Die 10 albernsten Actionfilm-Klischees

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Die 10 albernsten Actionfilm-Klischees


Hollywood bereitet uns mit großen, actionreichen, überladenen Kinofilmen Jahr für Jahr großes Vergnügen. Und treibt uns mit albernen, sinnlosen, hirnverbrannten Klischees Jahr für Jahr in den Wahnsinn. Thilo Nemitz liefert uns einen Überblick über die famosesten Ausrutscher.

 

Die von der Sonnenbank geküssten Muskeln des Helden spannen sich, bis die Adern hervortreten. Dann springt der ordentlich gekämmte Frauenschwarm hinter seiner Deckung hervor, wehrt Kugelsalven mit dem Deckel einer Mülltonne ab und macht alle Gegner mit schnellen Karatetritten unschädlich. Schließlich ertönt die gereizte Stimme des Endgegners: »Aus dem Weg ihr Maden, er gehört mir.« Die letzten Handlanger verziehen sich in die Schatten, während sich ein Hüne vor unserem Retter aufbaut, der scheinbar schon im Kindergarten das Bankdrücken für sich entdeckt hat. Hüne und Held werfen sich nun, gefühlt stundenlang, gegenseitig durch Glasscheiben und andere schmerzhafte Hindernisse, während sie ihr Gegenüber mit schallenden Tritten und Schlägen eindecken, die schon beim ersten Treffer ein junges Nashorn ins Reich der Träume hätten schicken müssen. Da unser Held mittlerweile einen ersten unschönen Kratzer an seiner Wange verbuchen muss, beschließt er, dem Bösewicht nun mit einem Zeitlupen-Roundhouse-Kick den Rest zu geben. Endlich kann er unter dem Jubel der Schaulustigen sein »Babe« von dilettantisch verknoteten Fesseln befreien und zusammen mit ihr und quietschenden Reifen in den Sonnenuntergang fahren.

Wer jetzt ob der albernen Überzeichnung des Beschriebenen lachen muss, hat vermutlich das Actionkino der 80er und 90er verdrängt.

Dieser Typus des reinrassigen Actionfilms mit aufwendig gedrehten Stunts, Nahkampf-Szenen, Schießereien, Explosionen und Verfolgungsjagden ist aus dem Kriminalfilm der 1950er-Jahre hervorgegangen. Mit Legenden des Martial-Arts-Films wie Bruce Lee oder der fünffachen Karateweltmeisterin Cynthia Rothrock hielt die Betonung physischer Kräfte Einzug in das Mainstreamkino, nur noch getoppt von dem Bodybuildingkörperkult, den Actionstars wie Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone zum Standard machten. Gleichzeitig entwickelten sich dazu passende Stilmittel wie die Zeitlupe, die spätestens John Woo salonfähig machte, oder Tonverfremdungen, die Schläge und Tritte wie Peitschenhiebe oder Hammerschläge klingen lassen konnten. Zusammen mit der stereotypen Zeichnung von Feindbildern und niederen Instinkten der Protagonisten wie Rachephantasien als Handlungsmotivation bildete sich eine Art Action-Sandbox heraus, die aus heutiger Sicht wie ein eigenes, nicht ganz ernst gemeintes Genre wirkt.

Dazu muss an dieser Stelle natürlich David Sandbergs unerreichter Kung Fury von 2015 oder Thomas Cappeaus etwas blutigerer Commando Ninja von 2018 erwähnt werden. Beide nehmen wunderbar auf die Schippe, was in den Actionkrachern der 80er durchaus mal ernst gemeint war.

Viele Albernheiten aus der Zeit von Stirb langsam, Karate Tiger oder American Fighter haben als hartnäckige Actionfilmklischees überlebt und begegnen uns auch heute noch in vielen anderen Genres. Einige davon habe ich zusammen getragen und hoffe, euch damit ein wenig Augenrollen und Schmunzeln entlocken zu können. Haltet euer Popcorn bereit, der »Chopper« hebt ab.

Trailer: Kung Fury

Immer der Reihe nach bitte!

