„Bis heute unterhalte ich eine wöchentliche Rollenspielrunde!“ - Interview mit Thomas Finn

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KOLUMNE

„Bis heute unterhalte ich eine wöchentliche Rollenspielrunde!“ Interview mit Thomas Finn


Viele der deutschen Phantastikautoren haben ihre Ursprünge im Pen&Paper-Rollenspiel. In Teil 4 unserer Rollenspielserie haben wir Thomas Finn zu seiner Autorenlaufbahn befragt.

Thomas „Tom“ Finn ist seit Jahren nicht aus der deutschen Phantastikszene wegzudenken. Gestartet als Lektor und Dramaturg in einem Drehbuchverlag sowie als Chefredakteur des Phantastik-Magazins Nautilus machte er sich ab Ende der 90er vor allem als fleißiger Autor und Redakteur bei Deutschlands bekanntestem Pen&Paper-Rollenspiel Das Schwarze Auge einen Namen. Daneben war er aber auch für das in H.P. Lovercrafts unheimlicher Welt angesiedelte Rollenspiel Cthulhu (Pegasus Spiele) sowie in jüngerer Zeit für Splittermond aus dem Hause Uhrwerk als Autor von Spielhilfen und Abenteuermodulen tätig.

Die Verzahnung von Rollenspielsettings, der in den begleitenden Abenteuern für die Spieler/innen erlebbaren Geschichten und Romanen war bereits zu dieser Zeit ein wichtiges Element für Tom Finn, und so war es nur folgerichtig, dass er neben seiner Tätigkeit für die DSA an einer eigenen „Shared World“ beteiligt war, dem Gezeitenwelt-Projekt (zusammen mit Hadmar von Wieser, Bernhard Hennen und Karl-Heinz Witzko). Wenngleich dieses nie komplett abgeschlossen wurde, trat hier seine Vorliebe für gemeinsam mit anderen Autoren entwickelte Weltentwürfe hervor – eine Faszination, die viele Rollenspielautoren mit ihm teilen und sicher einen wesentlichen Reiz ihrer schreiberischen Tätigkeit ausmacht, wie man an diversen Kollaborationen dieser Art sehen kann.

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Daneben etablierte sich Tom Finn in den ersten Jahren seiner Autorentätigkeit unabhängig von Rollenspielen als Drehbuch- und Jugendbuchautor. Unter anderem erschienen bei Ravensburger mit Die Chroniken der Nebelkriege und Die Wächter von Astaria  zwei phantastische Jugendbuchreihen. In den vergangenen Jahren hat er sich mit seinen Mystery-Thrillern ein neues Genre erschlossen, daneben ist mit Mordstrand sogar ein waschechter Regionalkrimi von ihm erschienen. Dem Rollenspiel ist er allerdings seit jeher auch als Autor treu geblieben: Mit der Beteiligung an Markus Heitz' Justifiers oder Abenteuerbeiträgen für DSA und Splittermond kehrte er in den vergangenen Jahren immer wieder gerne „nach Hause“ zurück.

 

Henning Mützlitz: Wie und wann bist du zum Rollenspiel gekommen?

Thomas Finn: 1984 mit Das schwarze Auge. Ein halbes Jahr später habe ich dann Call of Cthulhu entdeckt – daraufhin war mein weiterer Lebensweg als Geschichtenerzähler gewissermaßen vorgezeichnet. Erst privat, dann zunehmend auch beruflich. Bis heute unterhalte ich eine wöchentliche Rollenspielrunde mit guten Freunden. Ein Hobby, dem ich hoffentlich noch bis an mein Lebensende nachgehen kann.

Was war deiner Meinung nach der wichtigste Effekt des Rollenspiels für dich – gerade auch im Hinblick auf deine spätere Autorenschaft?

Das sind vermutlich gleich mehrere: Zum einen habe ich mittels des Fantasy-Rollenspiels spielerisch das komplette Handwerkszeug der Dramaturgie erlernt. Dazu zählt auch, wie wichtig Schauplätze sind und wie man diese treffsicher in den Plot einfügt. Aber das ist natürlich bloß ein Aspekt von vielen. Insbesondere agierst du bei diesem Hobby als Spielleiter stets vor einem Publikum. In dieser Funktion lernst du recht schnell, was es bedarf, um deine Spieler möglichst spannend durch einen Abend zu führen. Zugleich hat das Hobby auch ganz eindeutig für spätere Auftritte und Lesungen trainiert, bei denen du als Autor ein noch viel größeres Publikum unterhalten musst.

