Die Filmwelten des Philip K. Dick (2): Blade Runner

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Die Filmwelten des Philip K. Dick: Blade Runner


Philip K. Dick befasste sich in seinem bekanntesten Roman "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" mit der Frage, ob der Mensch im Grunde der Maschine gleicht, die er bewundert und verabscheut. Auch Ridley Scotts Verfilmung „Blade Runnergreift dies auf. Peter Osteried hat sich den Roman und den Film in seinen unterschiedlichen Fassungen noch einmal genau angeschaut.

 

Mit Dicks Roman, dessen Titel in der deutschen Version „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ lautet, hat der Film im Grunde nur wenig gemein. Das Gerüst der Geschichte, vor allem aber das Kernthema, das sich wie so oft bei Dick mit der Realität, der Wahrnehmung derselben und der Infragestellung der eigenen Identität befasst.

Roman und Film sind fundamental verschieden, trotzdem hätte der Roman ohne den Film vielleicht nie den mythischen Stellenwert erhalten, den er in Dicks Oeuvre hat, der Film wiederum wäre ohne die Romanvorlage nie entstanden (jedenfalls nicht in dieser Form).

Eine religiöse Erfahrung

Dick publizierte seinen Roman im Jahr 1968. Er siedelt die Geschichte im Jahr 1992 an, in späteren Ausgaben änderte man das in 2021. Ein Krieg hat das Leben für alle Zeiten verändert. Auf der Erde leben zwar immer noch Menschen; wer es sich leisten kann, geht jedoch in die außerplanetarischen Kolonien. Hier unten hat man das Gefühl, dass bald das Licht ausgehen wird. Tiere gibt es kaum noch, so dass sie zu Statussymbolen geworden sind. Wer sich keines leisten kann, der legt sich elektrische Kopien zu.

Die Menschen frönen dem Mercertum, einer neu aufgekommenen Religion, die in ihrer Essenz ein Verschmelzen mit allem propagiert, verstärkt noch durch Empathormaschinen, die es erlauben, spirituelle Erlebnisse zu haben.

In dieser Welt lebt Rick Deckard, der als Kopfgeldjäger für die Polizei von San Francisco tätig ist und Andis jagt – Androiden, die illegal vom Mars zur Erde gekommen sind. Nun hat er den Auftrag, sechs Modelle der neuen Nexus-6-Reihe aus dem Verkehr zu ziehen. Ein schwieriges Unterfangen, das einem seiner Kollegen fast das Leben gekostet hat.

Das ist die Haupthandlung, mindestens ebenso viel Raum wird jedoch John R. Isidore eingeräumt. Er ist ein Spatzenhirn, ein Spezialer, jemand, der den Intelligenztest nicht bestanden hat und etwas langsam ist. Isidore lebt in einem verlassenen Appartement-Komplex, in dem er die Androidin Pris kennenlernt – und dann auch ihre Freunde, die Battys, die allesamt Angst davor haben, dass der Kopfgeldjäger sie aufspüren wird.

Ein nachdenklicher Roman

Dick spielt mit verschiedenen Themen, die ihn interessieren. Er hinterfragt, ob Deckard selbst vielleicht nur ein Andi ist. Kennt man den Film – bzw. dessen verschiedene Fassungen –, dann ist man noch leichter versucht, diesem Gedankengang zu folgen. Aber in Dicks Roman ist Deckard ein Mensch, wenn auch einer, der eine fundamentale Entwicklung durchmacht. Denn im Verlauf der Geschichte erkennt er, dass ihm etwas zugestoßen ist, das ihn für seinen Job disqualifiziert. Er empfindet Mitleid mit den Androiden.

Die Androiden sind im Grunde menschengleich, abgesehen von dem Umstand, dass ihre organische Bauweise ihnen nur eine begrenzte Lebensdauer ermöglicht. Und ihr Gehirn arbeitet anders. Sie unterliegen kalter Logik und ebenso kalter Neugier, wie eine Szene in Isidores Wohnung zeigt, als Irmgard Batty Pris aufträgt, einer Spinne vier Beine abzuschneiden, um zu sehen, wie schnell sie dann noch laufen kann.

