Danke Disney, oder: Warum wir alle wieder zu Raubkopierern werden

© Walt Disney Studios / Lucasfilm

FILM

Danke Disney, oder: Warum wir alle wieder zu Raubkopierern werden


Philipp Weinbrecht
18.12.2019

Vor wenigen Wochen ist Disney+ gestartet und während ein Teil der Welt schon Baby-Yoda zelebriert, schaut ein anderer Teil ins: Nichts. Auch die Geldbeutel vieler User kommen an ihre Grenzbereiche.

Ein Netflix sie zu knechten

Ich liebe Streaming. Auch, wenn ich Filme noch immer sehr gerne als Steel- oder Mediabooks ins Regal stelle, ist es eine sehr schöne Sache, abends nicht von der Couch aufstehen zu müssen, um das Bedürfnis nach Bewegtbild zu stillen. Eigentlich ist das auch bezüglich Anbieter, zumindest in Deutschland, recht bequem: Meist teilt man sich mit der Familie ein Netflix-Abo; wer häufig bei Amazon bestellt, genießt die Vorteile von Prime-Video ohne Aufpreis und wer sich gerne über 90er-Jahre-Technik aufregt, der gönnt sich ein SkyTicket-Abo, um nachzuholen, was man im Kino verpasst hat. Soweit, so gut.

Doch es rumort im Streaming-Markt, denn auch wenn gefühlt niemand an Netflix vorbeikommt, so buhlen – gerade auf ausländischen Märkten –- viele neue Anbieter um die Gunst der Zuschauer und ihre Geldbeutel.

Was Digital Copies passierte, droht nun Streaming

Digital Copies sind eine feine Sache: Man kauft sich physisch einen Film und bekommt „gratis“ eine digitale Version dazu. Gerade zu Anfangszeiten war das Verfahren zwar nicht elegant, aber effektiv: Der Käufer legte eine spezielle DVD in das Laufwerk und entschied sich dann, ob er die digitale Version aus dem Windows Store oder von iTunes beziehen möchte. Danach besaß man eine digitale Version des Films auf der Festplatte. Fertig! Mit der Zeit drängten immer mehr Lösungen auf den Markt, die genauer kontrollieren wollten, was mit den digitalen Inhalten passierte.

Eine Lösung war Ultraviolet, auf die Firmen wie Fox, Warner Bros. und Universal zurückgriffen. Leider waren die Services außerhalb der USA wenig bis kaum nutzbar, da diese wiederum auf Dienstleister wie Flixster oder Pudu zurückgriffen, um digitale Inhalte zu distribuieren. Das Problem: Diese Sub-Dienstleister saßen in den Staaten und hatten keine angepassten Apps für den Rest der Welt. Die Rechtslage war entsprechend undurchsichtig, da teilweise digitale Kopien nur für ein Jahr kostenfrei angeboten und sich die Option offen gehalten wurde, danach erneut zu Kasse zu bitten.

User hatten darauf selbstverständlich keinen Bock, weshalb ein Sekundärmarkt entstand, auf dem illegal mit digitalen Codes gehandelt wurde. Das Ende vom Lied? Ultraviolet ist, wie die meisten Sub-Dienstleister, mittlerweile eingestellt und digitale Kopien spielen, zumindest auf dem deutschen Markt, keine Rolle mehr.

Disney+ | Start Streaming

[Nie mehr die neuesten Trailer, Filmstarts und Buchneuheiten verpassen! Bestelle jetzt unseren Newsletter!]

Wenn Streaming wieder in der Steinzeit steckt

Was das mit Disney+ zu tun hat? Nun, ein sehr ähnliches Problem bzgl. Anbieter und Verfügbarkeiten existierte bereits vor knapp 10 Jahren. Erinnert sich noch jemand an die Anfänge von GAME OF THRONES? Zu der Zeit war es nirgendwo möglich, GAME OF THRONES legal außerhalb der USA zu schauen. Einer der berühmtesten Web-Comics von The Oatmeal fasste das gesamte Elend der Fans zusammen. Das Ende vom Lied: GAME OF THRONES war für lange Zeit Spitzenreiter der "Most pirated TV-shows", da Fans sich andere Mittel suchten, die Serie zu schauen.

