Freaks

© David Dollmann/Netflix

FILM

Freaks – Film und Comic


Superhelden gehen immer, das zeigen uns Marvel und DC. Der anhaltende Erfolg von Superheldenfilmen sorgt nun dafür, dass solche Produktionen auch außerhalb der USA stattfinden: Netflix präsentiert mit Freaks einen deutschen Superheldenfilm. Peter Osteried unternimmt den Vergleich mit der Comicvorlage. Vorsicht, Spoiler!

Superheldenfilme basieren in der Regel auf Comics. Meist auf solchen, die schon seit Jahrzehnten existieren. Der Film Freaks – Eine von uns basiert auf keinem Comic, es gibt aber einen dazu; er wird in Kürze von der Edition Moderne publiziert. Autor und Zeichner ist Frank Schmolke, der mit seiner Graphic Novel Nachts im Paradies in Comic-Kreisen hierzulande durchaus für Furore gesorgt hat.

Originär ist das Projekt ein Film. Oder besser: ein Drehbuch. Autor Marc O. Seng hat sich jedoch mit Frank Schmolke zusammengetan. Der Comic basiert auf Sengs Drehbuch, Schmolke hatte allerdings ziemlich freie Hand. So gibt es zwei Werke mit der gleichen Geschichte, aber einem doch ausgeprägten Zugang.

Was ist schon ein Held?

Wendy hat einen miesen Job in einem miesen Schnellrestaurant. Sie hat einen Mann und ein Kind, Schulden und blaue Tabletten, die sie jeden Tag schlucken muss. Diese Pillen wurden ihr von Dr. Stein verschrieben, die sie seit Kindheitstagen betreut. Das Medikament hält Wendy im Lot. Es lässt sie ein normales Leben führen. Das zumindest sagt Dr. Stein.

Doch als Wendy eines Nachts den obdachlosen Marek kennen lernt, ändert sich für sie alles. Er erkennt sie als „eine von uns“ und zeigt ihr, was er damit meint. Marek stürzt sich von einer Brücke und wird dann auch noch von einem Laster überfahren. Aber er lebt – und zwar gänzlich unverletzt. Er hat Superkräfte, die von den Pillen unterdrückt wurden. Wenn Wendy sie absetzt, wird sie auch ihr wahres Ich kennen lernen.

Das macht Wendy und findet heraus, dass sie superstark ist. Damit ist sie nicht allein, denn ihr Kollege Elmar, ein Nerd, der immer noch zuhause lebt, nimmt die Pillen auch. Als er sie absetzt, träumt er davon, ein Superheld zu werden. So wie in den Comics. Aber die Figuren der Comics sind moralisch gefestigter als er.

Freaks
Freaks

Zwei Medien, eine Geschichte

Die Grundgeschichte ist bei Film und Comic gleich. Der Unterschied ist, dass Schmolke in seinem Comic mit über 200 Seiten viel mehr Platz hat, um tiefer in die Figuren und ihre Psychologie einzudringen. Das gilt für Wendy, aber auch für Elmar, der im Film weit schneller und plakativer zum Schurken wird.

Im Comic wird er noch deutlicher an den Abgrund getrieben. Es gibt gänzlich neue Szenen, wie z.B. die seiner Beziehung zu seiner Chefin, die sich ihm gegenüber als Domina gebärdet, aber auch erweiterte, wie das Gespräch mit seinem Vater am Esstisch. Das macht die Figuren plastischer.

Im Film wird nur an der Oberfläche gekratzt. Gut 90 Minuten Laufzeit sind nicht viel. Das allein ist aber nicht das Problem des Films. Sein Problem ist, dass ein Filmbudget im Vergleich zur Phantasie eines Comicschaffenden Grenzen hat.

Wo Wendy im Film superstark ist und Leute durch die Gegend wirft, beschwört sie im Comic eine Wesenheit herauf – oder manifestiert ihre Kräfte in ihr. Diese ist ein Abbild der Todesgöttin Kali, die Wendys Gegner in Stücke reißt. Das ist optisch weit aufregender.

Dass der Film nicht dieselben Bilder heraufbeschwören kann, ist nicht sein einziges Problem. Das weit größere ist, dass Freaks – Eine von uns sehr spießig inszeniert ist. So sieht deutsches Fernsehen aus, wenn die echte Inspiration fehlt und stattdessen Bilder des kollektiven popkulturellen Gedächtnisses heraufbeschworen werden.

Zwei Enden

Die Geschichten enden unterschiedlich. Oder besser gesagt: Der Film hat noch eine Art Epilog. In dem zeigt sich dann, dass es viele dieser Freaks gibt, dass sie sich nicht länger vor einer Gesellschaft verstecken wollen, die sie fürchtet (X-Men lässt grüßen), und dass sie bereit sind, als Helden (und wohl auch Schurken) für ihre Freiheit und ihre Normalität zu kämpfen. Der Film zeigt, wie die Freaks am Ende auf einem Dach stehen, die Stadt überblickend. Es ist der typische Superheldenmoment, auf den kaum ein Film verzichtet, der aber mittlerweile so sehr zum Klischee geworden ist, dass man auf Variation hofft. Oder zumindest auf Coolness: Da die Freaks jedoch keine Kostüme haben, bleibt es eher uncool.

Aber ein Kostüm gibt es im Film schon. Elmar alias Electroman macht es wie in den Comics. Er ist auch die interessanteste Figur sowohl des Films als auch des Comics. Weil Elmar von Kindheit an gelesen hat, was es heißt, ein Superheld zu sein. Er will ein Superheld sein. Allein, er ist in seiner Arroganz dazu nicht gemacht. Sein Wunsch verkehrt sich ins Gegenteil, weil er an seinem eigenen Anspruch scheitert.

Freaks – Eine von uns ist einigermaßen solide Unterhaltung, auch wenn das Ganze anmutet, wie der Pilotfilm für eine Serie. Der Comic jedoch beleuchtet wirklich, was es heißt, in einer Gesellschaft, in der nicht sein darf, was nicht sein kann, Superkräfte zu entwickeln und aus der Norm auszubrechen. Interessant sind beide Medien, großartig aber nur eines.

Freaks – Du bist eine von uns | Offizieller Trailer

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