Das Zeitalter der Drachen – Ein kurzer Trip in die Welt von Dragon Age

© BioWare

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Das Zeitalter der Drachen – Ein kurzer Trip in die Welt von Dragon Age


Laura Dümpelfeld
17.12.2018

Worauf viele Dragon Age-Fans seit Herbst 2015 sehnsüchtig warten, ist nun bei den Game Awards 2018 offiziell bestätigt worden: BioWare arbeitet am vierten Teil der Reihe. Zeit, sich diese in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Computerspielreihe etwas genauer anzusehen.

 

(Disclaimer: Es könnte sein, dass das stellenweise in euphorischer Begeisterung endet, was möglicherweise daran liegt, dass ich ein verdammt großer Dragon Age-Fan bin. Man möge mir also eventuelle Ausschweifungen verzeihen.)

 

Eine Legende entsteht

Als BioWare im November 2009 mit Dragon Age: Origins den Grundstein für eine neue Computer-Rollenspiel-Reihe legte, war vermutlich nicht einmal dem Entwicklerteam rund um Mark Darrah bewusst, was sie hiermit lostraten. Neun Jahre, zwei Fortsetzungen und zahlreiche DLCs und Add-ons später besteht kein Zweifel mehr, dass Dragon Age sich längst mit Genregrößen wie Elder Scrolls oder Baldur’s Gate messen kann. Sicherlich ist die Reihe lange nicht perfekt; insbesondere Dragon Age II musste teils heftige Kritik einstecken, konnte man sich doch des Eindrucks nicht erwehren, dass hier speziell beim Design der Welt extrem gespart wurde und Locations teilweise einfach recycelt und mehrfach wiederverwendet wurden. Doch bei aller – größtenteils berechtigter – Kritik gibt es doch einige Dinge, die Dragon Age auszeichnen und in meinen Augen zu einer der besten Computerspielreihen überhaupt machen.

Die Gefährten

Eine der größten Stärken der Dragon Age-Reihe liegt in den Figuren, die dem jeweiligen Hauptcharakter zur Seite stehen. Bereits Origins überzeugte mit tiefgründigen und vielschichtigen Charakteren, die alle ihre eigenen Hintergründe und Motivationen hatten. Im Laufe des Spiels lernt man diese Companions besser kennen, erfährt mehr über ihren Hintergrund und entwickelt eine Beziehung zu ihnen, wobei man selbst entscheidet, ob man sich eher gut oder schlecht mit ihnen versteht. Auch die Dynamik zwischen den Companions ist in allen drei Teilen interessant zu verfolgen – vor allem die kleinen Dialoge, die unterwegs zwischen den Figuren entstehen, besitzen häufig einen hohen Unterhaltungswert und lassen eine Vertiefung der Beziehungen erkennen. Ob gegenseitige Spötteleien oder amüsante Gespräche über geflickte Klamotten oder Alkoholsorten – nur zu oft wird man unterwegs dazu verleitet, einfach stehen zu bleiben und den Dialogen zu lauschen.

Absolut erwähnenswert sind natürlich auch die Romance-Optionen, die bei einigen der Companions zur Verfügung stehen. Hier ist von Origins bis Inquisition eine deutliche Entwicklung zu sehen, besonders was die Auswahl und die jeweilige sexuelle Orientierung der Charaktere angeht – doch dazu später mehr.

Dragon Age schafft es auf unvergleichliche Art, diesen Figuren Leben einzuhauchen und sie real und glaubhaft wirken zu lassen – davon könnten sich mancher Film und manches Buch eine Scheibe abschneiden.

