Keplers Dämon - Begegnungen zwischen Literatur, Traum und Wissenschaft  Buch Dante Titel

Quelle: ex Bibliotheca Gymnasii Altonani / Wikimedia Commons

ESSAY

Keplers Dämon (Teil 1/3): Kosmologie und Literatur - Von Dante zur Science-Fiction



Dantes Weltbild hat die Literatur und auch die Wissenschaft bis heute beflügelt. Elmar Schenkel, Autor von „Keplers Dämon“, gibt Einblicke in Dantes Göttliche Komödie und deren Einflüsse auf die phantastische Literatur.

Gauguin fragte 1897 in seinem berühmten Gemälde: »Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?« Wir geben uns nicht mehr zufrieden mit dem Leben auf der Erd-Insel, wir wollen wissen, wie diese Insel eingebettet liegt in größeren Archipelen, Kontinenten, Galaxien – mit anderen Worten, in größeren Fragen. Neben die Frage nach dem Sinn unseres kleinen Lebens tritt die Frage nach dem Sinn allen Lebens. Sich mit Science-Fiction zu beschäftigen ist nicht die schlechteste Art, dieser Frage nachzugehen.

Die Kosmologie fragt nach dem Ursprung des Universums, nach seiner Struktur sowie nach seiner Entwicklungsrichtung. Sie kann nicht nach dem Warum fragen, aber hofft vielleicht, dass sich eine Antwort darauf aus den erkannten Wahrheiten ergibt. Wenn ich weiß, dass alles in einem Urknall entstanden ist, so kann ich weiterfragen: Was war denn vorher, gibt es überhaupt ein Vorher? Wieso kam es zum Knall, das heißt zur Entstehung des Universums? War es denn ein Knall oder ein Wort oder eine Melodie? (Ohren, die solches hätten hören können, waren noch gar nicht vorhanden.) Kann diese Singularität durch eine göttliche Intelligenz geschehen oder von selbst? Was können wir überhaupt mit unserem begrenzten Verstand dazu sagen?

Der griechische Kosmos heißt zunächst Schmuck oder Anordnung und ist daher mit Kosmetik verwandt. Später wird Kosmos die abstrakte Ordnung, das aufgeräumte All sozusagen, im Gegensatz zum ungestalten Chaos (dem wir im Übrigen das Wort Gas verdanken). Während das irdische Geschehen unberechenbar bleibt, hat der Himmel eine gewisse Berechenbarkeit. Seine gleichmäßigen Bewegungen machen ihn für die frühen Völker zur ersten Uhr; man trägt sie nicht am Arm, sondern über dem Kopf. Vielleicht war die Himmelsscheibe von Nebra die erste tragbare Uhr überhaupt, da sie den Himmel auf die Erde herunterholte. Astronomie und Astrologie ergänzen und vermischen sich in allen Hochkulturen.

Meine Vermutung ist, dass kosmologische Fragen in der Literatur immer dann in den Vordergrund treten, wenn sich Krisen in Weltanschauungsfragen auftun, die ihrerseits auf reale Ereignisse wie Pest, Hungersnöte, Eiszeiten, Trockenzeiten, Vulkanausbrüche oder Kriege zurückgehen.

Dantes Komödie, die erst später die Göttliche genannt wurde, ist einerseits die Kulmination des mittelalterlichen Weltbildes, andererseits eine phantastische Fusion von griechisch-römischer Antike mit christlicher Lehre. Dass sie eine Krise reflektiert, zeigt schon die Tatsache, dass die Hälfte aller Prominenten der damals bekannten Welt in der Hölle untergebracht wurden – ganz zu schweigen von Dantes Zeitgenossen. Viele der Höllenbewohner sind Glaubensspalter oder Ketzer, wie etwa Mohammed. Hinzu kommen Kirchenväter, Bischöfe und Päpste, die sich der Simonie oder der Wollust oder anderer Sünden schuldig gemacht hatten – in dieser Hinsicht formulierte Dante schon um 1300 eine frühprotestantische Kritik. Es brodelte in der Kirche wie in der Politik. Dante musste aus Florenz fliehen, weil er zu den Kaisertreuen gehörte, die mit den Papstanhängern in Konflikt waren. Die Unordnung auf der Erde war so verwirrend, dass nur ein Blick an den Himmel, auf das Ewige Licht, die rettende Beatrice helfen konnte. Renaissance und Protestantismus standen vor der Tür, ein neues Menschenbild deutete sich an.

