6 Dinge entscheiden über den Erfolg der Witcher-Serie auf Netflix

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FILM

The Witcher auf Netflix: Diese 6 Dinge werden über den Erfolg der Serie entscheiden


Mit dem Hexer-Zyklus, Computerspielern eher unter dem Titel "The Witcher" bekannt, wird gerade eine der ganz großen Serien aus dem Fantasy-Buchregal verfilmt. Autor Thilo Nemitz äußert, unbescheiden, wie er nun mal ist, so manchen Wunsch an die Witcher-Verfilmung ...

Wem hängt Tolkiens Herr der Ringe nicht auch ein wenig zum Hals raus? Ich bitte mal gerade um geistiges Handzeichen. Aha, sieh an, doch einigen. – Aber Spaß beiseite und kurz zur Erklärung: Ich habe den Herr der Ringe immer geliebt. Ich habe heroische High Fantasy immer geliebt. Und ich habe mich nie sonderlich an der Schwarzweißmalerei gestört, die das häufig mit sich brachte. Allerdings gab es eine Zeit, in der ich die Nase voll hatte von »Elbenkönigen hoch im Licht«, von rechtschaffendem Heldenmut und dem unsagbar Bösen, das es kompromisslos zu bekämpfen galt.

Ich brauchte mal eine Pause vom Tolkien-Pathos.

Nachdem ich das geniale Werk des Professors auf Deutsch und auf Englisch zigmal gelesen, im Pub mit Freunden besungen, an der Bonner Uni in Form eines Seminars bearbeitet und natürlich die Filme rauf und runter geschaut hatte, dürstete es mich nach Grauzonen und frischem Wind. Oder besser gesagt, nach dem fauligem Wind des Mittelalters.

Den brachte mir überraschend der mittlerweile siebzigjährige Pole Andrzej Sapkowski. Er stellte mich dem Monsterjäger Geralt von Riva vor, der mich mit seiner weißen Mähne sofort an Michael Moorcocks Elric von Melniboné erinnerte. Und tatsächlich schien Sapkowski seinen tragischen Helden sehr dem drogenabhängigen und schwertschwingenden Antihelden Elric nachempfunden zu haben, den er nun in Kurzgeschichten mehr oder minder bekannten Märchengestalten für Geld die Rübe runter schlagen ließ.

Ich war sofort verliebt. Der Hexer war für mich das Paradebeispiel dafür, dass man als Schriftsteller das Rad nicht neu erfinden, sondern manchmal einfach nur altbekannte Komponenten dreist klauen, Entschuldigung, geschickt als Inspiration nutzen und auf ansprechende Weise neu zusammenfügen muss.

Der lebenserfahrene Autor beschreibt sachlich und mit trockenem Wortwitz die Abenteuer des Hexers, welcher sich in jungen Jahren durch eine schmerzhafte Prozedur in eine übermenschliche  Kampfmaschine verwandelt hat. Mit Hexer-Magie und einem Silberschwert für übernatürliche Wesen reitet Geralt auf seinem treuen Klepper Plötze durch eine Märchenwelt und verdingt sich als professioneller Monsterjäger.

Während die Kurzgeschichtenbände wie Der Letze Wunsch bereits spannende Einblicke in das Leben eines Hexers gewähren, überzeugt vor allem die fünfbändige Saga von Das Erbe der Elfen bis zu Die Dame vom See. Hier findet die epische Geschichte statt, für die ich mir eine Herr der Ringe-artige Kinofilmreihe gewünscht hätte.

Doch anscheinend bekommen wir nun stattdessen eine TV-Serie aufs Tablet, für die Netflix bereits den britischen Schauspieler Henry Cavill in die Hexer-Stiefel gesteckt hat. Mich nun beim Universum über diese geringe Kursabweichung bei der Erfüllung meiner Wünsche zu beschweren, wäre natürlich Meckern auf hohem Niveau. Doch was müsste eine Witcher-Serie für mich haben, um erinnerungswürdig und echte Game of Thrones-Konkurrenz zu sein? Insbesondere nun, da sich in unseren Köpfen durch nunmehr drei, sukzessive immer erfolgreichere Computerspiele bereits sehr präzise und, wie ich finde, gelungene Bilder von der Welt und den Protagonisten eingebrannt haben?

