Disney: die neue Supermacht in Hollywood

© pixabay

FILM

Hollywood, ein Disneyland: Wie die Walt Disney Company dem Kino schadet


Philipp Weinbrecht
20.08.2019

20th Century Fox, die Marvel Studios, Pixar und Lucasfilm haben - neben der Fließbandproduktion ikonischer Superhelden- und Abenteuerfilme - noch etwas gemeinsam: Sie gehören der Walt Disney Company. Das hat negative Einflüsse auf die Kinolandschaft. Ein Feature von Philipp Weinbrecht.

Ich liebe Disney. Meine Jugend war dominiert von Disney. Ohne Disney hätte ich wohl nie THE FORCE AWAKENS bekommen, der sich zu meinem liebsten Teil der STAR WARS Reihe gemausert hat. Ich möchte hier auch niemandem den Spaß verderben. Meiner Erfahrung nach sind viele Fans keine regelmäßigen Kinogänger, die jede Woche für mal mehr, mal weniger gute Filme die Säle stürmen. Sie schauen Disney- und Marvel-Filme, weil: Kindheit, Comics, Event-Charakter. 

Disney ist mehr als nur Micky Maus

Unter Comicfans weltweit sorgt regelmäßig eine Frage für Gesprächsstoff: Wie geht es mit dem Marvel Cinematic Universe weiter? Befinden wir uns mitten im Overkill? Oder sollen wir uns alle in grenzenloser Euphorie winden? Dass das Argument „Du musst es ja nicht schauen!“ langsam zu einem Problem wird, liegt vor allem an einem meist völlig vergessenen Akteur: Disney.

Vermutlich ist Vielen nicht bewusst, wie sehr der Marvel- und Disney-Hype die Kinolandschaft negativ beeinflusst. Faktencheck: Marvel ist seit 2015 ein Tochterunternehmen der Walt Disney Studios, gehört also zu Disney. Genau wie die Pixar Animation Studios, Lucasfilm Ltd und neuerdings auch 21st Century Fox. Das heißt, dass Disney neben dem Output aus eigener Kraft auch noch vier weitere der größten Studios in Hollywood kontrolliert. Wohlgemerkt: Ich rede „nur“ von Filmen. Aber Disney produziert auch Serien, betreibt eigene TV-Sender, unterhält Musik- und Theaterproduktionen und bald auch den Streaming-Dienst Disney+.

Blockbuster waren mal rar

Zwischen den späten 80er-Jahren  bis den jungen Zweitausendern war es üblich, dass es jährlich eine Handvoll Blockbuster gab, die sich meist über das Jahr verteilt haben: DIE HARD, GHOSTBUSTERS, THE ROCK, CON AIR oder INDEPENDENCE DAY, um nur mal eine kleine Auswahl zu nennen, waren eine sichere Bank, um Scharen an Menschen, vorzugsweise über den Sommer, in die Kinos zu locken. Selbst heute hält sich der Begriff des „Sommer-Blockbusters“ als Synonym für Popcorn-Kino.

Kleinere Produktionen wurden meist um die Blockbuster herum veröffentlicht, um etwas Strahlkraft zu erhalten: So konnten 2005 zum Beispiel CORPSE BRIDE und KISS KISS BANG BANG neben SIN CITY und STAR WARS: EPISODE III existieren, während der erste THE TRANSPORTER im August die Post-Blockbuster-Welle ritt und einen Erfolg feierte.

Natürlich gab und gibt es immer wieder Überraschungserfolge, die aus diesen geläufigen Mustern ausbrechen und natürlich gab und gibt es auch Blockbuster-Flops. Doch gerade in Zeiten ohne Social Media war die Haupt-Informationsquelle oft ein Kino-Plakat, eine Zeitschrift oder klassisches Fernsehen. Hier wurden überwiegend die größten Filme beworben. Am Ende profitierten die Studios vom angelernten Verhalten der Zuschauer.

Die Auswüchse kann man bis heute im Horror-Bereich erleben: Im Winter werden vermehrt kleinere, günstigere Schocker in die Kinos gebracht, um die „dunkle Jahreszeit“ zu nutzen. Gerade Blumhouse profitiert davon, wodurch das Studio durch viele günstig produzierte Horror-Flicks auch gewagtere Produktionen wie BLACKkKLANSMAN oder das gefeierte GET OUT finanzieren kann.

