Ein Fremder ohne Namen

© Universal Pictures

FILM

Weird Western: Der Horror im Wilden Westen


Eine Melange zweier Genres stellt einen besonderen Reiz dar, weil die oftmalige Vorhersehbarkeit jedes einzelnen dieser Genres ausgehebelt wird. Wenn Elemente aufeinandertreffen, die nicht zueinander gehören, dann ist alles möglich. Der Weird Western – eine Mixtur aus klassischem Western und modernem Horror – ist solch ein Genre, das sträflich unterbenutzt erscheint, aber vielleicht gerade deswegen in den Bann zieht.

Der Western ist das quintessenzielle US-amerikanische Genre. Weite Landschaften, harte Natur, noch härtere Männer, und das alles auf einem bodenständigen Fundament, das erschüttert wird, wenn Elemente der Science Fiction oder des Horrors Einzug halten. Weil die gefühlte Realitätsnähe ganz plötzlich umgeworfen wird. Es ist alles möglich, wenn Cowboys auf Dinosaurier, Vampire, Monster und andere Schauergestalten treffen.

Weird West ist eine noch junge Bezeichnung für eine Genre-Spielart, die es schon seit den Pulp-Zeiten in den USA gibt. Autoren wie Robert E. Howard (Das Grauen aus dem Hügelgrab) vermengten in dem Magazin Weird Tales die unterschiedlichen Genres, Schriftsteller wie Joe R. Lansdale (Dead in the West) oder Nancy A. Collins (Walking Wolf: A Weird Western) lieferten bemerkenswerte Beiträge, und in der Welt der Comics gab es früher den Ex-Soldaten Jonah Hex (im Jahr 2010 auch verfilmt), der gegen Übernatürliches antreten musste, und in jüngeren Jahren Cullen Bunns The Sixth Gun, in dem Genregrenzen ausgelotet und erweitert werden.

So fruchtbar wie im Literarischen und Graphischem war die Genre-Spielart im Medium Film aber nicht. 

Die frühen Jahre

Schon in den 1930er Jahren gab es Serials, die mehr als nur einen Western oder Science Fiction bieten wollten. Das erste war The Phantom Empire (1935), in dem gestandene Western-Helden auf die Nachfahren von Immigranten des Planeten Murania treffen, die Tausende Meter unter der Oberfläche leben. Mumien tauchten dann im B-Western Riders of the Whistling Skull (1937) auf, dem eine lange Pause folgte. Erst in den 1950er Jahren entdeckte der Horrorfilm den Western wieder für sich. Der Fluch vom Monte Bravo (1956) ist der erste Film, der Cowboys auf Dinosaurier treffen lässt. Der Streifen basiert auf einer Idee von Willis O’Brien, der gut zwanzig Jahre zuvor die Stop-Motion-Effekte für King Kong und die weiße Frau (1933) gemacht hatte. Teenage Monster (1958) spielt im Jahr 1880 und erzählt davon, wie ein junger Mann durch die Strahlung eines Meteoriten zum Monster wird, das von seiner Mutter versteckt wird, da sie verhindern will, dass ihr Sohn hinausgeht und tötet. Die Geschichte hätte auch in der damaligen Gegenwart spielen können – und wäre alles andere als originell gewesen –, die zeitliche Verlagerung in den Wilden Westen macht den Monsterspaß aber wirklich reizvoll.

Curse of the Undead (1959) mutet über lange Zeit wie ein ganz normaler Western an, bis der Twist zum Tragen kommt, dass der Revolverheld in Wahrheit ein Vampir ist. In den 1960er Jahren trafen dann Legenden des Wilden Westens auf Legenden der Schauerromantik. Billy the Kid vs. Dracula (1966) und Jesse James Meets Frankenstein’s Daughter (1967) sind allerdings echter Trash.

Gwangis Rache (1969) bildet den Abschluss des Jahrzehnts, ein Film, der auf Willis O’Briens Idee der Mixtur aus Dinosaurier und Cowboys zurückgeht und von den grandiosen Stop-Motion-Effekten von Ray Harryhausen profitiert.

The Phantom Empire
Riders of the Whistling Skull
Gwangis Rache

Rache aus dem Jenseits

Ein gängiges Thema – in der Umsetzung mal stärker, mal schwächer ausgeprägt – ist die Rache aus dem Reich der Toten. Ein Mann, dem Unrecht widerfahren ist, der getötet wurde und der zurückkehrt, um offene Rechnungen zu begleichen. Der Prototyp ist Clint Eastwood als Ein Fremder ohne Namen (1973), der wie der Teufel über eine ganze Stadt herfällt. Eastwood befasste sich mit dem mythologischen Aspekt einer solchen Figur Jahre später noch einmal, in Pale Rider (1985) verfügt sie aber eher über messianische Qualitäten. In eine ähnliche Richtung geht Alejandro Jodorowsky mit El Topo (1970), der für einen indigenen Stamm zur gottgleichen Gestalt wird.

Der weiße Büffel (1977) mit Charles Bronson ist eine Art „Moby Dick des Wilden Westens“, ist der Hauptdarsteller als Wild Bill Hickok doch von einem fast schon mythischen Tier besessen, dem er nachstellt, übrigens ebenso wie der Indianer Crazy Horse, der Ahab gleich Rache für seine tote Tochter einfordert. Der französische Blueberry (2004) ist eine Abkehr von der erfolgreichen Comic-Serie, indem mystische Elemente stark betont werden.

