13. ElsterCon 2016: Das Spitzentreffen der Science-Fiction-Szene in Leipzig

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Der 13. ElsterCon 2016: Das Spitzentreffen der Science-Fiction-Szene in Leipzig


Auf dem 13. ElsterCon 2016 versammelte sich große Autoren der Science-Fiction-Literatur wie Andreas Brandhorst, Dietmar Dath, Christian von Aster und Ian McDonald, um über kosmische Weltenentwürfe, den gläsernen Menschen und Künstliche Intelligenz zu sprechen. Unser Autor Hardy Kettlitz berichtet uns vom diesjährigen Spitzentreffen in Leipzig.

 

Immer wieder, wenn ich einen Roman lese, geht mir der Gedanke durch den Kopf: »Den Autor würde ich gern einmal kennenlernen.« Jo Walton gibt in ihrer Kolumne »Wie man mit Autoren redet« eine hervorragende Anleitung, wie man sich als Leser einem Autor gegenüber am besten verhält.

Und gelegentlich hat man das Glück, bekannte Autoren zu treffen, zum Beispiel bei Lesungen oder auch auf einer Convention. Wie zum Beispiel kürzlich vom 16. bis 18. September auf dem ElsterCon, der vom Freundeskreis Science Fiction Leipzig im Haus des Buches ausgerichtet wird. Der ElsterCon hat inzwischen eine Tradition, die bis ins Jahr 1992 zurück reicht. Die Namensliste der Ehrengäste in all den Jahren ist unglaublich lang und liest sich wie ein Who Is Who der internationalen Science Fiction und Fantasy. Hier nur wenige Beispiele: Norman Spinrad, Kir Bulytschow, Christopher Priest, Kim Newman, Thomas M. Disch, Charles Sheffield, Nancy Kress, Jesco von Puttkamer, George R. R. Martin, Michael Bishop, Tim Powers, Paul J. McAuley, Wolfgang Jeschke, Orson Scott Card, Kai Meyer, Brian Lumley, John Clute, Richard Morgan, Vernor Vinge, Greg Bear und Kristine Kathryn Rusch.

Nicht umsonst sagte der Verleger und Herausgeber Werner Fuchs vor ein paar Tagen am Telefon zu mir: »Na klar komme ich. Das ist doch das Spitzentreffen der Science-Fiction-Szene in Deutschland!« Und weil der ElsterCon bei weitem nicht so viele Besucher hat wie eine Media-Convention, zu der Schauspieler beliebter Fernsehserien und Kinofilme eingeladen werden, hat man tatsächlich immer Gelegenheit, zwischen den einzelnen Panels mit einem der Ehrengäste bei einem Bier oder einem Kaffee beisammen zu sitzen und ihn auszufragen. Denn wie Jo Walton bereits betont hat: Autoren sind ganz normale Menschen.

Das Programm bot in zwei parallel laufenden Zeitschienen eine Menge Abwechslung. Am Freitagabend eröffneten Boris Koch und Christian von Aster den Con mit einer szenischen Lesung, in der alle Ehrengäste und deren Werk und Wirken auf äußerst amüsante Weise vorgestellt wurden. Im Anschluss daran gab es Lesungen und Gespräche zunächst mit deutschen Autoren, nämlich Karl Olsberg, Christian von Aster, Boris Koch und Bernhard Kempen.

Der Samstag ist immer der programmstärkste Tag auf dem ElsterCon. Den Auftakt machte Dietmar Dath mit einer Lesung aus neuen Texten und einem Gespräch über sein Werk und aktuellen Themen. Zeitgleich hatte ich Gelegenheit, im benachbarten Saal zur Premiere des neuen Buches »Die Hugo Awards 1985–2000« über Anekdoten, Höhepunkte und Reinfälle bei den Verleihungen der Hugo Awards zu erzählen.

Apropos: Der Hugo-Preisträger und vielfach ausgezeichnete Autor Ian McDonald, der in den letzten zehn Jahren vor allem durch die Romane River of Gods (dt. Cyberabad), Brasyl und The Dervish House von sich reden gemacht hat, las aus seinem neuen Roman Luna: New Moon, der im Dezember auch auf Deutsch erscheinen wird. Im Gespräch wies er darauf hin, dass ihm in seinen Werken besonders wichtig sei, plausible und wissenschaftlich stichhaltige Zukunftsszenarien zu entwerfen, weshalb ihn derzeit unser nächstgelegener Himmelskörper, also der Mond, am meisten beschäftigt.

