„Ich bin drin!“ – Der Hacker als Held

Watch Dogs 2 (© Screenshot: Ubisoft)

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„Ich bin drin!“ – Der Hacker als Held


Kein Tag vergeht ohne Nachrichten von neuen Hacker-Angriffen, ob nun auf Firmen- oder Regierungsserver. Auch Bücher und Filme prägen unser Hacker-Bild, von Neuromancer und Snow Crash, WarGames und Matrix. Computerspiele bieten derweil eine andere Perspektive: Hier schlüpfen wir selbst in die Rolle von Hackern – bis hin zur Eingabe von Programmcode. Die spannendsten Hacker-Games im Überblick.

 

Das Kontrollzentrum der US-Luftstreitkräfte ist ein einziges Chaos. Sicherheitspersonal, Forscher und Generäle hasten durcheinander, während grelle Diagramme über eine riesige Bildschirmwand flackern. Die Anwesenden haben allen Grund zur Panik, denn es droht ein Atomkrieg – ausgelöst durch einen Computerspielfan, der das Verteidigungssystem gehackt hat. Doch schließlich ist es genau dieser Teenie-Nerd – gespielt von Matthew Broderick –, der die Welt vor dem Untergang bewahrt. Mit dem Spiel Tic-Tac-Toe bringt er dem außer Rand und Band geratenen Supercomputer bei, dass ein Atomkrieg nur Verlierer kennt. Die Künstliche Intelligenz stoppt den Countdown in letzter Sekunde.

WarGames (1983) ist einer der ersten Hollywood-Filme über Hacker. Und auch einer der ersten, die Computerspiele in den Mittelpunkt rückten. Die Gründe für seinen Erfolg liegen nahe: Es waren die Achtziger, es herrschte Kalter Krieg und die Möglichkeiten der Vernetzung – genau wie ihre möglichen Gefahren – befeuerten die Fantasie der Menschen. WarGames zeigte nicht nur gängige Hacker-Praktiken wie Phreaking, Cracking und Social Engineering – es machte auch den Nerd zum Helden: Jeder, der damals einen C64 besaß, durfte sich irgendwie angesprochen fühlen.

Kein Wunder also, dass der Film direkten Einfluss auf etliche Computerspiele hatte. WarGames (1984) von Colecovision war aber ebenso wenig ein Hacker-Spiel wie WarGames: Defcon 1 von 1998: Beide drehten sich um Militärstrategien. 1984 allerdings erschien ein Spiel, das deutlich dichter dran war am Matthew-Broderick-Gefühl. In System 15000 schlüpfen Spieler in die Rolle eines Hackers, der sich im Kommandozeilen-Modus durch Datenbanken und Bulletin Boards hangelt – er soll 1,5 Millionen Dollar wiederbeschaffen, die eine feindliche Firma gestohlen hat. Aus heutiger Sicht ist System 15000 ein minimalistisches Passwort-Ratespiel. Doch damals wurde dessen Schöpfer sogar von NATO-Mitarbeitern kontaktiert. Sie waren Fans des Spiels und brauchten Hilfe.

30 Jahre später sehen Hacker-Games deutlich besser aus. Realistischer sind sie deshalb aber noch lange nicht, im Gegenteil: Der Action-Fokus vieler AAA-Produktionen will nicht so recht zum oftmals mühseligen Hacker-Handwerk passen. Wer weitläufige Spielwelten erkundet und Gegner bekämpft, wer Items und Fertigkeiten sammelt, der möchte nicht unbedingt auch noch Programmcode schreiben, denken sich die Game-Designer – und liegen damit gar nicht so falsch. Dennoch sind Hacking und Cyberpunk natürlich lohnende Themen, denn Neuromancer, Blade Runner und Matrix haben viele von uns nachhaltig geprägt. Zuletzt schlugen die TV-Serie Mr. Robot und der Film Blackhat auch deutlich realistischere Töne an als die Hacker-Possen der früheren Jahre. Überhaupt bestimmen Datensicherheit und Überwachung unser Leben in einem nie dagewesenen Ausmaß. Hacktivisten wie Anonymous beeinflussen Politik und Wirtschaft, indem sie Server attackieren und brisante Infos leaken.

