Game of Thrones: Wie ein Kampf von Arya Stark gegen Sandor Clegane („The Hound“) in Wirklichkeit aussehen würde (und wie Arya ihn gewinnt)

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Game of Thrones: Wie ein Kampf von Arya gegen „The Hound“ in Wirklichkeit aussehen würde (und wie Arya ihn gewinnt)


Adam Nawrot
17.04.2019

Eine Studie besagt, dass 16,4 Millionen Game-of-Thrones-Fans der Meinung sind, Arya sei die beste Schwertkämpferin in Westeros. Das mag innerhalb der Geschichte aufgehen. Aber wie würde so ein Duell ganz realistisch aussehen? Schwertkampfexperte Adam Nawrot unterzieht Aryas Kampfszenen einem Realitätscheck. 

Schnelligkeit schlägt brutale Kraft. So gelingt es Arya in Game of Thrones, ihre Gegner zu besiegen. Aber was, wenn wir all das, was wir über echte mittelalterliche Rüstungen, Schwerter und Kampfkunst wissen, bedenken und die Realitäts-Einstellungen auf Maximum stellen? Gibt es lieb gewonnene Wahrheiten über Schwertkämpfe, die sich eventuell nicht ganz mit den Erfahrungen moderner Kampfkünstler decken? Wir spoilern mal frech und sagen: durchaus.

Hier die Top-Klischees im Schwertkampfduell, auf die auch die Produzenten bei Game of Thrones hereingefallen sind – und ein paar Vorschläge, wie sie es hätten besser machen können.

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Klischee Nummer eins: Entweder Kraft oder Schnelligkeit

Welche Fähigkeiten sind in einem Schwertkampf eigentlich wichtiger – Kraft oder Schnelligkeit? Wir lieben Vergleiche und klare Unterscheide zwischen Charakteren, die ihre Stärken ausspielen. Wir assoziieren Kraft mit tumber Gewalt und Schnelligkeit mit dem klugen, technischen Fechter. Mit dieser klassischen „David gegen Goliath“-Paarung spielt Game of Thrones besonders gern. Doch um Schwertduelle wirklich zu verstehen, müssen wir hinter die Kulissen unserer Tradition des Geschichtenerzählens blicken.

Sportwissenschaftler haben ein Model ersonnen, das so genannte „Dreieck der Kraft“. Dabei stecken in einem Muskel verschiedene Formen von Kraft. Es gibt erstens die Maximalkraft des Gewichthebers, die angibt, wieviel Gewicht ich einmal maximal bewegen kann. Die Kraftausdauer beschreibt zweitens, wieviel ich über einen langen Zeitraum bewegen kann. Und drittens gibt es die Schnellkraft, die bemisst, wie schnell ich ein Gewicht bewegen kann.

Schnelligkeit ist also keine Antithese zur Kraft, sie ist ein Teil von ihr. Arya wird also schon durch ihr geringes Körpergewicht über eine objektiv betrachtet geringe Maximalkraft verfügen, wohl aber braucht sie Kraftausdauer und Schnellkraft, um in einem Duell zu bestehen – genau wie ihre KontrahentInnen. Die Maximalkraft könnte in so einem Kampf also durchaus vernachlässigt werden. Alle erfolgreichen Schwertkämpfer müssen schnell sein und weder Brienne von Tarth noch Sandor Clegane („The Hound“) wären so weit gekommen, wenn sie einfach nur Gewichtheber wären.  

Klischee Nummer zwei: Ritterschwerter sind nur etwas für Giganten

Aber liegt die Annahme, dass Schnelligkeit besser als Kraft sei, nicht am Vorurteil, dass Schwerter des Mittelalters gewaltig schwer gewesen seien? Das echte lange Schwert des Spätmittelalters, der Epoche, an der sich die Sachkultur bei Game of Thrones orientiert, war ein vollumfänglicher Vorfahr des Rapiers, des Degens, und schließlich des Floretts ,welches Arya führt, und wog im Schnitt nicht mehr als 1,4 Kilogramm. Schon die Version des 15. Jahrhunderts war in der handwerklichen Ausführung sehr auf den Stich ausgelegt – also lang, aber durchaus schmal gebaut und eine sehr schnelle Waffe. Unsere Vorstellung vom unendlich schweren Schwert für richtige Männer stammt aus einer wesentlich späteren Zeit, als ganz spezielle Zweihänder von den Landsknechten dazu benutzt wurden, sich in den Wald von Speeren der damaligen Fußtruppen hineinzuhacken. Im 19. Jahrhundert hat man es mit der Datierung nicht so genau genommen und die vielen erhaltenen Riesenschwerter kurzerhand „dem Mittelalter“ zugeordnet. Das führte dazu, dass wir heute immer noch versuchen, uns vorzustellen, wie mit diesen extrem unhandlichen Waffen gefochten wurde. Gefochten wurde aber eben mit leichteren, sehr gut ausgewogenen und führbaren Schwertern. 