Disney hat sich, trotz dieses Negativ-Beispiels, für einen asynchronen Start der Plattform Disney+ entschieden: Während also die U.S., Kanada und die Niederlande den Dienst nutzen dürfen, schaut der Rest der Welt weiterhin in die Röhre. Darunter auch Deutschland. Das ist, gerade mit Blick auf das Jahr 2019, ein unfassbarer Rückschritt, der Disney viel negatives Feedback eingebracht hat. Dass dazu selbst der sehr eingeschränkte Launch noch mit technischen Problemen zu kämpfen hatte, tat der gedrückten Stimmung keinen Abbruch.

Während sich also auf sozialen Netzwerken ausgewählte Zuschauer schon fleißig über die aktuellen Folgen von THE MANDALORIAN austauschen, leiden viele User ohne VPN oder Sitz in den Startländern unter massiven Spoilern, die ihnen durch Serien-Recaps und Memes in ihre Timelines gespült werden. Entsprechend entlädt sich der Unmut darüber unter anderem auf Twitter. Auch der Hashtag #boycottdisney, der eigentlich zum Boykott des kommenden MULAN-Live-Action-Remakes aufruft, wurde nach Launch von Disney+ von wütenden STAR-WARS-Fans gekapert.

Der Verbraucher findet einen Weg. Immer.

Was also tun Fans im Internet, die die Schnauze voll haben von Spoilern, technischen Problemen oder fehlender Verfügbarkeit von Inhalten? Nun, mit Blick auf das oben erwähnte Oatmeal-Comic greifen sie zu anderen Mitteln – auch wenn diese nicht immer legal sind.

Bereits drei Stunden(!) nach Launch von Disney+ in Kanada und den U.S. zirkulierte die Serie auf gängigen Filesharing-Plattformen und verzeichnete Rekord-Downloadzahlen. Diese Zahlen kamen überwiegend durch User aus Spanien und Großbritannien zustande, also die Länder, die erst im März 2020 Zugang zu Disney+ bekommen. Doch hier hört das Debakel nicht auf: Auch wenn Disney+ erst vor wenigen Wochen gestartet ist, ist THE MANDALORIAN auf bestem Wege, die „most pirated show“ des Jahres zu werden. Also in weniger als zwei Monaten. Die Nachfrage ist so hoch, dass der bisher unerreichte Rekord von GAME OF THRONES mit über 100.000 illegalen Downloads pro Tag(!) eingestellt werden könnte.

Langfristig könnte Disney+ eigenhändig dafür sorgen, dass ein neues, goldenes Zeitalter der Online-Piraterie losbricht. Bedenkt man, dass Disney ALLE Inhalte aus eigenem Hause von Fremdplattformen wie Amazon, Netflix & Co. abzieht und nur noch bei Disney+ anbieten will, würde das für viele Fans ein Grund sein, andere Wege zu ihren Lieblingsfilmen und -serien zu finden. Denn, wie bereits im Artikel HOLLYWOOD: EIN DISNEYLAND angemerkt, hat Disney hier auch alle Marvel-Serien, sowie Pixar- und Fox-Inhalte unter Dach und Fach, wozu z.B. auch DIE SIMPSONS gehören. 

THE MANDALORIAN Baby Yoda Trailer (2019) Disney+ Scene

Experten warnen vor neuer Piraterie-Welle.

Das mag jetzt nach Schwarzmalerei klingen, doch auch Experten warnen mit Nachdruck davor, dass durch die zentralisierte Bündelung beliebter Marken, die bisher auf verschiedenen Plattformen liefen, in Kombination mit der steigenden Zahl an Streaming-Diensten, die Online-Piraterie in den nächsten Jahren wieder einen massiven Aufschwung erfahren könnte, nachdem man durch den bisher überschaubaren Markt die Piraterie tatsächlich sowas wie „im Griff“ hatte.

Denn: Disney+ ist nicht die einzige Plattform, die neuerdings ihre Rechte bündeln möchte. Genau wie der Mauskonzern möchten sich in Zukunft auch andere Firmen am Streaming-Goldtopf bedienen. So startet WarnerMedia 2020 mit HBO Max durch und zieht dafür die beliebte Serie FRIENDS zu sich. Auch GAME OF THRONES wird dort laufen. Erst vor kurzem verlor Netflix die Rechte an FRIENDS nach vielen Jahren an Amazon Prime. Ob FRIENDS dort auch nach Launch von HBO Max noch laufen wird, steht in den Sternen.

