorläufern Mythos, Sage und Märchen zur heutigen Phantastik. Mary Shelleys Frankenstein als der erste Science-Fiction-Roman, der Beginn der modernen Horrorliteratur in der Gothic Novel sowie die Anfänge der Fantasy bei William Morris Ende des Neunzehnten Jahrhunderts sind direkte Folgen beziehungsweise Teil der romantischen Literatur und Weltanschauung.

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