Wenn das Gute zum Bösen wird: Die Umkehr der Heldenreise

© Lucasfilm Ltd.

ESSAY

Wenn das Gute zum Bösen wird: Die Umkehr der Heldenreise


Bösewichte gibt es in der Fantasyliteratur jede Menge – aber echte Anti-Helden, denen man beim Bösewerden zuschauen kann, nur wenige. Ist Fantasy per se eine Literatur der Happy Ends und der Hoffnung?

 

Die typische Heldenreise ist eine Erzählstruktur, die man nicht nur in der Fantasy-Literatur findet, sondern in vielen anderen Genres auch. Man kann die Irrungen und Wirrungen der Handlung genauestens untersuchen – man kann sie sogar bis auf kleineste archetypische Elemente wie „den Mentor“, „den Helfer“, oder „die Schwelle“ herunterbrechen. Im Grundsatz aber geht es in der Heldenreise um einen Charakter, der Hindernisse überwinden und sich gegen alle Schwierigkeiten beweisen muss, um heroische Taten zu vollbringen und eindrucksvolle Gegner zu besiegen. Dabei wächst der Held an seinen Aufgaben und verändert sich, er wird zu einem besseren Menschen oder wird sogar „neu geboren“. Tatsächlich ist der innere Konflikt des Helden, sein Umgang mit Ängsten und Zweifeln, zumeist ebenso wichtig wie das Überwinden der äußeren Hürden.

Was aber passiert, wenn diese Reise ins Gegenteil verkehrt wird? Was passiert, wenn sich eine Schlüsselfigur von einem guten in einen bösen Menschen wandelt, und das Erreichen (oder auch das Nicht-Erreichen) ihrer Ziele sie weiter auf den dunklen Pfad führt?

Unsere Faszination am Untergang

Es gibt wahrscheinlich kein Beispiel, das typischer für die Umkehr der Heldenreise ist als die Filmreihe Der Pate. Die Hauptfigur wandelt sich von einem anständigen, gesetzestreuen Kriegshelden in einen skrupellosen, mordenden Kriminellen. Am Ende der drei Filme bleibt bei den wenigsten Zuschauern Mitgefühl für Michael Corleone übrig.

Geschichten wie diese scheinen in der letzten Zeit immer beliebter zu werden. Serien wie Breaking Bad oder deren Spin-Off Better Call Saul sind gute Beispiele für typische Antihelden, die sich auf die Reise zur dunklen Seite begeben. Und auch House of Cards zeigt zwei garstige Charaktere dabei, wie sie in ihrem Streben nach der Macht immer niederträchtiger werden.

Dabei darf man jedoch bemerken, dass die erwähnten Serien nicht dem Genre der Fantasy angehören.

Kann die Fantasy die Heldenreise umkehren? 

Gerade in der Science Fiction gibt jede Menge Charaktere, die sich vom Guten zum Schurken wandeln. Man braucht sich nur Star Wars zuzuwenden und schon fallen einem reihenweise Jedi-Ritter ins Auge, die sich von der Dunklen Seite haben einwickeln lassen. Und auch SF-Dystopien wie 1984 bestechen durch Charaktere, denen Stück für Stück ihre Hoffnung, Menschlichkeit und der letzte Funken Anstand abhanden kommt.

In der Fantasy jedoch scheint die Umkehr der Reise weniger häufig vorzukommen. Ja, auch hier gibt es genügend Charaktere von zweifelhafter Moral, jede Menge Figuren, die sich als Schurken oder Verbrecher klassifizieren ließen. Im Allgemeinen jedoch sind diese Charaktere von einem Wunsch nach Veränderung getrieben und versuchen sich zu bessern. Eine Geschichte, die einen guten Hauptcharakter, also  einen echten Helden einführt und diesen dann in einem voll und ganz zu verachtenden Bösewicht wandelt, die findet sich nicht so leicht. Und selbst wenn so etwas vorkommt, dann gibt es eigentlich immer so etwas wie mildernde Umstände für unseren Heros.

Es liegt lange zurück

Häufig ist der Niedergang zum Bösen etwas, dass in der Vergangenheit der Fantasy-Welt liegt. Zwar gibt es jede Menge Geschichten, die sich um das Abgleiten des Schurken zum Bösen ranken, aber die sind eben nicht zentraler Teil der aktuellen Erzählung. So könnte vielleicht später einmal ein Prequel die Vorgeschichte und den Niedergang erzählen, aber nur selten beginnt eine Serie damit. Charaktere wie die Nazgûl und Voldemort haben eine Vergangenheit, aber dabei bleibt es auch – diese Geschichte wird nie zum zentralen Fokus der Erzählung.

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes

© Warner Bros.

Einer von Vielen

Wenn man bedenkt, dass Fantasy häufig aus wechselnden Perspektiven geschrieben ist und in der Handlung verschiedenen Charakteren folgt, dann sollte im Prinzip genug Raum da sein, dass ein paar von ihnen tief fallen, ohne dass wir auf andere erlösende oder positive Geschichten verzichten müssten.