Immerhin: Sky hat mit WarnerMedia einen Deal eingetütet, dass WESTWORLD und GAME OF THRONES auch zukünftig beim Unternehmen aus Unterföhring laufen werden – aber nur für Kunden aus Deutschland und Österreich. Serien wie SOUTH PARK und THE BIG BANG THEORY werden aber, stand jetzt, nur auf HBO Max zu finden sein. Fans von Marvel-Serien, die traditionell auf Netflix liefen, müssen zukünftig zu Disney+ wechseln. Das Gleiche gilt für Simpsons-Fans.

Noch nicht erwähnt wurden hier weitere, teils schon gestartete Services, wie AppleTV+, der immerhin aktuell keine Lizenzen eingekauft hat, sondern ausschließlich mit „exclusives“ aufwartet. 2020 stehen zudem Plattformen wie PEACOCK, QUIBI oder DISCOVERY/BBC in den Startlöchern. Auch hier werden eher exklusive Inhalte ausgestrahlt, aber jeder Service wird 5$ – 15$ verlangen. Inhalte, die also aktuell überwiegend auf NETFLIX, SKY und AMAZON PRIME angeboten werden und monatlich ca. 15€-20€ verlangen, werden zukünftig auf deutlich mehr Plattformen ausgeweitet. Will man die gleichen Inhalte also weiterhin konsumieren, muss man plötzlich im Monat 35€ - 50€ zur Seite legen. Wer dann noch exklusive Filme und Serien auf AppleTV+ & Co. schauen möchte, kann sehr schnell auf Kosten um 75€ pro Monat kommen. Da kommt die Frage auf:

Wer soll das bezahlen? Wer hat so viel Geld?

Natürlich ist es verständlich, dass viele Firmen an eigenen Marken Geld verdienen wollen. Vor allem, wenn man die Gewinne nicht mit Dritt-Plattformen wie Netflix oder Sky teilen möchte, macht es Sinn, User direkt zu sich zu holen, um mehr Gewinn einzufahren.

Die Frage ist, was am Ende der Preis dafür ist? Steigende Online-Piraterie wird ein Problem sein, die proportional zur Menge an Anbietern steigen wird. Wie am Beispiel Digital Copies oder an GAME OF THRONES gesehen, gehen User oft den Weg des geringsten Widerstandes: Je komplizierter und teurer der Zugang zu Inhalten wird, desto eher ist der Verbraucher geneigt, auf andere Mittel zurückzugreifen.

Lange Zeit haben große Studios die Macht von Streaming unterschätzt und alles an Netflix, Sky und Amazon verkauft. Für Kunden war das inoffiziell die „goldene Streaming-Ära“: Mit wenig Geld bekam man maximal viele Inhalte. Jetzt, da das große Geld winkt, möchten alle was vom Kuchen haben - und das geht auf Kosten der Zuschauer. Der Start von Disney+ könnte in einigen Jahren rückblickend als das Öffnen der „Büchse der Pandora“ gesehen werden und als Untergang von „Netflix & Chill“.

In Zukunft werden Anbieter mit vielen exklusiven Inhalten aufwarten, um die Preise zu rechtfertigen und Kunden zu halten, doch der Markt wird sich – wie bei Digital Copies – am Ende selbst regulieren. Denn egal wie gut gemeint eine Lösung vom Gedanken her mal war: Sobald Geld im Spiel ist, spielt der Wunsch des Konsumenten nur noch eine untergeordnete Rolle. Der Leidtragende ist am Ende der Kunde, der gezwungen wird, notgedrungen einen anderen Zugang zu Inhalten zu finden. Ob der im Sinne der Anbieter ist, bleibt fraglich.

Über den Autor

 

Philipp Weinbrecht ist Streamer, Blogger und Podcaster bei pressakey.com. Nach eigenen Angaben ist er süchtig nach Twitter und Bewegtbild und schreibt gerne über Filme, Games und Lifestyle.

Tolle Überraschungen ...

... erwarten dich in unserem Newsletter. Preisaktionen, exklusive Gewinnspiele, die besten Neuerscheinungen. Bestelle jetzt unsere Raketenpost!

Bestelle jetzt unseren Newsletter
Share:   Facebook