Klischee Nummer drei: Eine Ritterrüstung ist unendlich schwer

Ähnlich, wie dem Schwert erging es der Rüstung, sie wurde und wird von uns gern völlig missverstanden. Die schweren, oft schon post-mittelalterlichen Turnierrüstungen sind diejenigen, welche sich über die Zeit sehr oft erhalten haben. Sie prägen größtenteils unser heutiges Bild von einer Ritterrüstung. Jedoch waren solche Rüstungen nicht für den Krieg gemacht, sondern für ein sehr spezialisiertes, rituelles Turnier mit sportlich optimierten Regeln.

Eine spätmittelalterliche Ritterrüstung für den Krieg hingegen ist leicht, partiell gehärtet, ausgezeichnet an ihren Träger angepasst und vollkommen beweglich. Geübte Ritter und Knechte sind in der Lage, sich in ihnen ohne Einschränkungen zu bewegen, aufzustehen oder gar Purzelbäume zu schlagen. Sie sind es gewohnt, mit den Einschränkungen in Sicht und Atmung umzugehen. Möglich wird das durch eine spezielle Atemtechnik. Noch dazu sind die Helme so gut angepasst, dass die Einschränkungen minimal bleiben und durch Gewohnheit und Training ausgeglichen werden können.

Ob im Rollenspiel oder in der phantastischen Literatur: Eine Rüstung muss Vor- und Nachteile haben. Die Wirklichkeit sah jedoch anders aus, die spätmittelalterliche Rüstung für den Kriegseinsatz war sowohl leicht und beweglich als auch ein ausgezeichneter Schutz. Echte Ritter, wie Brienne oder der Hound, hätten mit einer solchen Rüstung also große Vorteile in einem Kampf gehabt.

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Wenn Arya in Wirklichkeit gegen Sandor Clegane kämpfen müsste …

Was würde passieren, wenn Arya Stark auf einen solchen geübten Kämpfer wie The Hound mit Rüstung und dem Langem Schwert trifft? Nun – es wäre schlichtweg Selbstmord. Natürlich haben auch Rüstungen Schwachstellen: Augenschlitze, Unterleib, Achselhöhlen, Innenseiten der Hände, Innenseiten der Gelenke. Aber jeder, der eine Rüstung trägt, weiß um diese Schwächen, und die Vorteile des Tragens überwiegen dennoch. Hingegen befinden sich die Schwachstellen eines Kämpfers ohne Rüstung: überall. In Rüstung könnte der Hound eine Vielzahl von Hieben und Stichen einfach ignorieren. Er könnte sich nur auf die Verteidigung seiner Schwachstellen konzentrieren. Arya müsste sich bei jedem Schlag in die Gefahr begeben, getroffen zu werden. Der Hound könnte einfach auf seinen Moment warten, um schließlich mit Hieben, denen man mit dem ganzen Körper schwer ausweichen kann, zum Erfolg kommen.  In der Serie hilft Arya die Tatsache, dass Ritterschwerter in Filmen oft schwere, unausgewogene und tatsächlich völlig unnütze Klumpen von Metall sind. Tatsächlich wäre ein realistisches Langes Schwert wohl kaum langsamer als Aryas Nadel, dafür jedoch länger (mehr Reichweite!), fähig zu Schnitten und durchbrechenden Hieben, Knaufschlägen, Stichen mit der Parierstange und schlussendlich mit dem Vorteil des Hebels der zweihändigen Führung. Dieses Schwert in einem Vergleich mit einem einhändigen Florett würde sich also bei jedem Klingenkontakt durchsetzen und Arya könnte wohl kaum so einen Kampf für sich entscheiden.

… und wie sie ihn im Duell besiegen könnte: Ein echtes Kampfszenario

Ich behaupte nicht, dass es leicht wird für Arya, den Hound zu besiegen. Die junge Kämpferin muss ran an den Angreifer, so nah, dass sie ihren Reichweiten-Nachteil wett macht und sich nicht mehr Sorgen machen muss um Hiebe, die ihre Waffe nicht parieren kann. Die Aktion erfordert selbstmörderischen Mut. Sie sollte die Nadel stecken lassen und am besten gleich den Dolch zur Hand nehmen, auf Schlagdistanz ist dieses Duell nicht zu gewinnen.