Im Gegensatz dazu interessiert sich Andreas Brandhorst mehr für große, kosmische Weltentwürfe. Während er bereits in den 1980er Jahren eine ganze Reihe von Romanen und einen Teil der Heftserie Die Terranauten geschrieben hat, war er mehr als zwei Jahrzehnte vor allem als Übersetzer von Star-Trek-Romanen und der Werke von Terry Pratchett bekannt. 2004 kehrte er als Autor in die Science-Fiction-Szene zurück und ist seit dem Kantaki-Zyklus mit mehr als zwei Dutzend neuer Romane sehr erfolgreich. In seiner Lesung stellte er den im Oktober erscheinenden neuen Roman Omni vor und erzählte im Gespräch über Weltentwürfe, Unsterblichkeit und Künstliche Intelligenzen.

In eine ganz andere Richtung ging das Gespräch mit Horror-Altmeister Graham Masterton, der auf eine vierzigjährige Karriere zurückblickte. Er erzählte zum Beispiel, wie er als junger Mann William Burroughs kennengelernt hat und wie sich beide damals in journalistischem Auftrag unter falschem Namen bei der Scientology eingeschlichen haben. Neben rund 70 Horrorromanen und Thrillern hat Masterton in der Anfangszeit seiner Karriere, als er für Herrenmagazine wie Mayfair arbeitete, auch unter Pseudonym gut zwei Dutzend Sexratgeber verfasst, über die er sehr launig zu erzählen wusste. 

  • Daniel Suarez auf der 13. ElsterCon, dem Science-Fiction-Treffen, in Leipzig

    Daniel Suarez / © Hardy Kettlitz

  • Diemar Dath und Uwe Schimunek auf der 13. ElsterCon, dem Science-Fiction-Treffen, in Leipzig

    Dietmar Dath im Gespräch mit Moderator Uwe Schimunek / © Hardy Kettlitz

  • Ian McDonald und Gregor Jungh auf der 13. ElsterCon, dem Science-Fiction-Treffen, in Leipzig

    Ian McDonald wurde von Gregor Jungheim gedolmetscht / © Hardy Kettlitz

  • Graham Masterton auf der 13. ElsterCon, dem Science-Fiction-Treffen, in Leipzig

    Graham Masterton präsentiert deutsche Ausgaben seiner Romane / © Hardy Kettlitz

Im parallelen Programm gab es bis zur Mittagszeit Gesprächsrunden mit weiteren deutschen Ehrengästen wie der Autorin und Liedermacherin Ju Honisch (neuester Roman Schwingen aus Stein), den Comic-Künstlern Thekla und Michael Barck (kürzlich erschien No Borders) und Karsten Kruschel (neuer Roman Das Universum nach Landau, siehe auch die Erzählung »Teufels Obliegenheiten«).

Am frühen Abend stellte sich schließlich Daniel Suarez den Fragen des Publikums und berichtete im Gespräch über seine Werke und Ideen. Der US-Amerikaner ist ursprünglich Softwareentwickler und weiß daher sehr genau über Computer- und Betriebssysteme Bescheid, die in seinen Science-Fiction-Romanen wie Deamon: Die Welt ist nur ein Spiel oder Darknet eine Rolle spielen.

Jeder ElsterCon hat jedoch auch ein Motto, um das es in mehreren Panels geht. In diesem Jahr hieß es »Der gläserne Mensch – Leben in der schönen neuen digitalen Welt«. Der Science-Fiction -Autor und Zukunftsforscher Karlheinz Steinmüller (siehe auch die Erzählung »Wiedergeburt«) leitete das Thema mit einem Vortrag ein: »Von Big Brother zu Big Data oder der Weg vom Bürger zum Borg. Ein spekulativer Blick in die Zukunft«.