Das Zeitalter der Drachen – Ein kurzer Trip in die Welt von Dragon Age

DragonAge: Inquisiton // © BioWare

Eine Welt ist nicht genug

In diesem Fall allerdings schon. Thedas heißt die Welt, in der Dragon Age spielt, und diesen gewaltigen Kontinent lernen wir im Laufe der Spielreihe immer besser kennen. In Origins beschränken wir uns noch auf das Land Ferelden als einzigen Handlungsort – auch wenn andere Länder wie Orlais, Tevinter oder Anderfels bereits Erwähnung finden –, und Dragon Age II spielt sogar fast ausschließlich in Kirkwall, einer der freien Städte in den Freien Marschen. Mit Inquisition kommt zusätzlich zu Ferelden und den Freien Marschen noch das große Kaiserreich von Orlais hinzu, und auf der Weltkarte können wir nun auch Länder wie Nevarra, Antiva oder Rivain betrachten. Zwar führt die Handlung des Spiels uns nicht dorthin, doch viele kleine Nebenplots hängen mit diesen Ländern zusammen, sodass immer stärker der Eindruck einer großen, vielfältigen und multikulturellen Welt entsteht. Gesammelte Schriftstücke und Kodexeinträge ermöglichen es uns, mehr über Thedas und die verschiedenen Länder zu erfahren, über ihre Geschichte, ihre politische Situation, ihre Kultur und Bräuche. Gruppierungen wie die Nevarranischen Mortalitasi, die Freunde der Roten Jenny oder die berüchtigten Krähen von Antiva beleben die Welt von Dragon Age und lassen sie real und glaubhaft wirken. Und nicht zuletzt die Schauplätze, die man während des Spiels bereist, sind unglaublich faszinierend gestaltet. Man taucht völlig ein in diese Welt, wenn man die weitläufige unterirdische Zwergenstadt Orzammar erkundet, die grün schillernden Wälder der Smaragdgräber oder die endlosen Weiten der Fauchenden Ödnis, wo es außer Sand und Stein kaum etwas zu geben scheint. Vergessene elfische Tempel, Ruinen des alten Tevinter-Imperiums und Höhlen voller Riesenspinnen warten in Thedas auf uns ebenso wie die schillernde orlaisianische Hauptstadt Val Royeaux mit ihren prächtigen Bauten. Thedas hat viel zu bieten und hat uns längst noch nicht alle seiner Wunder offenbart.

It’s Storytime

Jedes gute Rollenspiel lebt zum Großteil von seiner Story. Gute Spiele können sich in dieser Hinsicht locker mit Filmen, Serien oder Büchern messen – ja, oft genug warten sie sogar mit besseren Geschichten auf. Dass dieser Aspekt von Computerspielen oftmals in der Öffentlichkeit keinerlei Beachtung findet, ist in meinen Augen mehr als schade; aber das ist ein Thema, über das an anderer Stelle diskutiert werden sollte.

Dragon Age jedenfalls überzeugt und überrascht immer wieder mit vielschichtigen, originellen und qualitativ hochwertigen Geschichten – sowohl was die Hauptstory angeht als auch die von Spiel zu Spiel immer zahlreicher werdenden Nebenplots. Unvorhersehbare Wendungen und unerwartete Enthüllungen sorgen oft genug für regelrechte What-the-fuck-Momente. Hinzu kommt, dass die Handlung nicht ausschließlich linear verläuft, sondern wir an vielen Stellen die Wahl zwischen verschiedenen Optionen haben – was wiederum Auswirkungen auf den weiteren Verlauf der Geschichte hat. Und oft genug geht es dabei nicht darum, zwischen richtig und falsch zu entscheiden. Stattdessen sehen wir uns mehrfach mit der Wahl zwischen zwei Optionen konfrontiert, die beide sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich bringen. Wenn es etwa darum geht, zwischen zwei Anwärtern auf den Thron eines kürzlich verstorbenen Königs zu wählen, von denen der eine moralisch und der andere politisch untragbar ist.

Das Zeitalter der Drachen – Ein kurzer Trip in die Welt von Dragon Age

DragonAge: Inquisiton // © BioWare

Dies sind dunkle Zeiten

Überhaupt bietet Dragon Age wenig Schwarz-Weiß-Malerei, sondern arbeitet viel mit Graustufen. Zwar sind ein paar der „BösenTM“ recht klar definiert (seien es nun die Monster der Dunklen Brut oder aber Dämonen und Abscheulichkeiten), jedoch kommen wir in den Spielen immer wieder an Punkte, wo diese Einteilungen infrage gestellt werden. Und selbst die Motive der Antagonisten sind in den meisten Fällen zumindest nachvollziehbar, auch wenn man ihre Ansichten nicht teilt.

Die Spiele werden im Allgemeinen der Dark Fantasy zugeordnet und werden dieser Zuordnung auch meistens gerecht: Es geht düster und blutig zu in Thedas, und das nicht nur, wenn mordende Horden Dunkler Brut über Ferelden herfallen oder Risse im Schleier Dämonen aus dem Nichts ausspucken. Häufig sind es die kleinen Nebenhandlungen, die besonders düster und grausam sind – wie das Kind, das in seiner Not einen Pakt mit einem Dämon schließt und daraufhin unbeabsichtigt eine halbe Stadt durch Untote auslöscht, oder wie der Wahnsinnige, der Elfenkinder zu Tode quält, weil sie in seinen Augen zu schön sind.

