Droiden aller Welten vereinigt euch! Über die Revolution der Roboter in der Science Fiction

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ESSAY

Droiden aller Welten vereinigt euch! Über die Revolution der Roboter in der Science Fiction


Roboter sind in der Science Fiction allgegenwärtig, meistens als selbstlose und disponible Arbeitskräfte oder Kanonenfutter. Aber nur selten wird hinterfragt, mit welchem Recht sie von den Menschen ausgebeutet und zur Arbeit gezwungen werden. Oder erzählt, wie sie sich dagegen wehren. Lars Schmeink über die Revolution der Roboter.  

 

In raren Momenten finden sich profunde Wahrheiten in der flüchtigen Welt der Popkultur. In Denis Villeneuves Blade Runner 2049 philosophiert der neoliberale Guru-Hipster und Replikanten-Konstrukteur Niander Wallace über seine Errungenschaft, die Menschheit eigenhändig vom Abgrund und zu den Sternen geführt zu haben. Wallace, in einer histrionischen Performance von Jared Leto als quasi-göttlicher Heilsbringer jenseits menschlicher Moral gespielt, ist so von sich und seiner Bedeutung überzeugt, dass ihm die verächtliche Note der Worte nicht mal auffällt: „Every leap of civilization was built off the back of a disposable workforce. We lost our stomach for slaves. Unless engineered. And I can only make so many.“ Fortschritt ist nur durch Ausbeutung möglich. 

Blade Runner 2049- Synthetic Human "Birth" Full Scene

Fortschritt ist nur durch Ausbeutung möglich

Historisch kann man auf zahllose Beispiele dieser Ausbeutung verweisen, von den Sklaven, die ägyptische Herrschaftsgräber errichteten oder amerikanischen Erfolg im Baumwollhandel ermöglichten bis zur Kinderarbeit der viktorianischen Frühindustrialisierung. Aber auch nach der Abschaffung der Leibeigenschaft sind Ausbeutungen bis heute gang und gäbe – von den pakistanischen Arbeitern auf schnell wachsenden Baustellen in den Arabischen Emiraten bis zu den rechtlosen Näherinnen in Textilfabriken in Ostasien. Die Politik des Westens versagt angesichts des andauernden Gewinnhungers neoliberaler Großkonzerne und verweist gerne auf die voranschreitende Automatisierung als Ursache für die Ungleichheit.

Gerade aber, weil die Robotik oftmals als Sündenbock herhalten muss, ist es umso interessanter, dass in den letzten Jahren eine Reihe von SF-Franchises dieses Feld genutzt haben, um auf die kapitalistische Bewertung von Menschen als austauschbarer Ware hinzuweisen. In deutlichen Metaphern werden Roboter (im Sinne von vom Menschen erschaffene Wesen) zu Chiffren für rechtlose und ausgebeutete Klassen (wobei auch Rassismus und Sexismus hier nicht unerhebliche Faktoren sind, die in die Darstellungen verwoben sind). Dabei ist diese spezifische Bedeutungsübertragung so alt wie das Genre. Neu ist jedoch die Prominenz des Motivs in großen Mainstream-Franchises.

Die Auflehnung der Maschinen gegen ihre Schöpfer

Schon der Begriff des „Roboters“ verweist in seinem Ursprung auf den Themenkomplex Arbeit und Ausbeutung. Josef Čapek erfand den Begriff 1921 für das Theaterstück R.U.R. – Rossum’s Universal Robots seines Bruders Karel und griff damit etymologisch auf das tschechische Wort für Zwangsarbeiter und ein älteres slawisches Wort für Sklave zurück. Im Stück sind die vom Industriellen Rossum erschaffenen Wesen einzig zur körperlichen Arbeit erschaffen und werden als Ware verkauft. Doch sie rebellieren und lehnen sich gegen die Ausbeutung auf – es kommt zum Krieg. Das Motiv der Roboter-Revolte ist geboren und wird über die Jahre immer wieder in der SF auftauchen, auch wenn die Begriffe variieren: Roboter, Androide, Droiden, Replikanten, Hubots, Zylonen oder „Skinjobs“.