Dante kann man allerdings auch als Wissenschaftler verstehen, der die astronomisch-kosmologischen Kenntnisse seiner Zeit und der Antike literarisch umsetzte. Gleichnishaft ist der Aufbau seiner Welt, doch zugleich auch physisch erfahrbar, so wie die Sünden in ihrem Ursprung geistig sind, aber körperlich in der Hölle ausgebadet werden müssen. Dante geht in der Mitte seines Lebens in eine Krise hinein, die ihm das Tor zu den unsichtbaren Welten, den Mikro- und den Makrokosmos öffnet. Sein Führer ist der große Dichter Vergil, der, kurz vor der Ankunft Christi lebend, nicht getauft ist und deshalb nur bis an den Rand des Paradieses geleiten darf. Man könnte Dantes Reise in die spirituellen Welten als den Besuch eines Laboratoriums bezeichnen, in dem Gott die Menschenseelen bearbeitet und wie ein Alchemist aus ihnen Gold machen will. Doch sie widerstreben, zumeist. Der Laborant Vergil führt den Florentiner an gefährlichen Apparaturen vorbei, an giftigen Abfalleimern und strahlenden Substanzen, die sich im ersten Raum befinden. Im zweiten liegen die gereinigten, aber noch nicht ganz geläuterten Substanzen, während der dritte Raum nur noch aus Leuchtstoff besteht. Gerade im ersten Raum, der Hölle, ist der Reiseführer unabdingbar.

Die Hölle besteht aus neun Kreisen und weiteren Unterkreisen. Ihr Eingang liegt unter der Stadt Jerusalem, und ihr Bau bohrt sich kegelförmig in die Tiefe bis zum Mittelpunkt der Erde. Andere vermuten den Eingang auf den Phlegräischen Feldern bei Neapel, wo es bis heute heftig nach Feuer und Schwefel stinkt. (’2. Gegenbesuche) Festzuhalten ist: In der Mitte des Kosmos ist die Erde, und in der Mitte der Erde ist die Hölle – ein geradezu höllozentrisches Weltbild. Wenn der Sünder vor dem Höllentor steht, so erfahren wir später, wird seine Schuld gewogen und eingeschätzt von Minos. Der schlägt mit seinem riesigen Schwanz auf eine Stelle und entscheidet damit, in welchen Kreis der Hölle man gehen muss. Im ersten Kreis der Hölle befinden sich die unschuldigerweise nicht Getauften – wie etwa Vergil sowie andere von Dante bewunderte Dichter und Denker der Antike von Homer bis Aristoteles. Selbst der gefürchtete, aber doch edle Eroberer Jerusalems zur Zeit der Kreuzzüge, Sultan Saladin, befindet sich hier. Es folgen Kreise für die Wollüstigen (Kleopatra, Helena, Paris), die ein Sturm hin- und herwirft (der Sturm der Leidenschaften), für die Gefräßigen, die ein eisiger Regen plagt, für die Verschwender und Geizhälse, die endlos Lasten wälzen müssen. Im fünften Kreis sitzen die Zornigen und kämpfen fortwährend miteinander, immer in Gefahr, vom Sumpf verschluckt zu werden. Im sechsten Kreis sitzen die Ketzer in flammenden Särgen. Es folgen die Gewalttäter (Alexander der Große, Attila), die im Blut kochen, die Selbstmörder, die an Sträuchern wachsen, welche von den Harpyen immer aufs Neue zerfetzt werden, die Blasphemiker, Sodomiten, Wucherer – auf sie rieseln feurige Flocken hernieder. Im achten Kreis trifft Dante auf die Kuppler und Verführer, die von den Teufeln gepeitscht werden, auf die Schmeichler und die Huren, korrupte Päpste, Zauberer, Wahrsager (deren Köpfe nach hinten verdreht sind) sowie auf Heuchler, die mit schweren, aber vergoldeten Bleimänteln gehen. Die Diebe sind hier ebenfalls versammelt wie auch die Hinterlistigen, deren Oberhaupt Odysseus ist. Hier ist auch der Kreis der Glaubensspalter und Ketzer, denen immerfort ihre Glieder abgehackt werden. Und nicht zuletzt wohnen hier die Alchemisten und Fälscher, die an ekelhaften Krankheiten leiden. Der neunte Kreis ist den Verrätern vorbehalten, allen voran Judas, dann Brutus und Cassius. Doch in der Mitte, im Eis, sitzt der oberste aller Verräter: Luzifer.

