Foto: 2018, Universal Studios

FILM

Mortal Engines und die Abweichung von der vermeintlichen Norm in Hollywoodproduktionen


Warum wurden die Entstellungen der Hester Shaw im Peter-Jackson-Kinofilm "Mortal Engines" im Vergleich zur Buchvorlage deutlich abgemildert? Markus Mäurer über Hollywood-Normen und Rollenbesetzungen.

Hester Shaw und die Narben

Im Roman Mortal Engines: Krieg der Städte von Philip Reeve verbirgt die Protagonistin Hester Shaw ihr Gesicht die meiste Zeit unter einem roten Schal. Denn durch ein Ereignis aus ihrer Vergangenheit, das ich hier jetzt nicht spoilern möchte, wurde ihr Gesicht massiv entstellt, es ist nicht nur von Narben überzogen, es fehlt sogar die ganze Nase und ein Auge.

She was no older than Tom, and she was hideous. A terrible scar ran down her face from forehead to jaw, making it look like a portrait that had been furiously crossed out. Her mouth was wrenched sideways in a permanent sneer, her nose was a smashed stump and her single eye stared at him out of the wreckage, as grey and chill as a winter sea. ("Mortal Engines", Chapter 3)

Sie war nicht älter als Tom, und sie sah schrecklich aus. Eine grauenhafte Narbe verlief von der Stirn bis zum Kiefer quer über ihr Gesicht, so als hätte jemand ein Porträt wütend durchgestrichen. Ihr Mund war seitwärts zu einem starren Hohngrinsen verzogen, die Nase nur noch ein Stumpf, und nur ein Auge, grau und kalt wie das Meer im Winter, starrte Tom aus diesem Bild der Verwüstung an. ("Mortal Engines: Krieg der Städte", Seite 34, Übersetzung Gesine Schröder & Nadine Püschel)

Für die Kinoverfilmung von Peter Jackson und Christian Rivers hat man diese Entstellung abgeschwächt. Zwar zieht sich immer noch eine dicke Narbe über ihr Gesicht, doch wirkt es nicht mehr so abschreckend wie die Beschreibungen im Buch - und Hester sieht trotzdem ziemlich attraktiv aus.

Hester Shaw in "Mortal Engines: Krieg der Städte"

© Universal Pictures

In einem Interview mit Entertainment Weekly sagte Rivers kürzlich:

"It’s fine in the book for Hester to be described to be ugly, hideous, and have lost a nose ‘cause, even that, you reimagine it in your own mind as, 'Okay, yeah, she’s ugly, but she’s not really ugly.' But when you put it on film, you are literalizing it. You are making it a literal thing, so it was just finding a balance where we need to believe that Tom and Hester fall in love. And her scar does need to be disfiguring enough that she thinks she’s ugly—it can’t just be a little scratch—and I think we’ve struck a good balance of it.'"

"Im Buch ist es für Hester in Ordnung, als hässlich, abscheulich und ohne Nase beschrieben zu werden, weil man sich im Kopf sein eigenes Bild dazu macht: 'Okay, ja, sie ist hässlich, aber nicht SO hässlich.' Aber wenn man daraus einen Film macht, setzt man es buchstäblich um. Man hat es direkt vor Augen, weshalb wir eine Balance finden mussten, bei der man einerseits glauben konnte, das Tom und Hester sich verlieben, bei der andererseits die Narbe aber so entstellend ist, dass Hester glaubt, sie sei hässlich - da hätte ein kleiner Kratzer nicht gereicht -, und ich glaube, wir haben da einen guten Mittelweg gefunden."

Er argumentiert also damit, dass die Worte im Buch nicht so heftig wirken würden, weil der eigene Filter im Kopf das Bild abschwächen würde. Dass es auf der Leinwand viel extremere Reaktionen hervorrufen würde.

Bis zu einem gewissen Punkt hat er da sicher nicht unrecht, allerdings erinnere ich mich auch noch an das Unwohlsein und mein Mitgefühl für Hester, als ich Philip Reeves Beschreibung ihres Äußeren und die Reaktionen von Hesters Umfeld darauf las. Und an die Reaktion von Tom Natsworthy, der sich trotzdem in sie verliebt hat. Was eine verdammt starke Botschaft ist. Rivers torperdiert seine Argumentation, indem er unterstellt, es sei nicht glaubhaft, dass Tom sich in die entstellte Hester aus dem Buch verlieben könne.

