Pandemic Legacy: Apokalypse mal anders

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Brettspiel "Pandemic Legacy": Apokalypse mal anders


Eine Virologin, eine Seuchenexpertin und der Kampf gegen eine Epidemie. Im Brettspiel Pandemic Legacy befindest du dich im Wettlauf mit der Zeit, denn Virenstämme sprechen nicht auf den Impfstoff an. Judith Vogt hat sich an den Spieletisch gesetzt ... und ist begeistert.

Eine Virologin, ein Eindämmungsspezialist und eine Seuchenexpertin bilden ein Team, das um die Welt reist, um vier verschiedene Virusstämme zu bekämpfen. Immer wieder gibt es neue Seuchenherde, und bei Ausbrüchen infizieren sich die Menschen in den benachbarten Städten. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, um Impfstoffe zu entwickeln und die Krankheiten zu besiegen.

So weit, so bekannt! Allerdings rede ich nicht von einem Film wie Outbreak, ich rede von dem Brettspiel Pandemie. Bei jeder Partie muss man kooperativ mit zwei bis fünf Spielern die Welt vor vier Seuchenstämmen bewahren, im Team gegen die verdammt gut ausgeklügelten Mechanismen des Spiels.

Aber was, wenn einer dieser Virenstämme mutiert und nicht mehr auf den Impfstoff anspricht? Das passiert im Grundspiel Pandemie nicht, ist aber die Ausgangssituation bei Pandemic Legacy, und nun wird der Wettlauf gegen die Zeit verschärft: Von Januar bis Dezember kämpfen die Charaktere, die nun auch Namen und besondere Fähigkeiten (und vielleicht im Laufe der Zeit auch Narben) erhalten, darum, die Welt vor einem großen Unglück zu bewahren. In diesem Jahr wird sich jedoch das Gesicht der Erde und das Schicksal der Menschheit maßgeblich verändern, nichts wird mehr so sein, wie es war.

Und das bei einem Brettspiel?

Wie soll das gehen? Das hört sich eher nach einem packenden Roman an, nach einem Computerspiel oder einem Pen&Paper-Rollenspielsetting. Wie erzählt man eine solche Geschichte im Brettspiel?

Pandemic Legacy ist nicht einfach nur eine Erweiterung für das normale Pandemie-Brettspiel, es ist eine komplette Neuanschaffung, und zwar keine besonders billige. Die schwere Kiste enthält zwar auch das Grundspiel, aber dazu noch Mappen mit verdeckten Stickern, Schachteln, die verschlossen sind. Informationen müssen nach und nach im Rubbellos-Prinzip freigekratzt werden, Aufkleber werden auf das Spielfeld geklebt und – am schlimmsten! – Karten werden zerrissen und weggeworfen. Das bedeutet, dieses Spiel können wir zwischen zwölf und vierundzwanzig Mal spielen (die genaue Anzahl richtet sich nach dem Erfolg der Spieler). Und danach ist es ein nettes Andenken an die Zeit, in der wir die Welt gerettet haben.

Für viele klingt das nach Verschwendung: So viel Geld, und dann spielen wir es durch und können das nicht wiederholen (es sei denn, wir kaufen es ein zweites Mal)? Aber Hand aufs Herz: Welche Brettspiele in deinem Regal hast du vierundzwanzig Mal gespielt? Selbst die Spiele, die ich wirklich mag, kommen vielleicht auf zehn, zwölf Mal.

Es lohnt sich!

Denn Pandemic Legacy ist suchterzeugend, angsteinflößend, packend. In den Weihnachtsferien 2016/2017 haben mein Mann und ich uns dem Spiel in jeder freien Minute gewidmet, wir haben nachts davon geträumt, Straßensperren zu errichten, Forschungszentren zu bauen und Städte zu isolieren. Pandemic Legacy nimmt nämlich nicht nur den »Spielstand« einer Partie mit in die nächste, sondern es eskaliert die Story, die sich hinter den Stickern, in den Schachteln und unter den Rubbelfeldern verbirgt, ein ums andere Mal. Monatlich gilt es, Ziele zu erreichen, wichtige Verbündete wenden sich gegen einen, Städte gehen unwiederbringlich unter, und das mutierte Virus macht Menschen zu »Erloschenen«, für die es keine Rettung mehr zu geben scheint. Das ist pure Virologen-Zombie-Apokalypse und das beste Brettspielerlebnis, das ich je hatte.

