KOLUMNE

„Die Rolle des Spielleiters war eine sehr gute Vorbereitung auf meinen späteren Beruf als Schriftsteller.“ Interview mit Bernhard Hennen


Bernhard Hennen benötigt eigentlich keine großartige Einführung. Als einer der erfolgreichsten deutschen Phantastikautoren dürfte sein Name wohl den meisten LeserInnen ein Begriff sein. Seit 2004 bevölkern seine Elfen die Regale so ziemlich jeder Buchhandlung und haben längst auch den Sprung über den großen Teich geschafft. Wenngleich sein Schaffen als Romanautor zum Großteil von dem spitzohrigen Fantasy-Volk geprägt ist, liegen seine Ursprünge als Autor im Pen&Paper-Rollenspiel – und damit auch die Ursprünge für seine späteren Erfolge.

Lange Jahre zählte Hennen, der zu dieser Zeit vor allem als Journalist tätig war, zu den umtriebigsten und beliebtesten Autoren von Abenteuermodulen für Das Schwarze Auge. Vor allem mit der so genannten »Phileasson-Tetralogie«, einer Wettfahrt zweier Thorwalerkapitäne (einem Volk ähnlich den Wikingern) um die bekannte Welt im Stil von Jules Verne, gestaltete er viele weiße Flecken der aventurischen Landkarte und schuf darüber hinaus die Mythologie und den Hintergrund für die Elfenvölker des erfolgreichsten deutschen Pen&Paper-Rollenspiels. Aktuell kehrt er gemeinsam mit Robert Corvus in diese Zeit zurück und bringt die Abenteuer als Romane heraus (mehr dazu im Interview mit Robert Corvus). 

Da finden wir sie bereits: Bernhard Hennens Faszination für das unsterbliche Volk der Elfen, das ihn bis heute in seinen Romanwelten begleitet. Aber auch abseits davon hat er wichtige Beiträge zu DSA geleistet, vor allem natürlich mit seinen ersten Romanen. Die Trilogie Das Jahr des Greifen von 1993/94 stellte sein Debüt als Romanautor dar und wurde kurz darauf auch als Abenteuermodul für die Rollenspieler umgesetzt. In unserem Interview wird in diesem Zusammenhang nun endlich auch eine Frage geklärt, die viele DSA-Spieler seit langem umtreibt: Welche Rolle hat dabei eigentlich Wolfgang Hohlbein gespielt?

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Henning Mützlitz: Wie und wann bist du zum Pen&Paper-Rollenspiel gekommen?

Bernhard Hennen: Auf einem recht ungewöhnlichen Weg. Ich war sechzehn und hatte einen sehr ausführlichen Artikel über das Rollenspiel Das Schwarze Auge im SPD-Parteimagazin Vorwärts gelesen. Soweit ich weiß, ist dort nie wieder ein Spiel so groß besprochen worden. Schon am nächsten Tag habe ich mir die Basis-Box mit den Regeln gekauft, einen Tag lang geschmökert und dann dieses seltsame neue Spiel, das völlig anders war als alles, was ich bis dahin kannte, an meinem kleinen Bruder und einem seiner Freunde getestet. Ich habe die Rolle des Spielleiters übernommen und die beiden in ein Abenteuer geführt. Es wurde für uns alle drei ein packendes Spielerlebnis und für mich, unerwartet, ein Abenteuer, das über fast zwanzig Jahre andauern sollte. In dieser Zeit war ich beinahe wöchentlich Spielleiter in wechselnden Rollenspielrunden.

Was war deiner Meinung nach der wichtigste Effekt des Rollenspiels für dich – gerade auch im Hinblick auf deine spätere Autorenschaft?

Es war die Erfahrung in der Rolle des Spielleiters, der den Spielern die Welt beschreibt, in der sie agieren und in der er alle Personen und Geschöpfe darstellen muss, die der Abenteuergruppe auf ihren Reisen begegnen. Man muss ein Erzähler sein, um dieser Rolle gerecht zu werden. Man muss Geschick haben, um Spannungsbögen zu entwickeln und der Welt, wie auch den Figuren darin, Leben einhauchen können. All dies wird auch von einem Autor erwartet. Insofern war die Rolle des Spielleiters eine sehr gute Vorbereitung auf meinen späteren Beruf als Schriftsteller.

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Mit Das Jahr des Greifen erschien 1993/94 deine erste Romantrilogie – damals noch mit dem zu dieser Zeit bekannteren Wolfgang Hohlbein als Zugpferd. Fungierte Wolfgang dabei tatsächlich als Mitautor, oder war das eine reine Marketingmaßnahme?

Ohne Wolfgang hätte es diese Bücher niemals gegeben. Er hat mir geduldig zugehört, als ich ihn als Journalist besuchte und ihm nach dem Interview in allen Details meine Romanidee schilderte. Und er war es, der mir einen Termin im Fantasy-Lektorat des Lübbe-Verlages verschaffte, den ich ohne ihn wohl nie bekommen hätte, und mich dann auch dorthin begleitete. Als der Lektor Reinhard Rohn mich schließlich – völlig zu Recht – fragte, wie ich denn darauf käme, ich könne Romane schreiben, denn bislang gäbe es ja nur Zeitungsartikel und Spiele von mir, sprang Wolfgang Hohlbein ein und sagte: »Sollte sich herausstellen, dass Herr Hennen das nicht schafft, schreibe ich Ihnen die Bücher fertig.« Das war der Satz, mit dem meine Karriere als Schriftsteller begann. Wenig später bekam ich die Buchverträge zur Trilogie Das Jahr des Greifen. Wolfgang hat mich dann während des ersten Bandes massiv beraten. Bei den Folgebüchern begann ich mehr und mehr auf eigenen Beinen zu stehen. Beim ersten Band aber hat er die Dramaturgie der Geschichte wesentlich mitgestaltet. Sein Name stand auch deshalb mit auf den Covern, um meinen Einstieg ins Buchgeschäft zu erleichtern. Was auch glückte. Für all das hat er nie einen einzigen Cent an Tantiemen genommen. Das Fazit ist eindeutig: Ohne Wolfgang hätte es diese Bücher niemals gegeben, und mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre ich ohne seine Hilfe damals nicht zum Schriftsteller geworden.

