Der Roman zum Rollenspiel - Ein Grundstein vieler Autorenkarrieren

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KOLUMNE

Der Roman zum Rollenspiel - Ein Grundstein vieler Autorenkarrieren


Pen&Paper-Rollenspiele waren in den 1980er- und 90er-Jahren extrem erfolgreich und prägten nicht nur eine Generation von Kindern und Jugendlichen. Auch viele Phantastikautoren waren und sind begeisterte Rollenspieler, dachten sich bereits in jungen Jahren epische Geschichten und ganze Welten für ihre Spielrunden aus. In den kommenden Wochen unterhalten wir uns mit einigen von ihnen über diese Wurzeln im Rollenspiel und inwieweit sie davon bis heute schriftstellerisch geprägt werden.

Zunächst beleuchten wir allerdings in einem Überblicksartikel, was es in der Welt der Rollenspielromane alles zu entdecken gab und gibt und welche bekannten Autoren dort ihre ersten Schritte unternommen haben.

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„Ein Pen&Paper-Rollenspiel? Was ist das überhaupt?“

Die wohl meistgestellte Frage, der man als Rollenspieler begegnet, ist eigentlich leicht zu beantworten („Nein, das hat nichts mit Sex zu tun!“) – sofern das Gegenüber wenigstens über einen geringen Grad an Phantasie und Abstraktionsvermögen verfügt. Ganz einfach gesagt: Im Pen&Paper-Rollenspiel schlüpfen die Spieler in die Rolle fiktiver Charaktere, die, angeleitet durch einen Spielleiter (Erzähler), als Gruppe eine Geschichte durchleben und deren Fortgang durch eigene Entscheidungen beeinflussen. Dies geschieht meist komplett ohne Spielfiguren. Wie in einem Buch entstehen die Bilder von Orten und Handlung komplett im Kopf. Einzig die Eigenschaften der dargestellten Figur finden sich auf einem sogenannten Charakterbogen – daher die Bezeichnung „Pen&Paper“.

Oder noch einfacher: Im Rollenspiel bist du der Held in deiner eigenen Phantasiegeschichte und kannst bei den größten Abenteuern nicht nur zuschauen, sondern sie selbst erleben.

Zu Rollenspielen gibt es auch Romane?

Heute ist es völlig normal, dass zu Computerspielen (z. B. Mass Effect, Diablo, Assassin's Creed) und teilweise auch zu Gesellschaftsspielen (u. a. Die Siedler von Catan, Die Legenden von Andor) Romanadaptionen lanciert werden. Im analogen Zeitalter war man in der crossmedialen Vernetzung noch nicht ganz so weit. Doch bei einem Spielprinzip, das auf dem Erzählen von Geschichten sowie der Phantasie und Kreativität der Spieler basiert, liegt die Umsetzung in „offizielle“ Geschichten in Romanform natürlich nahe. Viele Phantastikleser mögen nie ein Rollenspiel gespielt haben, dennoch dürften ihnen einige der erfolgreichsten Systeme bereits über den Weg gelaufen sein: Bewusst oder unbewusst haben sie Romane gelesen, die in einer Welt angesiedelt sind, die ursprünglich für ein Rollenspielsystem entworfen wurde. Bis Ende der 90er fiel die Auswahl vieler Phantastikabteilungen in „normalen“ Buchhandlungen und Kaufhäusern ja eher bescheiden aus, aber unter den angebotenen Titeln fanden sich eine ganze Menge Serien, die eigentlich unter dem Label „Rollenspielromane“ firmieren, aber oft gar nicht als solche erkennbar waren.

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Viele, viele bunte D&D-Welten

Vorreiter dieser Reihen waren sicher die verschiedenen Kampagnenwelten des weltweit größten und bekanntesten Rollenspiels Dungeons & Dragons, die in Deutschland bei Goldmann (später Blanvalet) erschienen. Viele von uns dürften sich zum Beispiel an die Romane erinnern, die in den Vergessenen Welten (Forgotten Realms) angesiedelt waren, allen voran die Abenteuer des Dunkelelfen Drizzt Do Urden von R. A. Salvatore. Der Autor dieser Zeilen kam in der frühen Jugend ebenfalls mit einer der bekanntesten D&D-Welten in Berührung, ohne zu wissen, dass es sich bei den Drachenlanze-Romanen um ein Rollenspielsetting handelte. Die Kernreihe von Margaret Weis und Tracy Hickman firmierte damals bei Goldmann lediglich unter „Die große Fantasy-Saga“, und abgesehen vom Hinweis auf den amerikanischen Verlag TSR fand sich nirgends ein Verweis auf das Fantasy-Rollenspiel. Auch an die anderen Serien wie zum Beispiel zum Horror-Setting Ravenloft kann sich vielleicht der eine oder andere erinnern.

