Tōkyō Movie Shinsha/Production I.G/Madhouse

FILM

Cyberpunk-Animes: ästhetisch, schockierend, tiefsinnig


Judith Madera
11.03.2020

Nach einer kurzen Boomzeit in den 1980ern wurde Cyberpunk bald zum Nischengenre mit einer kleinen, begeisterten Fangemeinde. Während der Trend im Westen langsam abflaute und klassische Genreelemente zunehmend im Mainstream aufgingen, gewann Cyberpunk in Japan an Bedeutung. Neben einigen wilden, extrem lauten Filmen erschienen in den letzten dreißig Jahren einige herausragende Animes, die die Kontraste zwischen High-Tech und Low-Life perfekt einfangen und sich stark auf die philosophischen Aspekte des Genres konzentrieren.

Ästhetischer Grundstein: Akira

Ende der 1980er setzte Akira neue ästhetische Maßstände für Animes und zauberte eine neonleuchtende Megastadt auf die Leinwand, wie sie damals nur zeichnerisch umzusetzen war. Die Handlung spielt nach dem dritten Weltkrieg in Neo-Tokyo im Jahr 2019 und wurde inzwischen von der Realität eingeholt, was nicht bedeutet, dass Akira kein sehenswerter Film mehr wäre. Während Realfilme dieser Zeit vergleichsweise schlecht gealtert sind, sieht Akira auch heute noch phantastisch aus.

Der Fokus liegt auf den jugendlichen Protagonisten, die auf aufgemotzten Motorrädern durch die Straßenschluchten Neo-Tokyos rasen und unfreiwillig Teil eines mysteriösen Militärprojekts werden. Tetsuo steht stets im Schatten seines Freundes und Ganganführers Kaneda. Als er beinahe ein greisenhaftes Kind überfährt, entwickelt Tetsuo übernatürliche Fähigkeiten und glaubt, Kaneda endlich überlegen zu sein – nicht ahnend, wie gefährlich seine Verwandlung ist.

Akira begeistert mit seinem dreckigen, schillernden Cyberpunksetting (das nicht zufällig an Blade Runner erinnert); der Erfolg des Animes basiert jedoch eher auf der Perspektive seiner jungen, spannenden Figuren. Sie rebellieren gegen die Obrigkeit und verfolgen verbissen ihre Ziele, selbst dann noch, als eine Katastrophe unabwendbar erscheint. Der Film wandelt sich zunehmend zu einem bizarren Szenario, das westlichen Zuschauern fremdartig und übertrieben erscheinen kann. Akira steckt voller Symbole, die es zu entschlüsseln gilt, und verbindet zentrale Themen der japanischen Identität mit philosophischen Fragen über die menschliche Natur und die Überwindung der Körperlichkeit.

Akira: Trailer

Philosophisches Meisterwerk: Ghost in the Shell

Das Setting von Ghost in the Shell ähnelt dem von Akira, denn auch hier befinden wir uns im schillernden, schmutzigen Neo-Tokyo. Die technologische Entwicklung ist jedoch deutlich fortgeschrittener. Viele Menschen verfügen über künstliche Körper, sogenannte Shells, ausgestattet mit einem leistungsfähigen Cyberbrain, in das menschliche Gehirnzellen eingebettet sind. Darin sind die Identität und die Persönlichkeit – der Ghost – gespeichert. Protagonistin Major besitzt seit frühster Kindheit einen Cyborgkörper und bringt diesen während der Einsätze von Sektion 9, einer Spezialeinheit für Cyberkriminalität, regelmäßig an seine Grenzen. Die Schattenseiten der Technologie offenbaren sich, als ein unbekannter Hacker, der sich Puppet Master nennt, die Sicherungen der Shells knackt und damit die Kontrolle über den Ghost erlangt. Er hackt quasi Menschen, überschreibt ihre Erinnerungen und lässt sie Verbrechen begehen.

Die Jagd auf den Puppet Master ist extrem spannend und actiongeladenen. Dem gegenüber stehen ruhige, düstere Alltagsszenen aus Neo-Tokyo, untermalt von dem melancholischen Soundtrack von Kenji Kawai, der direkt unter die Haut geht. Im Gegensatz zur Mangavorlage ist Major im Film eine stille, nachdenkliche Figur. Die Taten des Puppet Masters konfrontieren sie mit der Künstlichkeit ihres Körpers, und sie fragt sich zunehmend, ob sie noch Mensch oder schon längst Maschine ist.

Zu Ghost in the Shell entstanden weitere Filme im renommierten Studio Production I.G  (Ghost in the Shell 2: Innocence ist ebenfalls sehr sehenswert und ein herrlich derber Mindfuck) sowie eine Serienadaption (die näher am Manga ist) und inzwischen auch eine durchaus gelungene Realverfilmung, die die Story etwas verändert/vereinfacht hat. Damit hat der Realfilm nicht die ungeheure Wucht des Animes, ist jedoch leichter zugänglich und sieht mit moderner CGI-Technik verdammt gut aus.