Im ersten Forum des Nachmittags unterhielten sich dann Daniel Suarez, Graham Masterton, Andreas Brandhorst und Karlheinz Steinmüller unter der wortgewandten Moderation von Dietmar Dath über den »Aufstand der Maschinen«. Gemeint waren damit vor allem Probleme, die durch die Digitalisierung sowie die Entwicklung von künstlichen Intelligenzen auf die Menschheit zukommen könnten. Während Andreas Brandhorst die These vertrat, dass die Singularität, wie sie auch Nick Bostrom in seinen Sachbüchern beschreibt, eine tatsächliche Bedrohung darstellt, äußersten andere Gesprächsteilnehmer Zweifel daran, dass eine dem menschlichen Bewusstsein ähnliche Simulation technisch möglich sei, da auch noch so schnellen Computer- und Logiksystemen die Körperlichkeit des Menschen fehlt. Natürlich kam man in dem Disput zu keiner Lösung, aber es wurden viele interessante Aspekte des Problems beleuchtet.

Das zweite Forum hatte den Titel »Der gläserne Mensch – Überwachung total?«. Unter erneuter Moderation von Dietmar Dath diskutierten diesmal Ian McDonald, Thekla und Michael Barck sowie Karl Olsberg über Datensammelwut der Geheimdienste, Überwachung des Bürgers durch den Staat und private Unternehmen sowie die Gefahren, die von sozialen Netzwerken ausgehen können. Dabei waren die Aussagen sowohl pessimistisch als auch optimistisch und mündeten in einem Aufruf ans Publikum zu einem verantwortungsvollen und bewussten Umgang mit dem Internet. Einen Beitrag zum Thema Überwachung lieferte übrigens auch René Meyer in seinem Vortrag zum Thema »Überwachung im Computerspiel«.

Kurd-Laßwitz-Preis 2016: Die Preisträger

Einer der schönsten Höhepunkte des ElsterCons ist jedes Mal die Verleihung des Kurd-Laßwitz-Preises, die vom Treuhänder Udo Klotz vorgenommen wird. Erfreulicherweise war die Mehrzahl der Preisträger auch vor Ort und konnte die Ehrung persönlich in Empfang nehmen. So wurde zum Beispiel Andreas Brandhorst für Das Schiff als bester deutschsprachiger Roman mit Erstausgabe im Jahr 2015 ausgezeichnet. Er war in den vorangegangenen Jahren bereits mehrfach nominiert worden. Als beste Erzählung wurde »Was geschieht dem Licht am Ende des Tunnels?« von Karsten Kruschel ausgezeichnet. Alle weiteren Preisträger sind hier zu finden: Kurd-Laßwitz-Preis 

Natürlich hatten die Besucher des ElsterCon auch den ganzen Tag über Gelegenheit, neue und antiquarische Bücher zu kaufen und sich ihre Exemplare von den Autoren signieren zu lassen. Der Samstag endete dann mit einem gemeinsamen Abendessen, bei dem nach dem eng geplanten Programm schließlich auch genug Zeit war, um sich über die gesammelten Eindrücke oder neue Ideen und Projekte auszutauschen.

Der Sonntag ist auf dem ElsterCon meist etwas ruhiger. So gibt es inzwischen traditionell einen thematischen Stadtrundgang, bei dem der Leipziger Autor Henner Kotte auf regionale literarische Besonderheiten hinweist und Anekdoten zum Besten gibt.

Besonders beliebt ist aber der »Kaffeeklatsch«, eine Tradition, die es auch auf internationalen Conventions gibt. Dabei findet sich das Publikum in zwangloser Runde mit den Autoren zusammen. Dieses Mal konnte man Ian McDonald und Daniel Suarez ausfragen. Besonders gelungen war aber auch das etwas außerhalb gelegene Meet & Greet mit Horror-Altmeister Graham Masterton, zu dem das Verlegerehepaar Inge und Frank Festa ins heimische Wohnzimmer eingeladen hatte. Masterton hat offenbar einen unerschöpflichen Fundus an Anekdoten, die er zum Besten gab, und nahm sich viel Zeit, um persönliche Widmungen in Bücher zu schreiben und geduldig auch ungewöhnliche Fragen zu beantworten.

Der ElsterCon war eine rundum gelungene Veranstaltung, deren Homepage übrigens hier zu finden ist: Freundeskreis SF Leipzig

Ich persönlich freue mich schon sehr auf das nächste Mal und bin gespannt, welche Autoren wir 2018 persönlich kennenlernen können.

Hardy Kettlitz

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