Eine kurze Geschichte der Online-Welten

© Warner Bros. Entertainment Inc.

GAMES

Die OASIS aus "Ready Player One": Leben wir alle bald in einer parallelen Onlinewelt?


Erst gestern hat „Ready Player One“ in London seine Europapremiere gefeiert, ab dem 5. April ist der neue Spielberg-Film endlich bei uns zu sehen. Im Mittelpunkt: die virtuelle Welt OASIS, in der Millionen von Menschen ihre Freizeit verbringen, arbeiten und sogar zur Schule gehen. Alles nur Science Fiction? Achim Fehrenbach über die Onlinewelten, die uns in den vergangenen Jahrzehnten geprägt haben.

Die OASIS, die Ernest Cline in Ready Player One beschreibt, ist atemberaubend: Eine digitale Parallelwelt, die nicht nur Natur bis ins kleinste Grashalm-Detail simuliert, sondern auch sämtliche Artefakte der Popkultur umfasst. In dieses Metaversum tauchen die Menschen des Jahres 2044 mit Hilfe von VR-Brillen ein – und kehren nur dann in die graue Wirklichkeit zurück, wenn das unbedingt notwendig ist. Die OASIS ist ein wahr gewordener Geek-Traum, denn ihre Nutzer springen zwischen fantastischen Teilwelten hin und her, losgelöst von den Bürden und Hürden des Alltags.

Die Faszination der OASIS rührt aber auch daher, dass sich hier wildfremde Menschen aus allen Teilen der Welt gegenübertreten – und sei es „nur“ in Avatar-Form. Sie treffen sich, um gemeinsam zu lernen, zu spielen oder auch dem Schatz nachzujagen, den OASIS-Schöpfer James Halliday als sein Erbe ausgelobt hat. Soziale Interaktionen in virtuellen Welten haben immer etwas verbindlich Unverbindliches: Einerseits reicht ein Klick, um sich auszuloggen, andererseits üben gerade die künstlichen Bedingungen, unter denen die Interaktion stattfindet, eine eigentümliche Faszination aus. Wer von euch erinnert sich noch an das erste Mal, dass ihr anderen Menschen in einer virtuellen Welt begegnet seid – ob das nun ein Chat, ein Spiel oder eine ausgefeilte 3D-Welt war?

Pixel-Labyrinthe und Online-Rollenspiele

Die Wurzeln der OASIS reichen weit zurück in Literatur und Film, wo Autoren und Regisseure unterschiedlichste Metaversen imaginierten. Sie wurzelt aber auch in den vielen virtuellen Welten, die besonders die Games-Branche in den letzten knapp fünfzig Jahren hervorgebracht hat. Kurz vor dem Kinostart von Ready Player One blicken wir auf die Online-Welten zurück, die mit neuen und einzigartigen Features das virtuelle Zusammensein geprägt haben und noch prägen: vom Pixel-Labyrinth über das Online-Rollenspiel bis hin zum VR-Metaversum. Hereinspaziert, hereinspaziert!

1974: Maze War

Das erste Online-Spiel mit 3D-Perspektive und Avataren. „Maze War“ lief auf Rechnern von NASA und MIT, lange bevor sich der kommerzielle Markt für Online-Games entwickelte. Das Spielprinzip von „Maze War“ ist simpel: Zwei Spieler jagen sich gegenseitig durch ein Labyrinth und scheffeln Punkte, indem sie den Gegner abschießen, der durch einen Augapfel symbolisiert wird. Das Video unten vermittelt einen Eindruck vom Spielablauf. 

Maze War on Xerox Alto

1997: Ultima Online

Wir machen einen ziemlichen Zeitsprung und landen in den Neunzigern. Richard „Lord British“ Garriott veröffentlichte damals „Ultima Online“, den Urahn aller grafikbasierten Online-Rollenspiele – zuvor hatten noch textbasierte multi-user dungeons (MUDs) das Geschehen bestimmt. Ultima-Online-Spieler konnten die Rolle wählen, die ihnen am meisten Spaß machte – ob das nun Kriegerin, Dieb oder Händler war. Der fiktive Kontinent Britannia bot ein nie dagewesenes Maß an Entfaltungsfreiheit und Community-Zusammenhalt.

