Musik und Science Fiction

ESSAY

Science Fiction in der Musik


Welchen Einfluss hatte die Science-Fiction-Kultur über die Jahrzehnte auf MusikerInnen, Singer, Songwriter und Bands? Ein kleiner Einblick über die äußerst kreativen Beziehung zwischen Science Fiction und Musik - von Queen und David Bowie bis hin zu aktuellen Künstlerinnen wie Janelle Monáe.

Science-Fiction-Themen haben in der Musik eine lange Tradition, was zum Teil an einer Affinität der Musiker zum Genre liegt, wie bei David Bowie z. B., aber auch, weil SF-Autoren zum Umfeld mancher Bands gehören oder gehörten. Das prominenteste Beispiel dürften Michael Moorcock (I.N.R.I: oder die Reise mit der Zeitmaschine) und die britische Band Hawkwind sein, für die der Science-Fiction- und Fantasyautor und legendäre Herausgeber (New Worlds) eine Zeit lang Texte schrieb und dessen Werke die Band stark beeinflussten. Übrigens zu genau jener Zeit, als noch Lemmy Kilmister in der Band spielte, bevor er herausflog und Motörhead gründete. Hawkwind legte seinen Schwerpunkt allerdings mehr auf die Fantasywelten Moorcocks und inszeniert zum Beispiel die Saga um den ewigen Helden Elric von Meliniboné auf der Bühne. Der größte Hit der Band war Silver Machine, das von Alfred Jarrys Essay How to Construct a Time Machine inspiriert wurde und auf dem 1971er Album In Search of Space erschien.

Hawkwind: Silver Machine

Queen - Flash Gordon

In Queens Don’t Stop me singt Freddie Mercury: "... and I don’t like Star Wars", was laut Brian May aber nicht der Fall gewesen sein soll, Mercury soll den Film durchaus gemocht haben. Eine gewisse Nähe zur Science Fiction zeigt sich auch durch den von Queen komponierten Soundtrack zum Film Flash Gordon von 1980. Dessen berühmtestes Lied dürfte der Titelsong Flash sein, das gleich längere Tonsequenzen aus dem Film mit einbaute, was zu einer wunderbaren Hommage an die Science Fiction der 1930er Jahre führt.

Queen: Flash

David Bowie

Eine Affinität zur Raumfahrt zeigte David Bowie bereits 1969 mit seinem ersten großen Hit Space Oddity über den Astronauten Major Tom, bewegte sich aber noch in den Gefilden der konventionellen Weltraummission. Richtig abgespaced wurde es auf dem Album The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars, auf dem sich auch Starman befindet. 1976 spielte Bowie in Der Mann, der vom Himmel fiel einen Außerirdischen, und blieb dem Thema zeit seines Lebens treu, wie zum Beispiel 1995 mit Hello Spaceboy.

David Bowie: Starman

Duran Duran - The Wild Boys

Neben dem durch die Ästhetik Blade Runners geprägten Cyberpunk waren die 1980er-Jahre auch das Jahrzehnt der Endzeitfilme, deren Boom durch den 1979 erschienenen Mad Max eingeläutet wurde. Auf den Zug sprang auch die britische Band Duran Duran, die sich übrigens nach einer Figur aus dem SF-Film Barbarella benannt hat. Ihr Video zu The Wild Boys (1984) war das bis dato teuerste Musikvideo überhaupt und eine Mischung aus Mad Max und Cirque du Soleil - eine Ästhetik, die später auch Dr. Dre und 2Pac im Video zu California Love verwendeten. Das Lied war ursprünglich als Soundtrack für eine von Russell Mulcahy geplante William-S.-Burroughs-Verfilmung gedacht, die aber nicht zustande kam. Mulcahy, der das Video dazu filmte, drehte später übrigens auch Highlander, zu dem Queen dann den Soundtrack beisteuerten.