Der letzte Satz der Vorschauseite auf Netflix lautet kurz und optimistisch: »Die Serie ist: aufregend.« Nun, das mag mir, mit Verlaub, noch nicht zur vollkommenen Besänftigung meiner aufbegehrenden Gefühle gereichen. Verzeiht! Dies sind, meiner Meinung nach, die sechs Dinge, die über den Erfolg der Witcher-Serie auf Netflix entscheiden:

 

1. Geralt von Riva als Inkarnation des perfekten Monsterjägers

Noch zu Studienzeiten zitierte eine Kommilitonin für mich ein russisches Sprichwort, welches sinngemäß übersetzt lautet: »Ein Mann muss nur ein bisschen schöner sein als ein Affe.« Diese Weisheit scheint auch Sapkowski geläufig zu sein, denn er beschreibt Geralt als nicht sonderlich schönes, vernarbtes und wettergegerbtes Raubein mit Dreitagebart. Seine weißen Haare und seine Katzenaugen verleihen ihm bestenfalls etwas Mystisches oder Interessantes. Nun wurde jedoch erstes Material von Henry Cavill als Hexer veröffentlicht, und ich muss doch hörbar schlucken. Mit seinem glatten Modelgesicht und der weißen Perücke würde ich ihn derzeit noch sofort als Raiden zum Mortal Kombat-Reboot schicken. Oder zu einem verrückten Herr der Ringe-Spin Off mit einem weißhaarigen Legolas. Ja, ich weiß, jeder ist besser als der 08/15-Landstreicher aus Marek Brodzkis Low-Budget-Film von 2001, doch Cavill muss dringend nochmal in die Maske. Er braucht Narben, mindestens einen Dreitagebart, und am besten schlägt ihn jemand so lange zusammen, bis er wie ein Bruder von Mads Mikkelsen aussieht. Kleiner Scherz. Ein Maskenbildner tut‘s auch.

2. Die Mittelalterwelt muss dreckig sein, verdammt nochmal

Andrzej Sapkowski schreibt seine Hexer-Romane erwachsen und schnörkellos. Wo sich im Herr der Ringe manierlich unterhalten oder auch schon mal gesungen wird, fluchen die Gestalten in der Welt des Hexers, dass sich nur so die Balken biegen. Andauernd wird mit obszönen Ausdrücken jongliert, deren Nennung hier vermutlich zur Abstrafung bei Google und zur Schamesröte im Gesicht der LeserInnen führen würde. Doch anders, als Leute vermuten könnten, die weder die Bücher gelesen, noch die Spiele gespielt haben, benutzt der Autor diese teilweise rohe Sprache nicht um ihrer selbst Willen, sondern stets, um Personen zu zeichnen und Atmosphäre zu kreieren. Ich würde mir wünschen, dass die Drehbuchschreiber der Netflix-Serie ebenfalls im Hinterkopf haben, dass die Welt des Hexers zu großen Teilen aus düsterstem Mittelalter besteht, und das eben auch sprachlich.

3. »Realistische« Fantasy: Gegenentwurf zu Tolkien

Was ich bei den Hexer-Romanen und -Spielen als frischen Wind, bzw. als Gegenentwurf zur »Tolkien-Fantasy« empfinde, ist die realistischere Darstellung der Welt mit starkem »grim and gritty«-Einschlag. Weder haben die Helden der Welt eine blütenweiße Gesinnung, noch haben die Antagonisten stets rabenschwarze Seelen. Ähnlich wie bei Game of Thrones finden wir hier deutlich mehr Grauzonen. Auch die etablierten Fantasy-Völker erfahren durch die Linse des Autors teilweise eine interessante Verkehrung: Elfen z. B. sind nicht (nur) die hochgewachsenen Künstler und Feingeister, sondern manchmal auch durch die Last ihrer vielen Lebensjahre zynisch, gelangweilt und von der Schnelllebigkeit der Menschenwelt überfordert. Und wer nach noblen und weisen Magiern vom Schlage eines Gandalf Ausschau hält, wird stattdessen arrogante und von ihrer Macht korrumpierte Zauberer finden, die ihre Fähigkeiten gnadenlos zu ihrem Vorteil ausnutzen. Dieses magische Spiel um Sex, Macht und Reichtum könnte die Serie zu einem Spektakel machen, das sich nicht hinter Game of Thrones verstecken muss.

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4. Philosophische Tiefe

Man merkt Sapkowski seine Lebenserfahrung an. Selbst bei seinen ersten Kurzgeschichten über den Hexer (Wiedźmin, 1990) war der Autor bereits über vierzig Jahre alt und damit kein unbeschriebenes Blatt mehr. Dementsprechend lassen sich häufig philosophische Weisheiten aus Worten und Handlungen der Akteure extrahieren, die auf einer rasiermesserscharfen Beobachtungsgabe fußen. Auf diese Weise sind wir als Leser, trotz aller beinahe ordinärer sprachlichen Direktheit, häufig zwischen Komik und Dramatik hin und her gerissen. Ich kann nur hoffen, dass diese literarische Tiefe eine würdige Übersetzung in den ruhigeren Momenten der Serie findet. Dieser Punkt ist mir unter anderem darum so wichtig, weil ich ihn bei Game of Thrones so zu schätzen gelernt habe. Wenn Tyrion sein Weinglas schwingt und dabei seine Weisheiten zum Besten gibt, erschaudere ich vor philosophischer Verzückung. Dieser Anspruch bildet ein interessantes Gegengewicht zu all dem Blut und der Nacktheit auf der anderen Seite der Waage. Für mich ein Muss.

