Neues aus dem Star-Trek-Universum (II): Autoren der Zukunft

© CBS Television / Amazon

FILM

Autoren der Zukunft - Neues aus dem Star-Trek-Universum (II)


Mit der heißersehnten Serie Star Trek: Picard kehrt die Sternensaga 2020 wieder zurück auf die Bildschirme. Aber wie ist es eigentlich, das Franchise als Autor zu bespielen und mit eigenen Romanideen zu bereichern? Christian Humberg im Gespräch mit David Mack und Bernd Perplies.

 

Die Zukunft der Sternenflotte mag eine Zeit der galaxisüberspannenden Echtzeitkommunikation sein, in der man nur die Grußfrequenzen öffnet und prompt mit dem anderen Ende des Quadranten spricht, als stünde man selbst dort … Aber die Gegenwart ist ein klein wenig archaischer in diesen Dingen. Entsprechend umständlich gestaltet sich das Interview, das zu führen ich beschlossen habe.

Am einen Ende unserer transatlantischen, technischen Problemen und Zeitzonen trotzenden Grußfrequenz: US-Autor und Drehbuchschreiber David Mack. Der Kreative aus New York hat Dutzende von Romanen und Comics zu Star Trek verfasst und bereits an mehreren TV-Serien des Franchises mitgewirkt (dazu später mehr). Niemand kennt den aktuellen Stand der multimedialen Sternensaga besser als er.

Am anderen Ende: Schriftsteller und deutscher Szenekenner Bernd Perplies. Als Ko-Autor der Romantrilogie Star Trek Prometheus legte er (gemeinsam mit dem Verfasser dieser Zeilen) das offizielle Romanepos zum fünfzigsten Geburtstag von Star Trek vor – in Hollywoods Auftrag und mit Hollywoods Segen. Darüber hinaus sieht man den bekennenden Phantasten bundesweit auf Conventions und Messen. Für das, was ich heute wissen möchte, sind diese zwei kreativen Köpfe – einer in den USA, einer in der Nähe von Stuttgart – das perfekte Team.

„Wie ist das eigentlich“, beginne ich unser kleines Kollegengespräch, „wenn man für Star Trek schreibt?“

Die Sandkästen anderer Leute

„Der größte Unterschied zwischen einer TV- und einer Romanidee (oder einer Novelle) besteht in der Länge“, gesteht Mack. „Daran musste auch ich mich erst einmal gewöhnen, als ich den Wechsel vom Drehbuch- zum Romanautor wagte: Ein Buch verlangt viel mehr Story und Detail von dir als ein TV- oder Kinodrehbuch. Unterschied zwei: Bei Prosa kommt es deutlich mehr auf die eigene Wahrnehmung an. Einem Drehbuch genügt es, wenn du erwähnst, was zu sehen und zu hören ist. Willst du als Autor aber in Prosa begeistern, musst du alle Sinne deiner Leser ansprechen. Du beschreibst plötzlich, was die Figuren schmecken, berühren und riechen – all das gehört zum Rüstzeug des Schriftstellers. Weniger offensichtlich, aber nicht minder bedeutend ist der Unterschied zwischen Innen- und Außenperspektive: Beim Drehbuch ist meist die Außensicht wichtig. Es beschreibt, was die Kamera ‚sieht‘ und das Mikrofon ‚hört‘. Im Roman schreibt man aber fast immer aus der Perspektive einer beteiligten Figur und schildert die Szene durch den Filter ihrer Wahrnehmung – ihrer Ansichten, Vorurteile, Referenzpunkte und (ggf. mangelnden) Vorkenntnisse. Entsprechend leichter ist es, wichtige Informationen geheim zu halten, wenn man aus der Außensicht heraus schreibt anstatt aus der Perspektive einer Figur, die mehr weiß als sie zugibt. Gemeinsamkeiten finden sich in allen anderen Aspekten, würde ich sagen. Die Grundlagen guter Geschichten, Figuren und Dialoge sind immer gleich, ganz ungeachtet des stilistischen Rahmens.“

Doch gibt es besondere Auflagen und Fallstricke, wenn man ausgerechnet für eine so weltberühmte Lizenz wie Star Trek in die Tasten greifen soll?

