THX 1138 (1971)

© Warner Home Video

REWATCH

Meilensteine der Science Fiction: THX 1138 (1971)


Wer den Namen George Lucas hört, denkt unweigerlich an Star Wars und Indiana Jones. Dabei lohnt auch das dystopische Leinwanddebüt des Filmemachers aus den frühen Siebzigern einen zweiten Blick. Michael Hoh über Lucas’ allerersten Film.

 

„Merchandising! Merchandising! Damit wird das große Geld beim Film gemacht“, krakeelt Yogurt, Mel Brooks’ Persiflage auf Meister Yoda in der legendären Star Wars-Parodie Spaceballs. Das war wohlgemerkt 1987. Schon damals war George Lucas’ 1977 aus der Taufe gehobene Sci-Fi-Marke zum veritablen Merchandise-Imperium mutiert. Und heute? Kein Einkauf, ohne dass einem T-Shirts mit Chewbacca-Konterfei, Getränkedosen im C3PO-Look, Plastikbecher mit Kylo-Ren-Visage und neuerdings die verjüngte Ausgabe von Han Solo ins Auge springen. Kein Artikel, der noch nicht mit einem Star Wars-Logo gebrandmarkt wurde, um die Fangemeinde keine Sekunde vergessen zu lassen, auf welchen Film sie sich kommende Weihnachten am meisten freuen darf. Selbst vor Kotztüten machte die Marke keinen Halt – ironischerweise um Die Rache der Sith zu bewerben.

Mit dem Verkauf für schlappe vier Milliarden Dollar an Disney hatte Lucas dann genug vom Plastikspielzeug. „Zu meinen Wurzeln zurückkehren“, war Lucas’ Standardantwort auf die Frage, was er denn in der Zeit nach Star Wars mit sich und seinem Geld anfangen wolle. Und die könnten nicht weiter von seinem Sci-Fi-Franchise entfernt liegen. Noch bevor er 1973 seinen ersten großen Erfolg mit American Graffiti hatte und zusammen mit Steven Spielberg und Francis Ford Coppola als neue Filmemacher-Generation in den USA gefeiert wurde, machte Lucas nämlich auf Experimentalfilm – und Konsumkritik. In seinem Kinodebüt THX 1138.

„Kauf und sei glücklich“

„Der Film ist eine Metapher der 1960er“, erklärt Lucas im Making-of des Films, „über Konsum, Konformismus, den Abbau von Emotionen.“ Keine neue Hoffnung also, keine John-Williams-Fanfaren, die heroisch den Vorspann untermalen. Nach einem in Nostalgie getränktem, deplatziert wirkenden TV-Trailer aus den 1950ern, der die tatsächlich existierende Science-Fiction-Serie Buck Rogers anpreist, regnen die Filmcredits in tristem Grün den Bildschirm herab. Lalo Schifrins bedrohlich monotoner Score lässt nichts Gutes erahnen. „Was bedrückt dich?“, ist auch die erste Frage, die aus dem Off zu hören ist. „Nichts“, so die Antwort. „Ich habe nur das Gefühl, dass ich etwas Stärkeres brauche.“ Und wieder: „Was bedrückt dich?“ – „Nichts, schon gut.“ Dann, in einer Art Fabrikhalle: Sichtlich angespannte Menschen arbeiten an Maschinen, betätigen Hebel, drücken Knöpfe. Eine Durchsage verkündet, die eigene Abteilung habe weniger Todesfälle zu verbuchen als andere; die positive Bilanz nach einem Betriebsunfall. Und nach getaner Arbeit wäscht man sich im digitalen Beichtstuhl durch standardisierte Antworten von banalsten Missgeschicken rein: „Du bist ein wahrhaft Gläubiger. Du hast den Segen des Staates, du hast den Segen der Massen. Lass uns dankbar sein, dass es den Handel gibt. Kauf und sei glücklich.“ Und gekauft wird tatsächlich: Quadratische Klötzchen in allen Farben, die, zu Hause angekommen, umgehend recycelt werden. Lucas hat nicht untertrieben: Konsumkritik folgt auf Religionskritik, Sex ist obendrein illegal und die Menschheit selbstverständlich unter Drogen gefügig gemacht. Die Totalüberwachung einer sedierten Gesellschaft in einem Meer bürokratischer Leere.