Und manches Mal wurde auch später aus einem anfänglichen Rollenspiel-Abenteuer für den privaten Kreis plötzlich ein Romanstoff für ein großes Publikum. So geschehen mit den Kernideen von Weißer Schrecken und Dark Wood.

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Das Greifenopfer war 2002 nach deinen Rollenspielpublikationen deine erste Romanveröffentlichung. In der Retrospektive: War das innerlich für dich der Wegbereiter für alles, was danach kam, oder wäre das auch ohne diesen Roman geschehen?

Hm, schwierig. In jedem Fall war es für die spätere Karriere sehr förderlich. Denn die begann streng genommen mit der damaligen Anfrage meines Kollegen Bernhard Hennen für das Romanprojekt der Gezeitenwelt. Bernhard und ich haben uns Anfang der Neunziger durchs Rollenspiel kennengelernt, und wir haben auch gemeinsam für die gleichen Magazine des phantastischen Genres geschrieben. Vielleicht hätte mich Bernhard auch nur aufgrund meiner vielen damaligen Rollenspielpublikationen für das Projekt angefragt – was ich ihn selbst mal fragen müsste. Doch es war in jedem Fall sehr hilfreich, auch schon einen Roman verfasst zu haben. Das ist dann ja doch noch einmal etwas anderes.

Du bist seitdem als Autor sehr vielseitig aufgestellt und beackerst nicht nur ein Genre. Gibt es dennoch eines, das dir am meisten Spaß macht?

Ja, und zwar das ganze Spektrum der Phantastik. Ausnahmslos. Ich bin auch sehr glücklich, bislang nicht allein auf ein Untergenre dieses Genres festgelegt gewesen zu sein, sondern darüber, meine breite Leidenschaft für alle mögliche Geschichten unter Beweis gestellt haben zu dürfen: Mystery, Horror, Urban Fantasy, High Fantasy und SF. Alles saucool.

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Inwieweit unterscheidet sich ein Roman in einer „Shared World“ wie für DSA oder Justifiers von einem in der Realwelt angesiedelten Krimi wie deine letzte Veröffentlichung „Dark Wood“ oder der fast zeitgleich erschienene Krimi „Mordstrand“? Gehst du an solche Romane anders heran?

Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich schaue mir die jeweilige „Welt“ ganz genau an und recherchiere dann akribisch, was ich dort an Story- und Bühnenelementen verwenden kann. Denn ob ich nun ein Hintergrundbuch für ein bekanntes Rollenspielsetting konsultiere, oder mittels Google Earth, Stadtführern und Suchmaschinen so lange recherchiere, bis ich alles über die jeweilige „reale“ Bühne weiß, auf der ich meine Story ansiedeln will, macht arbeitstechnisch kaum einen Unterschied. Als erfahrener Rollenspieler weiß ich aber sehr genau, was es an Elementen bedarf, um einem bestimmten Schauplatz oder Setting auch seinen ganz besonderen Reiz zu entlocken. Ehrlich gesagt besitze ich darin inzwischen solch eine Arbeitsroutine, dass ich mich bei meinem jüngsten Projekt, dem High-Fantasy-Roman Glühender Zorn, gehörig umstellen musste. Denn da durfte ich mir die komplette Welt endlich einmal wieder selbst ausdenken – was nur leider nicht weniger Arbeit zur Folge hatte. Aber ich bin ja Rollenspieler, das war natürlich ein ganz besonderes Vergnügen. 

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Woran arbeitest du derzeit – was können wir als nächstes von dir erwarten?

Derzeit arbeite ich an dem Horror-Thriller Lost Souls, der um die Sage des Rattenfängers von Hameln kreist. Danach geht es an den nächsten Teil von Glühender Zorn, meinem neuen High-Fantasy-Projekt, das ich oben schon erwähnte und das im November startet – wenngleich auch unter dem Pseudonym F.I. Thomas. 

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