Ghost In The Shell: Trailer

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Experimentell mit dunklen Farben: Texhnolyze und Ergo Proxy

In den 2000ern wurden Cyberpunk-Animes deutlich experimenteller und düsterer.  Bereits mit Serial Experiments Lain hat das Studio Madhouse seine Zuschauer gefordert. Die Serie widmet sich der Frage, inwiefern die virtuelle die reale Welt beeinflusst, und konzentriert sich dabei stark auf seine junge Protagonistin. Der fragmentierte Erzählstil und die ungewöhnlichen Perspektiven verlangen höchste Aufmerksamkeit vom Zuschauer, der bald nicht mehr weiß, was real ist und was nicht.

Stilistisch ähnlich, jedoch geradliniger erzählt ist Texhnolyze. Namensgebend für die Animeserie ist die Technologie Texhnolyze [téknolàiz]: künstliche Gliedmaßen, die mittels intelligenter Programme in das Wahrnehmungsspektrum der Träger integriert werden. Was Schnelligkeit und Stärke betrifft, ist Texhnolyze der Natur überlegen. Allerdings bleibt die Technologie den Wohlhabenden vorbehalten. Eine Ausnahme bildet der Boxer Ichise, der auf offener Straße verstümmelt wird und das Interesse einer skrupellosen Ärztin weckt. Ausgestattet  mit  Texhnolyze wird er zum Spielball der Mächtigen in der unterirdischen Stadt Lukuss, in der sich ein Krieg zwischen der mafiaähnlichen Organo und der Union anbahnt. Letztere sieht Texhnolyze als Gefahr für die Reinheit des menschlichen Geistes. Als dritte Partei mischt Racan mit, ein Gruppe texhnisierter Jugendlicher, die Lukuss brennen sehen will.

Ungewöhnlich ist, dass in der ersten Folge kaum gesprochen wird. Stattdessen wird viel Atmosphäre durch ungewöhnliche Kameraeinstellungen und den düsteren Soundtrack erzeugt. Ähnlich wie Akira enthält Texhnolyze mystische Elemente wie beispielsweise das Mädchen Ran, das in die Zukunft sehen kann und daher als Göttin verehrt wird.

Ebenfalls sehr experimentell fällt Ergo Proxy aus dem Studio Manglobe aus. In einer postapokalyptischen Welt leben die meisten Menschen in hochtechnisierten Kuppelstädten – zusammen mit sogenannten Autoreivs, Androiden, die als Arbeitskräfte oder auch als Begleiter dienen. Mensch und Maschine werden permanent überwacht, doch kaum jemand stellt die Diktatur in Frage. Der trügerische Frieden bröckelt, als immer mehr Autoreivs am Cogito-Virus erkranken, wodurch sie ein Bewusstsein erlangen und gegen das System aufbegehren.

Protagonistin Re-L ist als Enkelin des Regenten privilegiert aufgewachsen. Zusammen mit ihrem Autoreiv Iggy, Bodyguard, Berater und Freund in einem, untersucht sie den Cogito-Virus und seine Auswirkungen. Dabei stößt sie auf den Immigranten Vincent, der ein sogenannter Proxy ist: ein dem Menschen überlegenes Wesen mit mystischen Kräften. Vincent tut alles dafür, um seine Herkunft hinter sich zu lassen und ein braver Bürger zu werden, während Re-L mehr über die Proxys herausfinden will. Als dritte Protagonistin stößt das Autoreiv-Mädchen Pino hinzu. Sie diente einst als Kindersatz und entwickelt durch den Cogito-Virus eine eigene Persönlichkeit, wobei sie schmerzlich an die Grenzen ihrer Programmierung stößt.

Auch Ergo Proxy lässt den schillernden, überreizenden Glanz typischer Cyberpunkstädte vermissen; umso mehr fallen einzelne Farbakzente inmitten all des Graus und Brauns auf. Neben der Frage, ob Autoreivs tatsächlich ein Bewusstsein haben können und damit auch ein Recht auf eigene Entscheidungen und Persönlichkeitsentwicklung haben, widmet sich Ergo Proxy insbesondere der Gentechnologie und ihren Auswirkungen, die ins Mystische verzerrt werden.

Texhnolyze: Trailer

Segen und Fluch der totalen Überwachung: Psycho-Pass, Harmony und Human Lost

Mit Psycho-Pass hat Production I.G eine brutal spannende, schockierende Cyberpunkserie geschaffen, die an Ghost in the Shell erinnert und dennoch ganz eigenständig ist. Im zukünftigen Tokyo wird die Bevölkerung permanent vom Sibyl System überwacht, sodass psychische Auffälligkeiten sofort erkannt werden. Trübt sich ein sogenannter Psycho-Pass, wird die betreffende Person zwangstherapiert. Überschreitet der Psycho-Pass jedoch einen Grenzwert, wird der Betroffene als Verbrecher eingestuft und von einer Spezialeinheit der Polizei eliminiert. Entsprechend ist die Kriminalitätsrate sehr niedrig.