Die einen sind Menschen, die sich im Mercertum fast gottgleich fühlen können, die anderen wären gern welche. Die Unterschiede verschwimmen, insbesondere, wenn man eine Figur wie Luba Luft hat, einer Opernsängerin. Sie lebt für die Kunst, aber die Gesellschaft will ihr dieses Leben nicht gönnen. Weil es ein dogmatisches Gebot ist, dass Androiden nicht auf der Erde leben – und schon gar nicht frei sein – dürfen. Dick spielt hier mit der Frage nach dem Wert des Lebens, indem er den Menschen zum gottgleichen Schöpfer macht, ihn aber auch seiner Kreatur (in mancherlei Hinsicht) unterlegen gestaltet. Es geht um Evolution. Um den Weg von einem Zustand der Existenz zum nächsten. Das alles verweist auch auf das Mercertum, dessen Schöpfer als Märtyrer einen Kult bildete, welcher die Menschheit als Ganzes veränderte, der aber in Frage gestellt wird. Aber zugleich postuliert der Roman, dass die Botschaft wichtiger als ihr Überbringer ist. Dieser kann ein falscher Prophet sein, aber seine Gebote können dennoch zu etwas Gutem führen.

Auf Action verzichtet Dick weitestgehend. Selbst den Höhepunkt – Deckards Kampf gegen die drei verbliebenen Nexus-6-Modelle – handelt er in wenigen Sätzen ab. Ihn interessiert mehr, was dieses Erlebnis mit seiner Hauptfigur macht, die danach nicht mehr dieselbe ist. Deckard hat, wenn man so will, seine eigene Apotheose erfahren.

Der Film: ein ganz eigenes Biest

Interesse an einer Verfilmung des Romans bestand schon kurz nach der Publikation. Martin Scorsese war davon fasziniert, erwarb aber nie eine Option auf die Verfilmungsrechte. Stattdessen optionierte Produzent Herb Jaffe die Rechte in den frühen 1970er Jahren und ließ von seinem Sohn Robert ein Drehbuch schreiben, das Dick selbst als „absolut schrecklich“ ansah. Er stoppte die Verfilmung, indem er die Option auslaufen ließ. Im Jahr 1977 verfasste Hampton Fancher ein Drehbuch, das sich mehr mit Umweltfragen und weniger mit den menschlichen und religiösen Themen des Buchs befasste. Ridley Scott, der zuerst abgelehnt hatte, den Film zu machen, war nun interessiert, wollte aber Änderungen. Er heuerte David Webb Peoples an, um ein Drehbuch in seinem Sinne zu verfassen. Zugleich wurden die Titelrechte an Alan F. Nourses Roman „The Bladerunner“ erworben, da der Titel Scott für den Film ideal erschien.

Dick mochte Fanchers Skript nicht, woraufhin das Studio ihm Peoples‘ Skript schickte. Der Schriftsteller konnte den fertigen Film nicht mehr sehen, das Skript gefiel ihm jedoch, ebenso wie die 20 Minuten an Spezialeffekttestaufnahmen von Douglas Trumbull, die schon ein Gefühl dafür gaben, wie dieser Neo-Noir-Film aussehen sollte.

Der Kern der Geschichte ist erhalten geblieben. Rick Deckard ist der Kopfgeldjäger, der die entlaufenen Androiden, hier Replikanten genannt, im Los Angeles der Zukunft jagen muss. Es gibt Szenen, die stammen direkt aus dem Roman – so Deckards Replikantentest bei Rachael, die ihm schließlich hilft –, während andere lediglich vage von Dick inspiriert sind, letztlich aber in eine ganz eigene Richtung gehen.

Trailer: Blade Runner (1982)

Isidore und Sebastian

Isidore fehlt komplett, dafür gibt es J. F. Sebastian, der als genetischer Designer für Eldon Tyrell tätig ist, dessen Firma die Replikanten erschafft. Im Roman sind es die Rosen Werke, hier kommt der Figur Tyrell jedoch stärkere Bedeutung zu, weil der von Rutger Hauer gespielte Roy Batty in ihm eine Vaterfigur sieht. Der Film orientiert sich hier an Mary Shelleys „Frankenstein“, wenn er die Kreatur ihren Schöpfer begegnen lässt. Aber es ist nicht nur eine Begegnung zwischen Schöpfer und Schöpfung, es ist auch ein Freistrampeln aus dem göttlichen Korsett, da der Androide seinen Erschaffer schließlich tötet. Er wird, wenn man so will, was er getötet hat. Dabei haben die Replikanten im Film ein klareres Ziel als im Roman. Sie wollen von Tyrell einen Weg eröffnet bekommen, der es ihnen erlaubt, mehr als nur vier Jahre zu leben. Auch im Roman ist die Lebensdauer begrenzt, hier wollen die Androiden aber nur ein besseres Leben auf der Erde führen, da sie auf dem Mars lediglich Sklaven waren.

