Der Schwarze Horrorfilm

© Universal Pictures

FILM

Der Schwarze Horror-Film. Über Diversität im Genre


Über lange Zeit hinweg war der Horrorfilm –wie der amerikanische Film generell – alles andere als divers. Die Filme zeichneten nicht das Leben nach, sondern entwarfen eine Art Märchenwelt, die vornehmlich Weiß war. Doch es geht auch anders. Peter Osterried über das verhältnismäßig junge Genre des Schwarzen Horrorfilms

Schwarze Figuren – oder überhaupt People of Color – waren im Film lange Zeit unterrepräsentiert. In vielen Horrorfilmen wurden sie auch häufig die ersten Opfer. Das brachte Kevin Williamson mit Scream 2 (1998) auf den Punkt, lässt er den Schwarzen Kameramann hier doch ständig fürchten, dass er als Mitglied einer Minderheit als einer der Ersten über die Klinge springen wird. Die mit vielen Metaebenen spielenden Scream-Filme kommentieren hier das System, dass in prädominant Weißen Ensembles häufig ein Alibi-Schwarzer dabei ist, der in der Regel aber nur zum Kanonenfutter taugt. Der erste Teil dieser Slasher-Reihe war auch rein Weiß, erst mit dem Sequel wurde die Reihe diverser.

Zum Zeitpunkt des Erscheinens, Ende der neunziger Jahre, war das Medium Film bereits mehr als 100 Jahre alt, der Horror nur unwesentlich jünger, und eines hatte sich in den frühen Jahrzehnten immer wieder gezeigt. Der Rassismus des realen Lebens spiegelte sich im filmischen wider. Indem nämlich Minderheiten marginalisiert und oftmals lächerlich gemacht wurden.

Die frühen Jahre

Es war für Schwarze Schauspieler nicht leicht, überhaupt Rollen zu bekommen. In den großen Hollywood-Filmen waren sie zumeist auf Diener und Butler beschränkt oder wurden in Dschungelfilmen schlichtweg als Wilde dargestellt, im Horrorfilm sah das nicht sehr viel anders aus. Einerseits gilt dies für die Darstellung von Schwarzen in Filmen wie King Kong und die weiße Frau (1933), in dem sie auf die Rolle der dem Riesenaffen huldigenden Einheimischen beschränkt sind, andererseits macht selbst ein Film wie Jacques Tourneurs Klassiker Ich folgte einem Zombie (1943) vor den stereotypischen Darstellungen nicht halt und zeigt den unter dem Zombie-Fluch stehenden Schwarzen vor allem als Bedrohung für zarte, Weiße Frauen.

Waren Schwarze prominenter eingesetzt, dann in der Regel als feige, verängstigte Assistenten, denen vor lauter Angst die Beine schlottern. Schauspieler wie Montan Moreland oder Willie Best machten daraus eine Karriere, waren aber auch zur totalen Selbstverleugnung gezwungen, indem sie sich dem Weißen Publikum andienen und zur Witzfigur degradieren lassen mussten. Das kann man in Filmen wie Revenge of the Zombies (1943) oder Verlobung mit dem Tod (1941) sehen. Beide Schauspieler haben durchaus Talent für komödiantisches Timing, aus heutiger Sicht sind diese Filme und die darin gebotene Komik aber nicht mehr anschaubar. Und das liegt nicht an Moreland oder Best, die aus widrigen Umständen das Beste machten, sondern an der tonalen Taubheit, unter der diese Filme leiden.

Ich folgte einem Zombie
Revenge of the Zombies
Verlobung mit dem Tod

Ein definierender Film

Auch in den 1950er und 1960er Jahren war Diversität ein Fremdwort. Man folgte den üblichen Stereotypen, ob das nun The Horror at Party Beach (1964) mit einer besonders dümmlich dargestellten Haushälterin oder der 1965 gedrehte, aber erst 1971 veröffentlichte I Eat Your Skin, der Weiße auf einer Insel auf Voodoo und Wilde treffen lässt, sind. Aber zum Ende des Jahrzehnts kam ein Film, der in mehr als einer Sicht aus dem Gros des Genres herausstach: George A. Romeros Night of the Living Dead (1968).

Dies ist nicht nur der erste echte Zombie-Film, in dem Romero die Gestalten als untote Fleischfresser neu definiert, sondern hat mit Duane Jones auch eine Schwarze Hauptfigur. In Zeiten sozialer Unruhen und der Antikriegsbewegung entstanden, lehnte Romero die Idee zwar immer ab, dass sein Film auch mit der Besetzung einen sozialkritischen Kommentar abliefern wollte. Vielmehr soll Duane Jones einfach der beste Schauspieler für die Rolle des Ben gewesen sein, der in einem Haus mit Weißen isoliert ist, während die Zombies vor den Türen stehen. Romero wollte aus ihm einen Arbeiter machen, Jones setzte sich dafür ein, Ben zu einem gebildeteren Mann zu machen.