In aktuellen Games gleichen Hacker bisweilen Superhelden: Sie nutzen ihre Fähigkeiten so virtuos wie Spider-Man seine Netze oder Batman seine Batarangs. Bestes Beispiel ist das kürzlich erschienene Open-World-Game Watch Dogs 2. Dessen Hauptfigur Marcus Holloway ist kein soziophober Hinterhof-Hacker, sondern ein jovialer Hipster und Action-Held, der neben dem Hacken auch noch Parkour und Kampfsport beherrscht. Holloway ist Teil der durchgestylten Hacktivisten-Gruppe DedSec, die in der Bay Area gegen Datenkraken kämpft – Hauptgegner ist die Blume Corporation, deren Überwachungssystem ctOS sämtliche Gewohnheiten der Bürger aufzeichnet und auswertet. Marcus Holloway hockt nicht etwa den ganzen Tag am Rechner, sondern flitzt von einem Auftrag zum nächsten quer durch San Francisco. Per Smartphone-App hackt er Ampeln und Poller, steuert Autos fern und zieht Passanten flugs das Geld vom Konto.

„Ich bin drin!“ – Der Hacker als Held

Watch Dogs 2 (© Screenshot: Ubisoft)

Anspruchsvoller wird das Spiel, wenn Marcus gesicherte Zonen infiltriert – etwa ein Firmengelände mit einer Server-Farm. Zunächst sondiert er das Gelände mit Fahr- und Flugdrohnen, mit denen er Fallen stellt und Gegner ablenkt. Auch die überall präsenten Überwachungskameras kann Marcus hacken – und dann von einer zur nächsten hangeln, um bewachte und verschlossene Bereiche auszukundschaften. Der eigentliche Daten-Diebeszug ist dann meist eine Mischung aus Schleichen, Verstecken, Kämpfen und dem Lösen kleinerer Schaltkreis-Rätsel. "Hacking" interpretiert das Spiel als konkreten Raumgewinn, als Ninja-artiges Infiltrieren – und nicht als Attacke von einem weit entfernten Server. Die Körperlichkeit von Watch Dogs 2 ist ein gelungener Kompromiss aus Action und Abstraktion. Die Darstellung der kalifornischen Hacker-Szene ist zwar plakativ, thematisiert aber sehr gut aktuelle Datenschutzfragen.

Watch Dogs ist beileibe nicht das einzige Spiel, das Hacken und Schleichen kombiniert. Diverse Action-Titel der vergangenen Jahre integrieren Hacking in ihre Gameplay – und zwar meistens in Form von Minigames. Beispiele sind Bioshock 2, Splinter Cell: Chaos Theory und besonders die Deus-Ex-Reihe. Um Türen und Roboter zu steuern, hackt der augmentierte Adam Jensen aus Deus Ex: Mankind Divided Knotenpunkte in einem stilisierten Sicherheitsnetz. Jede Etappe löst mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit Alarm aus, woraufhin Adam möglichst schnell den entscheidenden Netzknoten erreichen muss. Das Minispiel erfordert vor allem gute Planung: Adam verfügt über ausbaubare Hacker-Spezialisierungen, mit denen er Netzknoten leichter einnehmen und absichern kann. Inhaltlich und atmosphärisch weist Mankind Divided eine Vielzahl popkultureller Einflüsse auf – von der Cyberpunk-Literatur William Gibsons bis hin zu den X-Men-Filmen, in denen es ebenfalls um die Frage geht, was normal ist und was nicht.