Game of Thrones ist ein hervorragendes Beispiel, in dem Charaktere, die regelmäßig dazu getrieben sind schreckliche Dinge zu tun, mit solchen kontrastiert werden, die danach streben, Gutes zu tun. Oft kommt es vor, dass diejenigen, die Abscheuliches anrichten von Anfang an böse sind und sich auch nicht wandeln. Einige aber sind Charaktere, die mit leichten Zügen des Schurken beginnen und im Laufe der Handlung unwiederbringlich dem Bösen verfallen (wie etwa Stannis im Verhalten gegenüber seiner Tochter). Wieder andere scheinen gute Charaktere zu sein, die im Verlauf zu Gewalt oder Verrat getrieben sind (wie etwa Theon oder Arya), dabei aber nie ganz die Chance verlieren, vielleicht einen Weg zurück zu finden.   

Sie fallen tief, aber nie ganz

In der Fantasy kommt es häufig vor, dass ein Charakter vom Guten zum Bösen wird, entweder aus freien Stücken oder durch Magie, Korruption oder von anderen ausgelösten Wahnsinn. Dennoch gehen diese Charaktere meist nicht soweit in ihren Handlungen, dass sie vom Publikum als unwiederbringlich Böse angesehen werden. 

In der Mistborn-Trilogie (von Brandon Sanderson) wird ein Charakter (ich sag nicht wer, um nicht zu viel zu verraten) völlig entstellt und steigt zum Inquisitor auf, zu einer Schachfigur im Spiel der bösen Macht ... aber er verliert seine Menschlichkeit nie völlig und erhält sich ein Stück des Guten.

In ihrem Inneren waren sie schon immer Böse

Fantasy-Romane zeigen häufig auch, dass Charaktere, die sich dem Bösen zuwenden, bereits zuvor Fehler hatten oder das Böse schon immer in ihnen war und jetzt erst erwacht ist.

Voldemort etwa war noch nie ein besonders sympathischer Charakter, Saruman wohl auch nicht – obwohl bei ihm die Korruption hauptsächlich dem Ring zuzuschreiben ist, der seinen Wunsch nach Wissen und Macht ausgenutzt hat. In Kristin Cashores Roman Graceling wird der psychopatische Bösewicht bereits als Kind als gestört und grausam beschrieben und in Laini Taylors Trilogie Daughter of Smoke and Bone werden sowohl der böse König der Engel als auch die Wolfchimäre  als von Natur aus selbstgefällige und gewalttätige Wesen beschrieben.

Warum also gibt es in der Fantasy nicht mehr Antihelden?

Im Großen und Ganzen liefert uns die Fantasy nur selten Protagonisten wie Michael Corleone, Walter White oder Frank Underwood, die in die Tiefen des Bösen abtauchen und mit denen wir dennoch heimlich mitfiebern und die wir lieben zu hassen. 

Vielleicht ist die Umkehr der Heldenreise einfach ein zu großer Gegensatz zu Happy Ends, die in der Fantasy ja eine so wichtige Rolle spielen. Wir brauchen einfach das euphorische Ende und den Triumph der Kräfte des Guten, und ein Held, der zum Antihelden wird – das passt da einfach nicht rein. Tatsächlich entspricht das ja auch eher der Struktur der Tragödie. Vielleicht ist es auch die in der Fantasy verbreitete Ansicht, dass Charaktere voll und ganz, quasi in ihrer Essenz, entweder böse sind oder eben gut, und eben nicht ändern können, was tief in ihnen steckt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Fantasy das Genre der Hoffnung ist – und selbst wenn ein Charakter außer Kontrolle gerät und unsere Herzen bricht, dann hoffen wir doch noch auf diesen einen Akt des Guten oder den Schimmer an Menschlichkeit, der ihn oder sie in unseren Augen errettet.

Aber egal, was der Grund nun auch sein mag, so scheint es doch etwas zu sein, dem wir in diesem Genre nicht so häufig begegnen. Bis heute habe ich noch keinen Fall gesehen, in dem eine Fantasy den Verfall ins Böse so akkurat und zentral dargestellt hätte und ihn so unwiederbringlich vollzogen hätte, wie es etwa in Der Pate mit Michael Corleone geschieht.

Es mag möglich sein, dass es in den Weiten des Genres diese Erzählungen gibt und ich ihnen bisher nur nicht begegnet bin, dann aber frage ich mich, ob ich sie mögen würde. Denn mal ehrlich, wenn es um Fantasy geht, dann bin ich doch ein Fan des Happy Ends, der Errettung vom Bösen, und der Tatsache, dass meine Helden zu besseren Menschen werden. Ich zweifle daran, dass eine Fantasy mit einer im Zentrum stehenden umgekehrten Heldenreise den Lesern wirklich gefällt. Ob ein solches Buch wohl noch erscheint und mich eines Besseren belehrt?


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© Nicola Alter

Übersetzung: Lars Schmeink

 

 

 

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