Der Geek-Krieg – Zwei Phaser, eine Meinung. Sarah Schindler und Christian Humberg im Schlagabtausch.

Cosplayer lieben es, sich in die Kostüme ihrer HeldInnen zu hüllen. Ist das jetzt wunderschöne Alltagsflucht oder der personifizierte Wahnsinn im Wookie-Kostüm? Unsere zwei Geek-Streithähne Sarah und Christian sind da unterschiedlicher Meinung.

 


Humberg:
Reden wir doch mal über Herzblut, Schindler. Kennst du so was? Hast du überhaupt ein Herz? Und falls ja: Wie schnell schlägt es denn fürs Cosplay, den feinen Zwirn der Phantastik?

Folgendes: Oberstes Merkmal eines Fans ist ja doch wohl seine Leidenschaft. Egal, ob wir Phantasten nun für Raumfahrer, Drachentöter, Untote oder … ähm … oder für raumfahrende untote Drachentöter (Hey, ich habe plötzlich die neue Serienidee!) brennen – dass wir brennen, ist allein entscheidend. Und oft befeuert diese Begeisterung unsere eigene Kreativität. Sie zeigt sich beispielsweise in unserem Kleiderschrank!

Cosplay ist in den letzten Jahren zur allgegenwärtig scheinenden Konstante auf Fantreffen jeglicher Art geworden. Wo immer du auch hinkommst, Han Solo und Sailor Moon sind schon da! Von Cons bis zu Buchmessen, überall sieht man kostümierte Anhänger fiktiver Universen, und nicht selten stecken in deren Kostümen mehr Arbeitsstunden (und Monatslöhne) als in anderer Leute Wohnungen, mehr rote Fäden als in einem Roman von George R. R. Martin und mehr Stoff als in einem Drehbuch von J. J. Abrams – was, zugegeben, im letzteren Fall auch nicht sonderlich schwer ist.

Was ich damit sagen will: Das ist Leidenschaft, Schindler. Das ist Herzblut.

Klar, bei dem ein oder anderen Fan wollen Körperform und Cosplay nicht so richtig zusammenschmelzen. Ein Conan mit Waschtrommelbauch und Halbglatze wirkt auf Außenstehende vermutlich nicht sonderlich barbarenhaft. Und „sexy“ ist auch stets eine Frage des persönlichen Geschmacks. Aber wen juckt das schon? Sag doch selbst: Wie viele Bierplauzen bringen Samstag für Samstag ihre bemitleidenswerten Fußballtrikots fast zum Bersten, hm? Wie viele Karnevalisten passen schon seit Jahrzehnten nicht mehr in ihre altehrwürdigen Gardeuniformen? Sagt da jemand etwas? Nö. Aber bei Cosplayern bekommt man plötzlich Augenkrebs? Ich bitte dich!

Cosplayer haben eben Spaß an fiktiven Welten und der entsprechenden, meist selbstgemachten „Landestracht“. Ihr Herzblut verleiht jeder Szeneveranstaltung die optische Würze. Und wenn du mich fragst, ist das verfrellt gut so.

 

Schindler:

Ach, Humberg. Ich dachte immer, du hast dein Herz am rechten Fleck, aber irgendwie scheint da nur ein kleiner Cosplayer mit Herzkostüm zu sitzen und auf eine kleine Trommel zu schlagen. Außerdem scheint dir der kleine Cosplayer, nennen wir ihn mal Torben-Hannes, zudem dein Hirn zu vernebeln, denn es gibt nichts Traurigeres als Menschen, die sich dank der Kostümierung als Manga-, Comic- oder Filmheld Selbstwertgefühl verschaffen. Natürlich steckt da furchtbar viel Arbeit drin; für manche lohnt es sich sogar, und sie verdienen ihr Geld damit. Aber jedes Mal, wenn ich über eine Messe oder Con schlendere, denke ich mir, dass andere Hobbys doch so viel sinnvoller wären. Stricken, zum Beispiel. Wie geil wäre bitte ein selbstgestricktes Son-Goku-Cosplay? Das würde ich auch gebührend bestaunen. Aber nein, meine Augen müssen sich ja allerlei hässliches und mit wenig Liebe zusammengefriemeltes Allerlei antun, was die meisten eher als Kindergarteneinstufungstestversagen ansehen würden statt als ernsthaftes Kostüm.