Der Klassiker: Die bösen Jungs haben es geschafft, unsere durchtrainierte Föhnfrisur zu umringen. Doch anstatt ihn nun von mindestens vier Seiten gleichzeitig zu beharken oder ihn einfach gleich unter einer menschlichen Lawine zu begraben, greifen die Deppen alle einzeln an. Wahrscheinlich hofft immer der nächste Angsthase in der Schlange, nicht mehr dran zu kommen, weil sein Vorgänger den Job erledigt hat. Tja, es ist schwer gutes Personal zu finden.

Autos explodieren immer

Eigentlich müssten wir Angst haben, durch die Straßen zu gehen. Denn scheinbar explodieren Autos, wenn man sie nur zu lange anguckt. Die armen Politessen. Und wie sie dann explodieren! Ich bin kein Experte für Explosionen, aber ich bin mir fast sicher, dass ein VW Käfer nicht explodieren darf, als wäre er komplett mit TNT vollgestopft gewesen.

Fast alles ist kugelsicher

Irgendjemand von der Bundeswehr hat mir mal erzählt, dass Kugeln durch Autotüren gehen wie durch Butter. Wenn das stimmt, dann wären vermutlich 90% der klassischen Actionfilme nach wenigen Minuten zu Ende. Doch nicht nur Autoblech, sondern auch Bücher (besonders Bibeln!), umgestürzte Tische oder menschliche Schutzschilde sind absolut kugelsicher. Außerdem reicht dem Held meist der Pfahl eines dürren Straßenschildes, um dahinter vor jeder Art von Kugelsalve in Deckung zu gehen. Faszinierend.

Captain America Winter Soldier Car Chase Fight

Göttliche Waffen mit unendlicher Munition

Höchst selten sehen wir unsere Actionhelden ihre Waffen nachladen. Rambo hat Magazine, die anscheinend unendlich aus der Elementarebene der Kugeln gespeist werden, und ob Legolas am Amon Hen mit den paar Köchern hingekommen wäre, möchte ich auch nicht nachzählen. Wichtig ist eigentlich nur, dass das Magazin des Bösewichts immer genau dann leer ist, wenn er triumphierend den Helden erschießen will.

Jeder Held ist ein unverwundbarer Achilles

Schon mal bei weit über 100 Stundenkilometern aus einem fahrenden Auto gesprungen? Kein Ding. Dann steht man eben auf und geht zu Fuß weiter. Glaubt man den Erfahrungen von Actionhelden wie Bruce Willis, dann kann die Teflon-Schicht über der menschlichen Haut einiges an Reibung ab. Ebenso immer wieder erstaunlich, wie James Bond durch Kugelhagel spazieren kann, ohne jemals eine verirrte Kugel abzubekommen. Und selbst wenn der Held mal übel zerfleischt wird, hat er immer noch genug »Trefferpunkte«, um seine Mission zu Ende zu bringen. Als Anschauungsmaterial möchte ich Atomic Blonde (2017) mit einer cool-charismatischen Charlize Theron ans Herz legen. Die bösen Buben sind in diesem Actionthriller so wiederstandfähig, dass man schon von übernatürlichen Wiedergängern sprechen muss.

Das Stormtrooper Syndrom

Natürlich ist der unzerstörbare Held nur eine Seite der Medaille. Die bösen Buben schießen meist auch schlechter als besoffene Neuzugänge des örtlichen Schützenvereins. Das Netz ist nicht ohne Grund voll mit Memes, die z.B. Zielgenauigkeit von schneeweißen Stormtroopern nach einer Partie Paintball auf die Schippe nehmen. Doch bevor jetzt hier die Trekkies ihren Visor abnehmen und mit den Augen rollen – auch bei der Sternenflotte wird gerne mal aus nächster Nähe danebengeschossen: 

Star Trek: Nemesis

Pew! Pew! Pew! Wie weit stehen die Gruppen im Gang auseinander, fünf Meter? Sorry, aber wer wie ich schon mal beim Laser Tag zusammengefaltet wurde, der weiß, dass hier in wenigen Sekunden alle tot wären. Wenn bei Star Trek mal jemand ein altmodisches Maschinengewehr dabei hätte – nicht auszumalen! Da loben wir uns doch alle Waffen, die nicht so »plump und so ungenau wie Feuerwaffen« sind.

