Techno-Orientalismus: Das Erbe der 80er

© ParallelVision/Pixabay

BUCH

Techno-Orientalismus: Das Erbe der 80er


Der Cyberpunk-Look ist inzwischen wohlbekannt: Neon-Schilder mit Katakana-Schrift, Geishas auf großen Reklameflächen, Katana-Kämpfe überall. Ob in „Blade Runner“, „Matrix“ oder „Shadowrun“: Asiatische und speziell japanische Klischeese sind aus dem Genre kaum wegzudenken. Aber warum eigentlich?

Japan im Neonlicht

Auch im neu erschienenen Videospiel „Cyberpunk 2077“ sind Katanas, asiatischen Lampions bis hin zu Gangs mit japanischen Hannya-Masken überall zu sehen. 

Selbst in der Sprache von Cyberpunk finden sich japanische Elemente, nennen sich doch die Straßenkrieger hier Street Samurai und bezeichnen die Angestellten großer Firmen als Salariman. Japan scheint überall zu sein.

Dieser Einfluss geht bis auf die Wurzeln des Genres zurück. Bereits William Gibsons „Neuromancer“ steckte voller japanischer Themen; so spielt zumindest der Anfang des Buches in Chiba City. Auch die Bezeichnung „Street Samurai“ entstammt dem Klassiker. Ähnlich sieht es bei Gibsons anderen Romanen aus: Oft gibt es japanische Settings, Anlehnungen an die Kultur sowie japanische Konzerne und die Yakuza.

Auch „Blade Runner“, der Film, der die visuelle Ästhetik des Genre praktisch erfand, benutzt japanische Elemente: die bereits genannte Katakana auf Neonschildern, die Geishas, die asiatisch inspirierte Kleidung.

Von beidem inspiriert, fand Japan auch in anderen Cyberpunk-Geschichten Einfluss. Die beiden Rollenspielsysteme „Cyberpunk“ – die Grundlage des neuen Spiels – und „Shadowrun“ nutzten in ihren Artworks und ihrem Vokabular ebenfalls Japan als Inspirationsquelle.

Dafür kann es verschiedene Gründe geben. Natürlich mag ein wichtiger Aspekt gewesen sein, dass William Gibson als Person eine tiefe Faszination für Japan und seine Kultur empfand, selbst wenn er das Land erst 1988, vier Jahre nachdem Neuromancer veröffentlicht wurde, das erste Mal besuchte.

Wo die Zukunft bereits Gegenwart ist

Allerdings darf auch der politische Kontext der 70er und 80er Jahre nicht außen vor gelassen werden. Zu dieser Zeit erlebte Japan einen Wirtschaftsboom, der vor allem seinem technischen Fortschritt zu verdanken war. Von Waschmaschinen und Staubsaugern, über Autos und Telefone hin zum Walkman: Japanische Produkte waren überall. Ausgerechnet zu einer Zeit, in der die USA ihrerseits eine Wirtschaftsflaute erlebten.

Japan war das Land der technologischen Innovation, so wirkte es. Während amerikanische Science Fiction sich die Zukunft vorstellte, schien Japan bereits in einer Version dieser Zukunft zu leben, wie John Apostolou es später so treffend beschrieb. 

Insofern überrascht es vielleicht gar nicht so sehr, dass Japan einen solchen Einfluss auf die Vorstellungen dieser Künstler ausübte. Sowohl als das Land, in dem eine Cyberzukunft scheinbar bereits die Gegenwart war, als aber auch als die Marktmacht, die vermeintlich die ganze Welt zu übernehmen vermochte.

Das letztere Motiv taucht im Cyberpunk immer wieder und bis heute oft unreflektiert auf: Der japanische Megacorp, der weltweiten Einfluss hat, und – mehr noch – seine japanische Art der Firmenführung auch auf den Westen ausweitet. 

Techno-Orientalismus: Angst und Faszination

All diese Einflüsse fassten die Autoren David Morley und Kevin Robins 1995 in ihrem Buch „Spaces of Identity“ unter dem Begriff „Techno-Orientalismus“ zusammen. 