Und nun wird wieder deutlich, wie merkwürdig Dantes Kosmologie Wissenschaft und Erzählung mischt: Am zotteligen Fell Luzifers klettern Dante und Vergil – das könnte aus einem Märchenfilm stammen – zum Erdmittelpunkt, um schließlich auf der anderen Seite der Erde den Läuterungsberg, das Purgatorium, zu erreichen. Der befindet sich gegenüber von Jerusalem in einem unbekannten Meer – heute wissen wir, er liegt auf 32 Grad südlicher Breite und 145 Grad westlicher Länge, das heißt im Pazifischen Ozean, irgendwo zwischen Tahiti und der Osterinsel. Der Berg ragt mit sieben Terrassen und zwei Vorstufen zum Himmel empor, und der Weg führt ins Paradies, wo Beatrice die Führungsrolle von Vergil übernimmt. Läuterungsberg und Paradies haben die Leser weniger fasziniert als der Horror in der Hölle, der einen physisch und psychisch stärker angeht; Tugend neigt zur körperlosen Abstraktion. Für Dante hört die Welt aber nicht mit dem Paradies auf. Über diesem erstrecken sich die neun Himmelssphären, die von den Engeln erfüllt sind, bis hin zu Gott selbst.

Am Ende wird Dante von einem Blitz der Erkenntnis getroffen: »che la mia mente fu percossa da un fulgore.« Daraufhin fühlt er sich durch die umfassende Liebe beschwingt, die Liebe, die »die Sonne und die anderen Sterne« bewegt, »l’amor che move il sole e l’altre stelle«. Dantes großer Gesang endet mit dem Wort »Sterne«, so, wie zuvor beide vorangehenden Teile geendet hatten. Der Blick zu den Sternen ist konstitutiv für diese Vision des Ewigen Lichtes. Das Universum muss mitgesehen werden, sonst ist die Perspektive zu irdisch-verblendet. Zudem ist alles durch Korrespondenzen verbunden – ob in der astrologisch-antiken oder christlichen Sicht. Körper, Krankheiten, Schicksale, Lebensläufe, Sünden und Tugenden sind klar definiert von der Nähe oder Ferne zur Liebe, zum Ewigen Licht, während die himmlischen Sphären in alter Harmonie umeinanderkreisen. Insofern ist für Dante die Kosmologie ein entscheidender Parameter für ein richtiges Leben.

Dantes Weltbild hat die Literatur bis heute beflügelt. Die Amerikaner T.S. Eliot und Ezra Pound, aber auch die britische Kriminalautorin Dorothy L. Sayers oder die Lyriker Ossip Mandelstam und Seamus Heaney gehören zu den Verehrern, und über ihre Gründe müsste man gesondert nachdenken. Doch auch die Wissenschaft war früh von Dante fasziniert. Zu denken wäre an den Versuch Galileis, die Maße der Hölle zu berechnen (’2. Gegenbesuche). Bis heute suchen Forscher nach der Stelle, wo Dante sie versteckt hat.

Ernstzunehmender ist ein anderer Versuch, die Aktualität Dantes nachzuweisen. Ich meine das Buch des Astrophysikers Bruno Binggeli: Primum Mobile. Dantes Jenseitsreise und die moderne Kosmologie. Binggeli übersetzt Dante so: Was wir Makrokosmos und Mikrokosmos nennen, das heißt alles, was jenseits menschlicher Sinneserfahrung liegt und was wir nur vermittelt darstellen können über Graphen oder computerisierte Visualisierung, bildet unser heutiges Jenseits ab. Der mittlere Bereich, auf den wir mit unseren Sinnen abgestimmt sind, zum Beispiel im Farbspektrum, ist der von uns bewohnte Mesokosmos, in dem Quantenphysik und Relativität nur minimal und kaum erkennbar eine Rolle spielen. Anders dagegen in den außerdurchschnittlichen Welten des Mikro- und Makrokosmos.

