Logan’s Run – Flucht ins 23. Jahrhundert (1976)

© Warner Home Video // Metro-Goldwyn-Mayer (MGM)

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Meilensteine der Science Fiction: Logan’s Run – Flucht ins 23. Jahrhundert (1976)


Dystopischer Trash, Marke selbstgestrickt: Bevor uns das angekündigte Remake von Logan’s Run erwartet, prüft Michael Hoh noch einmal die Vorlage aus den Siebzigern auf Herz und Nieren.

 

In den 50er und 60er Jahren waren Dystopien auf der großen Leinwand noch rar gesät. Abgesehen von einigen Ausnahmen wie The Last Man on Earth (1964) mit Vincent Price, Jean-Luc Godards Alphaville (1965) oder François Truffauts Fahrenheit 451 (1966). In den 70er Jahren gab es dagegen einen regelrechten Boom der pessimistischen Zukunftsvisionen, von George Lucas’ Filmdebüt THX 1138 (1971) über Silent Running (1972) bis hin zu Westworld (1973) – und ja, auch Zardoz (1974), mit Sean Connery in roter Unterhose, zählt dazu. Dystopische Filme spiegeln in der Regel den politischen und soziokulturellen Zeitgeist wider. Manche schlagen dabei einen ernsteren Ton an, andere weniger. Und dennoch entwerfen sie ein Bild unserer Zukunft, welches den gegenwärtigen Zustand unserer Welt zu hinterfragen versucht. Und so boten eine steigende Sensibilität für den Einfluss des Menschen auf die Umwelt und das Thema Überbevölkerung die perfekte Ausgangssituation für Logan’s Run – Flucht ins 23. Jahrhundert.

Luxus-Leben unter der Kuppel?

Der Blockbusterstreifen, eine Adaption des gleichnamigen Romans von William F. Nolan und George Clayton Johnson unter der Regie von Michael Anderson, spielt, wie der deutsche Titel bereits vermuten lässt, im 23. Jahrhundert. Nur fliehen tut da erst einmal keiner, denn unser Planet ist durch die Folgen von Krieg, Überbevölkerung und Umweltverschmutzung praktisch unbewohnbar. Das glauben zumindest die übrig gebliebenen Bewohner. Diese wohnen nämlich unter überdimensionierten Kuppeln, eine computerüberwachte Symbiose aus Center Parcs und Shopping Mall, wo sie einem hedonistischen Lifestyle frönen dürfen. Die Sache hat nur einen Haken: Getreu dem 68er-Motto „Trau keinem über 30“ ist für alle, die dieses Lebensalter erreichen, Schicht im Schacht. Und so marschieren alle Geburtstagskinder am sogenannten „Tag der Erneuerung“ allesamt ins Karussell, schweben dort gen Decke und explodieren unter frenetischem Beifall der übrigen Kuppelbewohner wie Silvesterfeuerwerk. Einige unter ihnen ahnen natürlich, dass das Karussell eine als Cirque du Soleil getarnte Schlachtbank ist, keine Wiedergeburtsmaschine, und versuchen dem tödlichen Kreislauf zu entkommen. Diese sogenannten Läufer haben  in einem solch streng durchdeklinierten Gesellschaftssystem selbstverständlich keinen Platz. Um sie zur Strecke zu bringen, gibt es deshalb die Sandmänner.

Trailer: Logan’s Run – Flucht ins 23. Jahrhundert (1976)

Einer dieser rechtschaffenen Polizisten ist Logan 5, (Michael York) der sich zusammen mit seinem besten Kumpel Francis 7 (Richard Jordan) zu Beginn noch mit Freude auf die Jagd nach Deserteuren macht. Doch auch Logan beginnt zu zweifeln, als er Jessica 6 kennenlernt. Jessica, die nicht an die Erneuerung glaubt, trauert um ihren hingerichteten Freund. Ihre Frage, weshalb Läufer ausgelöscht werden, blockt Logan zunächst noch pflichtbewusst als verbotene Frage ab. Doch bei seinem nächsten Rapport in der Kommandozentrale vertiefen sich seine Zweifel. Der Computer beauftragt ihn, sich unter die Deserteure zu mischen, um deren „Zuflucht“ ausfindig zu machen, einen mythischen Ort, der Freiheit verspricht, von dem aber keiner so recht weiß, wo er sich befindet. Um als Rebell durchzugehen, lässt der Computer Logan Lebensuhr absichtlich ablaufen. Irritiert fragt er nach, ob diese nach dem Auftrag wieder zurückgedreht wird? – Keine Antwort. Und ob jemals ein Mensch erneuert wurde? – Keine Antwort. Logan sieht seine Zweifel bestätigt. Das System, das er am Laufen hält, ist eine Farce. Und so beschließt er, sich Jessica und den Rebellen anzuschließen, um die Zuflucht außerhalb der Kuppeln zu finden. Doch sein Freund Francis, der Verdacht schöpft, ist ihm bereits auf den Fersen.