Die Figur Sebastian erinnert an Isidore, ist aber schlauer, wenn auch sozial ebenso isoliert wie die Romanfigur. Darum gerät er in den Bann der Replikanten, die ihn erst wie ein Mensch und Freund, dann wie ein Spielzeug behandeln.

Der Film befasst sich mit der Frage nach der Menschlichkeit. Die Replikanten zeigen freundschaftliche Gefühle und Fürsorge zueinander, die Menschen wirken im Vergleich eher gefühlskalt. Der Film propagiert, dass der Replikant der bessere Mensch ist. Oder ein neuer Mensch, der moderne Prometheus. Auf jeden Fall jemand, der zur Empathie fähig ist. Das zeigt sich nirgendwo besser als im großen Finale, als der von Harrison Ford gespielte Deckard gegen Roy Batty kämpft. Deckard hat keine Chance. Batty spielt mit ihm, er ist ihm immer überlegen, aber seine Zeit läuft ab, und als Deckard zu sterben droht, rettet Batty ihn. Weil es für ihn selbst längst zu spät ist, weil ein Akt der Gnade aber auch seine eigene Menschlichkeit im Angesicht eines Menschen zeigt, der ihn gnadenlos aus dem Weg räumen will.

Der Director’s Cut

Die größte Änderung zum Roman ist aber Deckards eigene Existenz. Der Film lässt offen, ob er ein Mensch oder ein Replikant ist. Zumindest in der ersten Version, die 1982 in die Kinos kam. Seitdem gab es eine ganze Reihe verschiedener Versionen, sieben an der Zahl. Die interessantesten sind der Director’s Cut aus dem Jahr 1992, der den lakonischen Off-Kommentar der Hauptfigur, der den Film über zu hören ist, entfernt, und Ridley Scotts Final Cut aus dem Jahr 2007. Diese letzte Version lässt keinen Zweifel daran, dass Deckard ein Replikant ist, weil Scott ein leichtes rötliches Glühen der Augen eingeführt hat, das am Ende auch bei Deckard zu sehen ist.

Die Kinoversion, aber auch der Director’s Cut sind da deutlich ambivalenter. Am Ende flieht Deckard mit Rachael, während sein Kollege Gaff das Origami eines Einhorns vor seine Tür stellt. Ein Verweis auf einen Traum Deckards, der im Director’s Cut mit Material aus Ridley Scotts LEGENDE illustriert wurde, aber ambivalent genug ist. Es kann heißen, dass Gaff Einblick in Deckards implantierte Erinnerungen hat, man kann das Ganze aber auch so interpretieren, dass Mensch und Replikant zu denselben Träumen fähig sind – und sich damit ähnlicher sind, als es viele wahrhaben wollen. Das ist in Hinblick auf die verschiedenen Filmfassungen das bessere Ende. Im Kontext der filmischen Geschichte ist es perfekt, im Roman musste Deckard ein Mensch sein, damit seine Geschichte Bedeutung hat.

Ein Element, das im Film praktisch völlig fehlt, ist die Besessenheit von tierischem Leben. Der Deckard des Films besitzt kein elektrisches Schaf und träumt auch nicht von einem echten Tier.

Die Fortsetzungen

Philip K. Dick hat nie eine Fortsetzung zu seinem Roman geschrieben, sein Freund K.W. Jeter verfasste jedoch drei Romane, die von 1995 bis 2000 publiziert wurden, die ersten zwei erschienen auch in deutscher Übersetzung. Mit „The Edge of Human“, „Replicant Night“ und „Eye and Talon“ hat er eine besonders schwere Herausforderung angenommen. Denn die Romane sollen sowohl als Fortsetzung zum Film als auch zu „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ funktionieren.

