„Man übt Weltenbau anhand eines konkreten Beispiels“  Interview mit Karl-Heinz Witzko

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KOLUMNE

„Wir hatten damals sehr viele Freiheiten“ - Interview mit Karl-Heinz Witzko


Mit Karl-Heinz Witzko stellen wir einen weiteren Autor aus der alten Riege der "Das Schwarze Auge"-Schaffenden vor. Mit "Die Kobolde", "König der Kobolde" und dem skurrilen "Dämon wider Willen" hatte er sich in den Jahren zuvor vor allem als Vertreter der humoristischen Fantasy etabliert. Zuletzt kehrte er im vergangenen Jahr mit dem High-Fantasy-Roman Blut der Götter auf die große Phantastikbühne zurück. 

In den 90er-Jahren prägte er innerhalb des DSA-Kontinents Aventurien mit Maraskan und Nostria zwei Regionen ganz entscheidend mit, deren Bild bis heute bei mehreren Generationen von Spielern ganz besonders durch seine Ideen präsent ist. Seine begleitenden Abenteuerbände aus dieser Zeit genießen noch immer einen hervorragenden Ruf, und auch das halbe Dutzend Romane, das er zur Serie beisteuerte, hat viele treue Anhänger gefunden. Diese nahm er später zum Großteil zu seinen augenzwinkernden Völker-Fantasy-Romanen rund um das Volk der Kobolde mit. Würde man Karl-Heinz Witzko nur auf sein humoristisches Talent reduzieren, täte man ihm allerdings Unrecht, wie er nicht zuletzt im Gespräch mit uns unter Beweis stellt.

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Henning Mützlitz: Wie und wann bist du zum Rollenspiel gekommen?

Karl-Heinz Witzko: Ich meine, dass es 1984 war, als mich meine Freundin Babsi anrief, mit der ich während des Studiums jahrelang Theater gespielt hatte. Einer aus ihrer Talisman-Runde – das war damals ein populäres Fantasy-Brettspiel – hatte sich die ersten Veröffentlichungen von Das Schwarze Auge gekauft und suchte noch Mitspieler. Ich hatte einige Zeit davor im Spiegel einen Artikel über Rollenspiele gelesen und fand das Konzept sehr reizvoll. Also trafen wir uns eines Abends in einer Wohnung in Dortmund-Hallerey, um in die Haut einer Gruppe – man muss das leider sagen – völlig zwielichtiger Gestalten zu schlüpfen (die hießen zwar »Helden«, aber auch fiktive Personen müssen schließlich von irgendetwas leben.). Ich erwähne diese Details, weil der Treffpunkt meiner ersten Spielrunde Jahre später leicht verändert den Weg in die Publikationen des Schwarzen Auges fand, und zwar in Form der »Kalksteinklippen von Hallerû« im Königreich Nostria.        

Was ist deiner Meinung nach die wichtigste Eigenschaft des Pen&Paper-Rollenspiels – gerade auch im Hinblick auf (d)eine spätere Autorenschaft?

Ich will mich bei meiner Antwort auf die Mitarbeit in der Redaktion beschränken. Man übt Weltenbau anhand eines konkreten Beispiels, und zwar Weltenbau mit Nebenbedingungen, da man üblicherweise nicht bei null anfängt, sondern sich mit existierenden Vorgaben arrangieren muss und auch möchte. Da gibt es z. B. bereits Landschaftsformen, dominierende Kulturen und Weltbilder. Die kann man variieren und uminterpretieren, aber nicht ignorieren. Anders ausgedrückt, man übt sich, sich an einmal getroffene Vorgaben zu halten und konsistent zu bleiben.

Nehmen wir an, wir wollten einem Landstrich ein Gesicht zu geben. Wie heißen etwa die Bewohner? Gerade in meist statischen Fantasywelten will man nicht, dass Jorge, Madeleine, Kevin und Hrafnihildur angeblich alle aus demselben Dorf stammen. Gesucht wird eine klar erkennbare Ähnlichkeit. Also generiert man Namenslisten, etwa indem man bei bestehenden die Schreibweise der Namen nach einer fixen Regel verändert – etwa bestimmte Konsonanten verdoppelt – oder ausgewählte Endungen anfügt.