„Ich bin drin!“ – Der Hacker als Held

Deus Ex Mankind Divided (© Screenshot: Square Enix)

Gerade das Genre Stealth-Action bietet interessante Hacking-Varianten. Im zweidimensionalen Retro-Platformer Gunpoint infiltriert ein Spion Firmengebäude und hackt dabei Türen, Beleuchtung und Überwachungskameras. Tarnung und Ablenkung sind Pflicht, weil direkte Konfrontationen mit den Wachen stets tödlich enden. Noch etwas anspruchsvoller ist das rundenbasierte Invisible, Inc., in dem eine Spionage-Organisation Aufträge rund um den Globus annimmt. Spieler stellen die Einsatzteams individuell zusammen und schleichen sich dann durch Firmenzentralen voller Kameras, Laserschranken und Panzertüren. Das eigentliche Hacken übernimmt die KI-Begleiterin Incognita, die aber stets mit Aktionspunkten versorgt werden muss. Invisible, Inc. erfordert permanentes Abwägen zwischen Chancen und Risiken – die Level sind prozedural generiert und damit immer für Überraschungen gut. Spannend ist auch das asymmetrische Koop-Spiel Clandestine: Hier wird eine bewaffnete Agentin von einem Hacker unterstützt, die Spieler stehen per Headset in Kontakt.

„Ich bin drin!“ – Der Hacker als Held

Gunpoint (© Screenshot: Suspicious Developments)

Wer experimentelles Gameplay schätzt, wird beim Point-and-Click-Adventure Technobabylon und beim Action-Spiel Remember Me fündig. Technobabylon hat ein klassisches Cyberpunk-Setting um einen "Mind Jacker", der menschliche Gehirne anzapft. Die Hacking-Passagen sind aber keine Logik- oder Kombinationsrätsel, sondern Mini-Rollenspiele, bei denen man mit Aufpasser-Avataren diskutiert. Das dystopische Action-Spektakel Remember Me bedient sich bei Filmen wie Matrix, Inception und Vergiss mein nicht: Im Neo-Paris des Jahres 2048 manipuliert die Firma Memorize über Hirn-Implantate die kollektive Wahrnehmung, wird aber von der Rebellengruppe Errorists bekämpft. Hauptfigur Nilin kann nicht nur ausgezeichnet kämpfen – sie hackt sich auch in die Hirne ihrer Feinde, um ihre Erinnerungen zu remixen und ihre Handlungen zu beeinflussen. Leider setzt Remember Me dieses hochspannende Gameplay-Element viel zu selten ein.

Kein Computerspiel bildet Hacking komplett realistisch ab. Der Klassiker Uplink (2001) simuliert es aber sehr gekonnt. Die fiktive Uplink AG vergibt Aufträge an freiberufliche Hacker, denen allerlei kostenpflichtige Tools zur Verfügung stehen. Auf ihren digitalen Raubzügen müssen Spieler nicht nur schnell sein, sondern auch sämtliche Spuren verwischen, um nicht getrackt werden zu können – ein unglaublich spannender Kampf gegen die Uhr. Das gilt auch für Hacknet, eines der besten Indie-Games des Jahres 2015: Auch hier steigt der Adrenalinspiegel rapide, wenn man unter Zeitdruck in fremden Servern herumwühlt. Hacknet lässt sich wahlweise per Mausklick oder Kommandozeile steuern – gerade Letzteres dürfte bei der C64-Generation für wohlige Schauer sorgen.

Eine Bildergalerie mit den spannendsten Hacker-Games der letzten Jahre

  • „Ich bin drin!“ – Der Hacker als Held

    Uplink (© Screenshot: Introversion Software)

  • „Ich bin drin!“ – Der Hacker als Held

    Technobabylon (© Screenshot: Wadjet Eye Games)

  • „Ich bin drin!“ – Der Hacker als Held

    Shadowrun Dragonfall (© Screenshot: Harebrained Schemes)

  • „Ich bin drin!“ – Der Hacker als Held

    Invisible Inc (© Screenshot: Klei Entertainment)

  • „Ich bin drin!“ – Der Hacker als Held

    Hacknet (© Screenshot: Team Fractal Alligator)

  • „Ich bin drin!“ – Der Hacker als Held

    Else Heartbreak (© Screenshot: Erik Svedang)

  • „Ich bin drin!“ – Der Hacker als Held

    Duskers (© Screenshot: Misfits Attic)

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    Quadrilateral Cowboy (© Screenshot: Blendo Games)

  • „Ich bin drin!“ – Der Hacker als Held

    Clandestine (© Screenshot: Logic Artists)

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