Princesses of Power – Über die neuen Serienheldinnen

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FILM

Die neuen Serienheldinnen: Doctor Who und She-Ra


Unlängst erfuhr die Trickfilmserie "She-Ra" aus den 80ern ein Reboot auf Netflix, und auch der Doctor findet sich seit der 11. "Doctor Who?"-Staffel zum ersten Mal in einem weiblichen Körper wieder. Judith Vogt über die neuen Serienheldinnen.  

Der Serienherbst im vergangenen Jahr hat wieder ein paar Kindheiten ruiniert. Ihr kennt das schon, kaum finden sich Frauen in Hauptrollen wieder, die vormals von Männern ausgefüllt wurden, ist das Geschrei groß. Aber She-Ra beweist, dass das toxische-Nostalgie-Geschrei im Internet selbst Serien treffen kann, in denen Frauenrollen bereits dominierten. She-Ra war dereinst die Schwester von Actionfigur He-Man und erhielt in den Jahren 1985-87 ihre eigene Cartoon-Serie. Knapp bekleidet wie ihr Bruder zog She-Ra gegen den bösen Hordak und seine Hordes in den Kampf und konnte sich „bei der Ehre“ statt „bei der Macht von Grayskull“ übernatürliche Kräfte verleihen.

Jetzt ist She-Ra zurück – aber ohne He-Man und in deutlich jugendlicherer Optik und mit mehr Klamotten am Leib. Ohne nennenswerte Oberweite zerstörte die junge Heldin Adora in der neuen Netflix-Serie nun also auch längst vergangene Kindheiten. (Nein, im Ernst. Männliche She-Ra-„Fans“ der ersten Stunde, die also heute mutmaßlich um die vierzig Jahre alt sind, beklagen die „fehlende“ Oberweite der neuen She-Ra und hätten gern, dass ein im Reboot ganz offensichtlich minderjähriger Charakter ihren weiblichen Schönheitsidealen entspricht. Googlet es, wenn ihr müsst, ich verlinke nichts, denn ich gönne keinem, der auf diesem Feldzug Artikel geschrieben hat, irgendwelche Klicks.)

Aber von diesen Lächerlichkeiten mal abgesehen …

Die beiden Wiedergeburten sind ziemlich großartig!

Bereits 1981 schlug der scheidende vierte Doctor Tom Baker vor, dass seine Nachfolgerin eine Frau sein könne – doch die 81 musste zur 18 werden, bevor das geschah.

Am 14. Juli 2017 wurde bekanntgegeben, dass Jodie Whitaker als neue Doctor gecastet wurde. Whitaker kann man aus „Broadchurch“ oder „Black Mirror“ und einigen anderen TV-Auftritten kennen, generell ist das neue Gesicht der Doctor (fühlt euch mitgemeint, Doctors 1-13!) jedoch relativ unbekannt, was es umso einfacher macht, sie in dieser Rolle wahrzunehmen. Alte Zöpfe wurden mit dem Weggang des Showrunners Moffat abgeschnitten, auch von den alten Companions, die Doctor 13, Peter Capaldi, mit auf Reisen genommen hat, wurde Abschied genommen, und so ist die Doctor einfach ein Neuanfang, ein neues Tor in die große und sehr britische Doctor-Who-Welt.

Zu der muss man vor allen Dingen eins wissen: Jede Generation hat ihre Doctor – niemand, der in die Serie, die seit 1963 von der BBC produziert wird, hineinschauen möchte, muss mit William Hartnell in schwarzweiß anfangen. Jede neue Doctor bietet eine Chance, in die Tardis, die blaue Polizeizelle, die innen größer ist als außen, einzusteigen, und irrwitzige Zeitreise-Spacefantasy-Abenteuer zu erleben.