Binggeli begreift daher »Physik und Astronomie als moderne Jenseitsforschung« (Binggeli 22). Spannend und manchmal atemberaubend sind seine Parallelisierungen dieser modernen Jenseitsforschung mit derjenigen Dantes. Demnach ist erst die moderne Kosmologie, die von einem Urknall ausgeht, in der Lage, Dantes Komödie zu verstehen. Der Big Bang ist bei Dante das primum mobile, das Erste Bewegende, das die Sphären in Bewegung hält. Mit unserer Technik, den neuesten Observatorien und dem Hubble-Teleskop, sind wir in der Lage, immer weiter zurück in die Vergangenheit zu schauen, und dabei sind wir bis an den Rand der Singularität namens Urknall vorgestoßen. Immer mehr wissen wir auch über die Vorgänge in den ersten Sekundenbruchteilen nach dem Urknall. All dies führt Binggeli zu verwegenen Schlussfolgerungen. So wie Dante (mit Hilfe von Beatrice) das Licht beschreibt, das in die Welt dringt, so können wir uns den Urknall als Quelle ebendes Lichtes im Universum vorstellen. Die Sphären der Engel, die sich zwischen der göttlichen und planetarischen Welt erstrecken, wären vergleichbar mit der sogenannten Phasenumwandlung der kosmischen Grundlagen nach der ersten Millionstelsekunde. Es ist die Zeit, in der seltsame Eigenschaften entstehen, ohne die unser Universum nicht zu denken wäre. Sie tragen die Namen von Elementarteilchen wie Leptonen, Photonen, Quarks oder Gluonen oder sind Antiteilchen. Erst danach entsteht die Welt der Protonen und Neutronen. Im Big Bang kombinieren sich Mikro- und Makrokosmos: Die kleinsten Teilchen bauen sich zu einer Welt auf, die letztlich unser Universum sein wird, nach dem alchemistischen Kennwort des Hermes Trismegistos: »Wie oben, so unten.« Dante beobachtet, dass die Engel immer schneller tanzen, je näher sie dem göttlichen Licht stehen. Binggeli sieht daher eine enge Verbindung zwischen der Teilchenwelt der kosmischen Frühzeit und der Hierarchie der Engel in der Nähe Gottes, des Ersten Bewegenden. (Ebd. 316) Luzifers Fall in die Erde kennzeichnet die Folgen aus der Entstehung der vier Grundkräfte des Universums, zu denen die Schwerkraft gehört. Die Hölle kann als schwarzes Loch oder dunkle Materie erscheinen. Nur ist bei Dante alles Physikalische eben allegorisch gedacht.

"Die geistige Hierarchie, welche Dante nach seiner Beschreibung des 28. Paradiesgesangs der Komödie im Kristallhimmel erschaut: Eine Art gestaffelte Wirkkraft, die unmittelbar aus der transzendenten Ganzheit und Einheit ausfließt und die Welt in Gang hält – sie ist im Grund genau dasselbe, wonach die Teilchenphysiker Ausschau halten, wenn sie […] den Zustand der kosmischen Frühzeit im Labor zu simulieren versuchen." (Ebd. 317)

Mögen die Astrophysiker diesen Vergleich überprüfen, aber nicht ohne den Rat von Theologen und Literaturwissenschaftlern! Dante jedenfalls regt an zu einer produktiven Begegnung zwischen den Fakultäten.

Während sich die Kosmologie zunehmend verwissenschaftlicht, rebellieren die Geister. Milton und Donne sehen sich konfrontiert mit der ›Neuen Philosophie‹, die Kopernikus, Kepler und Galilei in die Welt gesetzt haben. Eine Antwort haben sie nicht, sie schwanken zwischen alten und neuen Weltbildern. Die Tatsache, dass die neuen Tiefen des Raumes erschreckend sind, spricht den Wahrheitssinn und vor allem die imaginative Kraft der Dichter an. In der Aufklärung wird der Weltraum zum Spekulationsobjekt für technische Ideen und, dank der immer besseren Teleskope, für kosmologische Theorien über den Ursprung und die Ausdehnung des Weltalls. Solche wissenschaftliche Kosmologie führte schließlich zur Science-Fiction.