Der erste Roman spielt ein paar Monate nach den Ereignissen des Films. Deckard ist mit Rachael geflohen, Sarah Tyrell, die als Vorlage für Rachael diente, spürt ihn jedoch auf und fordert ihn auf, den noch fehlenden sechsten Replikanten zu jagen. Derweil hat Roy Batty, der die Vorlage für den Replikanten war, Dave Holden angeheuert, um Deckard zur Strecke zu bringen, da er den für den sechsten entkommenen Replikanten aus dem Film hält.

In „Replicant Night“ lebt Deckard auf dem Mars und arbeitet als Berater für eine Filmproduktion, aber sein altes Leben holt ihn ein, als er Replikanten helfen soll, die er einst töten sollte. „Eye and Talon“ verändert dann alles, als ein Rückblick zeigt, wie Leon, der am Anfang des Originalfilms zu sehen ist, im Voigt-Kampff-Test versagt, aber der Blade Runner, dem er gegenübersteht, ist kein Mann, sondern eine Frau. Sie heißt Iris, sucht nach einer lebenden Eule, der vielleicht letzten ihrer Art, und stößt auf Deckard.

Allen drei Romanen ist gemein, dass der Spagat, sowohl als Sequel für den Film als auch den Roman zu fungieren, nicht gelingt. Zudem bleibt Dicks thematische Vielseitigkeit auf der Strecke. Nichts, was man gelesen haben müsste.

Trailer: Total Recall 2070

Total Recall 2070

Erwähnenswert ist die 1999 produzierte Fernsehserie TOTAL RECALL 2070, die sich nominell auf Dicks Geschichte „Erinnerungen en gros“ stützt, die auch die Basis für den Arnold-Schwarzenegger-Film war, inhaltlich aber weit mehr Ähnlichkeiten mit BLADE RUNNER hat.

Auf eine filmische Fortsetzung wartete man viele Jahre – und so mancher hätte wohl gedacht, dass es nicht mehr dazu kommen würde. Denn der Originalfilm war im Kino seinerzeit kein Erfolg, sondern erlangte seinen immensen Status als einer der besten Science-Fiction-Filme aller Zeiten erst in späteren Jahren. Im Jahr 2017 war es dann aber endlich soweit. Ridley Scott produzierte BLADE RUNNER 2049 nach einem Drehbuch von Hampton Fancher und Michael Green und unter der Regie des kanadischen Ausnahmetalents Denis Villeneuve, der mit THE ARRIVAL einen ausgesprochen cleveren Science-Fiction-Film ablieferte und nun der Neuverfilmung von DUNE vorsitzt.

Der Film bringt auch Deckard zurück, bleibt aber anders als beim Final Cut ambivalent, was seine wahre Natur betrifft. Er tritt in die Fußstapfen seines Vorgängers und bietet im besten Sinne literarische Science Fiction, die sich mit menschlichen, religiösen und gesellschaftlichen Themen befasst. An der Kinokasse ging es dem sehr guten Film ähnlich wie dem Original – ein Erfolg war er nicht. Er setzt den Film jedoch auf geniale Art und Weise fort, da er die Themen des Originals aufgreift und auf die neue Figur K, einen Blade Runner, der tatsächlich ein Replikant ist, überträgt.

Der Mensch und der Androide

In Dicks Roman geht es auch um die Akzeptanz einer neuen Realität. Diese neue Realität ist der Androide, während der Mensch Gefahr läuft, seinerzeit immer mechanischer zu werden. Eine Dystopie, die Dick zu seinen Lebzeiten beschrieb, die aber heute aktueller denn je ist, bedenkt man, wie vernetzt der moderne Mensch ist. Technik ist ein essenzieller Bestandteil des Lebens geworden, während in „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ das Leben, wie der Mensch es kennt und mit Wert auflädt, immer mehr in der Bedeutungslosigkeit verschwindet. Es gibt eine Neudefinition dessen, was Leben ausmacht – und der unterlegene Organismus bleibt, auch wenn er noch die Oberhand, auf der Strecke.

Das macht Dicks Arbeit auch heute noch relevant. Weil er Ideen hat, die im Lauf der Jahre und der damit einhergehenden technologischen Entwicklung immer aktueller werden. Wohl auch deswegen – und sicherlich nicht „nur“ wegen eines fast 40 Jahre alten Films – ist „Blade Runner – Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“, wie das Buch mittlerweile heißt, immer noch ein Buch, das man als Science-Fiction-Fan gelesen haben muss. 

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