Der Trash der Zukunft

Mal abgesehen von den aktuellen Themen des Films, die Logan’s Run beackert, besteht der Film vor der Zeit? Kaum. Zwar fuhr Logan’s Run 1976 an den Kinokassen satte Gewinne ein, die filmische Umsetzung, die von einigen Rezensenten schon damals bemängelt wurde, macht Logan’s Run heute jedoch zu glorreichem Trash.

Da wäre zum einen die Erzählstruktur des Films, die einem episodenhaften Abenteuerfilm gleicht. Das ist erst einmal nicht schlecht. Die Protagonisten Logan und Jessica stolpern von Kulisse zu Kulisse, mal mehr, mal weniger originell umgesetzt, um neuen Gefahren zu trotzen. Hat der Film in der ersten Hälfte deshalb noch einen Drive, lässt dies in der zweiten Hälfte hingegen deutlich nach. Mussten sich Logan und Jessica zu Beginn noch durch den Untergrund, eisige Höhlen und sumpfige Landschaften mühen, um ihr Ziel zu erreichen, gestaltet sich ihr Rückweg als gemütlicher Strandspaziergang. Auch Peter Ustinovs Charme und ein paar Explosionen zum Finale hin können über die inhaltliche Leere nicht hinwegtäuschen. Zum Glück hat es Michael Andersons innovativen Weltenbau, der sich nur lose an der Vorlage orientiert. Der auf Polizeistaat getrimmte Gesellschaftsentwurf, der alle durch Dauer-Entertainment und einer auf Sand gebauten Mythologie ruhigstellt, ist vielschichtig und detailliert und bietet auch während dem ein oder anderen dialogischen Durchhänger visuelle Abwechslung.

Weniger ist meistens mehr? Wer den Trash der Zukunft produzieren will, sollte von der Weisheit die Finger lassen. Wo George Lucas im darauffolgenden Jahr Abstriche in Kauf nimmt und Szenen streicht, die mit handgemachten Spezialeffekten einfach nicht glaubhaft umzusetzen sind, hält Michael Anderson deshalb die Kamera voll drauf. So hätte die futuristische Modelleisenbahn auch 1976 kein Zuschauer für echt befunden. Und die Rolltreppen, auf denen die Kuppelbewohner permanent auf- und abfahren, entlarven die Kulissen eben als das, was sie sind: ein stinknormales Einkaufszentrum. Auch der Roboter Box, eine fahrende Blechbüchse mit Gefrierautomatik, sorgt eher für slapstickhafte als bedrohliche Momente. Die Crew spiegelt sich permanent darin und der Schauspieler Roscoe Lee Browne ist außerdem deutlich unter der Maske zu erkennen. Das Ritual im Karussell ist dagegen ein echter Hingucker. Dass die Sandmänner den gleichen Innenarchitekten engagiert haben wie das Imperium ein Jahr später für den Todestern, hat sogar etwas Visionäres.

Ob beim anstehenden Remake des Sci-Fi-Klassikers noch einmal mit Bravour in die Trash-Kiste gegriffen wird? Mit Hunger Games-Autor Peter Craig, der das Drehbuch adaptiert, Simon Kinberg (Dark Phoenix), der auf dem Regiestuhl Platz nehmen wird, und einer angeblich weiblichen Hauptdarstellerin könnte in den nächsten Jahren zwar eine veritable Neuauflage auf uns warten. Nur das Trash-Potential wird wohl auf der Strecke bleiben.

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