Die Würfel werden fallen: Pen&Paper-Rollenspiel im 21. Jahrhundert

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Die Würfel werden fallen: Pen&Paper-Rollenspiel im 21. Jahrhundert


Pen&Paper-Rollenspiele wie Das Schwarze Auge oder Dungeons & Dragons sind unfassbar Old School – und gerade deshalb im Moment wieder so attraktiv. Nur wird heute nicht mehr ausschließlich analog gespielt, sondern nicht selten mit Zuschauern auf Youtube. Heiko Raschke vom Gasthaus zum rollenden Würfel über das Pen&Paper-Rollenspiel 2.0

Es ist Dienstagabend. Gerade tippe ich die Antwort auf eine Frage, die im Chat an mich gerichtet wurde, in meine Tastatur. Da zählt ein Countdown vor mir herunter. Ich befinde mich nicht auf irgendeiner dubiosen Website, die meine Worte zählen möchte, sondern auf Youtube. Gemeinsam mit 45 weiteren Pen&Paper-Fans des Spiels „Das Schwarze Auge“ in der 5. Edition tummle ich mich im Chat. Wir fiebern zusammen auf die Premiere einer neuen Folge des Pen&Paper-Let’s Plays hin, das ich mit meiner Gruppe produziere. Der Countdown erreicht die Null. Bei allen anwesenden startet das Video zeitgleich. Jubel breitet sich im Chat aus. Obwohl ich mir selbst gerade dabei zusehe, wie ich die neue Folge anmoderiere, erlebe ich doch die Spielrunde neu. Ich kann live dabei sein, wenn andere, mir gänzlich unbekannte Pen&Paper-Fans in unsere Welt eintauchen und mit unseren Helden mitfiebern. Der Chat wird zu einem modernen Theatersaal, in dem ich als Darsteller das Feedback aus dem Publikum aufnehmen kann. Pen&Paper im 21. Jahrhundert ist anders und wird sich weiter verändern.

Mit Stift und Papier gegen die Konkurrenz

Schon seit langer Zeit hat es mein liebstes Hobby schwer. Zu laut, bunt und neu sind die Angebote der Konkurrenz. Wenn einem es so leicht gemacht wird, spektakulär inszenierte Kämpfe auf dem Fernseher oder PC zu konsumieren, warum sollte man dann noch ein dickes Regelbuch wälzen und den Kampf mühsam auswürfeln? Heute kann man viel leichter coole Kämpfe durch das geschickte drücken von Knöpfen auf Controllern genießen. Obendrein gibt es überall spannende Geschichten, als EBook, Hörbuch oder auf dem Handy. Dementsprechend schwer hat es das Pen&Paper-Hobby, neue Spieler zu gewinnen. Und doch tut sich etwas in der Szene – ganz schleichend und still. 

Die Würfel werden fallen: Pen&Paper-Rollenspiel im 21. Jahrhundert

Die Renaissance 

Ich muss Netflix danken. Nein, nicht etwa, weil der Streaminganbieter es uns Normalsterblichen noch leichter gemacht hat, lieber Filme zu konsumieren, statt Brettspiele zu spielen. Ich danke dem Konzern für die Eröffnungsszene von „Stranger Things“. In der ersten Folge sieht man die Hauptdarsteller das berühmte Dungeons & Dragons spielen. Ich muss mich korrigieren: Sie spielen es nicht nur, sie erleben es! Diese Szene begründete meinen Einstieg in die Welt der modernen Papier-und-Stift-KriegerInnen und ich bin damit nicht der Einzige. Der Serienstart verschaffte dem Spiel ungeahnte Höhenflüge. Dungeons & Dragons ist in Amerika wieder Kult. Geek and Sundry produzieren Shows rund um dieses Spiel, die man hierzulande locker auf Spartensendern im Fernsehen zeigen könnte. Doch anders als im Fernsehen sind hier die Fans interaktiv dabei. Sie konsumieren nicht nur die Show, sie prägen sie. Während man sich in Deutschland bisher noch in Foren mühsam nach Videos durchfragen muss, wird in Übersee unser Hobby bereits als Entertainment zelebriert.

So langsam bekommt das auch die Szene in Deutschland mit. Sie erwacht scheinbar aus einem Dornröschenschlaf und füllt sich dank Social Media mit neuen Lebensgeistern. Heute diskutiert man online über die Auslegung von Regeln oder sucht nach Spielgruppen in der Nähe. Auf den aktiven Austausch in der DSA-Facebookgruppe kann so mancher Serienfreund nur neidisch sein. Auch Youtube wird mittlerweile davon infiziert – und wir vom „Gasthaus Zum rollenden Würfel“ sind mitten drin.