Einer ihrer ersten Vertreter, Edgar Allan Poe, setzte sich in seinem großen Essay »Eureka« intensiv mit neuesten kosmologischen Theorien auseinander. Kritiker sind sich bis heute nicht einig, ob es sich bei diesem Werk, das aus einem Vortrag im Jahr vor seinem Tod (1849) entstanden ist, um eine tiefgründige Kosmologie, ein theologisches Prosagedicht oder eine wissenschaftliche Satire handelt. Von Anfang an wurde es für absurd befunden, später haben Paul Valéry, Einstein und Eddington es rehabilitiert. Poe scheint die Vorstellung des Big Bang vorwegzunehmen, wenn er von der Entstehung des Universums aus einem einzigen Partikel spricht. Dieses Partikel wurde durch den Willen Gottes in Bewegung gesetzt, und seither pulsiert das Weltall, mal sich ausdehnend, mal kollabierend. (Poe 921) Der Kosmos ist nichts anderes als – das Herz. Unwillkürlich ist man an Poes Horrorgeschichte erinnert, in der das Herz eines Toten laut unter dem Fußboden pocht, während die Polizei die Wohnung des Mörders durchsucht – zumindest glaubt der Erzähler es zu hören (»The Tell-Tale Heart«, dt. »Das verräterische Herz«). Imagination und Realität werden eins, so wie Poe in seinem Essay die Trennung zwischen Geist und Materie aufhebt. In manchen Bereichen ist Poe auf der Höhe der Wissenschaften seiner Zeit, so, als er eine Erklärung dafür bringt, warum der Himmel nachts dunkel ist und nicht leuchtend hell, wie er es aufgrund der zahllosen Sterne eigentlich sein sollte. Auch die Idee, dass Raum und zeitliche Dauer identisch sind, lässt Poes Essays modern anmuten.

Man hat bald Bezüge dieses Essays zu seinen Kurzgeschichten und deren Theorie gesehen. Wenn er in »Eureka« sagt, das Universum sei ein Plot Gottes und als solcher perfekt, dann sehen wir hier den Autor von spannenden Erzählungen, die, wenn sie einen Effekt haben sollen, wie das Universum nicht eine gewisse Länge überschreiten dürfen. Während Einstein sagte, Gott würfelt nicht, stellte Poe fest: »Große Geister raten gut.«

Er selbst hielt den Essay für sein Hauptwerk und sah sich nach diesem Wurf als völlig erschöpft an. Gewidmet hat er »Eureka« übrigens einem anderen, der wissenschaftliches Genie mit literarischem Talent verband: Alexander von Humboldt. Poes Zeitgenossen mögen den Essay vielleicht nicht verstanden haben, sein Verleger versprach sich nichts davon. Aber ein Zeitgenosse, der den Vortrag hörte, schrieb, es sei eine hypnotisierende Rhapsodie gewesen.

Anders als Poe verband der englische Autor H.G. Wells seine literarische Tätigkeit mit einer soliden Ausbildung in Biologie. Immerhin hatte er bei einem Schüler Darwins studiert, T.H. Huxley, der auch »Darwins Bulldogge« genannt wurde. Als Wells nach einem Unfall bettlägerig wurde und die Literatur wiederentdeckte, verbanden sich imaginative Impulse mit biologischen Kenntnissen. So dehnte er den Zeithorizont aus und stellte sich in Erzählungen und Essays einerseits den Urmenschen vor, andererseits verlängerte er die Evolution in die Zukunft. In seinem berühmtesten Werk The Time Machine (1895) besucht der Zeitreisende das Jahr 802701, das schon durch seine Ziffernfolge auf Niedergang verweist. Dort begegnet der viktorianische Reisende einer gespaltenen Menschheit – den Eloi, die im Sonnenlicht spielen, und den Morlocks, die unter der Erde die Arbeit verrichten, aber leider auch die lästige Angewohnheit haben, die Eloi zu verspeisen. Doch die Reise führt ihn am Ende noch weiter – bis zum Tod der Sonne und der Erde. Damit reagierte Wells auf Ängste in der viktorianischen Zeit, die sich sowohl aus sozialen Unruhen als auch aus Theorien über das baldige Verlöschen der Sonne ergaben.