Bill Murray, Harold Ramis und Dan Ackroyd als Ghostbusters

© Columbia Pictures

Reizvolle Überflutung mit Kino-Blockbustern

Seit Disney angefangen hat, das Portemonnaie zu öffnen und Studios wie Marvel und Lucasfilm Ltd. zu schlucken, hat sich die Situation verändert: Habt ihr euch mal gefragt, wieso immer von „visionären“ Filmemachern oder „epischen“ Filmen gesprochen wird? Nun, die Differenzierung wird schwer, wenn alle vier Wochen ein neuer Big-Budget-Streifen ins Kino kommt. Ihr meint, ich übertreibe? Werfen wir exemplarisch einen Blick in das Kinojahr 2018:

  • im Februar begeisterte BLACK PANTHER Fans und Kritiker
  • im März erschien A WRINKLE IN TIME
  • bereits im April lockte INFINITY WAR Zuschauer weltweit in die Kinos - mit, wie wir wissen, gigantischem Erfolg.
  • im Mai erzählte SOLO -  A STAR WARS STORY die Geschichte des jungen Han Solo
  • gefolgt von THE INCREDIBLES 2 im Juni
  • während der Juli das MCU mit ANT-MAN AND THE WASP erweiterte
  • WRECK-IT RALPH 2 sorgte schließlich im November ebenfalls für klingelnde Kassen

Kleinere Produktionen wie MARY POPPINS RETURNS oder CHRISTOPHER ROBIN wären dann auch noch zu erwähnen. Zwar kam gerade letzterer Film im August deutlich ruhiger daher, konnte aber trotz des jungen Zielpublikums einiges an Geld erwirtschaften.

Was jetzt nach einem gut gefüllten Kinojahr klingt, beschränkt sich nur auf Filme mit einem gemeinsamen Nenner: Bei jedem dieser Streifen handelt es sich um ein Produkt von Disney oder einem zugehörigen Studio.

Disney gängelt Kinobetreiber und Mitbewerber

Was nur wenige Filmbegeisterte wissen: Kinos haben harte Verträge mit Disney, und Disney weiß um seine Macht und Beliebtheit, weshalb die Verträge teils absurde Dimensionen annehmen. So forderte der Konzern beim Release von STAR WARS - THE LAST JEDI, den Film mindestens vier Wochen lang im größten Saal zeigen zu müssen, ohne auch nur eine einzige Vorstellung ausfallen zu lassen, da sonst Strafen drohten. Zudem mussten 65% der Ticketerlöse abgegeben werden. Wenn man sich fragt, wieso vermehrt 3D-Vorstellungen gezeigt wurden, muss man nur eins und eins zusammenrechnen: Schließlich wollen auch Kino-Betreiber Geld verdienen.

Die Nachwirkung war, dass Disney über STAR WARS hinaus höhere Abgaben verlangte, was für kleinere Kinos existenzbedrohlich war. In Deutschland gingen Betreiber auf die Barrikaden und boykottierten öffentlichkeitswirksam den Maus-Konzern. Dass das den Einnahmen Disneys natürlich keinen Abbruch tat, dürfte kaum verwundern.

Welche Ausmaße diese Verträge annehmen, sieht man, wenn man einen Blick auf die Multiplex-Kinoketten wirft: Nimmt man eines der größten Kinos in München, das Mathäser, trifft einen fast der Schlag: In 14 verfügbaren Sälen wurde im Schnitt 20x THE LION KING in 10 Sälen gezeigt - pro Tag!

Im verlinkten Tweet sieht man an CHILD’S PLAY direkt das nächste Problem: Wenn fast alle Kinosäle jeden Monat pauschal von Disney geblockt sind, wo bleibt der Platz für andere, kleinere Filme?

Die Kreativität leidet

Die Reaktion von Hollywood auf diese Dominanz haben wir alle am eigenen Leib erfahren: Jedes einigermaßen große Studio versucht(e) in der Vergangenheit auf Biegen und Brechen die Erfolgsformel zu kopieren. Bisher sind allerdings alle gescheitert: Das DCEU (DC Extended Universe) wurde von Warner Bros. und DC offiziell für tot erklärt, da die Filme finanzielle und künstlerische Desaster waren. Dies war oft deshalb der Fall, weil sich Warner Bros. durch den Druck seitens Marvel so sehr in laufende Produktionen einmischte, dass diese im Chaos endeten. Vom DARK UNIVERSE fange ich gar nicht erst an.

Auch wenn man es nicht glauben mag: Disney gefährdet die Kreativität von Hollywood, die sowieso schon stark gelitten hat: Von den 50 finanziell erfolgreichsten Filmen seit 2010 waren nur zehn „Originals“. Sechs davon kamen von Disney/Pixar. Die anderen 40 Filme waren entweder Comic-Verfilmungen, Remakes, Reboots oder Filme „basierend auf …“.