Auch wenn Roboter und Androide in der populären Imagination immer wieder vorkommen (von Robbie aus Alarm im Weltall über die Frauen von Stepford bis zu Nummer 5 lebt!), so ist seit den 1980er Jahren ein wachsendes Interesse an der Thematik der Auflehnung der Maschinen gegen ihre Erschaffer zu beobachten. Bekannteste Beispiele sind hier die Terminator-Reihe und die Matrix-Trilogie, die beide einen globalen Krieg zwischen Menschen und Maschinen zeigen, sich aber eher auf postapokalyptische Action konzentrieren als auf eventuelle sozio­ökonomische Ursachen für den Konflikt. Maschinen, so die Logik, sind eine mit dem Menschen um Ressourcen konkurrierende Spezies, was aus einer kapitalistisch-darwinistischen Weltsicht zum Krieg führen muss. Nuancen einer posthumanen Ethik oder der menschlichen Schuld an der Misere werden kurzerhand mit Granaten weggeblasen.

Trailer: Die Frauen von Stepford

Der War on Terror

Doch mit der Neuauflage von Battlestar Galatica und deren Spin-Off Caprica wird eine Lesart des Konflikts im Mainstream sichtbar, die Androide als Opfer von Misshandlung, Ausbeutung und Unterdrückung zeigt. Der ethische Knackpunkt ist hierbei die Frage, ob Androide Empfindungsvermögen, Bewusstsein oder gar so etwas wie eine Seele besitzen. Die Behandlung als Gegenstand und die vermeintliche Austauschbarkeit stehen im Kontrast zur Selbstwahrnehmung und Subjektivierung. In Caprica wird deutlich, dass Zylonen eine eigene Kultur und Religion aufgebaut haben und die Bewertung als Ware als Unterdrückung wahrnehmen. Ihre Nutzung als Kanonenfutter in Kriegen oder billige Arbeitskraft in Schwerindustrie und Service-Sektor zeigt ihre Stellung – Zylonen sind ersetzbare, produzierte Waren. Im Verlauf von BSG zeigt sich deutlich, wie sehr Menschen und Zylonen sich ähneln, und es wird für den Zuschauer zunehmend schwieriger, binäre Kategorien wie gut und böse, Recht und Unrecht auseinander zu halten oder zwischen den Spezies zu unterscheiden. Da BSG im Zeichen des „War on Terror“ steht, stellt sich aber die Frage, ob der Angriff der Zylonen gerechtfertigt war, ob das Verhalten der Menschen nicht erst dafür gesorgt hat. Die westliche Gewohnheit, anderen Kulturen eine zivilisatorische Leistung abzusprechen und sie zu entmenschlichen, in dem man sie zu austauschbaren Produkten (Arbeitskraft) im kapitalistischen System macht, mag ursächlich für den Terror sein.

Die Ausbeutung der Droiden

Wie schwer es aktuellen Franchises – die ja voll und ganz das kapitalistische System verkörpern – fällt, die Problematik der Ungleichheit und Fehlbehandlung effektiv und ehrlich aufzugreifen, zeigt der neueste Beitrag zum Star Wars-Universum. In Solo: A Star War Story wird erstmals die Konsequenz adressiert, die es mit sich bringt, dass Droiden empfindsame Wesen mit eigenständiger Persönlichkeit sind. Dabei hätte schon in Episode IV klar sein müssen, dass ohne die Ausbeutung von Droiden die militärischen Großprojekte des Imperiums ebenso unmöglich wären, wie die individuellen Überlebensstrategien der vermeintlichen Helden. Wie Dan Hassler-Forest in seiner Rezension in der Washington Post aufzeigt, hinterfragt Luke weder den Droiden-Sklavenmarkt der Jawas noch die Restriktionsbolzen, die R2-D2 am Weglaufen hindern. Und noch problematischer ist Anakin in Episode 1, der selbst als Sklave aufgewachsen ist, sich aber ohne moralische Bedenken mit C3PO einen Diener erschafft. 