Jeder kann schneller laufen, als ein Auto fährt

Zumindest scheinen das die Opfer zu denken, die nie nach links oder rechts in Gassen flüchten oder Haken schlagen. Also, wenn mir jemand mit einem Auto auf den Fersen ist, dann ist mein erster Gedanke nicht: »Jetzt kann ich meinem alten Sportlehrer doch noch beweisen, was ich für eine Rakete bin.« Dann zeige ich meinem Verfolger lieber, was es heißt, seine Windschutzscheibe mit etlichen Straßenschildern, Bäumen und anderen Hindernissen Bekanntschaft machen zu lassen. Okay, vermutlich würde ich etwas weniger heldenhaft im nächsten Hauseingang in die Hose machen, aber ich würde nicht überfahren!

Alter, Du redest zu viel

Auch dieser Klassiker darf natürlich nicht fehlen. Mister Bond, anstatt sie sofort zu erschießen, möchte ich ihnen zunächst meinen Plan verraten und sie dann in diesem Raum mit steigendem Wasser zurücklassen. Das brauche ich für mein Ego. Solche Szenen lassen mich vermuten, dass die meisten Bösewichter gar nicht wirklich jemanden töten wollen. Ihre Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe. Sonst würden sie sich doch die Lehren aus Austin Powers zu Herzen nehmen: 

Austin Powers - Dr. Evil assumes it all went to plan

In letzter Sekunde

Auch das Timing unserer Helden ist in Actionfilmen stets legendär. Man weiß nicht, ob es Absicht ist, aber die Bombe wird meist erst entschärft, wenn der Timer nur noch eine Sekunde zeigt. Vermutlich, um der großbusigen Blondine, deren Kleidung bei vorausgegangenen Kämpfen zu einem sexy Bikini zerfetzt wurde, einen Schrecken einzujagen. Damit sie es sich demnächst zweimal überlegt, ob sie sich so einfach von Lösegelderpressern fangen und kidnappen lässt. Man(n) hat ja auch noch was anderes zu tun.

Hol jetzt alles raus!

Der Held hat immer noch ein Ass im Ärmel. Es gibt immer noch einen Hebel, der umgelegt werden kann, um das Raumschiff noch schneller fliegen zu lassen. Auch Gaspedale können, wenn die Gegner aufholen und die Femme Fatal vom Beifahrersitz »schneller« kräht, noch ein ganzes Stück tiefer durchgetreten werden, um das letzte rauszuholen. Als würde man in einer Krisensituation nicht immer hundert Prozent geben, um die eigene Haut oder die der anderen zu retten. Wäre das hier ein Podcast, könntet ihr mich jetzt profund seufzen hören.

Bonus: Das Ein Colt für alle Fälle-Syndrom

Irgendwie können Autos in Actionfilmen immer alles als Rampe benutzen; ohne dass für günstige Geländebegebenheiten gesorgt wurde, wie bei der Grand Theft Auto-Serie beispielsweise. Da mein Vater früher nebenberuflich als Stuntman gearbeitet hat, weiß ich jedoch ganz genau, dass für jeden noch so kleinen Sprung erst stundenlang eine geeignete Rampe vor ein Hindernis gebaut werden muss. Wer also glaubt, er könnte morgens mal wie Colt Seavers über eine Leitplanke springen, um den Weg zur Arbeit abzukürzen, den muss ich enttäuschen. Ohne eine mitgebrachte Rampe auf Rollen wird’s schmerzhaft.

So, das waren nur einige der wichtigsten Klischees, die mir beim Gedanken an die Action in Kinofilmen reflexartig aufgestoßen sind. Es gibt sicherlich noch eine ganze Wagenladung mehr. Aber vielleicht habt ihr ja Lust, meine Aufzählung zu ergänzen und eure liebsten Klischees in die Kommentare zu schreiben? Rollt ihr bei solchen Momenten nur noch die Augen, oder klatscht ihr glucksend in die Hände? Beides gleichzeitig sähe bestimmt witzig aus …

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