Pen&Paper Entertainment

Wenn in den Köpfen der Spieler und Zuschauer ein eigener Film entsteht, dann kann Pen&Paper es auch mit großem Blockbusterkino aufnehmen, denn nichts ist stärker als die eigene Phantasie. Dieser helfen wir auf die Sprünge, damit sie dank fesselnden Story, mutigem Rollenspiel und packender Musik und Soundeffekten zum Kopfkino heranreift. So erreicht eine Runde bei uns oder bei Geek and Sundry eine ganz eigene Dynamik. Die Zuschauer lieben es. Wir bekommen haufenweise Kommentare von Leuten, die dank unserer Runde zu ihrem alten Hobby zurückfinden. Wieder andere schreiben uns, dass sie unsere Videos schauen, obwohl sie „Das Schwarze Auge“ gar nicht kennen. Für sie ist es eine Art improvisiertes Hörspiel, in dem ab und zu gewürfelt wird. Kopfkino eben. 

Die Würfel werden fallen: Pen&Paper-Rollenspiel im 21. Jahrhundert
Die Würfel werden fallen: Pen&Paper-Rollenspiel im 21. Jahrhundert

Schnitt einer Folge für das Gasthaus auf YouTube

Kopfkino für zu Hause

Natürlich kann nicht jede Spielrunde zu Hause mit Schnitten, Geräuschen und Grafikeinblendungen punkten. Trotzdem lassen sich heute mit modernen Mitteln Effekte erzeugen, die noch Jahre nachwirken. Handyapps wie „DMDJ“ oder „Syrinscape“ untermalen die Stimmung im Hand umdrehen mit Geräuschen; Spotify-Playlists liefern die Musik passend zur Stimmung; Schönes Artwork von Portalen wie Deviantart.com wandern über Tablets an den Spieltisch; Glühbirnen, deren Farben einstellbar sind, sorgen für die passende Lichtstimmung; Kostümfans finden hier einen neuen Anlass, sich zu verkleiden. An einem so ausgestatteten Spieltisch versinkt jeder noch so fantasielose Spieler in einer gemeinsam generierten Fantasiewelt.

Einzig lästige Regelfragen können dann die Immersion noch zerstören. Das haben die Entwickler mittlerweile selbst erkannt, deshalb entschlacken sie in den aktuellen Editionen die Regelberge – sehr zum Leidwesen der Hardcore-Fans. Obwohl die 5. Edition von „Das Schwarze Auge“ nun schon seit fünf Jahren auf dem Markt ist, gibt es noch immer einen beträchtlichen Teil der Community, der auf alte Editionen schwört. Somit bietet das Spiel heute für jeden eine Plattform. Wer mit Bergen von Regeln klarkommt oder sie gar braucht, wird mit den alten Editionen selig, Neueinsteiger können sich hingegen glücklich schätzen, dass die aktuelle Edition die Einstiegshürden stark gesenkt hat.

Grenzenlos online spielen 

Der eine oder andere erinnert sich vielleicht an seine Kindheitstage, als man noch mit seinen Schulkameraden gemeinsam gegen Orks ins Feld zog. Heute sind die Freunde jedoch oft weggezogen. Die alten Zeiten noch einmal aufflammen zu lassen scheint damit kaum realisierbar. Aber die neuen technischen Mittel des 21. Jahrhunderts überwinden diese Grenzen. Google-Hangout macht es möglich, dass man online gemeinsam weiterspielen kann. Programme wie „Roll20“ oder „Fantasygrounds“ geben dabei dem Spielleiter alles Nötige an die Hand, damit auch in 100 Kilometern Entfernung die Schwerter klirren. Diese Programme können in 3D individuelle Karten, Monster und Heldenfiguren darstellen und Kämpfe mit Geräuschen untermalen. Man muss nicht einmal mehr einen 20-seitigen Würfel besitzen, denn auch das kann einem das Programm abnehmen.

Heute haben Pen&Paper-Spieler so viele Möglichkeiten, ihre Runden zu gestalten, wie nie zuvor. Und dieses wunderschöne Hobby braucht sich keineswegs hinter Filmen, PC-Spielen und Handy-Apps zu verstecken. Im Gegenteil: Pen&Paper hat gerade dank der neuen Technologien eine große Zukunft – in diesem Sinne wünsche ich euch gute Unterhaltung am Tisch …

 

Euer Heiko aus dem „Gasthaus Zum rollenden Würfel“ 

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