Trailer: THX 1138 (1971)

Klar, dass die Rebellion nicht ausbleibt. Heimlich setzt LUH (Maggie McOmie) ihre Medikamente und die ihres zugewiesenen Mitbewohners THX (Robert Duvall) ab. Entzugserscheinungen, Ängste, die volle Wucht unterdrückter Emotionen und sexuellen Begehrens machen beiden nun zu schaffen. Zurück in die geistige Umnachtung ist für beide jedoch keine Option. Und so planen sie ihre Flucht. Nicht etwa wie Luke Skywalker und Prinzessin Leia, die dabei noch das Universum mit großem Bohei vor dem Untergang retten. Vielmehr ist es eine Rebellion im Kleinen, ein individuelles Aufbegehren gegen den Status quo, um sich schlussendlich selbst zu retten.

Nietzsche, Sartre und Plato inklusive

Die Art, wie Lucas seine Filme konzipiert, ist interessanterweise auch schon dem dystopischen Frühwerk immanent. Ganz so wie das Star Wars-Universum ist die unterirdische Welt in THX 1138 ein Amalgam aus philosophischen, mythologischen und popkulturellen Referenzen. Sein Faible für mythologische und religiöse Motive übersetzt Lucas in seinem Regiedebüt zwar nicht in eine positiv konnotierte, alles durchdringende Macht mit Lichtschwertern und Krachbumm. Stattdessen ist das von allen pflichtbewusst angebetete Omm Mittel zur allumfassenden Kontrolle und Unterdrückung; Religion und Staat im Einklang, um die Bevölkerung im Zaum zu halten. Die Philosophien von Nietzsche, Sartre und Plato lässt er überdies in den Monologen der Charaktere NCH, SRT und PTO in seine Geschichte einfließen – keine allzu leichte Kost also.

Und noch etwas hat THX 1138 mit Star Wars gemeinsam: Weil George Lucas geradezu besessen davon ist, seine alten Schinken mit einer frischen Lasur CGI zu überziehen, erstrahlt auch THX 1138 im Director’s Cut in digitalisiertem Glanz (die Originalversion findet man in adäquater Qualität in der Tat nur noch schwer). Unmerkliche Gerätschaften wie ein an der Wand montiertes Eingabefeld wurden ergänzt, aber auch ganze Fabriketagen, realistischere Hologramme und, was man bei George Lucas wirklich nicht erwartet hätte, eine Masturbationsmaschine für unseren Helden. Ob nun der Theatrical Cut oder der Director’s Cut zu bevorzugen ist? Schwer zu sagen. Puristen werden sich sicherlich auf das Original stürzen. Doch auch Lucas’ digitale Ergänzungen ergeben häufig Sinn und verleihen der Szenerie mehr Tiefe. Parallelen zu Stanley Kubricks klarer Bildästhetik, insbesondere natürlich 2001 – Odyssee im Weltraum, blitzen mehrfach auf. Aber auch das Original hat seine Vorzüge. Ohne die weiten Flure und Weitwinkelaufnahmen strahlt der Theatrical Cut eine klaustrophobische Enge aus, die durch die digitalen Spezialeffekte leider übertüncht wurde.

Ob man von Lucas noch einmal ein solches Filmexperiment vorgesetzt bekommen wird, ist jedoch fraglich. „Ich werde Filme machen, aber keine, die man irgendwo sehen wird. Denn niemand will Experimentalfilme sehen.“ Auch wenn er damit kein zweites Star Wars-Franchise aus dem Boden stampfen würde, ein Publikum, glaube ich, gäbe es trotzdem.

Share:   Facebook