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Abgesehen vom großen Erfolg mit den Elfen: Mit der »Phileasson-Tetralogie« hast du ja bereits in den frühen 1990ern große Teile der elfischen Mythologie für Das Schwarze Auge entwickelt – und bist aktuell in Romanform (gemeinsam mit Robert Corvus) dorthin zurückgekehrt. Was fasziniert dich eigentlich so am Fantasy-Volk der Elfen?

Ihr – zumindest nach meinem Konzept – beinahe ewiges Leben und die Möglichkeiten, die daraus erwachsen. Elfen können zu unvergleichlichen Künstlern werden, da ihnen so viel mehr Zeit bleibt, um ein Werk zu vollenden. Aber ihre Tage können auch belanglos sein, da sie ungezählt sind. Was erwächst aus Unsterblichkeit? Wie geht man mit all den weniger vollkommenen Geschöpfen um? Welchen Sinn gibt man einem Leben, das ewig währt? Um diese Fragen auf die Spitze zu treiben, konfrontiere ich meine Elfen gerne mit wikingerähnlichen Barbaren, seien es nun Thorwaler oder Fjordländer, und zwinge sie miteinander zu agieren. Allein aus der Fallhöhe zwischen den Völkern ergeben sich schon unzählige interessante Situationen. Tragödie und groteske Komik passen auf eine einzige Romanseite, wenn solche Helden gemeinsame Ziele verfolgen, und ich liebe es, diese Geschichten aufzuschreiben.

Inwieweit hat dieser »elfische DSA-Hintergrund« die Entwicklung deiner eigenen Fantasy-Welt geprägt, die du nunmehr weiterentwickelst, seit Die Elfen 2004 erschienen ist?

Es sind unleugbar Motive meiner DSA-Abenteuer in meine Elfen-Romane eingeflossen. Bei beiden Stoffen finden sich meine Vorlieben für Winter- oder Wüsten-Settings. In beiden Fällen müssen die Elfen mit wikingerähnlichen Barbaren umgehen. Doch damit erschöpfen sich die Parallelen. In Aventurien konnte ich ein paar weiße Flecken der Landkarte füllen, im Rahmen der Elfen-Saga habe ich drei unterschiedliche Welten erschaffen und mit Hunderten von Romanfiguren bevölkert. Der Roman Die Elfen, der in Zusammenarbeit mit James Sullivan entstand, erlaubte es, durch die quasi unsterblichen Hauptfiguren eine Geschichte zu erzählen, die sich über 1000 Jahre spannt. Als Leser sieht man, wie die Welt der Menschen sich immer schneller verändert, während die der Elfen in ihrer scheinbaren Vollkommenheit erstarrt ist. So führt die Elfen-Saga trotz einiger Parallelen letztlich zu ganz anderen Geschichten als meine frühen DSA-Werke.

Woran arbeitest du derzeit – was können wir als Nächstes von dir erwarten?

Gerade habe ich den ersten Band der Chroniken von Azuhr-Trilogie vollendet, für den ich ein weiteres Mal eine neue Welt erschaffen habe. Der Held, Milan, ist der Sohn eines tyrannischen Priesters, der gegen seinen Vater rebelliert und damit eine tragische Kette von Ereignissen lostritt, denn – noch fast unbemerkt – hält eine eigenwillige Spielart von Magie Einzug in die Normalität. Die Gestalten aus Märchen können in Fleisch und Blut erscheinen, wenn nur entschieden genug an sie geglaubt wird. Und Milan unternimmt im Kostüm des berüchtigten Krähenmanns einen Raubzug in den Tempel seines Vaters, während dieser eine Messe liest. Er stiehlt die heilige Silberscheibe vom Altar. Dutzende Augenzeugen verbreiten die Geschichte in der Stadt. Sie greift immer weiter um sich, und während sich in den dunkelsten Katakomben unter der Stadt eine Märengestalt, die nur Hauptfigur einer Geschichte sein sollte, in Fleisch kleidet, werden zwei sehr unterschiedliche Frauen auf Milan aufmerksam. Felicia, die Meisterdiebin, und Nok, die Konkubine. Neben ihrem Interesse an dem Priestersohn haben beide nur eine Gemeinsamkeit: Sie sind wesentlich mehr, als sie zu sein vorgeben, und es beginnt ein tödliches Intrigenspiel um jene, die das Potenzial haben, die Zukunft einer sich rasch verändernden Welt zu gestalten.

So märchenhaft sich das Konzept im ersten Augenblick vielleicht anhört, orientiert es sich doch eng an einem der großen Themen unserer Gegenwart, denn es geht letzten Endes um nichts anderes als Fake News und darum, wie sie die Welt verändern, wenn sie nicht entlarvt werden.

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