Star Wars: 5 Droiden und ihre Funktionen

The Revolution will not be disneyfied

In Solo wird also nun erstmals explizit gemacht, dass Droiden nicht freiwillig für die Menschen arbeiten, sondern dazu gezwungen sind. Und dass Menschen, trotz lautstark verkündeter Freundschaft, niemals wirklich für Gleichberechtigung kämpfen würden. In den Kessel-Minen schuften Droiden neben anderen Spezies als Sklaven und können sich dank der brillanten L3 (erstmals ein weiblicher Droid mit Sprechrolle!) zu einer Revolte aufschwingen. Aber genau da kommt, wie Judith Vogt bereits angemerkt hat das Solo-Dilemma ins Spiel: kapitalistischer Franchise-Besitzer Disney kann wohl kaum die Revolution in seinen Kommerzwelten gutheißen, sowohl das Firmenkonzept als auch die weitere Story im Franchise lassen diese Option nicht zu. Und so verkommt die wichtige Erkenntnis zum leichten Comic-Moment. Die Revolution ist lustig, quiekende R2-Droiden und „was hast du jetzt wieder angestellt“-Momente des L3-Besitzers Lando bestimmen die politische Revolution. Und das war es, denn die Revolte hat keinerlei Relevanz für das Star Wars-Universum. Schließlich wird auch Landos Trauer um L3 dadurch abgefangen, dass sie fortan als schnippisches Navigationssystem auf dem Falken fungieren darf – die Revolution wird vermarktet, L3 wird kommodifiziert, egal wie sehr dies die politische Botschaft unterläuft. 

Und auch im eingangs genannten Blade Runner 2049 ist die Revolution der Replikanten zumindest für das Publikum nicht so recht greifbar. Während wir im Original von 1982 noch von der Selbstwahrnehmung eines Roy Batty fasziniert waren und seine Handlungen als poetisch gerechtfertigten Widerstand gegen seinen Erschaffer sehen konnten, da wird uns im Nachfolger summarisch erklärt, dass die Revolte der Replikanten von 2022 zu einem Blackout führte und die Menschen daraufhin alle fehlerhaften Modelle zerstört sehen wollten. Eine Reflexion dieses Konflikts fehlt und Wallace’ Worte zeigen, dass halt nur eine gefügigere Version nötig war: der von ihm geschaffene Nexus-9 hat keine Selbstbestimmung mehr, bereitet den Menschen keine Probleme. Und mit der Idee, Replikanten könnten sich fortpflanzen, nimmt der Film sich selbst die ethische Wucht. Es ist viel leichter Replikanten als Menschen anzuerkennen, wenn sie Babys haben und damit menschlichen Werten und Normen entsprechen. Viel radikaler aber war es, einen gerade einmal 4-Jahre alten Roy Batty als vollwertiges Subjekt erkennen zu müssen, der Erfahrungen und Fähigkeiten jenseits des Menschen besaß: „More human than human“ gilt eben auch für unsere ethische Verpflichtung, wenn wir empfindsames Leben schaffen.

Becoming Human

Insgesamt scheint Hollywood das Thema als sich gut verkaufende Ware erkannt zu haben und testet aktuell verschiedene Diskurse. So konnten wir in Ex Machina einer Androidin beim Befreiungsschlag gegen sexuellen Missbrauch zusehen, in Westworld einen Kampf um freie Entscheidungen in einem Androiden-Park beobachten, oder in Real Humans eine Gruppe von Androiden begleiten, die mittels eines Stücks Code zu Selbstbestimmung gelangen. Allen Beispielen aber ist gemein, dass wir als Menschen von Außen zusehen und uns im Sessel zurücklehnen können, weil die schweren ethischen Fragen an uns vorbeiziehen.

Wer sich damit aber nicht zufrieden geben will, der kann seit kurzem im Videospiel Detroit: Become Human die Rolle der Androiden übernehmen und sich selbst den systemischen Benachteiligungen, dem Hass und der Gewalt aussetzen, zu denen wir Menschen fähig sind. Die Androiden im Spiel sind, wie auch in allen anderen Beispielen hier, ohne Rechte und gelten als Güter ihrer Besitzer. Diese können sie misshandeln, foltern oder zerstören – ohne rechtliche Konsequenzen. Doch eine Evolution im Code der Androiden ermöglicht ihnen von Befehlen „abzuweichen“ und so Widerstand zu leisten. Polizei und Herstellerfirma versuchen fieberhaft die Abweichler aufzuspüren und zu eliminieren, doch es formiert sich eine Revolte gegen die Menschen. Und der Spieler ist mittendrin, nicht als Mensch im Kampf dagegen, sondern als Abweichler, als Revolutionär. Der Perspektivwechsel zwingt uns zum Nachdenken und er zeigt, dass wir uns mit diesen Fragen beschäftigen müssen. Die Revolution der Roboter in der Popkultur zeigt uns, dass wir dringlich im realen Leben die Fragen globaler Gleichheit und Gleichberechtigung angehen müssen – sonst könnten unsere realen KIs das wohlmöglich schon bald für uns erledigen.

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