Dass Disney & Co. im Prinzip seit Jahren die gleiche Formel verwenden, mag dem Erfolg geschuldet sein, verschweigt aber, wie groß das Problem auch seitens der Zuschauer und Fans ist. Kaum wagt Disney ein Experiment, kriegt der Konzern die Quittung: JOHN CARTER im Jahr 2012 war ein finanzielles Debakel und THE LONE RANGER blieb ebenfalls hinter den Erwartungen zurück – weil das Publikum die Filme ignorierte.

Doch auch innerhalb erfolgreicher Filmproduktionen wurde ein Wagnis mit negativen Reaktionen getadelt: Shane Black, der schon immer sehr „eigene“ Filme drehte, brach in IRON MAN 3 tonal und inhaltlich mit gängigen Konventionen und wurde von Hardcore-Fans gerügt. Die Proteste gingen so weit, dass Marvel-Chef Kevin Feige einknickte und den Fans zusicherte, den „Fehler“, den man mit dem Mandarin beging, zu korrigieren. Auch THOR 3, wenngleich von Zuschauern weniger kritisch verurteilt als IRON MAN 3, sorgte für zahlreiche Diskussionen innerhalb der Fanszene. Immerhin steht Disney zu dem Regisseur und lässt prompt für den nächsten Thor erneut Taika Waititi ans Steuer. Auch GUARDIANS OF THE GALAXY war natürlich ein Erfolg und deutlich kreativer als die meisten Filme des Universums, das unschöne Hick-Hack rund um James Gunn verursacht dennoch ein „Geschmäckle“.

Der König der Löwen 2019

© Disney

Avatar & Der Box-Office-Rekord

Der neueste Erfolg ist die Verdrängung von AVATAR auf Platz 1 der finanziell erfolgreichsten Filme (ohne Inflationsbereinigung) durch AVENGERS: ENDGAME. Das war allerdings nur durch einen Re-Release des Films möglich, indem er zusätzliche Szenen, die sonst nur für den Home-Release geplant waren, spendiert bekam. Ich weiß hier gar nicht, was meine Stirn mehr runzeln lässt: Dass Disney so unbedingt an AVATAR vorbei wollte, dass man eine Aktion wie diese überhaupt durchzieht, oder dass die Zuschauer das Spiel mitgespielt und für wenige Sekunden mit neuem Material nochmal den Geldbeutel geöffnet haben.

Mir ist an der Stelle bewusst, dass auch AVATAR einen Re-Release bekam, allerdings hatte Cameron schon vorher den bis dato erfolgreichsten Film abgelöst: TITANIC, der ebenfalls von ihm stammt.

„Ja, aber James Cameron dreht doch gerade AVATAR 2 und weitere Fortsetzungen sind ebenfalls geplant. Der melkt die Kuh doch auch bis sie keine Milch mehr gibt!“ höre ich euch vor dem Bildschirm rufen. Das mag sein, dennoch war AVATAR wichtig an der Spitze der Liste. Warum? AVATAR hat, wie fast alle Filme von Cameron, Bewegtbild revolutioniert. Egal wie man den Film findet: Technisch war er ein gewaltiger Schritt nach vorne, von dem auch heutige Produktionen profitieren.

James Camerons Avatar

© 20th Century Fox

Ähnlich war das übrigens auch bei TERMINATOR 2 oder TITANIC. Für AVATAR 2 hat Cameron weitere Revolutionen angekündigt und experimentiert mit neuen Technologien. So soll AVATAR 2 ein nie gesehenes 3D bieten, und zwar ohne 3D-Brille. Das ist auch der Grund, warum sein Sequel über zehn Jahre für die Realisierung benötigt. Es geht ihm nicht (nur) um das schnelle Geld, sondern um den künstlerischen Anspruch. Warum Cameron damit einer der letzten großen Pioniere Hollywoods ist, wird in diesem englischsprachigen Essay eindrucksvoll vermittelt. Nochmal: Es geht hier nicht um die Qualität der Filme, das ist eine Geschmacksfrage, sondern darum, dass Cameron Platz 1 und 2 der Liste mit Filmen belegt, die Kino und das, was wir erleben, mit noch nie da gewesenen Erfahrungen revolutioniert hat.

Zudem fördert AVENGERS: ENDGAME auf dem ersten Platz der erfolgreichsten Filme einen weiteren, schmerzlichen Fakt an den Tag: Schaut man sich die Liste nun an, sind in den TOP 10  ganze sechs (!) Filme von Disney; einer davon nun auf Platz 1.

Übrigens waren sowohl TITANIC als auch AVATAR Produktionen der 21st Century Fox, die nach Übernahme von Disney im März 2019 aufgelöst wurde. Beide sind fortan Teil von Disney. Nun ... Vielfalt sieht anders aus.