Zum Glück muss ich der Kiste in meinem Schrank, die nun nur noch voller Apokalypsen-Andenken ist, nicht nachtrauern. Ja, die Karte von London haben wir vielleicht zerrissen, das Spielfeld überklebt, Spielercharaktere blieben auf der Strecke, die Menschheit war nie wieder dieselbe … Aber schlussendlich kamen wir (outgame im Januar, ingame im Dezember) am Ende des Spiels an – und wie das aussieht, kann von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich sein. Am Schluss wird abgerechnet, das Spiel gegen dich, und du siehst, ob die zukünftige Generation dein Gesicht auf einen Geldschein drucken wird, oder ob die in Hütten zusammengekauerten Überlebenden nicht einmal wissen, was du ihretwegen riskiert hast.

Weihnachten 2017 lag Staffel 2 unterm Tannenbaum, die Ferien und langen Abende waren gerettet, die Sucht rasch neu entzündet.

Wer von euch umfangreiche Brettspiele kennt, weiß, dass man dabei häufig mit unfassbar vielen unterschiedlichen Markern sowie mit Regelheften mit Romanumfang kämpfen muss. Allein der Aufbau dauert eine halbe Stunde, denn alle Marker müssen sortiert, die Regeln noch mal gelesen werden. Das ist bei Pandemic Legacy nicht der Fall. Die Anzahl der Marker ist übersichtlich, es gibt zwei verschiedene Kartenstapel, und all diese Schachteln, Sticker und Rubbellose kommen erst nach und nach ins Spiel. Ebenso wie die Regeln! Die Grundregeln des Spiels sind – zumindest für Leute mit etwas Regel-Leseerfahrung – rasch erfasst und werden dann nach und nach, von Partie zu Partie komplexer.

Das ist bei Staffel 2 nicht anders, obwohl das Spiel ein wenig anders funktioniert als Staffel 1 und auch eine ganz andere Grundprämisse hat: Die Weltkarte, mit der wir starten, ist erschreckend leer. Nur die Küsten des Atlantiks und des Mittelmeers sind als gelbe Zonen sichtbar, und unsere Charaktere halten sich auf schwimmenden Zufluchten auf, die nur wenige Städte ansteuern. Wieder können wir sie mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Namen und diesmal auch mit post-apokalyptisch Mad Max-angehauchten Charakterbildern ausstatten. Wir taufen unsere Startcharaktere auf die Namen Laylay und Lorra und segeln mit unserer schwimmenden Zuflucht (der wir den Namen Furiosa geben, dieser wird aufs Spielfeld geschrieben) in den Atlantik hinaus.

Pandemic Legacy: Apokalypse mal anders

Die Welt entdecken

Die Handlung setzt 71 Jahre nach Staffel 1 ein. Die verbliebenen Städte werden von den schwimmenden Zufluchten mit Nahrung versorgt, im Inland marodieren die sogenannten »Hohlen Männer« und versuchen, die Städte zu erobern. Diesmal müssen wir die Welt entdecken, Routen zu Städten, in denen sich noch Menschen zusammenrotten, ziehen und diese mit Nahrung versorgen, die von Monat zu Monat knapper wird.

Wo es in der ersten Staffel darum ging, zu forschen und Heilmittel zu entwickeln, geht es in Staffel 2 darum, die Reste der Zivilisation zu vernetzen, zu versorgen und alte Technik wieder in Betrieb zu nehmen. Aber auch dabei brechen Krankheiten aus, die wir nicht heilen, sondern nur eindämmen können, und jede neu angeschlossene Stadt birgt das Risiko, dass wir damit überfordert sind, die Lage zu kontrollieren.

Weitere verlassene Versorgungsschiffe tauchen auf, Kommunikationstürme werden wieder angeschlossen, und nach und nach wird das Geheimnis der Hohlen Männer enthüllt. Wir dachten eine Zeitlang, in Staffel 2 gäbe es »den großen Plottwist« nicht, aber hoo boy! Den gibt’s, und er verändert die Sicht auf die Welt.

Noch stärker personalisiert

Pandemic Legacy Staffel 2 schafft es dabei, dass der Spielverlauf und die Errungenschaften von Gruppe zu Gruppe variieren. Wie viel man vom Spielbrett erkundet, welche Routen man mit Stiften auf dem Brett zieht, welche Labore man findet und was man davon hat – das alles kann sehr unterschiedlich ausfallen. Und während man zumindest das Grundspiel Pandemie mit dem Brett aus Staffel 1 noch spielen kann (wenn man all die Aufkleber und die Tatsache, dass man eventuell Städte ausgelöscht und zerrissen hat, ignoriert), funktioniert Staffel 2 nur im Legacy-Modus.