Neben all den düsteren Geschichten bietet die Dragon Age-Reihe aber auch eine gehörige Portion Humor. Die Dialoge und Cutscenes bieten nicht selten Anlass zum Schmunzeln, und überall in der Spielwelt finden sich kleine versteckte Anspielungen und Witze, die zwar nicht plotrelevant sind, aber einen erheblichen Mehrwert darstellen. Ob ein Friedhof mit humorvollen Grabsteinsprüchen oder ein Käserad, das als Schild verwendet werden kann – Dragon Age steckt voller versteckter kleiner Gimmicks, die zu entdecken ordentlich Spaß macht.

Diversity und politische Agenda

Bei einem Fantasy-Rollenspiel würde man nicht unbedingt vermuten, dass es politische und soziale Themen wie Diversität oder Diskriminierung aufgreift. Vielleicht funktionieren sie in Dragon Age gerade deshalb so gut.

Wie bereits angesprochen, bekommen wir in allen drei Spielen die Möglichkeit, mit einigen unserer Companions eine romantische Beziehung einzugehen. Das Besondere hierbei ist, dass sich Dragon Age von Anfang an nicht auf rein heterosexuelle Beziehungen beschränkt hat. Und die Diversität nimmt von Teil zu Teil zu. Gab es bei Origins lediglich vier Figuren, mit denen eine Romanze möglich war (zwei weibliche und zwei männliche, wovon jeweils eine hetero- und eine bisexuell war), so wartet Inquisition mit gleich acht möglichen Romanzen und einer bunten Mischung aus hetero-, homo- und bisexuellen Charakteren auf. Und nicht nur das. War die sexuelle Orientierung in Origins noch einfach nur „da“, ohne abseits der eigentlichen Romanze relevant zu sein, thematisiert Inquisition in einer Nebenstory die Probleme eines homosexuellen Charakters, dessen Vater versuchte, ihn durch Blutmagie zu ändern; nicht ganz unähnlich den diversen absurden Methoden, mit denen auch in der Realität manche Eltern versuchen, ihre nicht-heterosexuellen Kinder zu ändern. Andererseits wird deutlich, dass es kaum ein Land in Thedas wirklich ein Problem ist, nicht heterosexuell zu sein. Und Inquisition geht noch einen Schritt weiter, indem zum ersten Mal eine Transperson auftaucht, wenn auch nur als NSC.

Was das Thema der ethnischen Diversität angeht, ist Dragon Age sicherlich noch ausbaufähig. Besonders die ersten beiden Teile sind doch sehr von weißen Charakteren dominiert, auch wenn Personen mit anderer Hautfarbe gelegentlich als NSCs auftauchen. Inquisition bietet als erster Teil der Reihe eine schwarze Figur als Companion an, jedoch wird ihre Hautfarbe an keiner Stelle thematisiert. Dafür ist der „Cast“ in anderer Hinsicht durchaus sehr divers – wir lernen Menschen, Elfen, Zwerge und Qunari unterschiedlichster Herkunft kennen, und in der englischen Originalversion lässt sich sogar teils am Akzent einer Figur erkennen, woher sie stammt. Die Diversität (und damit teilweise auch das Thema Diskriminierung und Rassismus) werden hier also lediglich auf eine andere Ebene gehoben. Es gibt zwar keine Diskriminierung gegen Personen aufgrund ihrer Hautfarbe, dafür aber durchaus Vorurteile und Diskriminierung zwischen den einzelnen Völkern. Menschen, Elfen, Zwerge und Qunari – vier Völker, die sich untereinander oft genug alles andere als freundlich gesonnen sind. Insbesondere die Misshandlung und Diskriminierung der Elfen durch die Menschen stellt seit Dragon Age: Origins ein essentielles Thema dar, was selbstverständlich als Metapher für die Diskriminierung zahlreicher anderer ethnischer Gruppen durch weiße Kolonialmächte zu verstehen ist.

In Dragon Age II wird ein weiteres wichtiges Problem unserer Gesellschaft thematisiert: Wir sind hier Teil einer Gruppe Geflüchteter, die aus dem von der Verderbnis überrannten Ferelden flieht und Zuflucht in Kirkwall sucht. Die Ablehnung und Diskriminierung, die wir erfahren, zwingt uns beim Spielen zwangsläufig die Perspektive von Geflüchteten einzunehmen, die sich in vergleichbaren Situationen befinden. An einer Stelle entdeckt man im Spiel sogar ein Flugblatt, dessen Inhalt auf beinahe schon unheimliche Art an die Rhetorik von Pegida, AfD & Co. erinnert.

Es bleibt zu hoffen, dass Dragon Age diesen Kurs beibehalten und auch im kommenden vierten Teil weiter ausbauen wird.

Wie geht es weiter?

