Waldbestand in Bürgerhand

ESSAY

Geschichten vom guten Umgang mit der Welt (Teil 1/3): Waldbestand in Bürgerhand


Alexander Kleinschrodt
06.12.2016

Viele der großen, folgenreichen Zukunftsentwürfe, die die Science Fiction hervorgebracht hat, drehen sich um das Thema Stadt und letztlich um die Frage: Wie wollen wir leben? Ganz nah entlang der Gegenwart erzählt der brandneue ›FUTURZWEI-Zukunftsalmanach 2017/18‹, wie solche Entwürfe tatsächlich aussehen können. Im ersten Teil gehen wir in den Remscheider Wald.

Waldbestand in Bürgerhand

Im Remscheider Wald 2.0 kann jeder ideeller Waldbesitzer werden. Die dahinterstehende Genossenschaft will so dem Wald ermöglichen, über sich selbst hinauszuwachsen: für eine nachhaltige Holzwirtschaft, den Naturschutz und das Gemeinwohl.



Remscheid ist auf dem Papier, mit über 100 000 Einwohnern, eine Großstadt. Trotzdem sieht es hier anders aus, als diese Bezeichnung andeutet. Die Stadt liegt eingebettet im Bergischen Land und ist in allen Himmelsrichtungen von Wald umgeben. Wer hier lebt, dem kommt das üppige Grün womöglich selbstverständlich und völlig natürlich vor. Der deutsche Wald ist aber eine Kulturlandschaft; Aussehen und Zustand der Wälder bestimmt der Mensch schon seit Jahrhunderten mit. In Remscheid geschieht das seit Kurzem nach neuen Regeln: Die Stadt besitzt einen Bürgerwald, den ersten Deutschlands.

Seine Geschichte beginnt im Forstamt der Stadt Remscheid. Dort sitzt Markus Wolff als Städtischer Forstdirektor – und er hat alle Hände voll zu tun. Das Förstersein ist ein Beruf, für den große Herausforderungen nicht Ausnahme, sondern Alltag sind. Der Heimatfilm mag es anders zeigen, doch Förster, sagt Wolff, seien heute vor allem Moderatoren: »Sie müssen einen Interessenausgleich herstellen zwischen einer schonenden Nutzung des wichtigen Rohstoffs Holz, dem Naturschutz und der Erholungsfunktion«, also dem freien Waldbetretungsrecht der Bürger. »Das alles ist aber verdammt schwierig, wenn ich es mit einer unübersichtlichen Eigentümermasse zu tun habe, wo ich an die einzelnen Leute gar nicht herankomme«, fügt er hinzu. Tatsächlich gibt es in Deutschland nämlich rund zwei Millionen private Waldbesitzer; oft gehören den Einzelnen jeweils nur winzige Flecken. Viele der Waldherren können sich um ihre Wälder nicht kümmern: Sie wohnen nicht mehr vor Ort, oder ihnen fehlen die Fähigkeiten dazu.

Da liegt es häufig nahe, sich von dem meist ererbten Besitz zu trennen. Das wissen auch Investoren, die in waldigen Ortschaften systematisch nach Verkaufswilligen suchen und mit dem schnellen Euro winken. Markus Wolff hat vor einigen Jahren in einer Nachbargemeinde eine solche Kampagne beobachtet: Da rückten Geschäftsleute an und legten den Waldeigentümern eine schöne Summe bar auf den Tisch. Anderntags waren die Bäume dann teils schon geschlagen und abtransportiert. Die Einwohner beschwerten sich, wohin der Wald verschwunden sei. Wolff gefiel das alles nicht. Für einen zukunftsfähigen Wald brauchte es offenbar einen ganz neuen Ansatz.

Wald 2.0 hat Markus Wolff dieses neue Prinzip genannt. Es ist das Produkt der Waldgenossenschaft Remscheid, die er und einige Unterstützer im Jahr 2013 gründeten. Um Genossin oder Genosse zu werden, gibt es zwei Wege. Waldeigentümer können ihre Flächen einbringen und Anteilseigner werden. Wer kein Waldstück besitzt, kann ebenso Einlagen zeichnen, schon ab 500 Euro ist das möglich. Mit diesem Geld kann die Genossenschaft dann wiederum Flächen erwerben. Alle Mitglieder sind ideelle Waldbesitzer und genießen das gleiche Stimmrecht innerhalb der Genossenschaft, unabhängig von der Größe ihrer Investition. Die Flächen gehören niemandem mehr allein, und sie dienen dem Gemeinwohl. Zwar soll es auch eine kleine Rendite geben, doch das steht nicht im Vordergrund. 170 Menschen, aus Remscheid und darüber hinaus, haben bereits investiert. Dank ihnen verfügt die junge Genossenschaft derzeit über ein Eigenkapital von 570 000 Euro. Markus Wolff wirbt täglich für sein Projekt und knüpft Kontakte, ohne dabei allzu viel Aufheben um seine Person zu machen. Denn auch wenn sich die Organisation schrittweise stabilisiert und die Arbeit sich langsam auf verschiedene Schultern verteilt, gibt er in seinem Büro doch zu: »An diesem Schreibtisch läuft im Moment alles zusammen.«