Peter Jackson ergänzte noch: "I think if you literally made the scar how it is in the book, you wouldn’t be able to watch the film with anything other than being totally distracted all the time by the scar. In a way, we had to make the scar, as Christian said, bold enough that it fits her personality — she’s affected by it — but we didn’t want it to just totally overwhelm her character."

"Wenn man die Narbe genau so hätte aussehen lassen, wie sie im Buch beschrieben wird, wäre man nicht in der Lage, den Film in Ruhe anzusehen, ohne die ganze Zeit völlig von der Narbe abgelenkt zu werden. Irgendwie mussten wir die Narbe, wie Christian sagte, eindrucksvoll genug machen, dass sie ihrer Persönlichkeit entsprach - sie wird von ihr beeinflusst -, aber wir wollten sie ihre Figur nicht völlig dominieren lassen. "

Reeves und Jacksons Äußerungen sorgten für einen kleinen Aufschrei im Netz.

Der Film scheint den Fokus viel stärker auf Hester als Fixpunkt zu legen als das Buch. Dort ist die Handlung relativ gleichmäßig zwischen Tom, Hester und Kathrine, der Tochter von Lord Valentine (die in den bisherigen Trailern völlig untergeht) als Protagonisten aufgeteilt, aus deren jeweiliger Perspektive die Kapitel erzählt werden. Mit einem stärkeren Fokus auf Hester rückt diese in den Mittelpunkt und muss dementsprechend auch ein großes Publikum anziehen.

Die Bedeutung der Entstellung für Hester

Die grotesk wirkende Entstellung im Buch, mit fehlender Nase und fehlendem Auge, spiegelt unter anderem Hesters innere Gebrochenheit nach dem traumatischen Ereignis in ihrer Kindheit wider. Sie steht auch stellvertretend für die harte, barbarische postapokalyptische Welt, in der sie lebt, in der die Menschen nicht schick gestylt (wie in Hollywoodproduktionen) herumlaufen. Autor Philip Reeve soll sich beim Erschaffen seiner Romanwelt bewusst für eine vermeintlich hässliche Hester entschieden haben, auch um die gängigen Schönheitsklischees zu unterlaufen. Und die Fans der Bücher lieben Hester so, wie sie ist.

Um der Figur aus dem Buch gerecht zu werden, ist es vielleicht auch gar nicht nötig, ihr Äußeres 1:1 zu übernehmen. Es geht darum, wie sie charakterisiert wird. Hesters Gebrochenheit, gepaart mit der manischen Entschlossenheit, kann man auch auf andere Weise wirkungsvoll für die Leinwand umsetzen. Und Schauspielerin Hera Hilmar bietet dies die Möglichkeit, mehr Emotionen mit ihrem Gesicht auszudrücken. Emotionen, die im Buch der Erzähler schildern kann, die im Film aber durch Mimik dargestellt werden müssen.

Ich glaube den beiden durchaus, dass sie durch diese Abmilderung der Entstellung auch ein jüngeres Publikum davor bewahren wollen, im Kino unangenehme Gefühle zu empfinden. In erster Linie dürfte die Entscheidung aber monetärer Natur gewesen sein. Mortal Engines ist ein sehr teurer Film, der seine Kosten wieder einspielen möchte, und der Kinologik folgend benötigt es dafür coole HeldInnen, die man auf Postern und Trailern ikonisch stilisieren kann. Solche HeldInnen haben nun mal Nasen und maximal eine piratenmäßige Narbe im Gesicht oder eine Augenklappe, die sie verrucht und gefährlich wirken lassen.

Warum eigentlich?

Philip Reeves Variante im Buch transportiert die stärkere Botschaft, vor allem für all jene, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, die von der angeblichen Norm abweichen, kleine bis größere Makel tragen oder auch stärker körperlich beeinträchtigt sind: Es gibt für jeden einen Platz in der Gesellschaft, und Liebe und Zuneigung können solche Hürden überwinden.

Man denke nur an die Australierin Turia Pitt, die trotz ihrer großflächigen Brandnarben, die sie während eines Marathons durch ein Buschfeuer erlitten hat, wieder Freude am Leben fand, ihre Erfahrungen für etwas Positives verwendet und auch weiterhin von ihrem Freund unterstützt und geliebt wird. Dazu empfehle ich die großartige Dokumentation Embrace von Taryn Brumfitt, über das Bild, das wir von unserem Körper haben.

