Animiert zum Schwärmen: Netflix’ SF-Anthologie Love, Death & Robots

© Netflix

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Love Death + Robots auf Netflix: Warum die 18 Episoden ein Muss für jeden Science-Fiction-Fan sind


Die animierte Science-Fiction-Serie „Love, Death + Robots“ auf Netflix basiert auf Storys von Autorengrößen wie John Scalzi, Joe R. Lansdale und Ken Liu. Warum es sich lohnt, die Animationskurzfilme jetzt zu streamen.

Ideen sind das Kapital und der Kern der Science-Fiction – nicht umsonst bezeichnet man die literarische Variante der SF gern als Ideenliteratur. Ein Großteil ihrer Evolutionssprünge fand in Kurzgeschichten statt, veröffentlicht in Magazinen oder Anthologien. Storys von H. P. Lovecraft, Edgar Rice-Burroughs, Ray Bradbury, Isaac Asimov oder Philip K. Dick, publiziert in amerikanischen Pulp-Magazinen, schufen die Grundlagen der Science Fiction. Später brachten die Kurzgeschichten in z. B. Harlan Ellisons legendärer „Dangerous Visions“-Anthologie oder in Michael Moorcocks visionärem britischem „New Worlds“-Magazin die SF weiter voran.

Auch heute kann man den Puls der Zukunftsliteratur in den aktuellen englischsprachigen Genre-Magazinen gut ertasten. Doch Science-Fiction-Anthologien, die es hierzulande kommerziell eher schwer haben, sind kein alleiniges Exklusivprodukt der Literaturbranche. Während in früheren Epochen des Serienfernsehens vor allem das berühmte fantastische Anthologie-Format „The Twilight Zone“ gleich mehrfach Konsumierende und Kreative prägte, sorgte im Comicbereich ab Mitte der 70er das französische Magazin „Métal Hurlant“ (alias „Heavy Metal“ bzw. „Schwermetall“) für Begeisterung, worin Moebius, Philippe Druillet, Richard Corben und andere ihre künstlerischen Neuerungen vorführten. Was Trickfilme angeht, könnte man dagegen gleich an MTVs furchtlose Anthologie-Serie „Liquid TV“ denken, die Anfang der 90er Jahre ausgestrahlt wurde.

Trailer: LOVE DEATH + ROBOTS

Unabhängig vom Medium geht es bei Anthologien immer um inhaltliche und stilistische Vielseitigkeit. Genau von dieser alles umfassenden Vielseitigkeit ließ sich „Deadpool“-Regisseur Tim Miller inspirieren, als er für den Streaming-Giganten Netflix „Love, Death + Robots“ entwickelte, deren erste Staffel (seit ein paar Tagen auf Netflix verfügbar) Miller u.a. mit den Produzenten David Fincher („Fight Club“) und Joshua Donen („Mindhunters“) sowie den Drehbuchautoren Philip Gelatt („Rise of the Tomb Raider“) und Alberto Mielgo („Spider-Verse: A New Universe“) realisierte.

Seit 2008 wollte Fincher das Konzept von „Heavy Metal“, das 1981 erstmals vom wegweisenden Comic-Nexus zum episodischen Science-Fantasy-Animationsfilm für Erwachsene geworden war und 2000 noch die Animationsserie „Heavy Metal: F.A.K.K.2“ hervorgebracht hatte, wiederbeleben. Am Ende wurde es nun eine unabhängige Neuinterpretation auf Netflix, unter dem Motto: Garantiert nichts für Kinder und definitiv nicht zur Ansicht am Arbeitsplatz geeignet!  

Getreu der multimedialen Tradition von Genre und Darreichungsform ist die ästhetische und inhaltliche Bandbreite der 18 vollkommen unterschiedlichen Animationskurzfilme für Erwachsene in „Love, Death + Robots“ enorm.

Da gibt es brutale futuristische Monster-Fights in der Arena von Morgen, lustige Roboter im Urlaub auf der postapokalyptischen Erde, Horror im Hyperraum, Farmer mit waffenstarrenden Mechs im Kampf gegen eine Alien-Plage, Draculas Auferstehung, mörderische Zeitschleifen, einen despotischen Joghurt, Silkpunk-Steampunk mit einem Fuchs-Succubus, folgenschwere Wartungseinsätze im All, ein Schrottplatzungeheuer, prähistorisches Meeresleben in einer Wüstennacht, Werwolf-Soldaten in Afghanistan oder komische Alternativwelt-Hitler.

