KOLUMNE

Einhorn-Tränen im Lippenstift


Sie sind immer noch da! 2016 war das Jahr der Einhörner - und es ist kein Ende in Sicht! Die gesamte Konsumgüterindustrie ist dem Einhornwahnsinn verfallen.  Schokoladensondereditionen, Duschgel, Trinkpäckchen, Nagellack ... Dauergrumplerin Sarah Schindler fragt sich, was das soll.

Einhörner, fantastische Tierwesen, so elegant und mysteriös. Ach, von wegen! Einhörner sind nichts anderes als weiße Pferde mit Horn. Also quasi schlanke Nashörner. In hübsch. Manchmal.

Hype ohne Ende

Gerade jetzt, da mich meine Schwester wiederholt damit gequält hat, an Weihnachten „Das letzte Einhorn“ anzugucken und ich IMMER für den roten Stier bin, oder nach dieser Farce bezüglich der limitierten Einhorn-Schokolade eines großen Schokoladenherstellers, geht mir der Einhorn-Kult echt auf den Keks.

Liebe Industrie, liebe Hipster – wollt ihr mich verkohlen? Seit wann sind denn bitte Einhörner cool? Früher waren das Wesen für echte Fantasy-Nerds und zwar solchen, denen man es auch angesehen hat. Heute hat jedes noch so schmalbrüstiges Hipster-Mädchen einen Oversize-Pullover mit Einhorn-Motiv an und stopft sich besagte rosa-weiße Schokolade rein. Falls sie denn überhaupt eine Packung bekommen hat. Denn nach 20 Stunden war die Einhorn-Schokolade von Ritter Sport schon ausverkauft. Und wo ist sie dann aufgetaucht? Natürlich auf Ebay. Zu horrenden Preisen. Für Schokolade. Okay, ich kann das verstehen, es ist Schokolade, da kann man schon einmal durchdrehen, aber mal im Ernst – warum? Da seife ich mich doch lieber mit dem Einhorn-Duschgel ein, oder nutze den Lippenstift aus Einhorn-Tränen – NOT. Das sind im Übrigen keine ausgedachten „Gebrauchsgegenstände“, sondern sie sind ganz real.

Der Einhorn-Hoodie mit Regenbogenhorn

© maskworld.com

Einhorntränen als Lippenstift von Too Faced

© rubiredlipstick

Einhorn-Schokolade Ritter Sport

© Ritter Sport

Antike, Bibel und Co. - der Anfang des Fabelwesens

Ganz im Gegensatz zum Einhorn. Das Fabelwesen begleitet die Menschheit schon seit Urzeiten. Seit der Antike (erstmals schriftlich erwähnt), wahrscheinlich noch viel länger. Aber wer kommt auf so einen Quatsch, der sich sogar nicht nur in Teilen der Bibel echt hartnäckig festgesetzt hat, sondern auch einigen Ländern, Städten und Adelsgeschlechtern als Wappen dient und heute den Einzug in den gesellschaftlichen Nonsens erhält? Bestimmt hat da ein sturzbetrunkener Kerl im Wald einen Schimmel gesehen und sich gedacht: „Dem bapp‘ ich nun einen Tannenzapfen auf die Birne.“ Seine Buddies haben das arme Tier dann gesehen und es einfach mal Einhorn getauft und der Rest ist Legende. Das ist natürlich Quatsch (naja). Seit weit mehr als 5000 Jahren kursiert nun das Gerücht über Wesen mit nur einem Horn. Dabei sind die Beschreibungen so schillernd, wie das Tier selbst: Nicht nur pferdeähnliche Tiere werden mit allerhand Gehörn (wie zum Beispiel dem einer Antilope) zum Mysterium, sondern auch Rinder, sämtliche Wildtiere (außer Wildschweine, hihi), über Nashörner (wie kreativ) bis hin zu Menschen. Alle hatten eine Sache gemein: das Horn mitten auf der Stirn. Ich mag ja die Vorstellung, dass eine einhörnige Kuh zum Einhorn erkoren wurde. 

Das letzte Einhorn von Peter S. Beagle
Lego-Figuren als Einhorn

© d97jro / pixabay

Französischer Tapisseur: Jungfrau mit Einhorn

© Französischer Tapisseur via Wikimedia Commons

Wie dem auch sei, dabei ist es, so nebenbei gesagt, egal, ob das Horn nun schneckenartig gedreht oder ganz glatt beschaffen ist, die Faszination hält bis heute an. Allerdings nicht in der Romantik wie früher, als so ziemlich alles im Kerzenschein mysteriös gewirkt haben muss, was sich ein bisschen von der eigenen Weltansicht wegbewegt. Nun haben wir also Einhorn-Ausstechformen, -Pullover, -Jumpsuits,  -Schokolade und noch vieles mehr. Warum auch immer man für eine Packung mittelguter Schokolade bis zu 1000€ bei Ebay bezahlt oder freiwillig eine Einhorn-Handtasche (ist die aus Einhornleder?) mit sich herumträgt – ich werde es nicht verstehen, denn es gibt ja wohl wahrlich spannendere Fantasiewesen, mit denen man auch deutlich besser prahlen könnte: Drachen zum Beispiel. Vielleicht sind aber Drachen einfach zu gefährlich und schlichtweg zu bedrohlich um sie als imaginäre Haustiere zu halten oder sie sich zu wünschen. Denn genau darin liegt wohl das Horn allen Übels: Ein bisschen Fantasy will doch jeder. Sei es in der Form von LARPern, die sich am Wochenende zum Rollenspielen treffen, Herr der Ringe Vergötterer oder eben den Durchschnitts-Hanswurst, der hofft, dass ein bisschen sensible Coolness von seiner Liebe zu Einhörnern auf ihn überspringt. Aber: Einhörner sind nicht cool, sondern überbewertet.

Das einzig Wahre

Wobei - das einzige Einhorn, das für mich gerade noch so als cool durchgeht, ist das Pummeleinhorn. Das ist nämlich wirklich süß und vielleicht ein adäquater Drachenersatz. Es futtert den ganzen Tag Kekse, hat gute Laune und macht sich nur wenig aus dem ganzen mysteriös-romantischen Firlefanz.  Es ist ein bisschen so wie ich. Nur mit guter Laune. Und einem Horn auf der Stirn. Ich hab‘ nämlich zwei.

Das Pummeleinhorn will die Weltherrschaft

© www.crapwaer.com

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