NERD TALK

Live-Talk: Sind Nerds die besseren Menschen?


Tommy Krappweis
05.03.2017

Nerds sind die besseren Menschen? Irgendwie gehört das zum Selbstbild vieler SF- und Fantasy-Fans. Am Dienstag, den 7. März um 19.30 Uhr findet ein nerdiger Live-Talk in Expertenrunde statt, der dieses Thema diskutiert. Mit dabei: Tommy Krappweis, Stefan Servos und Sven Vößing!

Ganz gleich, ob sie nun phantastische Bücher lesen, Filme gucken oder einen Joystick schwingen - zum Selbstbild der Geeks gehört es oftmals auch, sich für bessere Menschen zu halten. Tommy Krappweis, Erfinder von Bernd das Brot und Autor von Mara und der Feuerbringer, ist aktiver Teil der Nerd- und Phantastik-Szene und mischt sich auch immer wieder in politische oder gesellschaftliche Diskussionen ein. Gerade dadurch hat er allerdings auch die Dunkle Seite Der Community kennengelernt. In seinem »Rant« exklusiv für Tor Online macht der Autor seinem Ärger nun Luft …

Die »Geeksmeet«-Live-Diskussion mit Tommy Krappweis, Stefan Servos  und Sven Vößing könnt ihr kommenden Dienstag, 7. März um 19:30 Uhr auf Tommys Facebookseite (Link) live mit verfolgen.


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Gene Roddenberry hatte da diese nette Idee, dass die Menschheit tatsächlich doch noch einen Schritt vorwärts macht und die gröbsten Arschlochigkeiten hinter sich lässt. Diese hübsche Hoffnung manifestierte er in seiner Eigenschaft als Schöpfer und Showrunner der Serie Star Trek.

Phantastillionen von Fans feiern dieses Universum in Serien, Comics, Büchern, Filmen, Games, Cosplay, LARP und auf Conventions. Star-Trek-Fans nennen sich stolz Trekkies oder Trekker, kennen Shakespeare im klingonischen Original und können dir bei ein bis acht Romulan Ale erklären, warum die Internal Dampers dafür sorgen (müssen), dass die Untertassensektion nicht bei Beschleunigung abbricht. »All I really need to know, I learned from watching Star Trek«, »The Ethics Of Star Trek«, »What Would Captain Kirk Do«, »The Wrath Of Kant« … zahlreiche Bücher beschäftigen sich mit der zugrundeliegenden Vision, dass die Menschheit sich grundsätzlich entscheißigt habe und man sich nun damit beschäftigen kann, Wissen zu mehren und Frieden zu bringen.

Nun möchte man meinen, dass die Anhänger eines solchen Universums wohl kaum anfällig sind für Rassen-, Frauen- oder Faktenhass und andere niederste Entgleisungen. Weit gefehlt. Tatsächlich finden sich auch unter den Star Trek-Fans genug Arschkrampen, die das Konzept der Todesstrafe grundsätzlich begrüßen, Ausländer ganz generell lieber im Ausland hätten und es völlig in Ordnung finden, dass man in Russland nun wieder Frauen schlagen darf.

Aber mal ohne Scheiß jetzt: Wie kann eine Person, die Star Trek schaut, liest, hört, spielt oder sich sonstwie damit länger als einen Mausklick lang beschäftigt hat und darauf hin beschließt, ein Fan zu sein, bitte dieses Universum so grundgarnicht verstehen? Oder lassen sich Menschen tatsächlich so oberflächlich damit berieseln, dass sie die Botschaft des Star Trek-Universums überhören?

Wie kann man Picards Belehrungen, McCoys Humanismus, Spocks Logik und Kirks Kunstpausen bitte nicht bemerken?

Wird dann bei »Measure Of A Man« vorgespult und »Let That Be Your Last Battlefield« übersprungen? Wozu belabert Kirk jeden allmächtigen Computer, der die Menschen versklavt? Weil er sich danach zum Diktator aufschwingen, den Klimawandel als nonexistent erklären und die Dyson-Sphäre stattdessen als Mauer gegen illegale Einwanderer nützen will?

Es will mir nicht in den Kopf, dass ich in den sozialen Medien allen Ernstes mit Leuten über Moral, Humanismus und Nächstenliebe diskutieren muss, die sich auf ihrem Profilbild im schwarz-roten Leibchen von Captain Picard präsentieren. Da ist dann nicht nur der Pulli, sondern auch das Weltbild verrutscht, und wie gerne möchte man diesem Menschen den Stirnlappen zurechtzuppeln mit einem beidhändigen Picard-Manöver.

