Autor Adrian Walker über die Auswahl der Stimme für sein Hörbuch

© Rama Knight

ESSAY

Die richtige Stimme (von Adrian J Walker)


Adrian Walker
25.08.2016

»Eigentlich wollte ich Schriftsteller sein.« In seinem Essay erzählt Adrian Walker, wie er vom Computerfachmann zum Buchautor wurde.

 

Joseph Campbell sagte: »Folge deinem Glück.« Erkenne die Berufung, hör auf die Stimme. Aber das ist leichter gesagt als getan; für jede Stimme, die dich anspornt, gibt es eine andere, die dich zurückpfeift.

Es war 2008, im Winter. Über Edinburgh hing ein Supermond. Ich machte mich träge auf den Weg zur Arbeit, während der Satz »du wirst Vater« in meinem Kopf Karussell fuhr, und beschloss ein für alle Mal, auf die falsche Stimme zu hören.

Das ist, wie sich herausgestellt hat, eine schlechte Idee, aber das wusste ich damals noch nicht. Wir schrieben das Jahr 2008, und die falschen Stimmen waren überall. Vulkanasche und Angstbegriffe aus der Finanzwelt wie »Subprime« lagen in der Luft. Ich hatte keine Ahnung, was »Subprime« bedeutete, aber ich würde einen Teufel tun, ein Risiko einzugehen. Ich wollte nicht als zweitklassig eingestuft werden, schließlich wurde ich jetzt Vater – da muss man fest im Sattel sitzen, oder nicht? Wenn schon Klasse, dann die höchste.

Spitzenklasse.

Eigentlich wollte ich Schriftsteller sein. Ich hatte auch schon ein Buch geschrieben, The Sanctuary. Aber wenn ich es an Agenten schicken wollte, musste ich es überarbeiten, und dafür fehlte mir die Zeit. Vernünftig und stoisch und realistisch wie ich war, musste ich die Träumerei sein lassen.

Ich entschied mich also dafür, meinen Job als freier IT-Mitarbeiter an den Nagel zu hängen und mir eine feste Stelle zu suchen. Das bedeutete weniger Freiheit und Zeit, aber wenigstens ein regelmäßiges Gehalt. Für meine Tochter würde ich auf meine Träume verzichten. Es fühlte sich gut an. Erleichtert strahlte ich den Riesenmond an.

Inzwischen kenne ich meine Tochter. Ich weiß, wie viel ihr Träume bedeuten. Und ich weiß, was für ein schlechtes Vorbild ich damals war.

Neun Monate später war der Mond wieder in respektvolle Entfernung gerückt, und wir begrüßten endlich unser erstes Kind. Unsere Tochter war hübsch und fröhlich und gesund und umgänglich. Von den Windelbergen und Nachtmahlzeiten mal abgesehen war das Leben mit ihr ein einziges Glück.

Aber insgeheim nagte es schon an mir. Mit Ausnahme meiner neuen Rolle als Vater konnte ich meinem neuen Leben nicht viel abgewinnen. Ich arbeitete in einem Büro und verdiente mein Geld mit dem Schreiben von Software, mit der dann andere Leute Geld verdienten. Zum wirklichen Schreiben blieb keine Zeit. The Sanctuary versauerte in einer Schublade. Ich sah mit jedem Tag schwärzer.

Ich behielt diese schwarzen Gedanken für mich, alles andere wäre egoistisch gewesen. Schließlich hatte ich eine Familie zu versorgen und einen gut bezahlten Job. Bei meiner täglichen Plackerei war ich nicht mit Kloaken, Krawall, Waffen oder Blut konfrontiert. Beim Programmieren ist noch keiner gestorben, obwohl sich mein Leben für mich damals wie ein langsamer Tod angefühlt hat. Ich ahnte, dass ich nicht der Einzige war, dem es so ging. Auch andere hetzten mit gesenkten Köpfen über die Flure und kämpften mit ihren eigenen schwarzen Gedanken.

So läuft es eben, belehrte mich eine sonderbare Stimme. Sie klang wie Tina, die gruselige Küchenchefin in dieser Folge von Spaced, wo Daisy als Spülerin jobbt.

DAISY

(wirft den Besen hin)

Ich bin Schriftstellerin, wissen Sie? Ich bin kreativ. Warum soll ich den verdammten Boden fegen?

TINA

(zieht die Brauen hoch)

Alle, die hier arbeiten, sind Schriftsteller … Sie sind alle kreativ, Daisy. Nicht nur du.

Du solltest froh und dankbar sein, schien Tina mir zu sagen. Du bist einer von denen, die es noch ganz gut getroffen haben. Also hör auf zu jammern und werd endlich erwachsen.

Ich versuchte es. In der Mittagspause ging ich laufen und drehte die Musik so laut, dass sie meine Gedanken übertönte. Ich hörte Songzeilen, die ich vorher noch nie gehört hatte. Pearl Jams Not For You: »If you hate something, don’t you do it too« – Wenn du etwas hasst, mach bloß nicht mit.