Auch diesmal haben wir das Spiel in den Weihnachtsferien durchgesuchtet, Rekord waren vier Partien am Tag (eine Partie dauert etwa eine Dreiviertelstunde bis Stunde). Aufregende Träume waren danach garantiert!

Und was, wenn ich zu doof bin?

Muss man für Pandemic Legacy ein Brettspiel-Experte sein? Muss man den Durchblick durch Mechanismen haben, um das Spiel überwinden zu können? Was ist, wenn es zu schwer ist?

Das Spiel ist unglaublich ausgewogen. Ich will gar nicht wissen, wie viel Entwicklungszeit darin steckt und wie viele Proberunden gespielt wurden, damit es so rund läuft. Ich vermute, bei so etwas müssen auch Simulationen am Rechner in die Tasten gehackt werden, damit die Ausgänge der Partien bedacht werden können.

Staffel 1 und Staffel 2 haben gemeinsam, dass es feste Ziele gibt, die es in einem Monat zu erreichen gilt. Erreicht man diese in der ersten Partie (= Monatshälfte), kann man mit dem nächsten Monat weitermachen und beim Monatsübergang Kisten und Sticker öffnen. Scheitert man und wird vom Spiel besiegt, hat man die zweite Monatshälfte, um es erneut zu versuchen, manchmal mit zusätzlichen Karten, die einem etwas unter die Arme greifen, manchmal mit kleinen Storyänderungen in der Monatsmitte. Wenn man es dann immer noch nicht schafft, geht es in den nächsten Monat – gewisse Dinge passieren beim Monatswechsel trotzdem, andere passieren nicht oder später.

Wenn Partie um Partie verloren wird, gibt es nach vier verlorenen Partien noch »Rettungsanker«, dann treten Karten in Kraft, die ansonsten nicht in Anspruch genommen werden. (Viel kann ich dazu nicht sagen, denn wir haben nie vier Partien in Folge verloren – natürlich, weil wir so klug sind. Nein, im Ernst: Das Spiel ist nicht unmöglich zu besiegen; die Mechanismen sind so ausgelegt, dass es spannend, aber schaffbar bleibt.)

Storytelling mal anders

Für wen ist Pandemic Legacy interessant? Für Spieler, natürlich. Aber auch für Leute, die Spaß an Apokalypsen- und Post-Apokalypsen-Stories haben oder die Storytelling mal abseits von Büchern, Filmen, Computerspielen erleben wollen. Klar handelt es sich um Brettspielmechanismen – das Kopfkino ist nicht so lebendig wie beim Buch oder beim Pen&Paper-Rollenspiel, aber es ist doch überraschend, wieviel Immersion einem so ein Brett mit einer wohlbekannten Weltkarte bieten kann. Das Beste daran ist: Man erlebt diese Story nicht für sich, sondern gemeinsam mit anderen als Gruppe, man plant und leidet miteinander.

Pandemic Legacy: Apokalypse mal anders

Von Legacy-Modus und Story-Spielen

Den Legacy-Ansatz verfolgen auch noch andere Spiele neueren Datums: Risiko Evolution lässt die Spieler gegeneinander antreten, doch die Ergebnisse der Partie bleiben für die nächste erhalten, und in jeder der 15 Partien wird das Spielbrett verändert. TIME Agents sendet einen immer wieder an einen Punkt in der Zeit zurück, bis man dort eine Aufgabe erledigt hat.

Doch auch ohne Legacy-Modus gibt es zahlreiche Brettspiele, die sich im Storytelling versuchen:

Die Escape Room-Spiele schicken die Spieler in unterschiedliche Settings und vermitteln einem das Gefühl, in einem geschlossenen Raum zu sein, obwohl man eigentlich jederzeit auf die heimische Toilette gehen kann.  Und in Die Legenden von Andor führt man seine Helden in bester Mittelalter-Fantasy-Manier gegen ein großes Übel, das finstere Schergen im Land Andor einfallen lässt. Anders als bei Descent oder Hero’s Quest mimt dabei jedoch nicht einer der Spieler den Spielleiter, sondern wie bei Pandemie arbeitet man gegen einen ausgeklügelten Spielmechanismus, um das Ziel der Legende zu erreichen, was oft gar nicht so einfach ist. Ist eine Legende geschafft, kann man die nächste in Angriff nehmen, und so wird auch diese Geschichte immer weitererzählt.

Das Storytelling der Zukunft ...

… ist divers und nicht auf ein Medium beschränkt. Immer kommen neue Möglichkeiten dazu, eine Geschichte zu erleben und auch selbst eine Rolle darin zu spielen. Pandemic Legacy hat mich am meisten überrascht und begeistert, und ich hoffe auf weitere Staffeln!

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