Ob nun bewusst oder unbewusst, dieser Film ist auch in Sachen Repräsentation ein Meilenstein – und er zeigt, in welcher Welt eine Figur wie Ben leben muss. Einem Amerika, in dem er zwar alles richtig gemacht hat, Leben gerettet hat, aber am Ende von Weißen erschossen wird, die ihn für einen Zombie halten. Oder auch einfach aus rassistischem Ressentiment den Abzug drücken.

Jordan Peele, der später den imposanten Get Out (2017) inszeniert hat, erklärte in einem Interview mit der „New York Times“, dass seine Hauptfigur Ähnlichkeit mit Ben hat. Und weiter: „Man könnte einen interessanten Essay darüber schreiben, dass Ben in Night of the Living Dead ein Mann ist, der tagtäglich in Angst lebt, weswegen er für diese Herausforderung besser gewappnet ist als die Weißen Frauen, die in dem Haus leben.“

Romero brachte auch bei seinen Fortsetzungen Dawn of the Dead (1978) und Day of the Dead (1985) starke schwarze Figuren, da aber sicherlich bewusst und unter dem Eindruck, wie sein Erstling auf das Publikum gewirkt und welchen sozialkritischen Wert er tatsächlich hat.

Blaxploitation

In den 1970er Jahren erhob sich mit dem Trend der Blaxploitation eine rein Schwarze Art des Erzählens, ausgelöst durch den Erfolg von Shaft (1971) im Action-Bereich, dann jedoch praktisch alle Genres ergreifend. Es waren dies Geschichten von Schwarzen Filmemachern mit einem Schwarzen Ensemble und für ein Schwarzes Publikum. Dabei gibt es gute Beispiele, etwa Blacula (1972) und das Sequel Der Schrei des Todes (1973)

William Marshall ist als ein Opfer und Nachfolger von Dracula, der Jahrhunderte später in Los Angeles sein Unwesen treibt, hervorragend. Er hat auch darauf geachtet, dass seine Figur etwas Würde bewahrt. Auf seine Initiative hin wurde der Anfang des Films so abgeändert, dass seine Figur einen deutlich vielschichtigeren Hintergrund erhalten hat.

Im Grunde ist es Marshall, der den Film erhöht – und das weit über das Niveau hinaus, das viele Blaxploitation-Filme damals hatten. Der Shakespeare-Darsteller, der Star Trek-Fans als Dr. Daystrom in der Folge „Computer M5“, bekannt ist, macht aus seiner Rolle etwas Besonderes.

Die Prämisse erscheint albern, und das umso mehr, da Mamuwalde mit Dracula wegen des Sklavenhandels in Streit gerät – als ob man in Transsylvanien Sklaven aus Afrika importiert hätte. Aber der Film ist einzigartig, auch und gerade, weil die Hauptfigur eben Schwarz ist. Denn Blacula ist weniger getrieben von Blutgier, sondern von einer unbändigen Wut, die nicht davon ablenkt, dass dieser Vampir eine höchst tragische Gestalt ist. Marshall kann beim Zuschauer immer wieder Sympathie erregen, bevor er in der nächsten Szene Blacula bösartig werden lässt.

Was den Film von typischer Blaxploitation auch abhebt. Die Figuren sind generell positiv gestaltet – die typischen Zuhälter und Gangster gibt es hier nicht. Genau das ist eines der Probleme der Blaxploitation: Obwohl von Schwarzen gemacht, werden häufig Weiße Stereotypen bedient. Es wird ein Selbstbildnis gezeichnet, das alles andere als positiv ist.

Bei den schwächeren Vertretern wie dem Der Exorzist-Rip-off Abby (1974), der Frankenstein-Variante Blackenstein (1973) oder Sugar Hill (1974) gilt das besonders. Interessanter ist da schon Ganja & Hess (1973) mit Duane Jones als vermögendem Wissenschaftler, der in einer Weißen Kommune lebt, aufgrund einer Verletzung mit einer verfluchten Waffe aber zum Bluttrinker wird, der seine Opfer nicht rund um sein Heim, sondern in Schwarzen Gegenden findet. Weil die Opfer dort nicht so schnell vermisst werden – bzw. die Polizei weniger genau hinschaut. Der Film ist in seiner Erzählweise durchaus grob, das Thema der sozialen Ungleichheit, die entlang der getrennt lebenden Rassen verläuft, ist aber aussagekräftig.

