Birds of Prey

© Warner Bros. Pictures

FILM

“Sie ist nicht allein” – Weibliche Solidarität in der jüngeren Popkultur


Frauen, die zusammenhalten und sich nicht in Konkurrenzdenken zerfleischen, sind immer noch eine Seltenheit, vor allem in großen Film- und Serienproduktionen. Warum ist das so? Und welche Beispiele gibt es, die es besser machen?

Birds of Prey und das solidarische Haargummi

Es gibt Filmszenen, bei denen ich schon beim ersten Schauen weiß, dass ich sie nicht vergessen werde und dass sie einen ikonischen Moment darstellen. Eine davon ist der Moment in Birds of Prey, in dem Harley Quinn mitten im Kampf einen Haargummi an Black Canary reicht, damit die sich die Haare aus dem Gesicht halten kann. Diese Szene bringt mehrere Dinge auf den Punkt: Zum einen natürlich, wie entscheidend es ist, dass auch hinter der Kamera Frauen Entscheidungen treffen, weil sie einen ganz anderen Blick darauf haben, wie unpraktisch es beispielsweise ist, mit wehendem offenem Haar den fiesen Möpp zu bekämpfen. Zum anderen ist es eine Geste weiblicher Solidarität. Sie mag vielleicht im Film nur wenige Sekunden einnehmen, aber die Aussage dahinter ist deutlich: Ich sehe dich. Ich verstehe dein Problem. Nimm dieses Haargummi. Und ja, das ist vielleicht eine kleine und oberflächliche Geste, aber ich (und, sieht man sich die Art und Weise an, wie die Szene in Artikeln und auf Social Media gefeiert wurde, auch sehr viele andere Personen) waren völlig hin und weg davon. Denn: So was gab es noch nie in einem Hollywood-Superheld*innen-Film. 

Nun will ich mich hier nicht über Haargummis auslassen. Tatsächlich ist das offene Haar von langhaarigen Kämpfer*innen eine Design-Entscheidung, die ich teilweise nachvollziehen kann, da sie den Einsatz von Stunt-Doubles erleichtert. Nein, dieser Artikel beschäftigt sich mit etwas anderem: mit weiblicher Solidarität, einem Thema, das in den letzten Jahren auch in die Phantastik und Popkultur Einzug gehalten hat. Und ja, leider muss ich hier wieder von “weiblicher Solidarität” sprechen, denn nicht-binäre Menschen kommen in meinen Beispielen nicht vor, weil sie gerade in phantastischen Erzählungen immer noch kaum repräsentiert sind.

Von Schlumpfinen und bissigen Stuten

Die Vorstellung, dass Frauen in ewiger Konkurrenz zueinander stehen, ist eine der perfidesten Lügen des Patriarchats - und gleichzeitig eine der effektivsten Methoden, um zu verhindern, dass sich Frauen verbünden, um gegen das System aufzubegehren, das sie unterdrückt. Wer kennt sie nicht, die Vorurteile von “Stutenbissigkeit”, wenn mehr als zwei Frauen im selben Büro sind? Die Geschichten über “Bienenköniginnen”, die als einzige Frau in der Gruppe ihre Position gegen jede andere Frau verteidigen, damit sie die ungeteilte Aufmerksamkeit des männlichen Umfeldes weiter genießen können? Und oft kommt frau in den typischen Action- oder Superheld*innen-Filmen sowieso gar nicht in die Verlegenheit, mit einer anderen Frau zu interagieren, da sie als einzige Frau im sonst rein männlichen Ensemble unterwegs ist (wie Schlumpfine bei den Schlümpfen, deshalb: Schlumpfinensyndrom). Maximal im Team der Antagonist*innen gibt es noch eine einzige andere Frau, mit der Schlumpfine sich dann prügeln darf. Ihr wisst schon, ist ja auch irgendwie ästhetisch, wenn zwei Frauen miteinander rangeln. Und außerdem muss dann keiner von den Helden eine Frau verhauen. In Formaten wie (romantischen) Komödien gibt es hingegen oft die “andere Frau”, nämlich die, die der Heldin des Films im Weg steht und sie davon abhält, ihr Ziel zu erreichen, sei es die Liebe des Angebeteten oder der Traumjob. Oft wird diese “andere Frau” als Gegenspielerin besonders gemein, hinterlistig oder grausam charakterisiert - schließlich ist sie das Hindernis, das die Protagonistin überwinden muss.

