© Mario Zucca

KOLUMNE

Die Weisheit der Nerds: J.R.R. Tolkien


„Nicht alles, was Gold ist, funkelt / Nicht jeder, der wandert, verlorn.“

J. R. R. Tolkien, Der Herr der Ringe. Die Gefährten

 

Tolkien hätte Aragorn auch anders beschreiben können, nämlich so: „Man sollte Menschen nicht nach dem ersten Eindruck beurteilen.“ Andererseits wäre das nicht gerade poetisch gewesen, oder? Tolkien glaubte, dass großes Glück ganz plötzlich eintreffen kann, und erfand sogar den Begriff „Eukatastrophe“, um solch plötzliche Wendungen zum Guten zu bezeichnen. Und er glaubte auch daran, dass man Tugend an unerwarteten Orten finden kann – unter einem zerschlissenen Mantel etwa. Knorrige Baumgestalten, müde Reisende, mürrische alte Männer in grauen Lumpen: Das sind nur ein paar von den Verkleidungen, hinter denen sich die wohlmeinenden Kräfte in Mittelerde verbergen. Sie alle mögen zu einem gewissen Grad Tolkiens Wunschdenken entsprungen sein – jeder kennt das Klischee vom Normalo, der verblüffende Fähigkeiten besitzt –, aber es ist mehr als das, nämlich eine Lektion darin, wie man Menschen beurteilt. Oder eher: nicht beurteilt. Und es ist auch ein Plädoyer dafür, das Einfache im Leben zu schätzen und die Kräfte der Unterdrückten, der Subalternen, nicht zu unterschätzen. Obwohl Tolkien ein standhafter Katholik war, hat seine Haltung fast schon etwas Taoistisches. Göttlichkeit gibt sich nicht durch Äußerliches zu erkennen; man muss unter die Oberfläche schauen.

 

 

Siebenundvierzig Jahre nach seinem literarischen Debüt fand Aragorn endlich den Weg auf die Leinwand. Und kaum jemand störte sich daran, wie Viggo Mortensen den verbannten Thronerben des Menschengeschlechts spielte. Dennoch gab es einige, die bemängelten, dass er zwar verlottert aussah – aber immer noch viel zu gut, um Tolkiens Beschreibung zu entsprechen.

 

 

 

Aus dem Amerikanischen von Achim Fehrenbach

 

Copyright © 2011 by Quirk Productions, Inc.
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First published in English by Quirk Books, Philadelphia, Pennsylvania.
Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

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