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KOLUMNE

Länder, Jedi, Abenteuer - Folge 25: Mit David Lynch auf verlorenen Highways


Fans von David Lynchs Bewegtbildkunst begeistern sich für weit mehr als eine stringente Handlung. Länder, Jedi, Abenteuer  heute unter anderem aus Arrakeen und Twin Peaks. 

Logik? Verständnis? Naturgesetze?

I wo. Für Fans von David Lynch, jenes ebenso kultisch verehrten wie die Cineastengemüter spaltenden Filme- und Fernsehmachers, Fotografen, Musikers, Autors und transzendental Meditierenden, können die eingangs erwähnten Komponenten ruhig vernachlässigt werden, wenn es darum geht, Geschichten zu erzählen. Denn diese Fans begeistern sich für eine Kunst, die weit eher das Gefühl als den Verstand anspricht – den Bauch und nicht (zwingend) das Hirn. Wo Zwerge rückwärts tanzen, ein Stück Holz einen Mord bezeugen kann und alte Roy-Orbison-Nummern zu Fahrkarten ins Grauen des innersten Ichs mutieren können, hat die Logik eben nicht mehr viel zu melden. Gott (oder BOB?) sei Dank!

Der Fanotyp

Lynch ist ein in die Jahre gekommenes enfant terrible des amerikanischen Kinos. Ein die Leinwandbilder stürmender Künstler, der sich auch als solcher versteht. Einer, der von der Macht des ersten Eindrucks ebenso weiß wie von der Faszination unbeantworteter Fragen, und den der Mainstream ebenso wenig interessiert wie der Tabellenstand des 1. FC Pusemuckel.

Wer sich daher ganz im Stile des Meisters präsentieren will, sollte vielleicht bei Fragen der Haarpracht anfangen. Seitenscheitel und Standardschnitt kann jeder; ein Lynchjünger darf aber ruhig das Extravagante erwarten, wenn er den Mr Mott, äh, Frisör seines Vertrauens aufsucht. Meist bietet sich ein struppigerer „Oben lang, seitlich eher kurz“-Schnitt an, und da Lynch selbst inzwischen in Ehren ergraut ist, sollte man auch mit dem Mangel an Farbe nicht sparen.

Textilesk gesehen regiert bei Lynch inzwischen ganz klar der klassisch stilvolle Anzug. Seine Fans tragen sie ebenfalls schwarz und schnörkellos. Sie mögen auf Krawatten verzichten, knöpfen ihr (bitte schneeweißes) Oberhemd aber trotzdem bis zum allerallerobersten Knopf zu.

Dinner for Fan

Die filmischen Welten des David Lynch sind meist so heimelig wie Saurons Hobbykeller oder das Gästeklo von Darth Vader. Bedrohungen, Rätsel und Ängste lauern in ihnen quasi hinter jedem Baum. Sind Sie sicher, dass Sie wirklich etwas von dort essen wollen?

Falls ja, bietet Lynchs Œuvre natürlich eine Vielzahl möglicher Gerichte, die einem heimischen Videoabend atmosphärisch den letzten Schliff verleihen können. Schlägt Ihr Herz für „Twin Peaks“, bieten sich Donuts, Kirschkuchen und pechschwarzer Kaffee als Menü an – natürlich in absurd hohen Mengen, von denen Sie jeden einzelnen Bissen bzw. Schluck feiern sollten, als wäre es der erste! Auch freuen sich Ihre Gäste sicher, wenn Sie eine Dose Mais aufwärmen, irgendeine dickflüssige Schlotze unterrühren und das Ganze dann als „Garmonbozia (pain and sorrow)“ auf den Tisch bringen. Nein, keine Sorge: Sie müssen Ihre Kochkünste nicht rechtfertigen und nicht erklären. Tut die Serie ja auch nicht.

Aber auch andere Produktionen Lynchs laden zu einem schmackhaften Imbiss ein. Vermutlich weiß man das nirgends besser als auf dem Wüstenplaneten Arrakis. Das Spice muss ja schließlich fließen, oder?

Sag, was du willst, aber …

Je größer der Kultfaktor, desto größer die Zitateliste. Auch David Lynch macht bei dieser vielleicht grundlegendsten Regel des phantastischen Fandoms keine Ausnahme. Anhänger seiner Werke verfügen über einen absurd umfangreichen mentalen Katalog an Catchphrases, zu denen neben einzelnen Sätzen oder Satzteilen auch ganze Monologe zählen können.

Sie sitzen in einer Besprechung und müssen dringend mal zum Klo? Erzählen Sie’s Ihrem Nebenmann mit einem begeisterten Lächeln: „Harry, I really have to urinate!“ (Dabei ist übrigens völlig unwichtig, ob Ihr Nebenmann Harry heißt oder nicht. Er wird so oder so verwirrt sein.) Kaufen Sie sich eine abgewetzte Jacke aus Schlangenleder und erklären dann jedem – vom Lebensgefährten bis hin zum Fremden in der Fußgängerzone –, sie stünde für Ihre Individualität und Ihren Glauben an die Freiheit des Einzelnen. Ruhig auch mehrfach!

Bonuspunkte gibt es selbstverständlich, wenn Sie all das rückwärts sagen!

Bloß nicht nachmachen!

Lynch lässt sich nicht provozieren. Viele haben es versucht, viele sind gescheitert. Öffentlich prallt so ziemlich alles an ihm ab. Doch: Sind seine größten Fans vielleicht weniger Zen als er? Probieren Sie es aus. So bringen Sie einen Lynchianer bestimmt auf die Douglasfichte, äh, Palme.

  1. Erklären Sie „Wild at Heart“ zu einer „Parabel auf die norwegische Lederindustrie“. Aber natürlich zu einer misslungenen.

  2. Behaupten Sie, aus Lynch wäre vielleicht etwas geworden, hätte er damals das „Star Wars“-Regieangebot angenommen. So allerdings natürlich nicht.

  3. Stehen Sie noch immer in diesem Festivalkino in Cannes, in dem Lynch damals für „Fire Walk with Me“ ausgebuht wurde. Und buhen Sie noch immer.

  4. Verraten Sie, wer Laura Palmer ermordet hat.

 

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Das Phantastische wird immer populärer, doch längst nicht jeder Normalsterbliche weiß, wie wir Fans unendlicher Weiten und Co. so ticken. Länder, Jedi, Abenteuer will da Abhilfe schaffen und bietet einen ebenso liebe- wie humorvollen Einblick in die schillernde Subkultur der Geeks.

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