Years and Years

© BBC

FILM

Years and Years. Großbritanniens grauenhafte Zukunft


Peter Osteried
10.06.2020

Großbritannien in den Jahren 2019 bis 2034 – der Serienmacher Russell T. Davies entwirft ein Bild von der Welt, in der wir morgen leben werden. Das Ergebnis ist eine diskussionswürdige Miniserie mit politischem Zündstoff.

Gerade in diesen Tagen entwickelt die auf dem Amazon-Prime-Kanal Starzplay laufende Miniserie Years and Years eine beklemmende Wirkung. Weil Schöpfer Russell T. Davies, der einst die Wiedergeburt von Doctor Who eingeleitet hat, einen Blick auf die Welt wirft, wie sie ist, und daraus konsequent weiterspinnt, wie sie werden kann.  

In nur sechs Folgen mit einer Gesamtlaufzeit von knapp sechs Stunden wird ein Zeitraum von 15 Jahren abgebildet. Alles beginnt im Jahr 2019 und endet im Jahr 2034. Davies erzählt exemplarisch anhand einer Familie und blickt in die Zukunft: gesellschaftlich, technologisch, wirtschaftlich, umwelttechnisch. Das Bild, das er erschafft, lässt schaudern.

Die Lyons

Die Lyons sind eine ganz normale britische Familie. Die Mutter der erwachsenen Kinder Stephen (Rory Kinnear), Rosie (Ruth Madeley), Daniel (Russell Tovey) und Edith (Jessica Hynes) ist längst tot, sie alle haben aber ein gutes Verhältnis zueinander und zu ihrer Großmutter. Jeder lebt dabei sein eigenes Leben. Daniel ist schwul und frischverliebt, Stephen verheiratet, hadert aber damit, Rosie alleinerziehend und Edith eine Aktivistin und Weltverbesserin.

Die Lyons leben in gefährlichen Zeiten: Ein Atombombenabwurf durch die Amerikaner erschüttert das Land, eine Bankenkrise, eine gewaltige Rezession, Flüchtlingsströme, denen mit einer Endlösung Herr gemacht werden soll, eine Pandemie und die Erkenntnis, dass man in einem Land lebt, das nicht mehr das ist, in dem man groß geworden ist.

Years and Years: Trailer

Die echte Welt

Die erste Folge ist zur Etablierung der Figuren, erzählt aber auch vom Aufstieg der rechten Politikerin Vivienne Rook (Emma Thompson) zur Premierministerin, und damit von einer Populistin, auf die viele nichts geben, die kein Programm, aber Wirkung hat. Zum Ende hin eskaliert alles. Im Streit mit China lässt Donald Trump eine künstliche chinesische Insel bombardieren. Das Ende der Welt, so hat man das Gefühl am Ende dieser Folge, wird eingeleitet. Mit der nächsten Episode sind bereits mehrere Monate vergangen, die Sonne ging auf, die Welt drehte sich weiter.

Aber das alles ist nur der Beginn einer Eskalationskette, die alles und jeden mit sich reißt.

Years and Years ist ein kühnes Format, weil es Zeitsprünge notwendig macht, weil man sich als Zuschauer immer wieder irritiert in einer neuen Situation wiederfindet, die aber seltsam vertraut erscheint. Weil Davies seine Serie sehr stark in der Realität verwurzelt hat. Er erzählt ungeschönt davon, wie die Welt aus den Fugen gerät, wie Europa in Gewalt und Chaos versinkt, während die USA als isolierter Paria existieren. Dazwischen das Vereinigte Königreich, das den Verlockungen einer Führerin erliegt.

Years and Years zeigt auch, wie Menschen in einen menschenverachtenden Apparat hineingezogen werden. Obwohl das nicht das Hauptthema ist, hält die Serie auch die Antwort auf die Frage parat, wie es kommen konnte, dass die Nazis in Deutschland in den 1930er Jahren die Macht übernehmen konnten.

Die Show ist aber subtil. Davies zeigt mit Vivienne Rook einen Politikertypus, den man aus den realen Nachrichten kennt. Sie ist Donald Trump, Boris Johnson, Björn Höcke - eine Populistin, die das System verflucht, aber eigentlich Teil davon ist, die leere Phrasen drischt, sie aber gut klingen lässt, die die Vision eines Landes hat, in dem kein freiheitsliebender Mensch leben möchte. Und dennoch fallen die Massen auf sie herein.

Die Zukunft

Das ist eines der großen Themen dieser Show, Davies lädt sie aber bis zum Anschlag mit weiteren auf. Er spinnt fort, was die Technologie bringen wird. Im Kleinen wie dem Einbau von telefonischen Elementen in die Hand eines Menschen, aber auch im Großen mit einem Trend wie Transhumanismus - Menschen entledigen sich ihres Körpers und erstehen digital wieder auf. Manches mag noch überzogen erscheinen, aber wie bei Black Mirror hat man aber das Gefühl, dass wir nicht wirklich weit von derartigen Entwicklungen entfernt sind.

Davies kommentiert den Rechtsruck in europäischen Ländern, den illegalen Krieg Russlands gegen die Ukraine, der eine Legion von Flüchtlingen mit sich bringt, die Angst vor einem Finanzsystem, das zu groß zum Scheitern ist - und wenn es doch scheitert, dann reißt es die Armen und den Mittelstand mit in den Abgrund.

Und er erzählt von einer Pandemie, die sich weltweit verbreitet - einer Affen-Grippe, die gar nicht so weit von dem entfernt ist, was wir mit der Corona-Krise erleben.

Auch das macht Years and Years zu solch einer eindringlichen, aber auch verstörenden Erfahrung, weil man nicht das Gefühl hat, Science Fiction zu sehen. Was Russell T. Davies hier erzählt, ist nur einen Schritt weit davon entfernt, real zu werden, eine vorweggenommene Chronik realer Ereignisse.

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