Billy Idol - Cyberpunk

Als 1993 Billy Idols Album Cyberpunk erschien, war es seiner Zeit voraus, obwohl es auf einem Buch basiert, das schon neun Jahre zuvor erschienen war: Neuromancer von William Gibson. Die Fans des Schmusepunkers schienen damit überfordert zu sein, dass er seinen üblichen Pop-Punk-Gitarrensound mit Ambientklängen kombinierte, in einigen Stücken (wie Neuromancer, Wasteland, Tomorrow People oder Shangrila) durchaus gelungen. Gibson und sein Freund Jack Womack machten sich über das Album lustig, mich hat er aber überhaupt erst dazu gebracht, die Romane von William Gibson zu lesen.

Billy Idol: Shock To The System

Björk - All Is Full Of Love

Phantastische Elemente durchziehen von jeher Björks Kunst und Musik, mit den Jahren ist sie aber immer fantasyhafter und psychodelischer in einem naturverbundenen Sinne geworden, so wie Mythen und Sagen fest in Islands Kultur verankert sind. In den 90ern hatte die isländische Musikerin eine Phase, in der sie sich stärker mit Science Fiction auseinandersetzte, was sich vor allem in dem von Chris Cunningham gedrehten Video zu All Is Full Of Love (vom Album Homogenic) zeigte, das für viel Aufsehen sorgte und mordernste Technologie gekonnt mit Björks elfenhaftem Zauber verbindet. Einem Musikvideo, dem man überhaupt nicht ansieht, dass es schon 22 Jahre alt ist.

Wamdue Projects - King of My Castle

Eines der prägendsten SF-Videos der 1990er-Jahre dürfte Wamdue Projects King of My Castle sein, bzw. das zweite Video zu dem Song, das Material aus dem Film Ghost in the Shell verwendet, auf MTV 1998/99 rauf und runter lief und maßgeblich zur Popularität des Animes im Westen beitrug.

Daft Punk

Auf den Anime-Zug sprang das französische Elektro-Duo Daft Punk zu Beginn des neuen Jahrtausends auf und produzierte gleich ein 60-minütiges Anime-Musical, aus dem es auch Single-Musikvideoauskopplungen gab, deren bekannteste One More Time sein dürfte. Interstella 5555 – The 5tory of the 5ecret 5tar 5ystem basiert auf dem Album Discovery von 2001.

Daft Punk: One More Time

Monster Magnet

Unter den unzähligen Untergenres des Metals und Rocks gibt es auch den sogenannte Space Rock, der seine Ursprünge im Kraut Rock und Psychedelic Rock hat und vom Sound her eben etwas abgespaced daherkommt, während Science-Fiction-Motive oft, aber nicht immer eine Rolle spielen. Die bekannteste Band dieses Genres dürften Monster Magnet sein, die ihre erfolgreichste Zeit in den 1990ern hatten und mit dem Album Dopes To Infinity den Höhepunkt ihres Schaffens erreichten. Neben Titeln wie King of Mars gab es auch von Marvel-Comics beeinflusste Titel wie Ego, the Living Planet (der Bösewicht aus Guardians of the Galaxy 2) und Negasonic Teenage Warhead (aus den X-Men-Comics,  ist auch bei den Deadpool-Filmen dabei), wobei es hier ausnahmsweise auch einmal umgekehrt lief und die Figur nach dem Song von Monster Magnet benannt wurde.

Monster Magnet: Negasonic Teenage Warhead

Beastie Boys - Intergalactic

Mit ihrem 1998er Video zu Intergalactic schufen die Beastie Boys eine wunderbare Hommage an die Godzilla-Filme des letzten Jahrtausends, in denen noch ein Mann im Gummikostüm (Haruo Nakajima) durch eine Pappkulisse von Tokio stapft. Und in einigen der Filme gab es auch SF-Elemente durch Riesenroboter und Außerirdische, gegen die Godzilla in den Kampf zog.

Nine Inch Nails - Year Zero

2006 veröffentlichte Trent Reznor alias Nine Inch Nails mit Year Zero ein Konzeptalbum, das in einer dystopischen Gesellschaft des Jahres 2022 spielt, in der eine fundamental-christliche Regierung in den USA die Macht ergriffen hat (mit Blick nach Alabama und Ohio gar nicht mehr so abwegig). Geprägt ist es durch die Jahre der Bush-Administration, aber Reznor hat vermutlich nicht damit gerechnet, dass die Vision so schnell deutlich realistischer werden könnte.