Whitakers Doctor stößt gleich in der ersten Folge in Sheffield auf ihr neues Team, ihre menschliche Gang: Ryan, Yaz und Graham. Ryan ist Grahams Stiefenkel, und das Verhältnis zwischen ihm und dem grummeligen Adoptivopa ist etwas frostig. Yaz besuchte mit Ryan zusammen die Schule und ist nun Junior-Polizistin, während Ryan in der Verpackungsabteilung eines Versandhauses jobbt, um sich seinen technischen Abschluss zu finanzieren. Und Graham hat in der jüngsten Vergangenheit einen großen Verlust erlitten.

Außerdem ist Ryan Schwarz, Yaz hat pakistanische Wurzeln und Graham ist ein alter, weißer Mann der besten Sorte. So was macht mich glücklich, denn …

Representation matters!

Die Gesellschaft, in die die Doctor immer wieder mit der Tardis zurückkehrt, und die Heimat und Hintergrund für ihre Gang darstellt, ist nun einmal unsere Gesellschaft, und „Doctor Who“ steht wie kaum eine andere Serie dafür, Herausforderungen nicht mit Waffengewalt entgegenzutreten. Es ist nur folgerichtig, das Team TARDIS inklusiver zu besetzen als je zuvor. Auch die Stories spiegeln das wider.

Die Geschichten der neuen Staffel ist gut ausgewogen zwischen geschichtlichen Ereignissen auf der Erde, wohligem Grusel-Horror mit Spinnen und cthullhuesken Parasiten, abgedrehten Abenteuern im Weltall und den sozialen Herausforderungen, vor denen die Protagonist*innen, allen voran Ryan und Graham, stehen.

Es geht beispielsweise auf eine intergalaktische Krankenstation, zu den Dämonen von Punjab während der Teilung Indiens, zu einem blinden, mit Monstern konfrontierten Mädchen in Schweden oder in den nun schon seit Äonen andauernden Konflikt mit den Daleks (im Neujahrsspecial!).

Whitaker spielt ihre Doctor lebendig, alien-artig verwirrt, liebenswert und vor allem liebevoll. Dabei geht es nicht immer kuschlig zu, anders als in den Staffeln davor. Familienväter verschwinden in großen Versandhäusern auf Nimmerwiedersehen, Charaktere sterben und Entscheidungen sind nicht immer einfach. Dabei verzichtet Whitakers erste Staffel als Doctor größtenteils auf einen Meta-Plot und bietet eher Monster-of-the-Week-Episoden an, was aber zum neuen Team durchaus gut passt und einem eine Erholung von den oftmals etwas überkomplizierten Handlungsbögen der letzten Jahre erlaubt. Das heißt nicht, dass die Stories platt wären – meine Lieblingsfolge in dieser Staffel dreht sich um Rosa Parks, die sich am 1. Dezember 1955 weigerte, ihren Platz im Bus für einen Weißen zu räumen und zur Ikone in der Bewegung zur Abschaffung der Segregation in den USA wurde. Die Folge verknüpft den Kampf gegen Rassismus in den 50ern mit dem Alltagsrassismus, den Yaz und Ryan in unserer Gegenwart erfahren und zollt Rosa Parks einen respektvollen Tribut. (Außerdem gibt’s von mir Extra-Kudos für die beiden Schmiedeszenen in der Staffel – zum einen die des Schallschraubenziehers und zum anderen die eines Daleks, der sich selbst im wahrsten Wortsinne von Grund auf neu konstruiert.)

Und auch, wenn im Internet heftig über den „Verlust“ der männlichen Identitätsfigur des Doctors geweint wurde (Jungs, ich musste mich jahrzehntelang mit Männern identifizieren, weil es Frauen nur in Supporterrollen gab – versucht es doch auch mal mit einer Frau, ihr werdet sehen, das funktioniert!), erreicht die neue Staffel „Doctor Who“ ein Einschaltquotenhoch – obwohl Frauen mittleren Alters als Hauptpersonen normalerweise den Sehgewohnheiten des Publikums widersprechen, stiegen die Einschaltquoten um 20% – offenbar kann man Sehgewohnheiten ändern. 

