Abrechnung mit den Superhelden: THE BOYS

© Amazon Prime

FILM

Amazon-Serie "The Boys": Abrechnung mit den Superhelden


Alle lieben Superhelden. Mit Ausnahme des nordirischen Comic-Autors Garth Ennis, der mit "The Boys" eine sehr schwarzhumorige Superhelden-Geschichte ersann. Für deren Verfilmung gibt es keinen besseren Moment als jetzt, findet Peter Osteried ...

Trailer: The Boys

Nach PREACHER haben sich Seth Rogen und Evan Goldberg der Serie THE BOYS angenommen. Der Comic erschien von 2006 bis 2012 in den USA. Ennis schrieb die gesamte Reihe, Darick Robertson illustrierte große Teile. Neben der Hauptserie gab es noch drei Miniserien. Bereits im Jahr 2008 hatte Columbia eine Verfilmung angekündigt, bei der Adam McKay die Regie führen sollte. Daraus wurde allerdings nichts, und Columbia ließ die Option im Jahr 2012 verfallen. Danach hatte wohl Paramount Interesse; im Jahr 2015 war es jedoch der US-Sender Cinemax, der die Rechte erwarb – mit Amazon Studios als Vertrieb, so dass die Serie ab dem 26. Juli 2019 im Programm des Streaming-Anbieters zu finden ist. Die erste Staffel umfasst acht Episoden. Die Entwicklung der Serie übernahm Eric Kripke (SUPERNATURAL).

Die Pilotfolge wurde Mitte Juni auf der Comic Con in München gezeigt. Ausgehend von dieser einen Folge kann man sagen, dass Amazon einen Hit auf der Hand hat. Denn THE BOYS hält sich noch näher an die Vorlage als PREACHER, ist aber ebenso respektlos. Hier kommt Garth Ennis’ Verachtung für Superhelden zum Tragen.

Trailer #2: The Boys

Der Superheld als Monster

Alles beginnt damit, dass der in einem Elektroladen arbeitende Hughie mit seiner Freundin Robin zusammenziehen will. Während sie sich gerade noch auf der Straße unterhalten, endet Hughies Welt. Blut spritzt ihm ins Gesicht, er hält nur noch Robins Arme in den Händen und sieht den superschnellen Superhelden A-Train, der Robin einfach nicht wahrgenommen und direkt durch sie hindurchgerannt ist. Hughie ist am Boden zerstört. A-Train, der Teil der Superheldengruppe The Seven ist und zum Konzern Vought gehört, der mit Superhelden ein Vermögen scheffelt schickt seine Anwälte vorbei: Sie bieten Hughie Geld an, wenn er nie wieder über den Zwischenfall spricht. Hughie lehnt ab, was Billy Butcher auf den Plant ruft. Er ist der Boss der Boys, einer kleinen Gruppe, deren Aufgabe es ist, die Superhelden zu überwachen und im Zaum zu halten – denn diese sind mehrheitlich Perverslinge und Mörder, die ihre Kräfte augenscheinlich zum Wohl der Menschheit einsetzen, aber eigentlich nur ihren eigenen Interessen nachgehen. Butcher bietet Hughie die Chance an, sich an A-Train zu rächen, aber das läuft nicht ganz nach Plan, da sie von Translucid beobachtet werden.

Translucid seinerseits ein Perversling, der nackt unsichtbar werden kann und gerne auf Toiletten herumhängt. Außerdem will er Hughie kaltmachen, was in einem ziemlich geilen Fight gipfelt, bei dem der Butcher dem Superhelden erklärt, dass nur ein Idiot sich „translucid“ nennen würde, da das „durchsichtig“ und nicht „unsichtbar“ bedeutet.

In der ersten Folge erleben wir die Rekrutierung von Hughie. Außerdem begegnen wir dem Wasser-Superhelden The Deep, der eine neue Rekrutin der Seven erst einmal sexuell belästigt, sehen den Homelander – die Superman-Version dieser Welt – beim Töten von Unschuldigen und erfahren, dass die Helden hier alles andere als heldenhaft sind. Es braucht einfach die Boys, um sie in Schach zu halten.

THE BOYS Red Band Trailer (2019)

Deftig und schwarzhumorig

Dass dies keine typische Superhelden-Geschichte ist, sieht man schon in den ersten Minuten, da Robins Tod sehr, sehr blutig dargestellt ist. Diese Show richtet sich eher an ein älteres Publikum. Oder zumindest eines, das schlechten Geschmack zu schätzen weiß, was aber für Fans von Garth Ennis’ Werken ohnehin selbstverständlich ist.

Die Besetzung ist den Machern wirklich gut gelungen. Als Wee Hughie agiert Jack Quaid. Geht man nach dem Comic, müsste die Rolle eigentlich Simon Pegg (SHAUN OF THE DEAD) spielen, da Darick Robertson die Figur ihm nachempfunden hat, aber der Schauspieler ist zu alt geworden. Darum spielt er Hughies Vater. Als Butcher agiert Karl Urban, der die Kompromisslosigkeit des von ihm gespielten Judge DREDD hier mit einbringt. Vorsitzende von Vought ist Elisabeth Shue (LEAVING LAS VEGAS). Weiter mit dabei sind Erin Moriarty (Hope Schlottman in JESSICA JONES) als Starlight, Anthony Starr (BANSHEE) als Homelander, Jessie T. Usher (INDEPENDENCE DAY: WIEDERKEHR) als A-Train, Dominique McElligott (HOUSE OF CARDS) als Queen Maeve, Chace Crawford (GOSSIP GIRL) als The Deep und Jennifer Esposito (NAVY CIS) als Agent Susan Raynor.

THE BOYS fängt vielversprechend an, weil schon in der ersten Folge deutlich wird, wie verkommen diese Welt eigentlich ist, in der Superhelden wie Popstars agieren, aber ungleich gefährlicher sind. Die erste Episode adaptiert die ersten beiden Hefte und nutzt Teile des zweiten Storybogens, der in den Heften 3 bis 6 erzählt wird.

Noch ist unklar, wie weit man in der ersten Staffel kommt. Aber das, was Ennis und Robertson im Comic abfackeln, lässt auf jeden Fall Großes erwarten, da die Geschichte immer größer aufgezogen wird und neben den üblichen krassen Ennis-Sperenzchen auch an Dramatik nicht schwächelt – kommt zum Ende doch sogar ein Coup d’état ins Spiel, der zeigt, wie gefährlich Wesen mit Superkräften in einer normalen Welt wirklich sein können.

Bei Amazon ist man von THE BOYS überzeugt. Noch bevor die erste Staffel angelaufen ist, wurde die zweite schon in Auftrag gegeben. Eine gute Nachricht für jeden, dem die normalen Superhelden-Geschichten auf Dauer etwas zu eintönig sind. Bei THE BOYS ist nichts so, wie wir es von Marvel und DC gewohnt sind, aber deren Archetypen werden hier auf herrlich respektlose, vielleicht auch erschreckend realistische Weise gezeigt. In einer Welt der Superwesen hätte Ottonormalbürger nicht viel zu lachen. Weswegen es THE BOYS braucht. 

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