Du fragst mich, wen juckt das schon? MICH! Und ich bin nicht alleine, da bin ich mir sicher. Ein Beispiel: Auf der Gamescom habe ich eine junge Dame getroffen, die sich, offenbar mit viel Selbstironie, Humor und unfassbarem Selbstbewusstsein, trotz oder gerade wegen ihrer überzähligen Pfunde als BB-8 kostümiert hat. Ich fand das toll. Also echt jetzt – hab‘ ich ihr auch gesagt. Aber bei vielen anderen dicken und dünnen Sailor Moons, halbglatzigen Conans oder pickligen Narutos stehen Selbstwahrnehmung und Außenwirkung in totaler Inkongruenz. So viel geballte Selbstüberschätzung als Fassade vor unsäglicher Selbstverachtung ist einfach zu viel des Guten. Und das alles nur für ein bisschen Aufmerksamkeit, Zugehörigkeit und Flucht aus der eigenen Wirklichkeit. Ich bitte dich, das kann nicht gesund sein.

Spaß an fiktiven Welten hin oder her, aber warum darf die fiktive Welt nicht dort bleiben, wo sie ist, sondern muss fast durchgehend in die reale Welt mitgenommen und anderen, realen Wesen, die sich im schlimmsten Fall noch darüber lustig machen, aufgezwungen werden? Ich gehe auch gerne im Chewbacca-Bademantel (in dem ich eher aussehe wie ein Ewok) zum Kiosk an der Ecke, aber das ist noch lange kein Cosplay. Warum ich das erwähne? Weil ich ähnlich uncharmante Outfits auch schon auf Cons und Messen gesehen habe, und das verhöhnt Cosplayer, die sich massig Mühe geben, noch mehr als ich mit meiner fiesen Ader.

Leidenschaft… Ja, nur bei wem schafft das Leiden? Es geht mir dabei echt nicht um „hotte“ Booth-Babes in LoL-Outfits, das ist nämlich ein ganz anderes Thema, über das wir gerne diskutieren können. Es geht mir dabei um die Frage, warum sich Kerle mittleren Alters in weibliche Manga-Heldinnen verwandeln müssen, Knutschkugeln in hautenge Sailor-Mars-Outfits zwängen und wieso ich mir das angucken muss.

Apropos angucken müssen – ich wohne in Köln, und das Karnevalistenargument zählt nicht, denn das ist mindestens genau so bescheuert, wenn nicht gar noch mehr. Levve und levve losse (leben und leben lassen) hin oder her: Wer den Großteil seines Lebens im Kostüm verbringt, hat für mich nicht alle Schwerter am eisernen Thron.

 


Der Geek-Krieg: Zwei Phaser, eine Meinung.
Reboots sind doof, Prequels sind Teufelswerk, der Roman war immer besser als der Film/Comic/vorlonische Gedichtzyklus, und überhaupt haben alle anderen doch ab-so-lut keine Ahnung von der Materie … Fandebatten gehören zur Phantastik wie der Fluxkompensator in die Zeitmaschine. Denn Fans sind leidenschaftlich, wenn es um ihre Leidenschaft geht. Und nicht selten sind sie sich uneinig. Dann … kommt es zum Geek-Krieg! FISCHER Tor schickt stellvertretend für Sie an die Front: Sarah Schindler, weitgereiste Genrejournalistin mit akuter Allergie gegen Stuss, und Christian Humberg, phantasieaffiner Schriftsteller mit rosaroter Altfan-Brille.

Schindler und Humberg beim Geek-Krieg Schlagabtausch zum Thema Cosplay

© bogitw / pixabay

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