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Meilensteine der Science Fiction: Westworld (1973)


Ja! Das sind die Augen von Yul Brynner!!! Und das unter dieser Headline - wie ist das nur möglich?! Weil es zur HBO-Serie "Westworld" eine grandiose Filmvorlage gab, in der Brynner einen der besten Western-Bösewichte aller Zeiten spielte. Wir erinnern uns ...

Alle Welt liebt Freizeitparks. Die Faszination von Achterbahn, Micky Maus und Co. ist ungebrochen, wie die Statistik belegt. Über 39 Millionen Besucher zählen deutsche Themenparks mittlerweile jährlich. Kein Wunder, dass sich auch diverse Regisseure und Autoren an dem eskapistischen Bespaßungsmodell abarbeiten – natürlich nur, um den quietschbunten Fantasiewelten einen kräftigen Dämpfer zu verpassen. Michael Crichtons Roman Jurassic Park, der durch Steven Spielbergs Verfilmung zum weltweiten Bestseller avancierte, steht natürlich unangefochten an der Spitze höllischer Freizeitpark-Experimente. Doch schon vor seinem Dino-Klassiker hatte Crichton ein Faible für die Thematik.

Bereits 1973, also gut 20 Jahre vor Jurassic Park, fungierte er als Drehbuchschreiber und Regisseur des Sci-Fi-Westerns Westworld, auf dem die gleichnamige HBO-Serie von Jonathan Nolan und Lisa Joy basiert, deren dritte Staffel ab März 2019 gedreht wird. Ein Erlebnispark als große Metapher auf die schöpferische Arroganz der Menschheit.

Für tausend Dollar pro Tag

„Der Urlaub von morgen heute“, begrüßt ein Mitarbeiter der Firma Delos die Zuschauer vor dem Bildschirm. Delos, wie sich im Verlauf der Begrüßung noch herausstellt, ist ein Megakonzern à la Walt Disney Company, der sich auf maßgeschneidertes immersives Entertainment spezialisiert hat. Für schlappe tausend Dollar pro Tag können Besucher sich in einem futuristischen, von Androiden bevölkerten Erlebniswelt vergnügen. Sie können in einer Westernstadt Sheriff spielen und Banken ausrauben, im Mittelalter Schwertkämpfe austragen oder im alten Rom einem dekadenten Lebensstil frönen  – gefahrlose Realitätsflucht und Abenteuerromantik für Reiche. Das Konzept scheint aufzugehen. Besucher die der Mitarbeiter am Ausgang befragt, sind hellauf begeistert.

Die beiden Freunde John (James Brolin) und Peter (Richard Benjamin) haben das große Abenteuer noch vor sich. Sie befinden sich im Anflug auf das riesige Parkgelände und sinnieren schon einmal darüber, mit welcher Schusstechnik sie im Wilden Westen wohl am ehesten als waschechte Cowboys durchgehen. Hinter den Kulissen überwachen Mitarbeiter im Kontrollzentrum derweil das Geschehen im Park, steuern und justieren die Roboter, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten und Narrative in Gang zu bringen.

Trailer: Westworld (1973)

Kulissen und Aufräumtrupps

Im Park angekommen hat Peter zunächst Anlaufschwierigkeiten. Er hält nichts von der dürftigen Unterkunft, Martini „on the Rocks“ stehen auch nicht auf der Getränkekarte und überhaupt findet er das ganze Cowboy-Spiel ein wenig albern. Als nach einer Saloon-Schießerei der von Peter getroffene „Gunslinger“ (Yul Brynner), ein schwarz gekleideter Revolverheld, blutüberströmt am Boden liegt, ist Peter zunächst entsetzt. Doch John kann seine Zweifel aus dem Weg räumen, echte Menschen könne man aus Prinzip bei einer Schießerei schon nicht verletzen, Und Peter findet langsam Gefallen an Westworld.