Massively OP's Ultima Online 2016 tour

1999: Everquest

„Ultima Online“ leistete die Vorarbeit für ein anderes MMORPG (massively multiplayer online role-playing game), das zwei Jahre später das Internet eroberte. Spielte sich „Ultima Online“ noch aus der isometrischen Perspektive, bot das High-Fantasy-Abenteuer „Everquest“ bereits eine beeindruckende 3D-Welt. Berühmt wurde „Everquest“ auch für sein ausgefeiltes Klassen- und Rassensystem, das von Tigermenschen bis Baumfröschen reichte. Im Gegensatz zu vielen heutigen MMORPGs erforderte „Everquest“ noch jede Menge Geduld und Durchhaltevermögen – aber gerade das machte die Spielwelt von Norrath zu interessant.

Everquest: A Retrospective

2001: Dark Age of Camelot

Schon in frühen MMORPGs konnten sich Spieler gegenseitig ordentlich eins auf die Rübe geben. Doch „Dark Age of Camelot“ entwickelte das Player-versus-Player-Prinzip weiter – hin zu einem epischen Krieg verschiedener Königreiche, dem Modus „Realm versus Realm“. Spieler konnten sich wahlweise Albion, Hibernia oder Midgard anschließen – und dann im Grenzgebiet in Gruppen oder ganzen Armeen gegeneinander antreten. „Dark Age of Camelot“ hatte mit RvR großen Einfluss auf spätere MMORPGs wie etwa „Guild Wars 2“

The Dark Age of Camelot Legacy

2003: Eve Online

Das Weltraum-MMORPG „Eve Online“ erfreut sich nun schon seit 15 Jahren großer Beliebtheit. Das isländische Studio CCP Games hat ein Universum erschaffen, in dem Spieler alles sein können – vom Kopfgeldjäger über den Rohstoffhändler bis zum Ingenieur. „Eve Online“ beherbergt die komplexeste Ökonomie aller MMORPGs, die sogar von Wirtschaftswissenschaftlern studiert wird. Gerade auf Einsteiger wirkt das Spiel deswegen oft einschüchternd – hier findet ihr eine ausführliche und dennoch kurzweilige Einführung in das Weltraumabenteuer.

Why EVE Online Is Unlike Any Other Game

2003: Second Life

Im selben Jahr wie „Eve Online“ betrat auch „Second Life“ die Bühne. Das kalifornische Linden Lab hatten ein Metaversum, das den Nutzern große Gestaltungsfreiheit bot. Rasend schnell entwickelten sich virtuelle Architekturbüros, Klamottenläden und Medien, die – natürlich in „Second Life“ selbst – über die Geschehnisse berichteten. Für viele User war und ist „Second Life“ vor allem ein 3D-Chat, in dem sie sich digital selbst verwirklichen und mit Menschen aus der ganzen Welt in Kontakt treten können. In den letzten Jahren wurde es um „Second Life“ recht ruhig – doch immer noch sind Hunderttausende in der virtuellen Welt unterwegs.

What is Second Life?

2004: World of Warcraft

Der wahnwitzige Erfolg von „World of Warcraft“ hat viele Gründe. So konnte Blizzard Entertainment beispielsweise auf die Marke „Warcraft“ aufbauen, die schon aus Echtzeit-Strategiespielen bekannt war. Die Firma schuf ein Fantasy-MMORPG, das zugänglicher und kurzweiliger war als alle bisherigen Online-Rollenspiele. Außerdem gelang es Blizzard, die Community mit immer neuen Expansions und Verbesserungen bei der Stange zu halten. Zwar hat „WoW“ längst nicht mehr so viele aktive Abonnenten wie in seinen besten Zeiten, doch nach wie vor zocken es Millionen Menschen rund um den Globus. Ein popkulturelles Phänomen ist es ohnehin – mit Anspielungen in anderen Medien, darunter eine legendäre South-Park-Folge. Das nachfolgende Video fasst gut zusammen, was den Reiz von „World of Warcraft“ ausmacht.