Und dieses Phänomen ist keineswegs auf das Star Trek Fandom beschränkt.

 

Nahezu täglich konfrontiert uns Twitter via J. K. Rowlings Account mit irgendwelchen Slytherhirnis, an denen die Message des Potterversums schneller vorbeigehuscht ist als ein Goldener Schnatz beim Quidditch-Match. Wie kann man so viele Bücher und/oder Filme konsumieren, ohne begriffen zu haben, dass die Unterscheidung in Pure-Bloods und Mud-Bloods nicht gerade als die geilste Idee ever propagiert wird?

Kann man ein Fan von Bernhard Hennens Elfenromanen sein und den Völkermord an den Trollen beweinen, aber gleichzeitig die Meinung vertreten, dass der Holocaust nur erfunden wurde, damit "wir Deutschen weiter im Staub kriechen"?

Ich dachte tatsächlich einmal, dass Nerds und Geeks insgesamt die »besseren Menschen« sind. Das ist noch nicht mal so lange her – ich hab sogar einen Song darüber geschrieben und auf diversen Cons zum Vortrag gegeben: The Geeky Shuffle.

 

All you muggles out there, we come in peace and it’s not to late

We will board your ship and claim it – and some of you we might assimilate

 

Am Nerd’schen Wesen soll die Welt genesen? Ja, ich war tatsächlich der Meinung, dass Menschen die sich mit Stoffen wie »siehe oben« beschäftigen, grundsätzlich eine gewisse Offenheit brauchen, um auch zu kapieren, was sie da konsumieren. Weit gefehlt. [Hier bitte das Geräusch eines Luftballons einsetzen, aus dem schlabbernd die Luft entweicht.] Manchen geht es wohl nur darum, von irgendwas Fan zu sein, damit man sich dann ein zu kleines Redshirt überziehen und irgendwo dazugehören kann. Dass Kirk in »Patterns Of Force« mit Hilfe einer Super-8-Kamera einen ganzen Nazi-Planet vom Arschlochjoch befreit hat, wurde nur insofern wahrgenommen, als dass man aus vollem Halse ZENSUR brüllen konnte, weil die Folge aufgrund der Nazi-Thematik erst viel später ihren Weg nach Deutschland fand. Dass der Nationalsozialismus grundsätzlich keine erstrebenswerte Gesellschaftsform darstellt, steht für Kirk, Spock und McCoy außer Frage. Ich fänds schön, wenn auch alle Fans dieses einzigartigen Triumvirats das so sehen würden. Nein, ich muss das anders ausdrücken: Ich kann überhaupt nicht verstehen, wie man das eine sein und das andere denken kann. Und doch ist es so.

Phantastik-Fans sind genau so anfällig für akutes Arschlochtum wie alle anderen Menschen auch. Das ist zwar traurig, aber die Realität.

Letztlich ist es doch ganz im Sinne von Gene Roddenberry: Alle Menschen sind gleich. Schade, dass das auch bedeutet, dass alle Menschen gleich scheiße sind. Zumindest bis zu dem avisierten Evolutionssprung. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich warte.


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© 2017 by Tommy Krappweis
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Alle Rechte vorbehalten

Über den Autor

Tommy Krappweis wurde dem deutschen Fernsehpublikum als Comedian in der Kultshow 'RTL Samstag Nacht' bekannt, wechselte dann hinter die Kamera. Zusammen mit Norman Cöster erfand er 'Bernd das Brot'. 

Mit seiner Firma bumm film GmbH produziert Tommy Krappweis seit über fünfzehn Jahren viele erfolgreiche und preisgekrönte TV-Formate, seine Visual Effects Schmiede BigHugFX arbeitet für große Hollywoodproduktionen wie Creed - Rockys Legacy oder The Magnificent Seven. Tommys humorvolle Fantasytrilogie 'Mara und der Feuerbringer' mauserte sich vom Geheimtipp zum Kulterfolg und Band 1 wurde von ihm selbst mit Starbesetzung verfilmt. Vor kurzem erschien bei Rocketbeans.tv eine von Fans produzierte Dokumentation über Maras abenteuerliche Entstehungsgeschichte. Gerade schreibt Tommy Krappweis an Band 5 seiner Buchreihe 'Ghostsitter' über einen vierzehnjährigen Jungen, der eine Geisterbahn voll mit echten Untoten geerbt hat. 

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