"Embrace" - Trailer

Die stereotypen Standards Hollywoods

Bei Rivers' Argumentation muss ich an die Black Mirror-Folge Arkangel denken, in der ein Mädchen als Dreijährige ein Augmented-Reality-Implantat erhält, das ihr alle schlimmen Dinge, wie Blut oder den aggressiven Nachbarshund ausblendet, was auf Dauer fatale Folgen hat. Man verschließt die Augen vor allem, was verstörend wirken könnte, setzt einen Filter auf, eine rosarote Brille, die einem die Welt nicht zeigt, wie sie ist, sondern, wie man sie gerne hätte - oder wie Hollywood glaubt, dass wir sie gerne hätten oder haben sollten.

Hollywood tendiert gerade in großen Produktionen dazu, alles, was aus der sogenannten Norm fällt, abzuändern, Kanten werden geglättet, Sperriges in ein stromlinienförmiges Korsett gepresst. Man denke z. B. an Wade Watts, den Helden aus Ready Player One, der in der Romanvorlage von Ernest Cline als übergewichtige Couchpotato beschrieben wird, im Film von Steven Spielberg aber als (halbwegs) athletische Sportskanone rüberkommt. Ein weiteres aktuelles Beispiel ist Lewis Barnavelt, der jugendliche Protagonist in Das Haus der geheimnisvollen Uhren, der im Buch von John Bellairs ebenfalls als pummelig und völlig unsportlich beschrieben wird und sehr darunter leidet, beim Baseball völlig zu versagen. Im Film - übrigens auch von Spielberg produziert - sehen wir einen schlanken, kleinen Jungen - auch wenn er beim Basketball als Rosinenzwerg gehänselt wird. Und auch Tyrion Lannister hat man in der TV-Serie Game of Thrones seine Nase gelassen.

Die großen Filmstudios scheinen zu glauben, dass das Publikum nur schlanke Menschen sehen möchte, die einem gewissen, künstlich erzeugten Schönheitsideal entsprechen, und dafür sorgen, dass ganze Generationen an Menschen unter Minderwertigkeitskomplexen leiden und sich für unattraktiv halten. Wovon wiederum eine ganze Industrie lebt, die Schönheitsprodukte, Operationen, Diäten und Fitnesskurse anbietet - von der Body-Shaming-Klatschpresse ganz zu schweigen.

Menschen, die etwas mehr auf den Rippen haben, werden leider immer noch häufig als der lustige, dicke Sidekick besetzt, man denke an Peter Parkers Schulfreund Ned Leeds in Spider-Man: Homecoming. Oder Chunk in Die Goonies, der in dieser Spielberg-Produktion sicher mit die Weichen für dieses Klischee etablierte (siehe den "Schwabbeltanz").

Dieses Klassifikationssystem dürfte sich auch aus der sozialen Hierarchie entwickelt haben, die an amerikanischen Highschools herrscht,  wo die Schüler durch subtile und perfide soziale Mechanismen tatsächlich in bestimmte Klischeegruppen eingeteilt werden (siehe die Serie Freaks and Geeks oder den Film Breakfast Club): Die Jocks, sind die Sportskanonen, die in den Sportmannschaften der Schule spielen; die Nerds und Freaks die Außenseiter; die Cheerleader sind die angesagte Gruppe bei den Mädchen; die Preps sind die eher angesagte Mittelklassencliquen, die es nicht so mit Sport haben; und es gibt die Rebels, die meist in Lederjacke und ähnlicher Kleidung gegen das System und die soziale Ordnung rebellieren.

Hollywoods Drehbuchautoren, Produzenten und Filmemacher kamen über die Jahrzehnte aus diesem Highschoolsystem und etablierten es auch in ihren Filmen über die Dekaden so stark, dass diese Denkstrukturen und Genretropen bis heute schwer wegzudenken sind. In anderen Bereichen, bricht diese Struktur gerade auf, und Filme wie Black Panther und Crazy Rich Asians zeigen, dass man auch mit einer fast ausschließlich nicht-weißen Besetzung Kassenschlager produzieren kann, und Wonder Woman zeigte, dass man dies auch bei einem Superheldenfilm mit weiblicher Hauptrolle und Regisseurin schaffen kann.

Von der Buchbranche bis Hollywood - die Debatte und der Wandel haben gerade erst begonnen

Aber auch die Buchbranche ist vor solchem Klischeedenken nicht gefeit. Gerade im Fantasybereich findet man in der Regel schlanke, athletische weiße Menschen auf den Covern. Selbst, wenn die Hauptfiguren nicht weiß und/oder schlank sind (wie z. B. die blonde, weiße Frau auf dem Cover von N. K. Jemisins Die Erbin der Welt, obwohl die Heldin des Buchs schwarz ist).