Night of the Living Dead
Blacula
Ganja and Hess

Ein diverseres Kino

In den 1980er Jahren wurde der Horrorfilm etwas diverser. Schwarze Figuren wurde nun auch häufig zu Helden, ein verbindendes Element bei Filmen wie Night of the Demons (1988), Und wieder ist Freitag, der 13. (1983), Jason Goes to Hell (1993) und Ritter der Dämonen (1995) ist jedoch, dass dieses Heldentum auch immer mit dem Sterben verbunden war.

Anders verhielt es sich bei Candyman (1992), in dem Tony Todd einen Mann spielt, der im vorherigen Jahrhundert eine Weiße Frau liebte und darum zu Tode gefoltert wurde, seitdem aber als mystische Figur mit Hakenhand immer dann erscheint, wenn jemand fünfmal seinen Namen vor einem Spiegel ausspricht. Er ist nominell der Schurke, aber Schauspieler Tony Todd war damals beeindruckt von der Bandbreite der Figur, wie er in einem Interview auf der Blu-ray von Candyman 2 (1995) erklärt. Weil es solche Rollen für People of Color so häufig nicht gab.

Wes Craven lieferte mit Das Haus der Vergessenen (1991) einen interessanten Film ab, in dem ein kleiner Junge die reichen und rassistischen Vermieter seiner Familie beklauen will. Dabei durchstreift er ein labyrinthisches Haus, das man als Metapher darauf sehen kann, dass die im Elend Lebenden auf der anderen Seite des Zauns Gelegenheiten erkennen, die sich ihnen aber immer entziehen. Sie werden von einem unfairen System der Ungleichheit unten gehalten. Das schwarze Horrorkino brachte zudem den Vampirjäger Blade (1998) hervor und bot mit Bones (2001) eine Blaxploitation-Hommage.

Erst in den letzten Jahren ist das Genre jedoch diverser geworden, was nicht zuletzt Jordan Peele zu verdanken ist, der erst mit Get Out (2017) und dann mit Wir (2019) zwei clevere und komplexe Horrorfilme mit vornehmlich Schwarzem Ensemble verwirklicht hat. Peele antwortete auf die Frage, ob er in seinem seiner künftigen Filme eine Hauptrolle mit einem Weißen besetzen würde, dass er das nicht vorhat. Weil er solche Filme schon häufig genug gesehen hat. Seine Perspektive als Zuschauer wurde in all den Jahren aber zu selten wirklich präsentiert. Ein Umstand, den er mit seinen eigenen Filmen auch ändern will.

Einerseits ist es dabei durchaus politisches Kino, das er bietet, ist die Geschichte von Get Out doch gerade im heutigen Amerika hochgradig kontrovers. Hier sind es reiche Weiße, die das ewige Leben wollen, indem sie ihren Geist in die Körper von Schwarzen versetzen lassen. Weil diese People of Color leichte Beute sind. Es ist der ultimative Rassismus, die Auslöschung des Schwarzen Ichs, das durch ein privilegiertes, Weißes Bewusstsein ersetzt wird.

Der Rassenfrage geht Peele in Wir nicht weiter auf den Grund, wohl aber der Frage nach der Identität. Zwischenzeitlich haben auch andere Filmemacher interessante Beiträge abgeliefert, so Gerard Bush und Christopher Renz mit Antebellum (2020), der in den USA weitestgehend verrissen wurde, hierzulande aber gut rezensiert wird. Der reale Horror lag den Amerikanern wohl zu nahe, geht es hier doch um eine aufgeklärte, moderne junge Frau, die aus widrigen Umständen heraus in die Position einer Sklavin auf einer Baumwollplantage gezwungen wird. Peele hat zuletzt ein Remake von Candyman (2021) produziert, das der Geschichte sicherlich neue Aspekte abgewinnen wird.

Der Horrorfilm ist in den letzten Jahren diverser geworden, aber längst noch nicht am Ziel. Es ist eine Zeit des Aufbruchs, bei der das Schwarze (Horror-)Kino nur ein Aspekt einer weit größeren Bewegung ist, die Minderheiten größere Repräsentation bescheren will und dabei oft genug auf Widerstand stößt. Aber der Stein ist ins Rollen gekommen und nicht mehr aufzuhalten. Und das ist gut so.

Get Out
Wir
Antebellum

Tolle Überraschungen ...

... erwarten dich in unserem Newsletter. Preisaktionen, exklusive Gewinnspiele, die besten Neuerscheinungen. Bestelle jetzt unsere Raketenpost!

Bestelle jetzt unseren Newsletter
Share:   Facebook