Der alte Westen und die moderne Zukunft

Die Mixtur aus Western und Science Fiction gab es im Fernsehen mit den Serien Verrückter Wilder Westen (1965-1969) und Die Abenteuer von Brisco County Jr. (1993-1994), im Kino versuchte man sich Jahrzehnte später mit Wild Wild West (1999) an einer Neuauflage der 1960er-Serie mit Will Smith in der Hauptrolle. Das Ergebnis ist aber nicht nur der Roboterspinne wegen fragwürdig.

Faszinierender ist da schon Timerider – Die Abenteuer des Lyle Swann (1982), den es mit seinem Motorrad ins Jahr 1887 verschlägt. In eine ähnliche Richtung ging wenig später Zurück in die Zukunft III (1989) mit Marty McFly im Jahr 1889, aber auch seinem DeLorean und am Ende gar einer Lokomotive, die mehr ist, als sie zu sein scheint.

Zumeist sind es die Science-Fiction-Elemente, die den Western aufpeppen, manchmal ist es aber auch umgekehrt, so etwa bei Oblivion (1994) und seinem Sequel Oblivion 2: Backlash (1996), die gar nicht mehr auf der Erde, sondern auf einem fremden Planeten spielen, aber ganz und gar auf Western gebügelt sind – inklusive Shootouts in der Western-Stadt. Ein Gefühl von Space-Western transportierte auch Joss Whedons Serie Firefly (2002).

Cowboys & Aliens (2011) war dann die Blockbuster-Version davon, die beiden Genres zu vermengen. Der auf einem Comic basierende Film bietet wenig mehr, als der Titel schon vorgibt. Wie das Ganze in billig aussieht, sieht man beim Fernsehfilm High Plains Invaders (2009).

Ein Fremder ohne Namen
Oblivion
Timerider

Kannibalen und wüster Splatter

Draußen im Westen, in den Bereichen, die noch unerforscht waren, die voller Gefahren waren, konnte es zu Fällen von Kannibalismus kommen. Damit befasst sich der arthausige Ravenous (1999) und beruft sich auf die Geschichte von Alferd Packer, der mit fünf Leuten in die Wildnis zog, aber alleine zurückkam. Die schrägere und blutigere Version dieser Geschichte gibt es in Cannibal! – The Musical (1993) von den South Park-Machern zu sehen.

Weit übler ist Bone Tomahawk (2015), in dem die Protagonisten auf einen indianischen Kannibalenstamm treffen. Über weite Strecke reichlich dröge, dreht der Film zum Ende hin auf und ergeht sich in heftigsten Splatter-Einlagen.

Zurück in den Westen

Auffällig ist, dass viele Filmreihen, die für den Heimkinomarkt gestaltet wurden, über kurz oder lang nicht nach vorne, sondern nach hinten blickten. Tremors 4 – Wie alles begann (2004) verlegt die Handlung mehr als 100 Jahre zurück und zeigt, wie das Kaff Perfection erstmals Probleme mit Graboiden hatte, während From Dusk Till Dawn 3: The Hangman’s Daughter (2000) erzählt, wie Santanico Pandemonium wurde, was sie ist. In Ginger Snaps 3: Der Anfang (2004) wird die Geschichte der Werwolfschwestern erzählt – bzw. die ihrer direkten Vorfahrinnen. Uwe Boll schickte in BloodRayne 2: Deliverance (2007) seine Vampirheldin in den Wilden Westen.

Vampire und Monster

Near Dark (1987) spielt im Hier und Jetzt, Kathryn Bigelows Vampirfilm arbeitet aber mit Elementen des Westerns, während Ghost Town (1988) zwar im Wilden Westen beginnt, dann aber in der Gegenwart spielt. Diesem Umgang mit der Moderne nimmt sich auch Anthony Hickox‘ wunderbarer Sundown (1991) an, in dem Vampire sich mitten in einem Wüstenkaff verstecken und sich mit starken Sonnenschutzcremes vor der brennenden Sonne schützen.

Werwölfe gibt es in Mad at the Moon (1992), dämonische Kreaturen in Dead Birds (2004), Zombies in Undead or Alive (2007), unterirdische Monster in The Burrowers (2009) und reichlich mystischen Mumbojumbo in Gallowwalkers (2012).

Auffällig ist aber gerade beim Ausstoß der Weird-West-Filme der letzten paar Jahrzehnte, dass der B-Sektor zwar gerne mit der Originalität kokettiert, aber selten etwas Neues zu sagen hat. Die meisten dieser Film sind zurecht vergessen. Das Thema bleibt jedoch spannend, weil das Genre-Amalgam zu reizvoll ist, als dass sich nicht auch weiterhin Erzähler damit befassen würden. Man wartet nur auf den ganz großen Wurf, der Western und Phantastik auf eine Art kombiniert, die in der Vergangenheit nur selten wirklich funktioniert hat. Die Erfolgsformel zu finden, ist schwierig, in der Welt der Literatur ist es gelungen – beim Film wird es irgendwann auch passieren.

Ravenous
Blueberry
Near Dark

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