Die Schattenseiten dieses Systems offenbaren sich Inspektorin Akane Tsunemori bereits bei ihrem ersten Einsatz. Sie ist eine für das Genre untypisch idealistische junge Frau, deren Psycho-Pass sich selbst nach grausamen Erfahrungen nicht trübt. Als Vollstrecker dienen in ihrer Einheit latente Verbrecher, also Menschen, deren Psycho-Pass sich bereits getrübt hat; ein Stigma, das sie zu Außenseitern macht. Dabei verfügt so mancher von ihnen über höhere moralische Werte als jene, die angepasst und unauffällig im System leben. Im Verlauf der Handlung kristallisiert sich heraus, dass das Sibyl System alles andere als fehlerfrei und gerecht ist. Akane und ihr Team bekommen es mit einem Gegner zu tun, der selbst nach brutalsten Morden vom System nicht als Verbrecher erkannt wird.

Psycho-Pass ist ein actiongeladener Cyberpunk-Thriller mit Tiefgang, der moralische und philosophische Fragen aufwirft und mit facettenreichen Charakteren glänzt. Bis zur letzten Episode bietet die Serie Schockmomente und Überraschungen und gehört mit zum Besten, was Animes zu bieten haben.

Project Itoh – Harmony ist ein auf dem Werk des japanisches Autors Satoshi Itō basierender Animefilm, der zunächst utopisch erscheint: In der Zukunft garantiert die WatchMe-Technologie Wohlstand und Frieden. Sie sagt den Menschen, was sie essen sollen, welcher Beruf oder welcher Partner zu ihnen passt und reguliert Emotionen. Krankheiten sind nahezu ausgemerzt, alle Menschen sind schön und schlank, und der einzige Preis, den sie dafür zahlen müssen, ist permanente Überwachung. Einige Jugendliche fürchten sich hingegen vor dieser erzwungenen, künstlichen Harmonie. WatchMe wird erst im Erwachsenenalter aktiviert, entsprechend verfügen die Teenager noch über das ganze Spektrum menschlicher Gefühle und begehren gegen den seelenlosen Frieden auf, indem sie Selbstmord begehen.

Harmony wandelt sich von einer fortschrittlichen Utopie zum Horrortrip und zeigt eindrucksvoll die Schattenseiten einer technikabhängigen Gesellschaft. Das künstliche Paradies wird ins Chaos gestürzt, als immer mehr Menschen Suizid begehen – auch Erwachsene, bei denen WatchMe aktiv ist. Eine Rebellengruppe kündigt an, durch WatchMe jeden Menschen jederzeit zum Suizid zwingen zu können, und stellt ein grausames Ultimatum: Jeder, der einen anderen Menschen tötet, wird verschont.

Der Film besticht durch eine eher ruhige, nachdenkliche Erzählweise, schockiert aber auch mit blutigen Gewaltausbrüchen. Gentechnologie und Augmented Reality sind in dieser Zukunftsvision ganz selbstverständlich, doch der Mensch hat sich so weit von der Natur entfernt, dass das System zu bröckeln beginnt. Der freie Wille wird zum Feind der Harmonie, und als Zuschauer fragt man sich am Ende immer noch, ob die totale Überwachung durch WatchMe Segen oder Fluch ist.

Mit Human Lost erscheint 2020 ein echtes Highlight für Cyberpunk-Fans. Thematisch gibt es Parallelen zu Harmony, die Umsetzung ist jedoch deutlich düsterer und actiongeladener. Im Jahr 2036 ist es dank Nanotechnologie und hochentwickelten Medikamenten möglich, die Lebensspanne eines Menschen auf mindestens 120 gesunde Jahre zu verlängern. Über das S.H.E.L.L.-System werden alle permanent überwacht – zumindest die, die es sich leisten können. Die anderen fristen ihr Dasein in den Randbezirken.

Der junge Maler Yozo Oba will sich das Leben nehmen. Doch das System verweigert ihm das Recht auf einen selbstbestimmten Tod. Wer zu schwer verletzt ist, wird einfach „neugestartet“. Doch nicht jeder verträgt die Technologie, und immer mehr Menschen verwandeln sich in unkontrollierbare „Lost“. Yozo schließt sich einer Motorradgang an, die es sich zum Ziel gesetzt hat, ins Innere des reichen Tokyos vorzudringen. Als er scheitert, wird er selbst zum „Lost“ – und er ist der erste, dem es gelingt, sich zurückzuverwandeln.

Human Lost ist ein bildgewaltiger Film, der nervenaufreibende Action und nachdenkliche Töne verbindet und wie Psycho-Pass und Harmony die Frage stellt, wie hoch der Preis für Frieden und Sicherheit sein darf und inwiefern der Mensch mit seiner selbst geschaffenen, künstlichen Welt kompatibel ist.  Übrigens basiert Human Lost auf einem der in Japan meistverkauften Romane: Ningen Shikkaku (engl. No Longer Human / dt. Gezeichnet) von Osamu Dazai (erschienen 1948).

Human Lost: Trailer

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