Im Buch können sich (aus Sicht der Industrie) Autoren mehr trauen, weil die Produktion eines Buches nicht teurer wird, je spektakulärer und aufwendiger die Action wird. Ein Buch wie Mortal Engines zu schreiben und zu produzieren kostet nicht mehr als ein Buch, das nur in einem Raum spielt. Bei einer Hollywoodproduktion stehen Hunderte von Millionen Dollar auf dem Spiel, weshalb schon fast pathologisches Vorsichtsdenken von zahlreichen Bedenkträgern vorherrscht. Filmemacher wie Peter Jackson und Christian Rivers müssen ihre Geldgeber zufriedenstellen, ihnen zeigen, dass sich die Investition auszahlen kann. Und Investoren denken sehr konservativ und in Klischees, sie wollen auf Bewährtes setzen, und das besteht im Blockbusterkino unter anderem aus attraktiven HeldInnen.

Der Inklusion und Repräsentation von Minderheiten bzw. von Gruppen, die bisher als solche behandelt wurden, erweist dies einen Bärendienst. Für Jackson und Rivers dürfte es aber eine Abwägung gewesen sein, die darüber entschieden hat, ob sie den Film finanziert bekommen oder nicht. Hätten sie sich für die Hester Shaw aus dem Buch entschieden, hätte ihnen das Studio vermutlich den Stecker gezogen. Insofern sollten die Äußerungen im Interview mit Entertainment Weekly durchaus kritisch aber auch differenziert betrachtet werden.

Die Kehrseite der Entwicklung

Leider führen Besetzungen abseits der bisherigen Normen immer wieder zu Shitstorms und Mobbing im Internet. Man denke an Loan Tran, die ihren Instagram-Account löschen musste, nachdem die Beleidigungen und Belästigungen wegen ihrer Rolle als Rose Tico in Star Wars: The Last Jedi überhandnahmen. Dummheit und Arschlochtum haben leider Hochkonjunktur und werden von großen Produktionen, die es wagen aus den klassischen, klischeehaften Formeln auszubrechen, geradezu magisch angezogen. Gerade um solcher Hetze entgegenzutreten, ist es wichtig, beharrlich zu bleiben und Figuren immer diverser mit talentierten Menschen aus jeglichen Minderheiten zu besetzen, die von Hollywood bisher nur für Klischeerollen vorgesehen waren.

Ich sehe es aber auch schon als (kleinen) Erfolg an, wenn über dieses Thema vermehrt kritisch diskutiert wird, wie es zum Beispiel Katharina Jack in ihrem Beitrag Die Kriegerin im Ballkleid - Warum ich mir andere Heldinnen wünsche es tut. Ganz unshitstormig und unideologisch mit sachlich gut begründeten Argumenten.

Viele (vor allem Männer) sind genervt von Debatten um Themen wie Geschlecht/Gender, Repräsentation, Sexismus, #meetoo, Diskriminierung, Gleichbehandlung, Gerechtigkeit und Rassismus. Und das ist richtig so, solche Debatten müssen nerven. Nur mit Beharrlichkeit wird es gelingen, über Jahrhunderte verkrustete Strukturen und Denkweisen aufzubrechen. Nur, indem man jenen auf die Füße tritt, die solche Strukturen aufrecherhalten, wird man etwas ändern können. Es muss unbequem für jene werden, die sich in eine bequeme Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht-Haltung zurücklehnen, und jene die glauben, solche Probleme seien schon überwunden, oder doch gar nicht so schlimm.

Das soll aber nicht heißen, dass man jetzt alles total verbissen und undifferenziert sehen muss. Diskussion um Filme wie Mortal Engines können dabei helfen, neue Perspektiven aufzuzeigen, während man den Film und das Buch dabei immer noch genießen kann. Man muss nicht alles verteufeln und boykottieren, was nicht 1:1 dem entspricht, was man gerne hätte. Auch weichgespülte und abgeschwächte Umsetzungen können noch starke Botschaften transportieren und/oder auf die Vorlage aufmerksam machen. Ob dies der Adaption von Mortal Engines: Krieg der Städte gelingen wird, werden wir erst ab dem 13. Dezember erfahren, wenn der Film in die Kinos kommt.

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