Ähnlich verfährt man bei Kleidung, Architektur, Essen, Trinken usw.  Man denkt sich ein oder zwei charakteristische Eigenschaften aus, die sich dann immer wieder finden und Lesern oder Spielern das Gefühl vermitteln sollen, dass das alles tatsächlich dieselbe Herkunft habe. Ich habe beispielsweise bei Blut der Götter Kichererbsen zu einem wichtigen Bestandteil der heimischen Küche erhoben. Es gibt sie als Brei, getrocknet und gesalzen zum Knabbern und geröstet als Aufgussgetränk. Man kann sich da alles mögliche ausdenken, solange es einigermaßen plausibel klingt. Denn als Autor hat man gegenüber seinen Figuren den unschätzbaren Vorteil, dass man die heimische Küche nie selbst kosten muss.

Die Entwicklung solcher Regeln kann man beliebig weit treiben. Wie begrüßt man jemandem? Oder aber auch: Wie beleidigt man ihn regionsspezifisch? Mehr oder weniger beruht das immer auf demselben Prinzip. 

Wenn ich heute einen neuen Roman beginne, dann entwickle ich solche Regeln zunächst allerdings nur für Dinge, die ich auf jeden Fall benötigen werde, also für Personen und Ortsnamen, Kleidung und Bauweisen, eventuell Ernährungsgewohnheiten. Für alles andere gibt es erst Regeln, wenn sie öfter benötigt werden.

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Die Fans deiner DSA-Romane (aber auch deiner späteren Werke um die Kobolde) lieben vor allem deinen mitunter skurrilen Humor. Westwärts, Geschuppte! besitzt beispielsweise nicht zuletzt deshalb seit Jahren Kultstatus. War es von Anfang an intendiert, dass es innerhalb der Romanreihe mal etwas humorvoller zugeht, oder hat sich das so ergeben, weil du einfach ein »lustiges Kerlchen« bist?

Nein, das hatte ich mir selbst ausgedacht. Wir hatten damals als Stammautoren sehr viele Freiheiten, und nach fünf Romanen und diversen Abenteuermodulen vertraute man darauf, dass aus meinen übrigens sehr vagen Andeutungen schon etwas Vernünftiges entstehen würde. Zudem hatte ich das Volk, dem meine Protagonisten entstammten – Marus genannt – bereits in der »König-Dajin«-Trilogie eingeführt, damals allerdings als ziemlich tragische Wesen, die irgendwann zu der Erkenntnis gelangt waren, dass ihr Schöpfergott sie nur erschaffen hatte, um sich an ihrem Leid zu ergötzen. Da ich nun vorhatte, eine Geschichte aus der Sicht dieser Marus – einer Art Raubechsen – zu erzählen, musste ich das Ganze etwas anders anpacken. Da kommen wir wieder zu den Regeln und Festlegungen. Durch Magie sahen sie zwar aus wie Menschen, aber verstanden diese nicht, sondern kopierten ihr Verhalten nur – und das oft falsch. Deshalb hatten sie sich etwa alle für denselben menschlichen Tarnnamen entschieden. Warum sollten die Mitglieder einer harmlosen Reisegruppe nicht Alrik, Alrik, Alrik und Alrik heißen?

Für vieles, was Menschen alltäglich und wichtig finden, fehlte ihnen das Verständnis (das kann man vorher festlegen), dafür hatten sie einige seltsame Angewohnheiten – etwa ausgiebiges Anstarren – oder ein strenges Tabu bei allem, was Brutpflege oder das Großziehen von Kindern anbelangte. Beides galt ihnen als zwar neugierig machende, aber dennoch ganz schlimme Obszönität.

 

Nach deiner Tätigkeit innerhalb der Redaktion von Das Schwarze Auge hast du mit Tom Finn, Bernhard Hennen und Hadmar von Wieser an der Gezeitenwelt gearbeitet. Was macht für dich den Reiz der Arbeit verschiedener Autoren an einer gemeinsamen Fantasy-Welt aus?