Diese Darstellung zeugt von einem davon, wie sehr die dramaturgischen Entscheidungen immer noch von einem männlichen Blick geprägt sind. Zum anderen zementiert sie aber auch genau diese Sichtweise und bringt Mädchen und Frauen dazu, selbst so zu denken. Gerade in eher männlich dominierten Subkulturen (Games, Comics, Nerdkultur generell) führt das oft dazu, dass Frauen irgendwann behaupten, mit anderen Frauen nichts anfangen zu können und gar auf sie herabzuschauen. Sie sagen dann oft, sie selbst seien ja gar nicht so wie diese anderen Frauen, die das coole Hobby nicht begreifen. Sie seien mehr so wie die Jungs, mit denen sie abhängen, “one of the boys” eben. Um ehrlich zu sein: Das sind alles Dinge, die ich selbst von mir gegeben habe, als ich knapp über 20 war. Doch so sehr ich meine männlichen Freunde natürlich schätze - nichts war schöner und bereichernder, als über dieses bescheuerte Es-kann-nur-eine-Schlumpfine-geben-Denken hinwegzukommen. Denn Freundschaft zu anderen Frauen und weiblich sozialisierten Personen ist von einer Solidarität geprägt, die sich aus den Erfahrungen speist, die wir alle auf die eine oder andere Weise gemacht haben. Wir leben noch immer in einer zutiefst patriarchalen Gesellschaft, und sie benachteiligt Frauen und jene, die als Frauen gelesen werden, auf vielfältige Art und Weise. Sei es das Nicht-Ernstnehmen von medizinischen Symptomen, Belästigung auf der Straße, unerwünschte Penisfotos in privaten Nachrichten, nicht übernommene Kosten für gynäkologische Untersuchungen und Prozeduren, niedrigere Löhne, die allgegenwärtige Rape Culture, das Beschämen dafür, Kinder zu wollen oder eben nicht, arbeiten zu wollen oder eben nicht, die Care-Arbeit, die angeblich biologisch den Frauen irgendwie zufällt oder Spaß bereitet: Es gibt unendlich viele Beispiele. Natürlich passt in dieser patriarchalen Weltordnung der Gedanke nicht so gut ins Bild, dass sich diejenigen, die von ihr benachteiligt werden, miteinander verbünden. Wie viel einfacher ist doch der Machterhalt, wenn jede für sich allein kämpft. Und doch gelingt es zum Glück vielen Frauen, aus dem Konkurrenzdenken, das ihnen vorgesetzt wird, auszubrechen. Sie findet Verbündete in anderen, die ihre Erfahrungen teilen, helfen sich gegenseitig und sind füreinander da - und zwar weit öfter als es die mediale Darstellung glauben machen will. “Es ist so eine lächerliche Vorstellung, dass Frauen im Wettstreit miteinander liegen oder sich gegenseitig verurteilen”, sagt Margot Robbie, die in Birds of Prey Harley Quinn spielt, in einem Interview. “Ehrlich, immer wenn wir zusammen vor die Presse treten, ist das erste, was wir zueinander sagen: ‘Hey, ich liebe das. Liebe diese Hose. Die Kette ist super.’ So läuft das einfach. Wir wollten diese ganzen kleinen Momente auch im Film abbilden, wo immer es möglich war.”

BIRDS OF PREY - Official Trailer 1

Sie ist nicht allein

Es ist sicherlich kein Zufall, dass die meisten der Filme und Serien, die genau diesen Zusammenhalt abbilden, von Frauen geschrieben wurden und diese dabei auch Regie führten. Und das ist auch gut so, denn nur weil eine Szene viele Frauen beinhaltet, heißt das nicht, dass sie automatisch empowernd wäre und von weiblicher Solidarität zeugt. So gibt es beispielsweise in Avengers: Infinity War eine eigentlich schöne Szene, in der Black Widow und Okoye der von einer Gegnerin überwältigten Scarlet Witch mit dem Satz “Sie ist nicht allein!” zu Hilfe kommen. Leider fällt die Szene aber gleichzeitig wieder in die Kategorie “Frauen kämpfen nur gegen Frauen”, denn alle drei weiblichen Kämpferinnen prügeln sich darin natürlich mit Thanos’ einziger weiblicher Unterkommandantin. Trotzdem kann ich der Szene durchaus noch etwas abgewinnen, im Gegensatz zu dem Guck-wie-viele-Frauen-das-MCU-doch-hat-Display in Avengers: Endgame, das leider nicht herausreißt, wie das MCU mit seinen weiblichen Figuren umgeht.

