Weder Hülle noch Fülle

ESSAY

Geschichten vom guten Umgang mit der Welt (Teil 3/3): Weder Hülle noch Fülle


Karoline Walter
20.12.2016

Viele der großen, folgenreichen Zukunftsentwürfe, die die Science Fiction hervorgebracht hat, drehen sich um das Thema Stadt und letztlich um die Frage: Wie wollen wir leben? Ganz nah entlang der Gegenwart erzählt der brandneue ›FUTURZWEI-Zukunftsalmanach 2017/18‹, wie solche Entwürfe tatsächlich aussehen können. Im dritten Teil shoppen wir ganz ohne Verpackung.

 

Weder Hülle noch Fülle

 

Unverpackt in Kiel ist das erste Lebensmittelgeschäft Deutschlands, das vollständig auf Einwegverpackungen verzichtet. Gegründet wurde es vor gut drei Jahren von der Südfranzösin und Wahl-Kielerin Marie Delaperrière.

 

Vor dem Wind ist hier kaum etwas sicher. Immer wieder kommen Böen und stoßen die Tür des kleinen Ladens auf, sodass die junge Kassiererin aufstehen und sie wieder schließen muss. Sie nimmt es norddeutsch-gelassen; schließlich hat der Wind auch sein Gutes – bisweilen wirbelt er Leute herein. Zwei blonde Mädchen zum Beispiel, Studentinnen, vielleicht noch Schülerinnen. Neugierig schauen sie sich um, betrachten die Spender mit ihren bunten Inhalten, die aus Bohnen, Nüssen und allen möglichen Getreidesorten bestehen.

Marie Delaperrière bereitet derweil einen Kaffee zu. Bald soll es hier in der Bistro-Ecke, neben Snacks und Kaffeespezialitäten, auch einen wechselnden Mittagstisch und selbstgebackenen Kuchen geben, erklärt die Inhaberin von Unverpackt. Im Januar 2015 musste der verpackungsfreie Supermarkt in neue Räumlichkeiten ziehen. Der alte Laden war bereits nach einem Jahr Bestehen zu klein geworden. Im Februar 2014 war er einst in aller Stille in Kiel eröffnet worden, weitgehend unbemerkt von den großen Massenmedien. Ganz anders als ein Berliner Laden gleichen Konzepts, der ein halbes Jahr später ins Leben gerufen wurde und ein riesiges Medienecho hervorrief. Vielleicht der Hauptstadtbonus.

Mit der Lebensmittelbranche hatte Marie Delaperrière ursprünglich nicht viel am Hut. Eigentlich komme sie aus dem Projektmanagement, erzählt die sympathische, langhaarige Französin. In Frankreich studierte sie Sprachen, Logistik und BWL, bevor es sie aus beruflichen Gründen nach Deutschland verschlug. Schon lange störte sich Marie Delaperrière an den Unmengen von Verpackungsmüll, die man tagtäglich anhäuft. Als Mutter dreier Kinder fragte sie sich immer öfter, was man zukünftigen Generationen da eigentlich für eine Welt hinterließe. Schließlich las sie von Bea Johnson, einer US-Amerikanerin, die mit ihrer Familie seit 2008 keinen Hausmüll produziert – allen Widerständen der Wegwerfgesellschaft zum Trotz. Delaperrière überlegte, dass es wohl noch besser wäre, erst gar keinen Müll ins Haus zu lassen, und gründete einen Laden, der einfach nichts Verpacktes anbietet.

Unverpackt

© Marie-Delap

An der Kasse verstaut ein Mann seine Einkäufe in einem kleinen Rucksack: Lauch, Gurken und eine Dose mit Reis. Wer bei Unverpackt einkauft, muss seine eigenen Behälter mitbringen; wer keine hat, kann im Laden auch wiederverwendbare Boxen und Einmachgläser erstehen. Weil die Waren hier offen angeboten werden, lässt sich genau so viel einkaufen, wie gerade gebraucht wird. So wie in den Kaufläden von früher, wo man sich die gewünschten Zutaten für das Mittagessen oder einen Kuchen noch vom Verkäufer abwiegen und über die Theke reichen ließ. Damals war es vor allem aus wirtschaftlichen Gründen wichtig, passgenaue Portionen kaufen zu können. Heute ist die Verschwendung von Lebensmitteln in Deutschland vor allem ein ökologisches Problem. 18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen hier jährlich auf dem Müll, weil die meisten schlecht planen, zu viel auf einmal kaufen oder vergessen, was noch alles im Kühlschrank wartet.

