Studienwunsch: Fantastik. Wo gibt’s das denn?

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ESSAY

Studienwunsch: Fantastik. Wo gibt’s das denn?


„Ich habe einen Master of Fantasy Literature“. Richtig gelesen, man kann das Genre Fantastik auch offiziell studieren. Wie und wo, das erfahrt ihr in dem Artikel von Fantastikforscher Dr. Lars Schmeink.

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In der Literatur ist die Fantastik mittlerweile zu einem festen und ziemlich zentralen Bestandteil des Mainstream geworden – kaum eine Liste beliebter Bücher kommt ohne Fantasy, Science Fiction oder Horror aus, und auch in Promi-Kreisen ist das Nerdtum nicht mehr verschrien. Schaut man sich dann die Bemühungen von Initiativen wie dem Phantastik-Autoren-Netzwerk PAN an, dann finden zumindest auch die kreativen Köpfe des Landes einen neugewonnenen Zusammenhalt, der für das Genre auf breiter Flur hoffen lässt.

Einzig der Aufgabe, wie man den Nachwuchs bestmöglich ausstattet, den man für die innovativen Impulse braucht – dieser Aufgabe hat sich noch niemand so richtig gewidmet. Für junge Menschen, die sich mit der fantastischen Literatur (und ja, ich beschränke mich an dieser Stelle erst einmal auf die Literatur) beschäftigen wollen, und die in diesem Bereich eine Karriere anstreben, gibt es relativ wenig konkrete Angebote. Stellt sich also die Frage: Kann man Fantastik eigentlich studieren?  

Die einfache Antwort ist: ja, kann man. Nur muss man schon sehr genau wissen, was man will, und wie man das dann an den Unis findet. Zuerst sollte man sich bewusst machen, dass es unterschiedliche Aspekte der Fantastik gibt, die man studieren kann – ich bin mal dreist vereinfachend und behaupte, es gibt drei Aspekte, die ich mit Kreativität, Wirtschaft, und Wissenschaft betitle.

Wirtschaft

Den Nachwuchs für die wirtschaftliche Seite auszubilden ist dabei der vielleicht am leichtesten erklärte Aspekt der Fragestellung, gibt es doch in jeder größeren Stadt eine Hochschule (ob privat oder staatlich, ob Fachhochschule oder Universität), die BWL anbietet. Natürlich kann man für einen Job bei einem Verlag auch eine Ausbildung als Medienkaufmann/-frau Digital und Print machen, oder sich im Buchfachhandel ausbilden lassen. Und je nach Jobprofil lassen sich hier diverse andere Studienbereiche anführen, von Germanistik bis Geschichte, mit denen man einen der vielen Wege in die Branche finden kann – immer aufgestockt durch Praktika und dem Quäntchen Glück, einen der beliebten Jobs zu ergattern.

Kreativität

Auf dem ersten PAN-Branchentreffen, letztes Jahr in Köln, war in einer der Diskussionsrunden deutlich die Frustration zu hören, dass es in Deutschland keine Ausbildung zur SchriftstellerIn gäbe. Zwar wurde viel auf das nötige Talent verwiesen, doch das Fehlen eines wie im anglo-amerikanischen Raum üblichen „Creative Writing“-Studiums war der wohl hitzigste Diskussionspunkt. In den USA oder UK können junge AutorInnen an renommierten Universitäten unter Anleitung von erfolgreichen SchriftstellerInnen ausgebildet werden, und so von der Pike auf das Handwerkszeug des Berufs erlernen – einen Abschluss als Master of Fine Arts inklusive.

In Deutschland jedoch wird diese Form der Grundlagen-Ausbildung zumeist von einzelnen AutorInnen ausgeführt, die in Wochenend-Workshops oder Seminaren ihr Wissen weitergeben. Einen staatlich anerkannten Abschluss hat man damit aber nicht, und auch Qualität und Inhalt können stark variieren. In Sachen Studium und vollwertigem Abschluss bleiben einem in Deutschland aktuell nur drei Hochschulen, an denen man „Kreatives Schreiben“ als vollwertiges Fach studieren kann – die staatlichen Universitäten Hildesheim und Leipzig bieten jeweils einen Bachelor of Arts und einen Master of Arts an, die private Alice Solomon Hochschule in Berlin einen berufsbegleitenden, kostenpflichtigen Master of Arts.