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She-Ra und die irrwitzig bunten Rebellen-Prinzessinnen

Streng genommen haben sich Sehgewohnheiten längst geändert. Nachdem wir mit unseren Kindern die neue She-Ra-Serie durchgesuchtet hatten, haben wir mal in die alte Version geschaltet, die ebenfalls auf Netflix verfügbar ist. Kommentar meines Neunjährigen: „Das tut mir in den Augen weh.“

Die neue Serie, obschon knallbunt und an Animes wie „Der Prinz der Drachen“ und „Avatar – Herr der Elemente“ erinnernd, ist hingegen nicht nur für Kinderaugen gut zu konsumieren. Auch für erwachsene Zuschauer*innen ist die Serie auf jeden Fall sehenswert. Man muss in den ersten paar Folgen etwas dranbleiben, denn da rekrutieren die ersten drei Rebellen-Prinzessinnen Adora, Glimmer und Bo (er ist mitgemeint) weitere Prinzessinnen, und auch, wenn die charakterlich alle sehr interessant und unterschiedlich sind, sind die Folgen ein wenig schwächer als das, was folgt. Die Dynamik zwischen Adora und ihrer Freundin/Feindin Catra ist die beste Nutzung der „Frenemy“-Trope seit langem, die komplexen freundschaftlichen und familiären Bande der Prinzessinnen, besonders die zwischen Glimmer und ihrer Mutter, sind anrührend, und wie Adora ihre Bestimmung zur mystischen She-Ra zu ergründen versucht, ist eine Held*innenreise allererster Sahne. Die Serie kombiniert Fantasy mit technischen Elementen und bietet auch optisch immer wieder etwas Neues.

Und zum Thema Repräsentation: „She-Ra“ von Dreamworks und Showrunnerin Noelle Stevenson stammt vor allen Dingen aus der Feder von weiblichen und queeren Autor*innen, und diese entwerfen eine Welt, in der geschlechtliche Unterschiede keine Rolle spielen und gleichgeschlechtliche Anziehungskraft und Liebe gar keiner umständlichen Erklärung bedarf, die dabei aber das Thema Sexualisierung ausklammert und bewusst große, kleine, dicke, dünne Frauen und Mädchen positiv und vor allen Dingen auch körperpositiv in den Vordergrund stellt.

He-Man ist abwesend

Wie passt He-Man da rein? Erst einmal gar nicht, und er fehlt auch nicht. Natürlich ist nichts unmöglich angesichts der aktuellen Reboot-Wellen, also kann es natürlich sein, dass auch er eine Erneuerung erfährt, und vielleicht wäre es interessant, das zu sehen, denn auch bei ihm müssten die Macher*innen mit interessanten Ideen aufwarten, um das toxisch maskuline Klischee zu brechen (und damit ein paar weitere Kindheiten zu zerstören! Bring it on!). Aber He-Man hat schon drei Serien und einen Kinofilm, und She-Ra kann im Kampf gegen die Hordes gut und gerne für sich selbst einstehen. Wir können vielleicht einfach noch eine ganze Weile auf ihn verzichten und mit den Rebellenprinzessinnen auf dem Pegasus-Einhorn ausreiten, ohne dass uns langweilig wird. 

Season 1 Trailer | DREAMWORKS SHE-RA AND THE PRINCESSES OF POWER

Überraschende Neuigkeit: Weibliche Charaktere sind vollwertige Charaktere!

Mein Fazit aus diesen beiden Serien ist: Es ist möglich, eine Gruppe Protagonist*innen, mit gleich mehreren Frauen zu besetzen, ohne dass die sich ähneln (unfassbar, ich weiß!), denn entgegen des von uns Zuschauer*innen so verinnerlichten Schlumpfine-Syndroms ist es tatsächlich nicht damit getan, eine – möglichst auch noch „starke“ – Frau in ein Männerteam zu stecken. Nein, die Tendenz geht ganz klar zur Zweit-, Dritt- und Viertprotagonistin, und was das Beste ist: Die daraus resultierenden Serien richten sich nicht einmal an ein rein weibliches Publikum. Geschichten mit Frauen, die gar nicht nur für Frauen sind – man könnte meinen, wir sind im nächsten Jahrtausend angekommen! 

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