Mehr als ein Dutzend verschiedener Trickfilmstudios inszenierten diese Szenarien und Episoden. Stilistisch kann das in der Umsetzung daher mal filmreif-cineastisch nach Pixar oder DreamWorks aussehen, aber auch nach klassischem japanischen Anime der 90er, nach zeitgenössischen Hochglanz-Zeichentrickserien zwischen Ost und West, nach einer Videogame-Filmsequenz – oder dank modernster CGI-Technologie so hyperrealistisch, dass man zwei Mal hinsehen muss, um sicher zu sein, dass es sich um Animation handelt.

Animiert zum Schwärmen: Netflix’ SF-Anthologie Love, Death & Robots

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Die überzeugende handwerkliche, optische und thematische Vielfalt von „Love, Death + Robots“ hat aber noch eine weitere Ebene, die Fans und Kenner des Science-Fiction-Sujets erfreut. Denn die Drehbücher der Folgen beruhen in vielen Fällen auf Kurzgeschichten renommierter Science-Fiction-Autoren.

Namenhafte Science-Fiction-Autoren liefern Drehbücher

Gleich der finstere Opener der Netflix-Anthologie leitet sich von einer ursprünglich 1991 erschienenen Story aus dem „Confederation“-Zyklus des englischen Veteranen Peter F. Hamilton ab. Das Schaffen des sympathischen Bestsellerautors und Publikumslieblings John Scalzi kommt indes immer dann als Basis für ein Drehbuch zum Einsatz, wenn humorvolle Geschichten anstehen. Die vielen Facetten des texanischen Alleskönners Joe R. Lansdale fangen zwei völlig unterschiedliche Erzählungen aus seinem Frühwerk von Anfang der 80er ein, die passend divergent umgesetzt sind. Besonders schön und erfreulich ist außerdem die Adaption einer Kurzgeschichte des in China geborenen, in den USA lebenden Ken Liu, einer der besten englischsprachigen Genre-Autoren der letzten Jahre, dessen eigene Sammlung „The Paper Menagerie and Other Stories“ in jede fantastische Bibliothek gehört und der als Herausgeber und Übersetzer obendrein zum Wegbereiter für Cixin „Die drei Sonnen“ Liu und die chinesische Science-Fiction wurde. Weitere Vorlagen stammen vom variablen, preisgekrönten walisischen Erfolgsautor Alastair Reynolds, dem für das Außergewöhnliche stehenden US-Veteran Michael Swanwick, Gender-Spezialistin Claudine Griggs, der relativen Newcomerin Kirsten Cross und dem deutschen Auswanderer Marko Kloos, der mit seiner Military-SF in den Staaten riesige Erfolge feiert. Eine imposante und interessante, spannende Mischung.

Unbedingt mehr, aber auch etwas weniger

Natürlich brillieren nicht alle Kurzfilme, so, wie jeder beim Schauen vermutlich seine ganz persönlichen Favoriten findet – genau so soll das bei einer Anthologie ja sein. Dankenswerterweise leidet „Love, Death + Robots“ nicht unter der Netflix-Krankheit, unnötig in die Länge gezogen zu sein und so zu einer zähen Angelegenheit zu werden. Manche der gekonnt animierten und obendrein ordentlich synchronisierten Filmchen dauern keine zehn Minuten, andere über zwanzig, und stets fühlt sich die Spieldauer der Episoden genau richtig an.

Leider kann man das nicht vom gelegentlich fast pubertären Vergnügen der Macher behaupten, die ihre Ab-18-Altersbeschränkung voll auszunutzen und einige der Filmhappen mit Sex und Gewalt, also etwa mit Brüsten und Blut überladen. Das mag im besten Fall selbstironisch übertrieben gemeint sein oder nach erwachsendem Realismus aussehen. Hin und wieder wirkt es jedoch bloß wie ins Gesicht geklatscht, frei nach dem Motto: In your face! Niemand will die Beschneidung künstlerischer Freiheiten oder eine puritanische Familienshow – ein bisschen weniger Selbstzweck von Gore und Geilheit wäre bei weiteren Staffeln aber willkommen. Sonst muss der „Sex“ noch mit in den Titel genommen werden ...

Trailer: LOVE DEATH + ROBOTS

Und weitere Staffeln will man als Science-Fiction-Fan nach diesem gelungenen Auftakt mit abwechslungsreichen Adaptionen aus einem prominenten Ideen- und Autorenpool unbedingt. „Love, Death + Robots“ ist – bis jetzt – keine dieser Anthologien, die das Genre aufs nächste Level bringen. Doch Netflix’ launige, coole SF-Kurzfilmsammlung darf als gelungenes Experiment gesehen werden, unterhält bestens und begeistert als Schaukasten dafür, was die Science Fiction und die Animationsbranche heute alles zu bieten haben.

Deshalb: Bitte mehr davon!

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