„Grundsätzlich schreibt sich ein Star Trek-Roman erstmal wie jeder andere Roman auch“, stimmt Bernd Perplies, der als Autor für gleich mehrere bekannte Marken aktiv ist, seinem Vorredner zu. „Ein guter Spannungsbogen, interessante Charaktere, überraschende Wendungen – das sind universelle Qualitätsmerkmale, die es als Autor immer anzustreben gilt. Der Unterschied liegt jedoch im Grad der erzählerischen Freiheiten, die man hat. Schreibe ich ein Werk in einem eigenen Setting, bestimme ich alle Regeln. Die Figuren sind leere Blätter, die ich fülle. Niemand gibt mir etwas vor (außer vielleicht der Vertrag, den ich mit dem Verlag geschlossen habe). Star Trek dagegen ist ein Franchise, das seit über 50 Jahren von zahllosen Kreativen gestaltet wurde. Vor allem die Kinofilme und TV-Serien geben dabei Regeln vor, an die ich mich als Romanautor halten muss. Die Enterprise hat zwei und nicht vier Antriebsgondeln. Captain Picard trinkt Earl Grey (heiß) und nicht Darjeeling-Tee. Vulkanier preisen die Prinzipien der Logik und Klingonen treten gern martialisch auf. Das alles – und noch viel mehr – muss man beachten, wenn man als Autor für ein Franchise schreibt. Sonst läuft man Gefahr, dass der Lizenzgeber (hier: CBS) sagt: ‚Das geht so nicht.‘ Wobei CBS erst bei dramatischeren Regelverstößen eingreifen würde, wenn man also beispielsweise in einem Roman Picard umbringt und ihn bis zum Ende des Buchs nicht plausibel ins Leben zurückgeholt hat. Oder wenn man Admiral Janeway in eine fluchende Alkoholikerin verwandelt. Oder wenn man den Planeten Vulkan in die Luft sprengt. ;-) Solche Dinge eben.“

Mack nickt. „Ich habe bereits viele verschiedene Lizenzen beackern dürfen, und meine Erfahrungen ähnelten einander immer. Manchmal muss man sich nach kleineren Eigenheiten richten – wenn ein Lizenzinhaber beispielsweise strikt gegen jede Art von Fluch ist –, aber das Prinzip ist stets gleich: Hat der Autor, der Lizenzinhaber oder der Verlag eine Idee für ein Lizenzbuch, muss diese vom Lizenzinhaber genehmigt werden. Erst dann darf der Autor das Manuskript schreiben. Ist er damit fertig, durchläuft sein Text erneut einen Prozess der Prüfung, Korrektur und Freigabe.

Eigene Ideen müssen dagegen nur den Autor und den Verlag (und in manchen Fällen den Agenten des Autors) begeistern. Das mag entspannt klingen, aber bei mir führte dieser Mangel an einem weiteren Korrekturblick schon manchmal dazu, dass ich an mir selbst zweifelte. Funktionierten meine Geschichten und Sätze wirklich so, wie von mir gewünscht? Ich hatte ja ‚nur‘ mich und meinen Lektor, um es zu beurteilen.“

„Auch wenn ich für Perry Rhodan oder Playmobil arbeite, muss ich die Regeln dort beachten“, gibt Perplies zu, „die mal mehr, mal weniger streng, mal mehr, mal weniger absurd anmuten. Man spielt hier als Autor einfach in einem Sandkasten mit ganz vielen anderen Menschen, da sind Egotrips nicht gefragt, sondern Teamfähigkeit. Auf der Habenseite kann man aus einem reichen Fundus an existierendem Material schöpfen, wenn man sich ans Plotten der eigenen Geschichte macht. Man muss nicht bei Null anfangen, wie im Fall eines komplett eigenen Settings.“

Sein US-Kollege bestätigt diesen Gedanken prompt. „Bei Lizenzwerken kennt der Leser die Welt, in der du spielst, bereits“, so Mack. „Deine eigenen Welten müssen dem Leser ganz aus sich heraus eine imaginäre Bühne entwickeln. Als ich den Wechsel von Lizenzarbeiten zu eigenen Welten vollzog, fand ich diese Aufgabe ebenso aufregend wie beängstigend.“

Deutlich Luft nach oben

Aber wie gehen die Kreativen, die Star Trek zum Teil seit Jahren mitprägen, mit der aktuellen Produktionsschwemme in Hollywood um? Nach Jahren des Stillstands sind momentan zahlreiche neue TV-Serien zum Franchise in Vorbereitung, von der Rückkehr Jean-Luc Picards bis hin zu humoristischen Animationsserien für Otto Normalzuschauer und seinen Nachwuchs. David Mack ist in die Produktion einiger dieser kommenden Attraktionen sogar direkt involviert!