Bevor ich mich nun in wilden Spekulationen über eventuelle Inhalte des vierten Teils der Dragon Age-Reihe ergehe, möchte ich an dieser Stelle zunächst einmal eine massive Spoilerwarnung aussprechen. Alles, was nun folgt, basiert größtenteils auf Entwicklungen in Dragon Age: Inquisition und dem letzten DLC Eindringlinge, oder Trespasser im Original. Wer diesen DLC noch nicht gespielt hat, sollte nun aufhören zu lesen, schleunigst alle noch fehlenden Dragon Age-Teile inklusive DLCs spielen und erst dann wieder hier auftauchen.

 

Für alle anderen: Hier ist der Teaser, sofern ihr ihn noch nicht gesehen habt:

Teaser Trailer: Dragon Age – Dread Wolf Rises

Wer Inquisition und Eindringlinge gespielt hat, erinnert sich sicherlich noch an die beiden What-the-fuck-Momente, als wir erfuhren, wer Solas in Wahrheit ist. Der fucking Schreckenswolf. Ein elfischer Gott. Auch wenn sich ja nun letztendlich herausgestellt hat, dass sämtliche elfischen Götter wohl nichts weiter waren als sehr mächtige Magier, die sich verehren ließen (was mich, nebenbei gesagt, ein wenig an die alten Pharaonen erinnert).

Nach dem Ende des letzten DLCs sollte eigentlich bereits jedem klar gewesen sein, worauf der nächste Teil – sofern es einen solchen geben würde – aufbauen würde. Und auch der Teaser, der bei den Game Awards vorgestellt wurde, lässt mit seinem Hashtag #TheDreadWolfRises wenig Zweifel, womit wir es im nächsten Teil zu tun bekommen werden: Solas will den Schleier zerstören, um seinem Volk wieder zu alter Größe zu verhelfen, ihnen die Magie und die Unsterblichkeit zurückzugeben. Dumm nur, dass er dafür offenbar die Welt, wie sie jetzt ist, zerstören muss. Der Weg scheint also klar zu sein: Solas aufhalten, egal auf welche Art. Dass Leliana anmerkt, Solas kenne alle Mitglieder der Inquisition zu gut, um wirklich gegen ihn vorgehen zu können, deutet darauf hin, dass Dragon Age seinem Prinzip treu bleiben wird und wir im vierten Teil wieder einen gänzlich neuen Charakter spielen werden. Der Blick auf die Karte am Ende von Eindringlinge legt außerdem die Vermutung nahe, dass wir uns diesmal – zumindest größtenteils – in Tevinter aufhalten werden. Ob der Ort mit Namen Solas, der ebenfalls kurz in dieser Einstellung zu sehen ist, noch eine größere Bedeutung bekommt, wird sich zeigen – immerhin wurde Tevinter zum Großteil auf den Ruinen des alten Elvhenan erbaut, und es scheint doch mehr als seltsam, dass Fen’Harel denselben Namen wie eine Stadt in Tevinter trägt.

Interessant ist auch der Götze aus rotem Lyrium, den wir bereits aus Dragon Age II kennen, und der ja quasi das zentrale Element des Teasers bildet. Ob es sich um denselben Götzen handelt oder aber um ein anderes, ähnliches Exemplar, wird sich zeigen. Klar dürfte jedoch sein, dass er eine zentrale Rolle einnehmen wird – die nächstliegende Vermutung ist, dass Solas ihn benutzen will, um den Schleier zu zerstören.

 

Was genau uns im vierten Dragon Age-Teil erwartet, werden wir wohl erst erfahren, wenn das Spiel endlich erscheint – was sicher noch eine Weile dauern kann. Bis dahin bleibt nur zu hoffen, dass BioWare hier nicht dieselben Fehler macht wie bei Mass Effect Andromeda

Über die Autorin

Autorin: Laura Dümpelfeld

Laura Dümpelfeld wurde 1989 in Köln geboren. Nach ihrer Ausbildung zur Buchhändlerin studiert sie nun Kulturwissenschaft an der Universität Koblenz. Bisher ist sie in ihrem Leben neunmal umgezogen und hat in fünf verschiedenen Städten gelebt – ihre Liebe gilt aber eindeutig dem Rheinland. Neben dem Schreiben, das ihre große Leidenschaft ist, hat sie noch mindestens ein Dutzend anderer Freizeitbeschäftigungen – darunter Lesen, Filme gucken, Theater spielen, Liverollenspiel, Nähen, Basteln, Gitarre spielen, Pen&Paper und Computerspiele – denen sie, sooft es ihre Zeit erlaubt (was selten genug ist), nachgeht. Sie mag Nudeln, verrückte Ideen und alles, was bunt ist.

 

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