Bei Birds of Prey hingegen zieht sich das Thema von Emanzipation, Feminismus und Solidarität durch den ganzen Film, in Handlung wie Ausgestaltung. Beispielsweise sind Kleidung und Kampfbewegungen des rein weiblichen Teams frei von male-gazey Übersexualisierung, Bösewicht Black Mask steht ziemlich eindeutig für Patriarchat und toxische Männlichkeit und viele der Protagonistinnen wie Black Canary oder Renee Montoya glauben am Anfang noch, sie könnten in einem gegen sie gerichteten System etwas erreichen, bis sie am Ende doch gemeinsam mit den anderen daraus ausbrechen - was dann in die Kampfszene mit dem erwähnten Haargummi-Moment mündet. Noch mehr zu den verschiedenen Aspekten des Films gibt es in dieser sehr guten Analyse bei Filmlöwin.

Solidarität ist komplex

Noch hält sich das Märchen von der ewigen Konkurrenz unter Frauen ziemlich hartnäckig - umso erfreulicher, dass in den letzten Jahren doch mehrere Filme und Serien daran arbeiten, nicht nur weibliche Solidarität zu zeigen, sondern auch darzustellen, dass diese nicht unbedingt immer mit enger Freundschaft einhergehen muss. Denn auch die Komplexität von Frauenfreundschaften ist ein vernachlässigtes Thema in Film und Fernsehen. Unter anderem hat Nhi Le in ihrer sehr lesenswerten Kolumne The Female Gaze darüber geschrieben.

So ist es auch in Birds of Prey so, dass nach dem Sieg über Black Mask zwar alle kurz gemeinsam im Diner zusammen feiern, doch danach geht zumindest Harley Quinn wieder ihren eigenen Weg. Eine ähnliche Dynamik gibt es in Folge 7 der 2. Staffel Sex Education, in der die sehr unterschiedlichen jungen Frauen gemeinsam nachsitzen müssen und feststellen, dass sie alle schon Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen in der ein oder anderen Form machen mussten. Sie halten zusammen, als eine von ihnen wieder in den Bus steigen muss, in dem ein Mann ihr sexualisierte Gewalt angetan hat. Am Ende der Folge ist klar, dass nicht alle von ihnen sich jetzt besser leiden können als vorher - trotzdem haben sie sich solidarisch gezeigt.

GLOW: Season 2 | Main Trailer

Serien mit einem großen Anteil an weiblichen Figuren, wie beispielsweise die Wrestling-Serie GLOW oder die animierte Fantasy-Serie SheRa haben schon durch die reine Anzahl an Frauen immer wieder Momente, in denen diese sich gegenseitig unterstützen. Dabei leben beide Serien stark von der Dynamik ihrer beiden Hauptfiguren, die sich durch die Staffeln hindurch zieht und von der Frage bestimmt ist, ob sie am Ende wieder zusammenfinden, ob nun auf freundschaftliche oder andere Weise. Aber auch zwischen den verschiedenen Nebenfiguren gibt es immer wieder Momente, in denen sie füreinander da sind, sei es im Kampf oder bei der unsicheren Suche nach der eigenen Identität.

Zum Schluss noch ein Beispiel, das weibliche Solidarität auch unter völlig Fremden darstellt: In The Old Guard, einer von der Regisseurin Gina Prince-Bythewood umgesetzten Comicverfilmung, gibt es eine Szene, in der eine der Frauen aus dem Team eine Verletzung vor den anderen verbirgt, sich in einer Apotheke Verbandszeug kauft und nach dem Badezimmer fragt. Die Apothekerin kommt mit ihr mit und verbindet sie, ohne weitere Fragen zu stellen. Für mich war das eine weitere Szene, von der ich wusste, dass sie mir immer im Gedächtnis bleiben wird. Deshalb schließe ich diesen Artikel mit dem Zitat der Apothekerin:

“Du brauchst Hilfe. Ist es nicht egal, warum? Heute versorge ich deine Wunde. Morgen hilfst du anderen wieder hoch, die hingefallen sind. Wir sind nicht dazu gemacht, allein zu sein.”

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