Wells hatte jedoch einen Jünger, der weiter in Zeit und Raum vorstieß als jeder andere SF-Autor. Ich meine den britischen Pazifisten und Lehrer Olaf Stapledon (1886–1950), der auch Philosoph und Sozialist war. Als 1930 sein erster großer Science-Fiction-Roman Last and First Men erschien, sagte Wells: »Alle werden glauben, das Buch sei von mir beeinflusst. Ich wollte, es wäre so.« Stapledon zogen neue Formen der Intelligenz an, seien sie nun menschlich, irdisch oder außerirdisch. In Odd John geht es um das Leben eines savant, eines außergewöhnlich klugen Jungen, in Sirius um einen intelligenten Hund und ein Mädchen, die miteinander telepathisch verbunden sind. In »The Flames« sind die Flammen eines Feuers Träger einer unbekannten, hochintelligenten Zivilisation, die die Erde auffressen wird (nachdem der Erzähler unter ihrem Einfluss sein Haus in Brand gesteckt hat). In mancher Hinsicht erinnert Stapledons Thematik an Philip K. Dicks Romane und Erzählungen. Was ihn jedoch von vielen anderen abhebt, sind seine zwei kosmologischen Hauptwerke Last and First Men (1930) und Star Maker (1937). In Ersterem beschreibt er einen Zeitraum von zwei Milliarden Jahren und die darin aufblühenden und zerfallenden Menschengattungen. Nachdem ein Weltstaat eingetreten ist, entsteht die sogenannte Patagonische Zivilisation, die aber von einer nuklearen Explosion zerstört wird. Nur 35 Menschen überleben am Nordpol und bilden die Zweite Menschheit. Der Egoismus ist abgeschafft, aber man führt Krieg mit Mars und löscht die dortige Zivilisation aus. Dennoch welkt die Zweite Menschheit dahin. Die nächste Menschengattung ist viel kleiner. Die Menschen sind nun aus sexuellen Gründen stolz auf ihre Ohren. Ihre Hände haben sie mit Stahlantennen ausgerüstet. Vor allem interessieren sie sich für Musik und lebende Organismen. Die Dritte Menschheit konstruiert Riesenhirne, wird aber der Vierten zum Versuchskaninchen. Eine künstlich erbaute Gattung besiegt die Vierte Menschheit, und mit der Fünften entsteht eine gigantische Technologie, mit der die Venus erobert wird. Nach einem Massengenozid dort verliert die Fünfte ihre Macht. Und so geht es weiter, auf und ab. Von der Zehnten Gattung an werden die Wesen immer weniger den Menschen ähnlich, sie entwickeln eine Gruppenidentität und werden zu Schwärmen. In der Achtzehnten Menschheit treten Philosophen und Künstler hervor. Es gibt neue Formen der Geschlechtlichkeit. Schwärme schließen sich telepathisch zusammen, und die Unsterblichkeit ist erreicht, jedenfalls solange man keine Unfälle oder Gewalt erleidet. Inzwischen wird ein ritueller Kannibalismus praktiziert. Als eine Supernova auf der Sonne aufschlägt, verbrennen diese Menschen auf Neptun. Aber zuvor haben sie Viren ins All verschossen, so dass das Leben weitergehen wird.

Zwei Milliarden Jahre und 18 Menschheiten – das ist keine schlechte Leistung für die Phantasie eines Lehrers in den dreißiger Jahren. Aber sieben Jahre später setzte Stapledon noch eins drauf und publizierte Star Maker. Der Science-Fiction-Autor und Verfasser einer Geschichte der Science-Fiction, Brian Aldiss, hat seine Ehrfurcht vor diesem Werk so bekundet: »Star Maker ist wirklich das eine große, graue, heilige Buch der Science-Fiction.« (Aldiss 247) Die Geschichte beginnt sehr lokal und britisch auf einem Hügel mit Blick auf eine Stadt. Der Erzähler sieht die nächtliche Stadt und die Sterne und wird mit einem Mal aus seinem Körper hinauskatapultiert. Er begibt sich so, fast wie in einer Nahtoderfahrung, auf eine kosmische Reise und wird selbst Teil der kosmischen Geschichte, in der galaktische Schwärme unterwegs sind, sich bekriegen, sich lieben und neue Wesen hervorbringen. Die zuvor lang ausgebreitete Geschichte der 18 Menschheiten nimmt in diesem Buch nur noch einen Absatz ein; es ist wie ein Augenblinzeln. »Das Universum erschien mir wie eine Leere, in der vereinzelte Schneeflocken schwebten.« (Stapledon 1982, 14) Der Höhepunkt ist die Begegnung mit dem Sternenmacher. Wir treten in ein Lichtereignis ein, das an Dante erinnert:

"Denn nun geschah es, dass ich plötzlich das dreidimensionale Sehvermögen aller Kreaturen ablegte und wohl den Sternenschöpfer von Angesicht zu Angesicht schaute. Ich sah, wenn auch irgendwo im kosmischen Raum, den flammenden Ursprung des hyperkosmischen Lichts wie einen überwältigenden Lichtpunkt, einen Stern, eine Sonne, die mächtiger war als alle Sonnen zusammen. Es schien mir, als wäre dieser strahlende Stern das Zentrum einer vierdimensionalen Kugel, deren gekurvte gebogene Oberfläche den dreidimensionalen Kosmos bildete. Dieser Stern aller Sterne, dieser Stern, der in der Tat der Sternenschöpfer war, wurde von mir, seinem kosmischen Geschöpf, einen Augenblick lang wahrgenommen, ehe sein Glanz meine Augen blendete. Und in diesem Augenblick wusste ich, dass ich wirklich den Ursprung alles kosmischen Lichtes und Lebens und Geistes geschaut hatte." (Stapledon 1982, 288f.)

Es ist aber auch eine Selbstbegegnung des Menschen als Künstler mit der göttlichen Intelligenz, die auch nichts anderes macht, als künstlerisch zu gestalten, zu zerstören und aufzubauen, zu experimentieren wie mit Texten oder Bausteinen, mit Klängen oder Worten. So gibt es neben unserem und anderen Universen auch einen Kosmos, der nur aus Musik besteht.

Stapledon war einer der Ersten, der Modelle für Schwarmintelligenz entworfen hat, aber er war auch ein Erfinder von virtuellen Realitäten. Ganze Welten können als Raumschiffe dienen, es gibt Maschinen, die nicht mehr den Umweg über die menschliche Motorik brauchen, sondern direkt auf das Gehirn eingestellt sind. Mag sein, dass Stapledon keine spannenden Thriller auftischt, aber im Grunde erzählt er die spannendste Geschichte überhaupt: die Begegnung des Menschen mit dem Kosmos, die eine Begegnung des Menschen mit seinem Innersten ist. Auch sein Sternenmacher sagt: »Es werde Licht.«

 

Literatur

  • Aldiss, Brian (mit David Wingrove). Trillion Year Spree. The History of Science Fiction. London: Paladin 1988.
  • Binggeli, Bruno. Primum Mobile. Dantes Jenseitsreise und die moderne Kosmologie. Zürich: Ammann 2006.
  • Dante Alighieri. La Commedia. Die Göttliche Komödie. In drei Bänden. Übersetzt und kommentiert von Hartmut Köhler. Stuttgart: Reclam 201012.
  • Harder, Finn. »Zwei Schriftsteller durchqueren den Weltraum. Douglas Adams und Olaf Stapledon«. In: E. Schenkel, Kati Voigt, Hg. Sonne, Mond und Ferne. Der Weltraum in Philosophie, Politik und Literatur. Bern/Frankfurt/M.: Peter Lang 2013. 141156.
  • Le Blanc, Thomas und Johannes Rüster, Hg. Glaubenswelten. Götter in Science-Fiction und Fantasy. Wetzlar: Phantastische Bibliothek 2005.
  • Poe, Edgar Allan. Das gesamte Werk in 10 Bänden. Band 5: Kosmos und Eschatologie. Herrschin: Pawlak 1980.
  • Stapledon, Olaf. Last and First Men. London: Methuen 1930.
  • –. Star Maker. Harmondsworth: Penguin 1988 [dt:. Der Sternenschöpfer. München: Heyne, 1982].


Zum Buch

Literatur und Wissenschaft, künstlerische Imagination und rationales Denken zählen zu zwei getrennten Kulturen. Dennoch gibt es Berührungspunkte: Was wäre die Entwicklung der Raumfahrt ohne Jules Verne? Was Sherlock Holmes ohne chemische Kenntnisse? Um Episoden, Begegnungen, Schnittpunkte dieser beiden Welten geht es Elmar Schenkel in seinem neuen Buch. Er legt die wechselseitige Beeinflussung von Wissenschaft und Literatur frei und bringt u.a. Marie Curie, René Descartes, Alva Edison, Galileo Galilei, Friedrich August Kekulé oder Dimitri Mendelejew mit Douglas Adams, Flaubert, Calvino, Agatha Christie, Dante, Paul Valéry, Mary Shelley, Jonathan Swift oder Tolkien ins Gespräch. Eine faszinierende und brillant geschriebene Erkundung – voller neuer, überraschender Verbindungen. Auf TOR ONLINE veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung der S. Fischer Verlag GmbH auszugsweise drei Kapitel.

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