Schreckliche, tiefschwarze Worte. Eddie Vedder schüttelte den Kopf über mich. Ich tat etwas, was ich hasste, ich war einer von denen.

Zwei Jahre später purzelte mein Sohn in mein Leben und brachte seine ganz eigene Freude mit. Jetzt hatte ich eine vollständige Familie, die ich ernährte – von Zweitklassigkeit keine Spur. Nach außen hin lief alles super. Aber die Fassade bekam erste Risse. Zu Hause war ich schlecht drauf. Ich trank zu viel. Machte Fehler bei der Arbeit. Manche meiner Kollegen dachten, ich drehe langsam durch, und vielleicht hatten sie recht. Ich war nicht sicher, wie lang ich noch durchhalten würde.

Du hältst durch, giftete Tina. Du hältst durch, weil du MUSST.

Aber da war diese schwarze, tiefschwarze TRÜBSAL.

Gerettet hat mich meine Frau, die ein Gehirn von der Größe eines Planeten hat. Ich bin ihr unendlich dankbar.

»Dieses Buch«, sagte sie. »Warum veröffentlichst du es nicht?«

»Pff«, sagte ich und trat gegen eine Wand oder so. »Hab ich doch versucht. Interessiert kein Schwein. Kein Agent will es.«

»Du brauchst keinen Agenten« sagte sie, wie eine Mutter, die ein trotziges Kind vom Messerblock wegsteuert. »Du kannst es selber rausbringen.«

Sie erzählte mir von KDP, der Self-Publishing-Plattform von Amazon. Für einige Autoren schien es zu funktionieren.

Hmpf. Mja. *Tritt*

Ich nahm mir ein paar Tage frei. The Sanctuary wurde zu From the Storm. Eines Morgens lud ich es hoch und ging zur Arbeit. Dann verfolgte ich verblüfft, dass sich tatsächlich Käufer fanden. Interessant.

Kurz darauf sagte meine Frau, übrigens, sie hätte sich gedacht, wo ich doch meine Arbeit hasste und sie dieses planetengroße Hirn hatte, das sie eigentlich ganz gern mal wieder benutzen wollte, nachdem unsere Kinder aus dem Gröbsten raus waren … da hätte sie sich überlegt, es wäre vielleicht schlauer, wenn wir es andersrum machten. Vielleicht sollte sie arbeiten gehen und ich zu Hause bleiben und mich um die Kinder kümmern. Und schreiben.

Drei Jahre und einen Kontinent später saßen meine Frau und ich im Pavillon eines mexikanischen Restaurants, tranken Bier und betrachteten die Wolken, die am texanischen Horizont aufzogen. Der Plan meiner Frau war aufgegangen: Wir waren mittlerweile in Amerika, ich hatte drei Bücher erfolgreich im Selbstverlag herausgebracht, meine Frau liebte ihren Job, den Kindern ging es gut. Jener Supermond schien sehr weit weg.

Die Stimmen schlagen dir gern ein Schnippchen – für jede, die dich anspornt, pfeift eine andere dich wieder zurück. Ein paar Monate zuvor hatten wir erfahren, dass unser unbeschwertes Leben in den USA ein vorzeitiges Ende nehmen würde. Es würde schwer genug werden, nach Großbritannien zurückzugehen – wir mochten unser Leben in Texas –, und obendrein würde es teuer sein. Meine Bücher brachten noch nicht genug Geld ein, um die Differenz auszugleichen. Wenn ich nicht doch noch in der Zweitklassigkeit landen wollte, würde ich wieder als ITler arbeiten müssen.

Wir saßen da, kratzten die Etiketten von den Bierflaschen und sahen die Wolken näherkommen, als etwas geschah, das einem nur einmal im Leben passiert, wenn man Glück hat (und ich habe Riesenglück, das weiß ich). Mein Smartphone meldete eine neue E-Mail – ein Lektor von Penguin Random House hatte mein zweites Buch gelesen, The End of the World Running Club, und fand es gut. Ob ich mir einen herkömmlichen Verlagsvertrag vorstellen könnte?

Ob ich mir das vorstellen könnte?

Ich gab einen unbestimmten Laut von mir. Dann warf ich das Telefon in mein Glas und fiel vom Stuhl. (Und dann sagte ich natürlich Ja.)

Wie gesagt: Ich weiß, dass ich ein Glückspilz bin. Ich habe eine Frau geheiratet, die mir das Leben gerettet hat, und mein Buch ist zur richtigen Zeit in den richtigen Händen gelandet. Aber Glück hat man nur, wenn man auf die richtige Stimme hört – wenn man sie aus allen anderen Stimmen heraushört.

Die Zusammenarbeit mit den Leuten von Penguin Random House war fantastisch, und ich kann gar nicht in Worte fassen, was für ein Gefühl es ist, dass The End of the World Running Club (Am Ende aller Zeiten) jetzt dort verlegt wird. Das Beste an ihnen ist ihre Leidenschaft für die Bücher, die sie machen. Sie haben eine Berufung, und sie folgen ihr. Und ich bin – zumindest fürs Erste – froh und glücklich, das auch zu tun.

 

Deutsch von Nadine Püschel


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