Nine Inch Nails: Survivalism

Muse - Knights of Cydonia

Auch die britischen Rocker von Muse zollten dem B-Movie mit einem Musikvideo Tribut. Das 2006 erschienenen Video zu Knights of Cydonia ist eine wilde Mischung aus Western und Science Fiction im trashigen Gewand, wie man sie in den 1980ern und 90ern in einigen Direct-to-Video-Streifen in den Videotheken vorfand. Wie nah sich die Genres Western und Science Fiction sind, zeigte schon Star Trek, wo der Trek nach Westen in den Weltraum zur Final Frontier fortgesetzt wurde. Und spätestens mit Firefly wurden Space Western Kult. Muse bleiben ihrer Genreaffinität übrigens treu, das aktuelle Album Simulation Theory wurde fast komplett als Science-Fiction-Videoserie mit anderen Genre-Einsprängseln wie Vampiren und Gremlinhamstern verfilmt.

Janelle Monáe - Dirty Computer

Einen deutlich ernsteren Ansatz verfolgt Janelle Monáe mit ihrem vom Afrofuturism und Feminismus beeinflussten Album Dirty Computer, zu dem es einen einstündigen Science-Fiction-Emotion-Picture gibt. Eine Art Kurz-SF-Film, der ihren Musikvideos einen futuristischen und politischen Rahmen verleiht.

Coheed and Cambria

Die New Yorker Progressive-Metal-Band Coheed und Cambria trägt den Science-Fiction-Bezug schon im Namen und Konzept, erzählt sie mit ihren Alben doch die Saga des Ehepaars Coheed und Cambria, das auf einem erdähnlichen Planeten als Wächter eines Netzwerks (Keywork) fungiert, das 69 Welten miteinander verbindet. Im Weiteren geht es um Kriege, Viren und die Zerstörung des Universums.

Coheed and Cambria: Unheavenly Creatures

Kriill - Your Eyes, Will I Ever

Um mal ein ganz aktuelles Beispiel zu bringen, im Video zu Your Eyes, Will I Ever erzählt die Bostoner Band Kriill von einem Paar, das in karger Endzeitlandschaft in einem futuristischen Haus á la Ex-Machina lebt, während Insekten eine wichtige Rolle zu den melancholiche-düsteren Klängen spielen, zu denen sich das Paar langsam voneinander entfremdet.

Alice in Chains - Black Antenna

Alice in Chains sind eigentlich auch eine Band der 90er, eine der großen Grunge-Bands neben Nirvana und Pearl Jam, trennten sich 1998 drei Jahre vor dem Tod ihres Sängers Layne Staley, kehrten 2005 bzw. 2006 aber mit neuem Sänger zurück. Mit dem haben sie jetzt ein neues Album aufgenommen: Rainier Fog. Dazu gibt es sechs Musikvideos unter der Titel Black Antenna, die eine SF-Mystery-Thrillergeschichte erzählt, die zugegebenermaßen nur langsam in die Gänge kommt. Im fünften und sechsten Clip mündet sie vorläufig in eine "Tentakelsexszene". Vier weitere Videos sollen noch folgen. Erzählt wird die Geschichte eines außerirdischen Vaters und seiner Tochter, die Männer verführt und bestiehlt, um ihrem Vater zu helfen, eine Antenne zu bauen, damit dieser eine Nachricht an die Heimatwelt senden kann.

Alice In Chains: Black Antenna: Episode 01 (The One You Know)

Wo sind die Frauen?

Mir ist bewusst, dass es in dieser Liste einen eklatanten Mangel an Frauen gibt. Wenn ihr Künstlerinnen kennt, die sich auf ähnliche Weise mit Science Fiction auseinandergesetzt haben, teilt sie mir doch bitte in den Kommentaren mit. Mir fällt zumindest noch Missy Elliot ein, die mit Sock It To Me 1997 ein Video mit schön schräger SF-Videospielästhetik herausgebracht hat.

Missy Elliott & Da Brat - Sock It 2 Me

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