Das Dasein eines  Autors ist in der Regel eine ziemlich einsame Angelegenheit. Man wurstelt den ganzen Tag vor sich hin und kann über das, woran man arbeitet, eigentlich nur dann mit jemandem reden, wenn der Betreffende bereit ist, auf jede Überraschung zu verzichten und sich die Geschichte kaputtspoilern zu lassen. Das Problem hat man mit Co-Autoren nicht. Man kann Dinge besprechen, seien sie nun inhaltlich oder allgemeinerer Natur. Man ist Teil einer Gemeinschaft. Das sind wir! Bei meiner Arbeit mit Bernhard, Tom und Hadmar kam hinzu, dass ich davor noch nie eine Lesung gehalten hatte. Wir sind dann aber zu viert oder zu dritt aufgetreten. Das machte alles recht einfach. Es gibt jedoch auch Klippen. Vier kreative Köpfe kommen eben nicht zwangsläufig zum selben Ergebnis oder sind bei anfallenden Problemen mit denselben Lösungen zufrieden. Das birgt Konfliktpotenzial. Und schon gar nicht kann man den Mitstreitern irgendwann vorschlagen, dass man am besten alles bisher Geschriebene in den Papierkorb werfen und von vorne beginnen sollte. Denn dazu werden sie kaum bereit sein. Wenn man allein arbeitet, ist das nicht so ein großes Problem.

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In deinem jüngsten Werk Blut der Götter geht es wieder ernsthafter zu. War das ein Ausreißer, oder wechselst du jetzt dauerhaft ins »seriöse« Fantasy-Fach?

Was heißt wechseln? Du darfst nicht übersehen, dass eine meiner populärsten Erfindungen in den Rollenspielromanen ein Auftragsmörder war, der einer mafiösen Organisation von Mördern angehörte und zwar nicht als reumütiges und von Gewissensbissen geplagtes Mitglied, sondern mit ganzem Herzen. Der hatte zwar etliche gute Seiten, aber auch ein klares Credo: »Niemand hat den Tod verdient, aber bisweilen gibt es jemanden, der dafür bezahlt.«

Nach mehreren humorigen Romanen und Kurzgeschichten wollte ich wieder einmal etwas Ernsteres schreiben. Dass das nicht einen völligen Verzicht auf Humor bedeutete, kannst du diversen Lesermeinungen und Rezensionen entnehmen. Ich schreibe nun mal über Menschen, und selbst wenn es ernst zugeht, machen die manchmal ganz unfreiwillig komische Dinge. Bei dem kommenden Roman wird das nicht anders sein. Wahrscheinlich wird er an manchen Stellen sogar noch düsterer werden.

 

Was können wir denn als Nächstes von dir erwarten?

Das ist eine recht verzwickte Geschichte, bei der vieles nicht so ist, wie es zunächst erscheint, und von der ich noch nicht weiß, was ich darüber erzählen kann, ohne zu viel auszuplaudern. Es wird wiederum ein eher epischer Fantasyroman werden, der stellenweise Horrorelemente enthält, aber kein Horrorroman ist. Er spielt in einer Stadt, die angeblich älter ist als die Menschen und von der niemand weiß, wer sie erbaute, denn es gibt niemand außer den Menschen. Offensichtlich ist jedenfalls, dass ihre Erbauer die Ewigkeit im Sinn hatten. Das ist aber nur von marginaler Bedeutung für die Geschichte. Ich hatte das damals so ins Exposé geschrieben, und mir wurde später bewusst, was ich da eigentlich gemacht hatte. Ich ergründe das jetzt nachträglich. Ich habe zwei wichtige Protagonisten, einen Mann und eine Frau, die jeweils ein Drittel der Geschichte dominieren. Der Mann hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Nikola aus Blut der Götter und von Anfang an ein existenzielles Problem, das er sich selbst zuzuschreiben hat. Er wird sich aber bis zum Ende des ersten Drittels wünschen, dass es bei diesem »Problemchen« geblieben wäre. Über die Frau möchte ich noch nichts sagen, außer dass man sich nicht leichtfertig mit ihr anlegen sollte. Sie sucht etwas in der Stadt und merkt schnell, dass da etwas völlig im Argen liegt.

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