Übrigens: Auch Raymond Feists Midkemia-Saga basiert ursprünglich auf einem D&D-Setting, das er u. a. mit Stephen Abrams Ende entwickelte und zu dem es sogar eigene Quellenbücher gab. Euch fallen sicher weitere Autoren ein, deren Werke ebenfalls auf Rollenspielhintergründen aufbauen.

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Das Schwarze Auge und Shadowrun – ein Pool für deutsche Autoren

Auch in Deutschland war man nicht untätig, was eigene Rollenspielromane angeht, und viele Autoren, deren eigene Werke wir seit Jahren kennen, haben dort erste Meriten gesammelt. Einem prominenten Namen, der auch heute in den Phantastikregalen vertreten ist, begegnen wir bereits 1985, rund ein Jahr nach der Veröffentlichung des erfolgreichsten deutschen Fantasy-Rollenspiels Das Schwarze Auge: Andreas Brandhorsts Das eherne Schwert gehört für Fans heute aber eher ins Kuriositätenkabinett, da er den Hintergrund der Spielwelt nicht sonderlich genau nahm. 1995 ging es dann richtig los: Mit Ulrich Kiesows Der Scharlatan startete die DSA-Romanreihe bei Heyne, der sich bei insgesamt drei Verlagen über 150 weitere Romane anschlossen. Hier finden wir viele Namen, die heute mit ihren eigenen Welten erfolgreich sind: u. a. Bernhard Hennen, Thomas Finn, Lena Falkenhagen, Robert Corvus (damals unter dem Pseudonym Bernard Craw), Karl-Heinz Witzko und Judith Vogt verfügen über „DSA-Roman-Wurzeln“.

Doch nicht nur Das Schwarze Auge etablierte sich als größter Pool für deutsche Nachwuchstalente, von denen man später einigen wieder begegnen sollte. Daneben lief bei Heyne die Romanserie zum Cyberpunk-Rollenspiel Shadowrun sehr erfolgreich. In die amerikanische Lizenzreihe band man auch deutsche Autoren ein: Neben Altmeister Hans-Joachim Alpers (die Deutschland in den Schatten-Trilogie von 1994) lieferte Markus Heitz ein halbes Dutzend Romane ab, Boris Koch war mit Der Schattenlehrling vertreten, auch André Wiesler steuerte drei Romane bei. Später bei Fantasy Productions setzte man sogar fast gänzlich auf deutsche Autor/innen.

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Und heute?

Zwischenzeitlich war es auf dem deutschen Markt ruhiger um die Romanreihen zu Rollenspielen geworden, doch im Moment bewegt sich wieder was, wenngleich eher bei Klein- und Spezialverlagen. Abgesehen von den nach wie vor sehr präsenten Umsetzungen des Tabletops Warhammer 40K vor allem im Bahnhofsbuchhandel finden sich Romane zu Rollenspielen seit Jahren vorwiegend in Spiel- und Comicläden. Zu DSA erscheinen nach einer recht hohen Schlagzahl in den vergangenen Jahren weiterhin vereinzelt Romane bei Ulisses Spiele. Shadowrun hingegen lag seit 2008 in Deutschland hinsichtlich der Romanreihe brach. Seit diesem Jahr erscheinen bei Pegasus Spiele aber wieder Lizenzromane, und auch deutsche Autoren bekommen erneut die Chance, an der Ausgestaltung der Cyberpunk-Fantasy-Welt mitzuwirken. Daneben bringt Feder & Schwert neuerdings Lizenzromane zum D&D-Derivat Pathfinder und hat daneben eine eigene Romanreihe zum hauseigenen Rollenspiel Splittermond gestartet. Wer weiß: Vielleicht legen dort die Stars der Zukunft den Grundstein für eine erfolgreiche Autorenkarriere?

Im nächsten Teil unserer Reihe lassen wir allerdings erst einmal einen Großmeister der deutschen Phantastik zu Wort kommen, dessen Rollenspielwurzeln bis heute einen prominenten Platz in vielen seiner Werke einnehmen.

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