Orientalismus bezeichnet schon lange die Beschäftigung mit dem „Orient“, das heißt dem arabischen, persischen und asiatischen Raum, wurde aber in den 70ern von Edward Said neu definiert. In Saids Definition beschreibt „Orientalismus“ die europäische, von Vorurteilen dominierte Faszination für den „Orient“ als exotisches Anderes. Darunter fallen die klischeebelasteten Darstellungen von Bauchtänzerinnen, Harems, aber auch asiatischer Mystiker*innen mit angeblich magischen Kräften.

Morley und Robins sehen im Umgang des Westens mit Japan im Speziellen eine neue Form des Orientalismus. Hier ist Japan weiter exotisch und mystisch, jedoch auch eine hypertechnologisierte Macht. 

Die Autoren beschreiben die vor allem amerikanische Angst vor einem Japan, das die „amerikanische Seele“ in Form amerikanischer Firmen und speziell auch der amerikanischen Medien aufkauft und sich zu eigen macht. Diese Angst wird dabei nicht zuletzt auch von der Nervosität gestützt, die nach der japanischen Expansion und dem Zweiten Weltkrieg geblieben ist, als Japan die einzige Macht war, die Schaden auf amerikanischem Boden verursacht hat. Japans wirtschaftlicher Aufschwung, in dessen Zuge unter anderem japanische Firmen Anteile in der amerikanischen Wirtschaft kaufen konnten, erweckte Vorstellungen einer neuen Expansion – einer Expansion des Marktes. Diese Angst ging so weit, dass bei einer Umfrage im Jahr 1989 mehr Amerikaner*innen angaben, sich vor Japan und einer japanischen Invasion zu fürchten, als vor der Sowjetunion. 

Gleichzeitig erschien Japan für viele Amerikaner*innen fremd. Es war das eine Land, das nicht von einer europäischen Kultur geprägt und vor allem nicht vornehmlich weiß war, es aber dennoch geschafft hatte, einen so hohen technischen Stand zu erreichen. Morley und Robins beschreiben vor allem das weit verbreitete Vorurteil der emotionslosen Japaner*innen, die mit unmenschlicher Präzision und Ausdauer den technischen Fortschritt vorantreiben. 

Als Techno-Orientalismus bezeichnen sie eine Vielzahl von wiederkehrenden Tropen und Mustern, die sich aus diesen Ängsten und Vorurteilen ergeben: Japan als Land, das gleichzeitig hochtechnologisiert und mystisch ist. Japaner*innen als Cyborgs oder Roboter, wenn nicht explizit, dann zumindest implizit durch ihr emotionsloses Verhalten. Japanische Firmen als Weltmächte, die an alten Traditionen festhalten und diese auf andere Kulturen ausweiten. Japanische Arbeiter*innen, dargestellt als gesichtslose Masse. Teile dieser Konzepte findet man nicht einmal nur in der Fiktion.

Das Konzept wurde auch nach Morley und Robins von anderen Autor*innen weitergetrieben und ausgebaut. So wurde vielmals auch die Darstellung japanischer oder, allgemeiner noch, asiatisch gelesener Körper als exotisch sexuell beobachtet. Eine Darstellung, die dem traditionellen Orientalismus entspricht, sich aber auch deutlich auf den Techno-Orientalismus anwenden lässt.

Auch der wiederkehrende japanische Bösewicht, der vielleicht ein japanischer Geschäftsmann ist und ein westliches Unternehmen übernehmen möchte, vielleicht aber auch ein Yakuza mit noch unlautereren Zielen, ist ein solches Stereotyp.

Neuromancer
Philip K. Dick - Blade Runner
Spaces of Identity

Asien sollte mehr sein als Ästhetik

Zweifellos finden sich viele dieser Klischees und Stereotypen sich in Cyberpunk wieder: von amerikanischen Städten, die komplett durch japanische oder chinesische visuelle Aspekte geprägt sind, wie zum Beispiel das Los Angeles aus „Blade Runner“ oder Night City aus „Cyberpunk 2077“, über japanische Firmen, die den internationalen Markt beherrschen, wie beispielsweise in „Shadowrun“ zu sehen, hin zu exotisierten Schönheiten, die den Helden verführen.