„Mein Job besteht darin“, bestätigt er meine entsprechende Nachfrage auch sofort, „den Serienschöpfern und -autoren zu zeigen, wo ihre Einfälle eventuell gegen den etablierten Star Trek-Kanon verstoßen, gegen die geltende Technik und Philosophie, und ihnen Wege aufzuzeigen, wie sie ihre Ideen daran angleichen können, ohne sie aufzugeben. Im Grunde finde ich heraus, was die Autoren sagen wollen, und zeige ihnen den besten, trekkigsten Weg, genau das zu tun. Als ich mit Dan und Kevin Hageman [Showrunner der noch streng geheimen und namenlosen ST-Serie fürs Kinderprogramm von Nickelodeon] sprach, beschrieb ich mich als ‚euer Star Trek-Sherpa. Sagt mir, wo ihr hin wollt, und ich weise euch den Weg, erspare euch zeit- und kostenintensive Umwege und helfe euch und eurem Team beim Tragen, damit ihr schnell und weit voran kommt.‘“ Geheimnisse über die kommenden Serien – neben Nickelodeon ist Mack auch in beratender Funktion für die Trickserie Lower Decks tätig – dürfe er allerdings nicht verraten. Denn diese seien, na klar, geheim.

Perplies lacht. „Ich freue mich, dass Star Trek nach vorn blickt und auch neue Wege beschreitet“, gratuliert er dem vielseitigen Kollegen. „Als Autor mag ich natürlich, was jahrelang im Buchbereich in Sachen Star Trek passiert ist, aber das Universum braucht einfach die bewegten Bilder, um beim großen Publikum präsent zu bleiben. Star Trek: Discovery hat hier meines Erachtens einen durchaus passablen Start in die ‚übernächste Generation‘ der Star Trek-Serien hingelegt. Ich sage ‚passabel‘ und nicht ‚großartig‘, weil meines Erachtens einige unnötige Fehler von den Machern begangen wurden. Gerade in der ersten Staffel haben sie sich zu sehr an dem orientiert, was in den letzten Jahren medial ‚angesagt‘ war. Das hat zu einem unnötig düsteren Grundton der Serie geführt und zu mehr als nur ein paar Style-over-Substance-Momenten. In Staffel 2 wurde das deutlich besser, aber ich sehe immer noch Luft nach oben.

Vor Picard habe ich ehrlich gesagt ein wenig Angst. Ich habe gerade erst erlebt, wie ein anderes großes Star-Franchise seine alten Helden schrecklich demontiert hat. Ich würde ungern erleben, dass das TNG-Erbe in ähnlicher Weise ruiniert wird. Hier ist viel Fingerspitzengefühl der Macher vonnöten, um Altes mit Neuem elegant zu verschmelzen. Zu Lower Decks habe ich noch keine wirkliche Meinung. Es ist eine animierte Comedy-Serie, da können die von mir aus machen, was sie wollen, denn ich werde das Geschehen dort immer mit dem Abstand betrachten, den für mich Satire zum Original hat. Im Optimalfall sind die Geschichten mehr als überdrehte Blödeleien. Aber wenn nicht, könnte ich auch damit leben.“

Der Trek-Talk

In der kommenden Ausgabe dieser Kolumne setzen wir das Gespräch mit Bernd Perplies und David Mack fort und behandeln u.a. das toxische Fandom, die weltweite Conventionszene und kommende Projekte. Kennt ihr die Romane und Comics der beiden Autoren bereits? Auf welche der kommenden Trek-Produktionen freut ihr euch besonders, welche bereitet euch eher Sorgen? Sagt es uns, wie üblich, im „Trek-Talk“ gleich hier in den Kommentaren und diskutiert mit. Wir freuen uns auf euer Feedback.

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