5. Gebt mir meine Sexy Hexy!

Feministinnen oder Social Justice Warriors müssen jetzt bitte mal kurz für werkgetreue Kunst stark sein. Wer die Bücher gelesen hat, weiß, dass Herr Sapkowski ein schlimmer Finger ist und seine Phntasien hinsichtlich allzeit bereiter, schöner Frauen literarisch ausgelebt hat. Im Sinne einer realistischeren Darstellung der Welt machen Zauberer und Hexen das, was vermutlich jeder Mensch mit Wünschen und Bedürfnissen tun würde: Sie erfüllen sich mittels Magie ihre Träume. Und dazu gehört eben auch, dass sich alle Zauberinnen magisch verjüngen und in erotische Liebesgöttinnen verwandeln, die jeden Mann um den Fingern wickeln und politische Entscheidungen beeinflussen können. Sapkowskis präzise Beschreibungen weiblicher Körper, inklusiver der feinen Stoffe, welche diese bedecken, geben hier eindeutige Hinweise. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass die mannigfaltigen Affären des Hexers integraler Bestandteil der Computerspiele waren, inklusive Pinups fürs Sammelalbum (Witcher 1) und Sex auf einem Einhorn (Witcher 3). Wäre wirklich schade, wenn Netflix die hübschen Magierinnen im Rahmen der Political Correctness in züchtige, zugeknöpfte Anstandsdamen verwandeln würde, nur um eine potenziell größere Zielgruppe zu erschließen. Nackte Haut und weibliche Schönheit als Plot Device sind ja auch aus Game of Thrones nicht wegzudenken.

6. Der Superhelden-Bonus

Ich hoffe, dass der Hexer in der Serie als der furchteinflößende Übermensch dargestellt wird, den ich beim Lesen der Romane vor meinem geistigen Auge gesehen habe. Da reicht es nicht, einen schicken Cavill mit gezogenem Schwert durchs Bild tänzeln zu lassen. Der Hexer hat nicht nur Katzenaugen, sondern auch dazu passende raubtierhafte Reflexe. In den Romanen schlägt er beispielsweise mühelos Armbrustbolzen zur Seite. Die Umwandlungsprozedur in Kaer Morhen soll ja nicht nur Kinder quälen und töten, sondern bei Gelingen auch einen Monstertötungsmaschine erschaffen. Was Geralt phantastische Monster besiegen lässt, ist seine übernatürliche Schnelligkeit und Stärke und nicht sein Silberschwert. Das ist nur Mittel zum Zweck.

Außerdem ist Geralt gleichzeitig eine Art Batman der Dark Fantasy. Was für Bruce Wayne Rauchbomben und Batarangs sind, bringt Geralt von Riva in Form von Runenzaubern und magischen Tränken ins Spiel. Hier darf der Sender gerne ein paar Dollar mehr in die Hand nehmen, wenn es um Spezialeffekte geht. Glücklicherweise bieten die Computerspiele dafür bereits eine gute Vorlage. Ich fände es schade, wenn all diese Monsterjäger-Aspekte der Hauptfigur nicht genügend gewürdigt würden.

 

Einfach ein erwachsenes Roadmovie bitte!

Das sind, ganz subjektiv, die Komponenten, die bei liebevoller Umsetzung eine gute Serien-Adaption des Hexer-Stoffes für mich ausmachen würden. Natürlich kommt es auch noch auf viele kleine und mittelgroße Dinge an, die diesen Artikel jetzt sprengen würden. Aber ich lehne mich jetzt mal aus dem Tavernenfenster und behaupte, dass ein guter Geralt (ab in die Maske, Henry!) und die Chemie zwischen den Figuren die halbe Miete sind. Neben den bereits bekannten Rollen bin ich sehr darauf gespannt, ob wir auch den Barden Rittersporn, den Vampir Regis, Zwerg Zoltan Chivay und – eine meiner Lieblingfiguren – die Bogenschützin Milva treffen werden.

Ich stelle mir einfach ein märchenhaftes, aber trotzdem sehr dreckiges Roadmovie für Erwachsene in einer Welt von Fabelwesen und politischen Intrigen vor. Falls ihr Bücher und/oder die Spiele kennt – was sind für euch die wichtigsten Elemente, die für eine Verfilmung unerlässlich sind?

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