World of Warcraft - A Journey Through Time

2012: Guild Wars 2

„Guild Wars 2“ brachte Verbesserungen in vielen Bereichen. Das Fantasy-MMORPG sieht auch heute noch toll aus, bietet dynamische Events und ein Kampfsystem, bei dem es nicht nur auf Kampfwerte, sondern auch auf Reaktionsschnelligkeit ankommt. Im PvP-Modus werden sämtliche Spieler aus Fairness-Gründen auf die Maximalstufe angehoben, der spannende Welt-gegen-Welt-Modus ist stark von „Dark Age of Camelot“ beeinflusst.

Guild Wars 2 - Test-Video zum Online-Rollenspiel

2014: The Elder Scrolls Online

Die Solo-Rollenspiele der Reihe „The Elder Scrolls“ genießen hohes Ansehen. Besonders die Teile „Oblivion“ (2006) und „Skyrim“ (2011) begeisterten Rollenspielfans mit riesigen, detaillierten Spielwelten und großer Handlungsfreiheit. Entsprechend hoch waren denn auch die Erwartungen an den Multiplayer-Ableger „The Elder Scrolls Online“. Das MMORPG konnte diese Erwartungen jedoch anfangs nicht erfüllen: Zu viele Bugs, zu viele Einschränkungen und zu wenig eigene Ideen, lautete die Kritik. Erst mit späteren Updates bekam ZeniMax die Kurve: Besonders „One Tamriel“ (2016) überzeugte die Spieler, indem es Content-Barrieren und Allianzeneinschränkungen bei Quests abschaffte. Heute ist „ESO“ ein abwechslungsreiches Spiel mit großartigen Geschichten.

The Elder Scrolls Online in nur 10 Minuten

2017: VRChat

Welche Online-Welt kommt der OASIS am nächsten, die Ernest Cline in „Ready Player One“ beschreibt? Einer Welt also, in die man mittels VR-Brille völlig eintauchen kann? Nun ja... inzwischen sind tatsächlich einige VR-Brillen auf dem Markt, die Technik entwickelt sich zügig weiter, und auch die ersten Online-Welten tun sich auf. Dass dabei aber nicht zwangsläufig Sinnvolles entsteht, zeigt das Beispiel „VRChat“. Zwar zieht die Community Millionen von Usern an, doch was die dort veranstalten, ähnelt einem VR-Kindergarten: Es wird viel gehopst und geblödelt, zumeist unter dem Deckmäntelchen der Anonymität. „VRChat“ ist ein Phänomen, aber gewiss nicht die Zukunft des Cyberspace – im folgenden Video wird das einigermaßen deutlich.

How to play VRChat

2018: Sansar

Schon deutlich mehr Hoffnungen darf man in „Sansar“ setzen. Das neue Projekt des kalifornischen Linden Lab („Second Life“) soll Usern jede Menge Gestaltungsfreiheit in einer hoch detaillierten VR-Welt bieten. Interessenten können „Sansar“ bereits in einer kostenlosen Creator Beta testen. Besonders beeindruckend ist die Simulation von „Aech's Garage“ aus „Ready Player One“. Zusammen mit anderen RPO-Experiences war „Aech's Garage“ auch kürzlich erst auf dem Medienfestival „South by Southwest“ in Austin/Texas zu sehen.

Aech's Garage VR Experience Ready Player One

Welche Online-Spiele und -Welten haben euch am meisten beeindruckt? Wir freuen uns auf eure Kommentare!

Share:   Facebook