Gründung einer Waldgenossenschaft für den Wald unterhalb Hohenhagen

Gründung einer Waldgenossenschaft für den Wald unterhalb Hohenhagen - Markus Wolff, Winkler, Nettekoven, Velte, Sven Wolf (© Michael Sieber)

Weil seine Arbeit aber eben nur zum Teil im Forstamt stattfindet, schnürt Wolff jetzt die Stiefel. Es geht ein Stück vor die Stadt; er möchte eine Waldfläche der Genossenschaft vorführen. Das Bergische Land zeigt sich so, wie es hier jeder kennt: Die Landschaft ist sanft gewellt und in beharrlichen Regen gehüllt, der so fein ist, dass man ihn fast für Nebel hält. Am Wegesrand stehen Schilder: »Dieser Wald gehört den Mitgliedern der Waldgenossenschaft Remscheid eG.« Sie dienen allerdings nicht der Abschottung, vielmehr werben sie dafür, es den Waldgenossen und -genossinnen gleichzutun. Die Fläche war einst ein Forst konventioneller Art, eine schnöde Monokultur von Fichten – und ist es teils noch immer: zahllose lange, dünne Stämme, oben das nahezu geschlossene Dach der Baumkronen. Man meint, in einer Säulenhalle zu stehen. »Sehen Sie das hier?«, fragt Markus Wolff und zeigt auf eine kleine Lichtung, »das war Kyrill.« Der Orkan war im Januar 2007 über Nordrhein-Westfalen hinweggefegt und hat besonders in den Wäldern große Schäden hinterlassen.

Für Wald 2.0 erweisen sich die Verwüstungen nun als Chance. Anstelle der einstigen Gleichförmigkeit werden andere Baumarten gepflanzt: Linden, Buchen, Vogel-Kirschen, auch Eichen, Weißtannen und Douglasien. Die kleinen Bäumchen sind von hellen, rohrförmigen Schalen umhüllt, die sie vor Wild schützen. Wie Markierungen des genossenschaftlichen Wirkens stehen sie hier. Rundherum liegen viele Äste, da und dort schaut ein abgestorbener Baumstumpf hervor. »Früher galt das als unordentlich und ineffektiv«, sagt Wolff. Heute aber weiß man um die wichtige Rolle, die das sogenannte Totholz für die Artenvielfalt spielt. In seinem Büro hatte Markus Wolff schon durchblicken lassen, wie er sich die Zukunft vorstellt und welchen Plan er verfolgt: »In dreißig Jahren ist das Ziel dann schon, dass man den Wald auch als Genossenschaftswald erkennt.« Vor Ort sieht sogar die ungeübte Betrachterin bereits jetzt: Hier tut sich etwas; die Verwandlung zu einem naturnahen Mischwald ist in vollem Gange.

Das alles geschieht nicht stillschweigend. Regelmäßig lädt die Genossenschaft zu Pflanzaktionen, an denen sich Remscheider Schulen, aber auch hin und wieder Landtagsabgeordnete, Ratsmitglieder oder Naturschutzinteressierte beteiligen. Wald 2.0 möchte zeigen: Wald ist nicht gleich Wald. Er will beachtet und als vielfältige Quelle des Gemeinwohls wertgeschätzt werden. Noch liegen die Parzellen der Genossenschaft verstreut um die Stadt Remscheid herum, im Rheinisch-Bergischen Kreis, im Oberbergischen Kreis und im Märkischen Kreis – was auf der großen Karte der Wälder nicht gerade überwältigend aussieht. Doch Forstwirt Wolff, von Berufs wegen ein vorausschauender Denker, hat auch dabei einen Plan. Er sieht die kleinen Waldstücke als Keimzellen, an die andere Flächen nach und nach anschließen können, bis sie sich irgendwann verbinden. Auch die Waldgenossenschaft Remscheid im Ganzen könnte ein Ausgangspunkt für Größeres werden, denn mittlerweile interessieren sich viele Forstwirte und auch Menschen, die mit Wäldern bislang nichts zu tun hatten, für ihre Arbeit. Wolffs jüngstes Projekt zeigt ihnen, wie der Ansatz auch anderswo funktionieren kann: In Zusammenarbeit mit dem Landesbetrieb Wald und Holz NRW ist Ende 2015 ein umfassendes Handbuch erschienen.


Weitere Informationen unter www.waldgenossenschaft-remscheid.de

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In drei von fünfzig Geschichten werden auf Tor Online gelebte Gegenentwürfe zur Leitkultur des Wachstums und der Verschwendung nachgezeichnet. Gemeinsam mit dem Goethe-Institut werden in inzwischen 32 Ländern Geschichten des Gelingens gesammelt, von denen die besten hier erzählt werden und einmal mehr zeigen, was es heißt, seine Handlungsspielräume zu nutzen.

 

 

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