Fairerweise sei gesagt, dass Cyberpunk nicht als einziges Genre der Science Fiction diese Stereotypen aufweist. „Star Wars“ stand mehrfach von asiatischen Gemeinschaften in der Kritik dafür, asiatisch inspirierte Kleidung und Make-up zu nutzen, um seine Charaktere exotischer erscheinen zu lassen. Auch Joss Whedon wurde für seine Darstellung speziell asiatisch kodierter Kulturen beispielsweise in seiner Kultserie „Firefly“ kritisiert.

Perfide ist dabei vor allem eins: Während diese Geschichten sich gerne frei an der asiatischen Kultur bedienen, lassen sie oft wenig Raum für asiatische Figuren. Die Held*innen sind beinahe immer weiß. Asiatische Figuren erscheinen selten in größeren Rollen, es sei denn sie sind Antagonist*innen. Damit wird die asiatische Kultur zum Setdressing einer Welt, in der weiße Figuren Abenteuer erleben. Selbst die Heldin von „Ghost in the Shell“ wurde in der amerikanischen Verfilmung zu einer weißen Frau gemacht. Kurzum: Techno-Orientalismus ist in der Science Fiction und vor allem im Cyberpunk weit verbreitet. Was sich ursprünglich vornehmlich auf Japan bezog, kann mittlerweile auch auf China und Südkorea ausgeweitet werden, nachdem beide Länder einen technischen Boom erlebten.

Was jedoch interessant daran ist: Japanhat die Darstellung seiner selbst als „Zukunft des Westens“ vollkommen akzeptiert. Nicht nur, dass diverse Architektur in Tokio und anderen Großstädten aussieht wie aus einem Science-Fiction-Film entstiegen; auch Cyberpunk hat in Japan bereits in den 80ern Halt gefunden und sich dort weiterentwickelt, so dass man mittlerweile vom „japanischen Cyberpunk“ als einem eigenen Subgenre spricht. Dieses teilt zwar viele ästhetische Gemeinsamkeiten mit dem westlichen Cyberpunk, unterscheidet sich jedoch in den Details. Gerade in Cyberpunk-Romanen, aber auch in Anime und Manga, sind es häufig hyperkompetente Heldinnen, die im Mittelpunkt der Geschichten stehen, im Gegensatz zum einsamen maskulinen Helden des amerikanischen Cyberpunks. Auch spielt die Frage nach der Grenze zwischen Mensch und Maschine immer wieder eine zentrale Rolle – eine Grenze, die japanische Science-Fiction-Literatur bereits seit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt.

Cyberpunk ist ein Genre, das nicht nur durch den Kalten Krieg, sondern auch durch den japanischen Wirtschaftsboom zentral geprägt wurde. Dabei spiegelt sich vor allem die Mischung aus Faszination für und Angst vor dem ostasiatischen Land wider, leider aber auch mit einer Menge oft entmenschlichter Stereotypisierung. Was einst durch wirtschaftliche und politische Entwicklungen geprägt wurde, ist mittlerweile jedoch oft ein unhinterfragter Teil der Genre-Ästhetik, der in erster Linie exotisiert. Diese Klischees sind allerdings so tief mit dem Genre verwurzelt, dass es schwer ist, sie komplett wegzudenken. Doch vielleicht gibt es eine Alternative: Cyberpunk, der nicht nur japanische Ästhetik benutzt, sondern auch japanischen Figuren erlaubt, die Rolle der Held*innen zu spielen.

Über Alex Rump

Jahrgang 1989, wurde im Ruhrpott geboren, ist seit sierer Geburt jedoch viel rumgekommen. Alex hat unter anderem eine Weile in Österreich und Berlin gelebt, arbeitet zurzeit jedoch in Münster an sieren Masterabschluss in der Wirtschaftsinformatik.. 2018 veröffentlichte sier sieren Debütroman „Der Schleier der Welt“ gemeinsam mit sierem damaligen Partner Sven Kreuer. Auf sierer Webseite Alpakawolken.de bloggt sier zudem über Filme, das Schreiben, Mythologie und Geschichte.

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