Als erstes muss Arya dem Hound ein Ziel bieten, den Schlag abwarten und dann unter ihm durchtauchen. Ist das gelungen, hat sie Möglichkeiten. Sofort aufwärts zwischen seine Beine zu stechen, wäre eine solche. Das könnte eine Blutung verursachen und zum Tod führen, aber nicht sofort. Der nächste Schlag wird kommen, und dann stünde sie direkt vor ihrem Gegner, Ergebnis: Null zu Null, beide tot - ein Ende, das sehr zu Game of Thrones passen würde. Einen Rüstungsträger besiegt man am besten ringend im Nahkampf. Aber Ringen ist kaum empfehlenswert, wenn zwischen den Kontrahenten einfach mal alle Gewichtsklassen liegen. Trotzdem sehe ich hier die Lösung. Arya müsste ihren Angriff nach dem Durchtauchen auf ein Bein des Gegners konzentrieren. Es muss das Bein sein, auf dem das Gewicht des Hound lastet. Sie müsste also unter dem Hieb hinweg tauchen und sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen das Knie des Hound werfen. Gleichzeitig sollte Arya den Fuß des Gegners blockieren und seine letzte Bewegung ausnutzen und weiterleiten. Damit dürfte der Riese zu Boden gehen. 

Jetzt wird es richtig schmutzig.

Der Hound liegt auf der Seite, Arya an seinen Füßen mit einem Bein kniend. Jetzt muss sie aufwärts, erster Stich gegen die Rückseite des Knies, muss nicht sitzen, aber lohnt den Versuch. Sie muss den Armen des Feindes ausweichen, darf sich nicht auf ein Ringen gegen einen 150-Kilogramm-Mann einlassen. Der Gegner wird sich auf den Rücken drehen, um sie im Blick zu haben, wahrscheinlich mit einem ersten Hieb verbunden, dem Arya erneut durch Abtauchen ausweichen könnte. Nun liegt der Hound auf dem Rücken und Arya befindet sich an seinem Kopf. Hier müsste der nächste Stich unter die Achseln erfolgen. Es wird mit Sicherheit eine Reaktion geben, also sollte Arya wieder ihre Position wechseln, am besten auf die andere Seite des Kopfes. Hier kommt ihre Chance: Ein Griff unter seinen Helm ans Kinn, dieses aufwärts ziehen, den Hals frei machen und drei schnelle Stiche zum Hals, und dann schnell außer Reichweite mit „Rolle rückwärts“. Voila! Wir wollen doch nicht den Fehler von Prinz Oberyn wiederholen.

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Zugegeben: Vor einem Gegner wie dem Hound zu stehen, ist furchteinflößend. Schon unbewaffnet hat er einen Reichweitenvorteil, jetzt denkt ihn euch mal gepanzert– beziehungsweise besser doch nicht. Das Gefühl der Verwundbarkeit käme einer lähmenden Ohnmacht gleich. Prinz Oberyn hatte immerhin die Reichweite eines Speers auf seiner Seite. Arya müsste hingegen, um den Hound zu verletzen, erstmal seinen Reichweitenvorteil überwinden. So nah ran möchte man allerdings kaum an einen Kämpfer kommen, der körperlich so überlegen ist, wie der Hound Arya.

Gäbe es eine einfachere Lösung? Arya ist eine unglaublich begabte Fechterin. Mit einer besseren Wahl der Waffe würde sie sich wahrscheinlich einfacher tun. Schließlich ist Fechten tatsächlich eine Art zu Kämpfen, bei der in einer normalen Kampfdistanz Muskelmasse keine Rolle spielt. Mit einem Rapier, also einer einhändigen Stichwaffe mit stärkerer Klinge, könnte sie ein Schwert parieren und hätte durch seine Länge keinen Reichweitennachteil mehr. Dazu noch einen Parierdolch in der zweiten Hand und sie wäre nicht zu stoppen. 

Über den Autor

 

Adam Nawrot ist Mittelalterhistoriker und beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den historischen und sportlichen Aspekten von Kampf in Rüstung und mit historischen Waffen. Mit der Firma Kaptorga (www.kaptorga.de) ist er historischer Berater für Medienproduktionen wie Dokumentationen, Musikvideos, Kurzfilme, Fotoshootings u.v.m.

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