Marie Delaperrière möchte der Vergeudung entgegenwirken und dem Essen wieder einen neuen Wert verleihen. In ihrem Laden führt sie daher auch regelmäßig Verkostungen durch. Delaperrière ist leidenschaftliche Köchin; das Ausprobieren neuer Rezepte macht ihr großen Spaß – da zeigt er sich also doch, der persönliche Bezug zum Thema Lebensmittel. Die Kostproben sollen zum Selberkochen anregen und das Publikum mit unbekannten Produkten vertraut machen, mit alten einheimischen Gemüsesorten etwa, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind. Denn zum ganzheitlich-ökologischen Konzept von Unverpackt gehört es auch, bevorzugt Waren aus der Region zu beziehen. Dogmatisch ist Delaperrière da allerdings nicht, es gibt auch Überseeprodukte. Kaffee zum Beispiel, allerdings nur fair gehandelten.

»Wenn ich bei allem ganz streng wäre – also alles regional, saisonal und dabei auch noch ohne Verpackung anbieten würde –, hätte ich vielleicht drei Produkte«, erklärt sie lachend. Gegenüber einem konventionellen Supermarkt ist die Warenpalette von Unverpackt ohnehin schon eingeschränkt. Delaperrière kauft nur Dinge, die sie im Großgebinde beziehen kann. Denn es wäre ja nicht Sinn der Sache, die Produkte in Plastik eingeschweißt zu kaufen und nachher klammheimlich wieder auszupacken. Molkereiprodukte und Fleisch beispielsweise sind aus hygienischen Gründen problematisch. Joghurt, Milch, Butter und Käsesorten aus der Region werden inzwischen in Pfandgläsern angeboten. Fleisch bleibt tabu. Einzige Ausnahme: Wurst, die nicht gekühlt werden muss, wie beispielsweise Leberwurst, gibt es im Glas.

Eigentlich wäre es Delaperrière am liebsten, wenn nebenan einfach ein Metzger oder ein Fischgeschäft einziehen würde, sodass die Kunden alles beieinanderhätten. Sie ist auch ganz Geschäftsfrau. Trotz etlicher Auflagen und Vorschriften, die es zu meistern und zu beachten gilt, erweitert Delaperrière laufend ihr Sortiment. Gestartet ist sie mit 250 Produkten, heute verkauft sie über 400.

Im Unverpackt kann man zwar nicht alles kaufen, dafür sind die Dinge, die es gibt, umso liebevoller präsentiert. In helle und saubere Flechtkörbchen gebettet, wirken die Äpfel, Karotten und Blumenkohlköpfe beinahe wie Ostergeschenke. Außerdem finden sich hier auch Spezialitäten, die kaum ein Supermarkt zu bieten hat. Vor allem hinter den kleinen Glasklappen des Süßwarenregals verbergen sich wahre Schätze, die ein Hauch von Nostalgie und Jahrmarkt umweht: Nougat mit Rumrosinen zum Beispiel oder getrocknete Himbeeren in Schokolade. Ein vielleicht fünfjähriger Junge, der vermutlich gerade die Zahlen gelernt hat, liest seiner Mutter laut die Preise vor. Sie sind natürlich in Euro angegeben. Auf die Münzen aus Toffee sind allerdings noch die Schemen von Markstücken geprägt.

Die beiden blonden Mädchen haben sich inzwischen für einen Einkaufsgutschein und einen Brotbeutel mit Klettverschlüssen entschieden, eine Art Butterbrotpapier aus Stoff. Es soll ein Geschenk für eine Freundin werden. Eigentlich hatten sie sich ja nur mal umsehen wollen und Schutz vor dem stürmischen Wetter gesucht. Aber so ist das nun mal mit dem Wind, er bringt die Dinge und Menschen in Bewegung. Wie gut, dass er hier fast immer weht.


Mehr unter www.unverpackt-kiel.de.

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In drei von fünfzig Geschichten werden auf Tor Online gelebte Gegenentwürfe zur Leitkultur des Wachstums und der Verschwendung nachgezeichnet. Gemeinsam mit dem Goethe-Institut werden in inzwischen 32 Ländern Geschichten des Gelingens gesammelt, von denen die besten hier erzählt werden und einmal mehr zeigen, was es heißt, seine Handlungsspielräume zu nutzen.

 

 

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