Des Nachts, wenn alle Parkbesucher schlafen, fallen die Kulissen und Aufräumtrupps betreten die Szenerie. Befremdlich, wie soeben gelandete Außerirdische, wirken die Parkmitarbeiter in den weißen Schutzanzügen, die unter grellem Flutlicht die Erschossenen einsammeln und zurück in die Montage transportieren, wo andere Weißkittel sie einem Check-up unterziehen, Ersatzteile austauschen und die Androiden fit für den nächsten Tag machen. Dort rätseln andere Wissenschaftler auch, weshalb Störungen und Ausfälle im Park, wenn auch geringfügige, sich in den letzten Wochen wie ein „infektiöser Krankheitsprozess“ a.k.a. Computervirus vermehrt haben. Die Theorie: Immerhin seien es äußerst komplizierte und empfindsame Apparaturen, fast so kompliziert wie lebende Organismen, in einigen Fällen sogar von Computern entworfen und gebaut. Also wisse man gar nicht, wie sie genau funktionierten. Oha!

Die Gäste im Park merken von den nicht weiter ins Gewicht fallenden Fehlfunktionen erst einmal nichts. John und Peter spielen weiter Cowboys, bringen den Gunslinger ein zweites Mal zur Strecke, landen im Knast, legen den Sheriff um, werden zu Outlaws und reiten in die Prärie hinaus. Ein Heidenspaß. Und dann passiert es doch, John wird von einer eigentlich harmlosen Roboter-Schlange in den Arm gebissen. Langsam aber sicher gerät der Park außer Kontrolle und die Wissenschaftler sind ratlos. Es dauert nicht lange, bis die Androiden allesamt kurzschließen und der erste Parkbesucher dran glauben muss. Und während die übrigen Gäste des Parks erfolglos versuchen, die Flucht vor den Androiden anzutreten, hat der Gunslinger es alleine auf John und Peter abgesehen.

Stoisch dreiblickende Roboterdamen

Fans, denen die Serie Westworld aufgrund ihrer nichtlinearen Erzählstränge und der kryptischen Dialoge ans Herz gewachsen ist, den Diskursen über die Schaffung künstlicher Intelligenz sowie den daraus resultierenden ethischen Konsequenzen, werden vom Westworld-Film möglicherweise enttäuscht sein. In einigen starken Szenen, als John und Peter sich zum Beispiel mit stoisch dreinblickenden Roboterdamen vergnügen, die so gar keinen Spaß am Sex mit den beiden an den Tag legen, adressiert Crichton zwar die Frage, ob jegliche Art von Verhalten gegenüber den Androiden – Bewusstsein oder nicht – gerechtfertigt sei: Was lassen wir als Unterhaltung durchgehen, solange es keine Konsequenzen nach sich zieht oder Gesetze gebrochen werden?

Doch ansonsten hat der Plot des Films in erster Linie mehr mit Jurassic Park gemein, als mit der Neuauflage im Serienformat: Größenwahnsinnige Parkbetreiber glauben, der Chaostheorie durch technologische Errungenschaften ein Schnippchen schlagen zu können – man erinnere sich an Jeff Goldblum a.k.a. Dr. Ian Malcoms mahnende und stets ignorierte Monologe –, und werden eines besseren belehrt. Die unzähligen Variablen lassen sich nicht kontrollieren und führen zum Zusammenbruch des Systems – inklusive aufregender Verfolgungsjagden versteht sich. Die Funktion des T-Rex übernimmt dabei stellvertretend für alle Androiden der Gunslinger. Dieser erinnert als unaufhaltsame Bedrohung im Nacken eher an das Stehaufmännchen Michael Meyers aus Halloween, als an sein von Ed Harris verkörpertes Serienpendant, dem mysteriösen „Man in Black“. Nichts kann ihm etwas anhaben. Deshalb geht es im letzten, auf Nervenkitzel gebürsteten Drittel des Films auch etwas weniger philosophisch zu. Aber das ist zu verschmerzen.

Denn auch wenn der Film an die Komplexität der Serie nicht heranreicht, ist er ein überaus unterhaltsamer Genre-Klassiker und obendrein ein interessantes Zeitdokument, das nicht nur an die Ursprünge von Westworld führt, sondern gleichzeitig auch ein Licht auf Michael Crichtons kreative Entwicklung wirft, ohne die es heute weder die HBO-Serie noch das Jurassic-Park-Franchise geben würde.

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