Die Illusion von Diversität und Genderrollen

Ein etwas komplexerer Aspekt ist das Thema „Political Correctness“. Ja, BLACK PANTHER und CAPTAIN MARVEL sind gesellschaftlich wichtige Filme in Zeiten, in denen Empowerment ein hohes und wichtiges Gut ist. Doch muss man Disney hier wirklich einen Orden anstecken? Knifflig. Effektiv haben, gerade die viel gelobten MCU-Filme nicht wirklich viel getan, was es nicht vorher schon gab: Blacksploitation hat Diversität in Hollywood schon vor 50+ Jahren vorangebracht. Zwar nicht mit der Qualität, die es benötigt hätte, allerdings deutlich drastischer, als es zu der damaligen Zeit gängig war. Der Einfluss ist dennoch spürbar: Regisseure wie Spike Lee oder Quentin Tarantino bedienen sich noch heute dieses Genres.

Und es war James Cameron, der mit Ellen Ripley und Sarah Connor starke, ikonische Frauenfiguren etabliert hat, die nicht nur ihrer Zeit weit voraus waren, sondern auch das heutige Kino prägen. Regisseure wie John McTiernan haben mit John McClane in DIE HARD einen neuen Typ (Anti-)Helden etabliert, der ohne beachtliche Muskelberge und Testosteron-Überschuss auskam und das damals vorherrschende Ideal eines Mannes nachhaltig verändert hat. 

Alien - Ellen Ripley

© 20th Century Fox

Leider scheinen diese Genres und Filme für viele (jüngere) Disney-Fans und Medien nicht zu existieren: Oft gilt BLACK PANTHER in sozialen Medien als erster „PoC“-Held im Kino. BLADE, SHAFT oder HANCOCK sind anscheinend völlig vergessen. Und was macht CAPTAIN MARVEL anders als Ellen Ripley, Sarah Connor oder Furiosa? Zur selben Zeit, als Captain Marvel stoisch durch dunkle CGI-Welten stampfte, lief mit ALITA zeitgleich ein Film in den Kinos mit einer deutlich spannenderer Heldin, fantastischen visuellen Effekten (James Cameron, natürlich) und einer Hauptfigur, die deutlich mehr Komplexität und Tiefe besitzt als CAPTAIN MARVEL. Die versprochene feministische Wegbereitung blieb aus, bzw. wurde an anderer Stelle vom Publikum komplett ignoriert.

Mir ist vollkommen bewusst, dass jede Generation ihre Helden*innen hat, aber das offensive Kokettieren mit diesen Themen seitens Disney hat einen faden Beigeschmack. Zuletzt ging die New York Times  hart mit Disney ins Gericht, versucht doch der Mega-Konzern diese neu entdeckte Diversität immer öfter als Marketing-Tool zu benutzen und wirbt offensiv bei Filmankündigungen beiläufig mit LGBT.

Nochmal: Ich streite nicht die Wichtigkeit ab, im Mainstream-Kino endlich mit Vorurteilen, Stereotypen und Geschlechterrollen aufzuräumen. Ich prangere jedoch an, wie unreflektiert sich Disney gerne als Vorreiter positioniert und im Zuge dessen versucht, mittelmäßige Filme (wozu ich BLACK PANTHER und CAPTAIN MARVEL zähle) unter diesem Deckmantel aufzuwerten. Die Wichtigkeit von Filmen wie BLACK PANTHER für die Black Community ist unbestreitbar; er wird diesem Anspruch handwerklich aber nicht gerecht.

Licht am Ende des Tunnels?

Viele Kritiker, mich eingeschlossen, möchten weder Disney noch das MCU schlecht reden. Dennoch sollte man sich auch (oder gerade) als Fan bewusst sein, welche Macht Disney mittlerweile hat und wie die Kinolandschaft geschädigt werden könnte und schon wurde. Man kann die Filme konsumieren, sollte Disney aber immer wieder mal hinterfragen. Dass das THE LION KING Remake nun (zumindest was die Bewertung seitens der Kritiker angeht) einen Rückschlag erleidet, lässt mich ein wenig hoffen. Sieht man dann allerdings die Einspielzahlen, zerbricht meine Hoffnung direkt wieder.

Genießt die Filme. Feiert eure Helden und Heldinnen. Erlebt die Animationsklassiker in neuem Gewand. Aber bitte seid euch bewusst, dass die Kritik gegen Disney wichtig und bitter nötig ist, denn sonst haben kreativere Filme bald nur noch auf Netflix & Co. eine Chance, aber nicht mehr auf den Leinwänden der Welt.

Über den Autor

Philipp Weinbrecht ist Blogger und Autor (pressakey.com), nach einigen Angaben süchtig nach Twitter und nennt als zweite Heimat die gamescom in Köln. Er schreibt über Filme, Games und Lifestylethemen. 

Share:   Facebook