Unterrichtet werden die kreativen Fächer von in der Praxis stehenden AutorInnen, je nach Hochschule und Studiengang dann noch ergänzt durch wissenschaftliche Grundlagenmodule zu Literaturtheorie, Literaturgeschichte, Publizistik oder Kulturmanagement. Vorteil, wenn auch international ungewöhnlich, ist die Einordung als wissenschaftlicher (BA bzw. MA) und nicht als künstlerischer Abschluss (BFA bzw. MFA), sodass man sich im Zweifel eben auch außerhalb des rein kreativen Schaffens für Positionen geeignet zeigt.

Wer noch sicherer gehen will, dass ein Plan B zum Bestseller-Ruhm existiert, der wählt von vorne herein einen Studiengang, der nicht direkt auf Schriftstellerei abzielt, etwa die Germanistik oder Anglistik (wie Markus Heitz oder Christoph Hardebusch), Geschichte (wie Bernhard Hennen) oder Film- und Theaterwissenschaften (wie Daniel Illger). Auch Journalistik oder Publizistik können einen Einstieg in das kreative Schreiben bieten. Und allen diesen Studiengängen ist gemein, dass sie generell das kritische Denken fördern und Wissen vermitteln, dass der Autorschaft zuträglich ist, vom Verständnis, wie Literatur und Kultur funktionieren, bis zur Quellenrecherche oder dem historisch-komplexen Zusammenhang von Handlungen.

Wissenschaft

Und damit wären wir bei der Wissenschaft angelangt, denn die eben genannten Fächer, allen voran die Literatur- und Kulturwissenschaften, bieten theoretisch auch die Option, sich wissenschaftlich mit der Fantastik auseinanderzusetzen. Auch hier kann man auf die Fülle der Optionen verweisen – denn wie für das kreative Schreiben gilt in Sachen Fantastikforschung, dass diese Studiengänge das Handwerkszeug in der Theorie vermitteln. Von der Erzählanalyse bis zum feministischen Diskurs, von der psychoanalytischen Lesart bis zum Marxismus, vom Strukturalismus bis zum neuen Materialismus – die Mittel, mit denen man der Fantastik als Genre begegnen kann, sind riesig. Wäre da nicht ein wesentliches Problem deutscher Universitäten...

Bis heute muss man leider gestehen, dass die Fantastik sich – gerade in den eher konservativen Philologien – noch nicht voll und ganz als akzeptiertes Themenfeld etabliert hat. Das gilt nicht für alle Universitäten und Lehrende, ist aber weit verbreitet. Es kann also sein, dass DozentInnen nur wenige Seminaroptionen anbieten, oder dass sich für populärkulturelle Themen nur schwer PrüferInnen finden lassen. Ein Blick auf die Seiten des jeweiligen Instituts und der Lehrenden kann hier aber bei der Entscheidung helfen.

Direkt auf die Fantastik als spezifische und wichtige Literaturform abzielende Programme gibt es, im Gegensatz zu den USA und UK, allerdings nicht. Wer einen Master of Fantasy Literature machen möchte, der muss nach Glasgow, und einen Master in Science Fiction and Technology Studies etwa gibt es an der University of California, Riverside. Deutsche Universitäten behandeln die Fantastik als Hobby-Thema, dass nur auf Wunsch bestimmter Lehrender auf dem Plan steht.

Eine ähnliche Problematik kann auch die Studierenden des „Kreativen Schreibens“ ereilen, da auch hier nicht garantiert ist, dass die Fantastik überhaupt als „ernstzunehmende“ Literaturform gewertet wird. Der Literaturbetrieb unterscheidet sowohl im Verlagswesen als auch in den Feuilletons immer noch zwischen ernsthaft und unterhaltsam, also E- und U-Literatur. Wie ein Verleger auf dem PAN-Treffen (halb) scherzhaft meinte: „Wir machen keine Literatur, wir machen Fantasy!“

Bleibt abschließend noch der Hinweis, dass sich gerade die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Fantastik in den letzten Jahren stetig verbessert. Die Phantastische Bibliothek in Wetzlar etwa arbeitet seit 30 Jahren unermüdlich für die Fantastik in allen Bereichen und bietet eine der weltweit größten Sammlungen für die Recherche an. Und mit der Gesellschaft für Fantastikforschung steht seit 2010 den an Fantastik interessierten Forschern an Hochschulen eine deutschsprachige Organisation zur Seite, die jährlich Konferenzen veranstaltet und eine eigene wissenschaftliche Zeitschrift herausgibt. Und so verändert sich auch die akademische Landschaft stetig und eröffnet jungen, Fantastik-affinen Studierenden immer neue Perspektiven. Auf eine spannende Zukunft!

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